Volker Bräutigam: „Die Redaktion verletzt damit journalistische Grundregeln“
Volker Bräutigam: „Die Redaktion verletzt damit journalistische Grundregeln“

Volker Bräutigam: „Die Redaktion verletzt damit journalistische Grundregeln“

Ein Artikel von: Redaktion

Wie berichtet die Tagesschau über China? Zwei der bekanntesten Kritiker der ARD-Nachrichtensendung beleuchten im NachDenkSeiten-Interview die Berichterstattung. Für Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer berichtet die Tagesschau über China nicht sachlich genug, zu einseitig, außerdem seien in Meldungen ein „denunziatorischer und anklagender Charakter“ zu erkennen. Ein zweiteiliges Interview über den Umgang der Nachrichtensendung mit China und die Erhöhung der Rundfunkgebühr.
Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anmerkung der Redaktion: Bedauerlicherweise hatten wir an dieser Stelle heute vormittag ein altes Interview veröffentlicht. Dieses Interview können Sie natürlich gerne ebenfalls lesen. Nach Bemerken des Fehlers haben wir den Text ausgetauscht. Wir bitten diesen bedauerlichen Fehler zu entschuldigen.

Herr Bräutigam, Herr Klinkhammer, Sie haben vor kurzem in einem Beitrag geschrieben: „Die Tagesschau ist ein äußerst wirksames Instrument der Indoktrination.“ Insbesondere die Berichterstattung über China kritisieren Sie. Was ist Ihnen aufgefallen?

Volker Bräutigam: Die Tagesschau berichtet häufig nicht so sachlich-kritisch, wie sich’s gehörte, sondern in deutlicher „Anti“-Haltung über die Volksrepublik China. Die Redaktion verletzt damit journalistische Grundregeln: Berichte nicht aus einem vordefinierten Blickwinkel. Beachte Sichtweise, Motive und Zielvorstellungen aller Beteiligten. Ermögliche deinem Publikum eine selbstständige, unbeeinflusste Urteilsbildung.

In den Nachrichten über China fällt ein Defizit besonders auf: Es ist keinerlei Vorwissen, geschweige denn Information über die chinesische Kultur und ihre traditionelle Gemeinschaftsethik spürbar, die im Konfuzianismus und schließlich im Sozialismus ihren Höhepunkt erreicht haben: die Rücksicht auf das Gemeininteresse und dessen Bedeutung, auf seinen Vorrang vor dem Individualinteresse. Stattdessen geht die meist herablassende Rede über „Kommunisten“. Der Sozialismus fand in China von Anfang an einen sehr fruchtbaren Boden. Selbst in kolonialistisch deformierten Regionen wie Hongkong ist das zu spüren. 

Worum geht es derzeit, wenn die Tagesschau über China berichtet?

Friedhelm Klinkhammer: Nehmen wir den Zeitraum vom 9. bis 16. Juni: Bis zum Überdruss befasste sich die Tagesschau in dieser Woche mit den neu aufgetretenen Corona-Infektionsfällen in China. Rund 40 Berichte finden sich darüber auf tagesschau.de, sie machen fast 60 Prozent der gesamten China-Nachrichten aus. In Akzentuierung und Wortwahl verließen sie den Boden sachlich-knapper Information, sie wirkten übertrieben, aggressiv und verzerrend. 

Haben Sie ein Beispiel?

Klinkhammer: In einem Beitrag heißt es, „deutlicher Anstieg sorgt für Unruhe“, obwohl es sich zunächst lediglich um 60 Neuinfektionen handelte. Die Formel „sorgt für Unruhe“ – beim wem, inwiefern, bitte? – ist höchst diffus und zudem negativ besetzt; „…weckt größte Aufmerksamkeit“ klänge schon anders, nicht wahr? Bezogen auf die sofortigen Quarantäne-Anordnungen der Behörden in Beijing ist der verbale Negativismus einfach irreführend. Die Maßnahmen überdies mit martialischen Begriffen wie „abschotten“ und „abriegeln“ zu belegen, rief Vorstellungen von einer Gefängniswelt wach. Solche abwegigen Assoziationen werden jedoch der chinesischen Realität absolut nicht gerecht.

