Bin ich ein Spinner?
Bin ich ein Spinner?

Bin ich ein Spinner?

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die bundesweiten Demonstrationen gegen die „Corona-Maßnahmen“ haben es den Leitartiklern und Kommentatoren der großen Medienhäuser angetan. Mit Schaum vor dem Mund schreiben sich die Edelfedern in Rage und warnen vor der Gefahr für unsere Demokratie, die von der „Corona-Querfront“ aus „Spinnern“, „Verschwörungsgläubigen“, „Rechtsradikalen“, „Gates-Hassern“, „Reichsbürgern“ und „anderen Durchgeknallten“ ausgeht. Das ist doch bemerkenswert, war ich bislang doch der Meinung, dass Demonstrationen ein elementarer Bestandteil einer lebendigen Demokratie seien. Wer Demonstranten einfach so als Spinner abtut und Demonstrationen in eine antidemokratische Ecke stellt, hat offensichtlich nicht so recht verstanden, was Demokratie eigentlich ist. Ein sehr subjektiver Kommentar von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Bei den Meinungsmachern der Republik hat sich in den letzten Jahren ein seltsamer Trend durchgesetzt: Man bewertet Demonstrationen nicht mehr anhand inhaltlicher Debatten, sondern reduziert sie auf den dümmsten nicht gemeinsamen Nenner. Als 2015 in Berlin 250.000 Menschen dem Ruf von Gewerkschaften und Umweltverbänden gefolgt und gegen das Freihandelsabkommen TTIP auf die Straße gegangen sind, raunte der SPIEGEL bereits, dass „Pegida, NPD, Front National und Konsorten“ die „heimlichen Anführer“ dieses Protests seien. Na klar, schließlich waren geschätzte 250 der 250.000 Demonstranten nicht dem Ruf der Veranstalter, sondern dem Ruf des damals medial noch sehr präsenten Pegida-Frontmanns Lutz Bachmann gefolgt. Dieses Promille reichte offenbar, um nicht nur die 999 Promille der übrigen Demonstranten, sondern gleich auch deren Forderungen zu diskreditieren. Wer gegen Freihandel ist, geht mit den Rechtspopulisten ins Bett. Was für ein Quatsch. Doch dieser Quatsch hat Methode.

1968 hatte sich die Springer-Presse auch schon auf ein paar besonders skurrile Teilnehmer der Studentenproteste eingeschossen, um die Gesamtheit der Demonstranten als Spinner darzustellen. Und wer sich 1989 nur über das Neue Deutschland und die Aktuelle Kamera informierte, musste auch denken, die Teilnehmer der Leipziger Montagsdemonstrationen seien mehrheitlich rechtsrevisionistische Durchgeknallte.

Sicherlich sind bei den 68er-Demos auch einige „verschwörungsgläubige Spinner“ und in Leipzig auch einige „Rechtsradikale“ mitmarschiert. Aber es käme sicher auch niemand heute auf die Idee, diese Demonstrationen anhand dieses dümmsten nicht gemeinsamen Nenners zu klassifizieren. Bei den zeitgenössischen Demonstrationen gegen den Freihandel, für Frieden, Deeskalation und Abrüstung oder eben gegen die Corona-Maßnahmen ist dies anders.

Es gibt zur Zeit wohl kaum ein Thema, das derart polarisiert und die Menschen emotional berührt wie das Thema „Corona“. Und wer sich gar den Luxus erlaubt, eine – zumindest subjektiv so empfundene – differenziert kritische Haltung einzunehmen, hat da ohnehin schlechte Karten. Auch ich wurde von Lesern und Personen, die vorgeben, Leser zu sein, in Kommentaren und Leserbriefen schon wahlweise als „Verschwörungstheoretiker“ (weil ich die offiziellen Zahlen in Frage gestellt habe) oder als „Gates-Jünger“ (weil ich nach wie vor den ursprünglichen Lockdown nach dem damaligen Informationsstand für richtig halte) bezeichnet. Aber das gehört zum Job dazu. Wer mit harscher Kritik nicht umgehen kann, sollte sich eine andere Betätigung suchen.

Befremdlich ist es jedoch, wenn jede Abweichung von einer dogmatischen Extremposition nicht nur von intellektuell wild drehenden, meist anonymen Facebook-Kommentatoren, sondern auch von den publizistischen Kirmesboxern in den reichenweitenstarken Medien verteufelt wird. Ist man automatisch ein rechtsradikaler Spinner, wenn man gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße geht?

Politik ist kein Dogma und es gibt nur in den seltensten Fällen Szenarien, in denen es nur Schwarz und Weiß, aber keine Grautöne gibt. Bei der gesamten Corona-Thematik geht es ja nicht darum, virologische Szenarien zu optimieren, sondern darum, die Szenarien der Virologen mit unzähligen anderen Aspekten, angefangen bei den Grundrechten, über die Frage der materiellen Existenz von Millionen Mitmenschen, bis hin zu sozialen und psychologischen Problemstellungen abzuwägen. Und wenn abgewogen wird, gibt es immer Menschen, die mit dem Ergebnis nicht einverstanden sind. Das sollte vollkommen normal sein und in einer lebendigen Demokratie in einem demokratischen Diskurs ausdiskutiert werden.

Ist es beispielsweise eine sinnvolle Abwägung, in einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern mit zur Zeit 16(!) aktiven Covid-19-Fällen das Demonstrationsrecht einzuschränken, Menschen zu verbieten, sich mit ihren Freunden zu treffen, und Grenzen zu Nachbarländern zu schließen? Ich meine, nein. Jemand anderes mag dies anders sehen. Das ist vollkommen in Ordnung und könnte Grundlage einer fruchtbaren Debatte sein. Doch diese Debatte ist nicht gewollt und wenn die Menschen die Debatte dann halt auf der Straße suchen, wird man gleich in die „Spinner-Ecke“ geschoben. Warum?

Bin ich gleich ein „Corona-Leugner“, weil ich Kritik an den unfassbar intransparenten und schlechten Zahlen von RKI und Co. übe? Bin ich ein „Wirrkopf“, wenn ich kritisiere, dass ich mich aufgrund der Kontaktsperre noch nicht einmal mit ein paar Freunden – allesamt keine Mitglieder einer Risikogruppe – treffen darf und der Staat es gleichzeitig in geradezu fahrlässiger Weise versäumt, die Risikogruppe in den Krankenhäusern und Altenheimen zu schützen? Bin ich ein „Verschwörungstheoretiker“, wenn ich kritisiere, dass die Entwicklungshilfe immer mehr gekürzt wird, internationale Organisationen wie die WHO chronisch unterfinanziert sind und umstrittene Stiftungen wie die Bill and Melinda Gates Foundation diese Lücke schließen, um abseits demokratischer Kontrollen ihre eigene Agenda durchzudrücken? Bin ich „rechtsradikal“, wenn ich mich frage, woher der Staat eigentlich das Geld nehmen will, das er jetzt mit beiden Händen ohne nennenswerte Kontrolle verpulvert und dennoch Millionen Menschen zu Recht um ihre nackte Existenz bangen?

Doch solche Fragen spielen für die Leitartikler natürlich keine Rolle. Da geht es dann um „Detlef, Ken und Attila“ und einige andere skurrile Gestalten. Dabei kenne ich Detlef und Attila noch nicht einmal und habe auch kein Interesse, diese Wissenslücke zu schließen. Ken (Jebsen) kenne und schätze ich sehr wohl, auch wenn ich bei seinen erratischen Ausführungen zu Corona nur verzweifelt den Kopf schütteln kann. Aber was hat meine Kritik an den Corona-Maßnahmen mit „Detlef, Ken und Attila“ zu tun? Was hat die Kritik der tausenden Demonstranten mit „Detlef, Ken und Attila“ zu tun? Welches Menschenbild steckt dahinter, wenn man den Menschen jedwede eigene Kritikfähigkeit abspricht und sie zu Handlagern schillernder C-Promis macht?

Sicherlich werden auf den Demos auch einige Personen mitlaufen, die man, ohne sie beleidigen zu wollen, am ehesten als „verstrahlt“ bezeichnen könnte. Aber auf welchen Veranstaltungen gibt es solche Personen nicht? Wer die gesamten Demonstrationen auf den dümmsten nicht gemeinsamen Nenner reduziert, verfolgt damit natürlich vor allem das Ziel, potentielle Interessenten abzuschrecken und die Veranstaltungen als Ganzes zu diskreditieren. Wer will schon auf eine Demo gehen, auf der es von „Spinnern“, „Verschwörungsgläubigen“, „Rechtsradikalen“ und „anderen Durchgeknallten“ nur so wimmelt? Dann bleibt man doch lieber zu Hause und wenn alle so denken, wird es irgendwann auf den Demos wirklich nur noch Verstrahlte geben. Ziel erreicht, Debatte beendet. Irgendwann wird „Mutti“ schon anerkennen, dass wir brav die Maßnahmen befolgt haben, und uns Lockerungen in Aussicht stellen, wenn wir weiterhin brav sind. Geradeso als ginge es darum, abends noch eine Stunde Netflix gucken zu dürfen, wenn wir artig unsere Hausaufgaben machen. Ist das Demokratie? Tut mir leid, ich habe da ein anderes Verständnis von Demokratie. Aber ich bin ja anscheinend auch ein Spinner.

Titelbild: Nomad_Soul/shutterstock.com