Für die Betroffenen gelten zwar während der nächsten zwei bis drei Wochen strikte Kontaktsperren und starke Begrenzung ihrer Bewegungsfreiheit, wie in allen Ländern, die der Pandemie mit Quarantäne begegnen. Sie werden jedoch innerhalb der Quarantänezonen sehr gut mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs versorgt und medizinisch umfassend betreut. Die Beschreibungen darüber – „… behandelt wie Hotelgäste“ – sind vielfach und glaubhaft belegt. Dieser fürsorgliche Umgang erinnert ganz und gar nicht an die Verhältnisse bei uns oder bei unseren europäischen Nachbarn.

Die Wortwahl der Tagesschau ruft aber andere Assoziationen hervor.

Klinkhammer: Eben. Vorstellungen von „Zwangsherrschaft“, von gewaltbetonter behördlicher Überreaktion. Sie bedient antichinesische Stereotype; dass die Quarantäne von der chinesischen Bevölkerung erheblich mehr als bei uns akzeptiert und als hilfreich für die Gemeinschaft unterstützt wird, kommt in solchen Formulierungen überhaupt nicht zum Ausdruck. 

Falls Sie meine Kritik für übersteigert, für haarspalterisch, für hypersensibel halten, dann vergleichen Sie bitte mal, wie zurückhaltend die Tagesschau über neue Infektionen in Deutschland informiert.

Wie denn?

Klinkhammer: Über die wahrlich skandalösen 657 Fälle von Neu-Infektion am 17. Juni in den Tönnies-Fleischfabriken in Nordrhein-Westfalen berichtete tagesschau.de neutral als von „neuen Corona-Fällen bei Tönnies“. Statt „abschotten“ – wie im Fall Beijing – hieß es hier sachlich „in Quarantäne gehen“. Das „Abriegeln von Betrieben“ wird im deutschen Fall „Schließung der Fabriken“ genannt. Die feinen Unterschiede in Tonlage und Ausdruck sind zwar kaum wahrnehmbar. Gerade darauf aber beruht ihre hohe Wirkung. Mit solchen subtilen Mitteln wird Meinung gemacht. Das Grundmuster heißt: „Wir sind die Guten / Die Chinesen sind autoritär“.

Die Tagesschau berichtet aber im Zusammenhang mit China auch noch über andere Themen als das Virusgeschehen.

Klinkhammer: Das ist richtig. Der Grenzstreit mit Indien, die Konfliktlage in Hongkong, eine NATO-„Warnung“ wegen der angeblichen Bedrohlichkeit Chinas, die Sperrung von 170 000 Twitter-Konten in China wegen angeblicher Fake News. Auch darüber hat die Tagesschau „berichtet“. Die Meldungen hatten allerdings allesamt nicht nur informatorischen, sondern auch denunziatorischen und anklagenden Charakter. Auf Neudeutsch: China-Bashing. Die Tagesschau-Berichterstattung über eine Video-Konferenz der Kanzlerin Merkel mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang am 10. Juni war hingegen marginal, sie fand unter „ferner liefen“ statt, es gab keinen Beitrag in den Hauptausgaben von ARD-aktuell.

Der Konflikt zwischen China und Hongkong schwelt ja schon länger. Über die Protestierenden berichtet die Tagesschau immer wieder. Welche Probleme sehen Sie, wenn die Tagesschau über die Proteste in Hongkong berichtet?

Bräutigam: Ursachen und Charakter der Proteste werden nicht umfassend und rückhaltlos dargestellt. Die Demonstranten protestieren eben nicht nur gegen einen Verlust von Freiheitsrechten; in unseren Nachrichten wird ja nicht einmal konkretisiert, was sich eigentlich nachteilig für den „Mann auf der Straße“ in Hongkong ändert, wenn Beijing sich selbst per Gesetz ermächtigt, auch in seiner halbautonomen Zone gegen Gewaltexzesse, gegen Einmischung ausländischer Kräfte und gegen organisierte Kriminalität vorzugehen – für den Fall, dass die örtlichen Behörden damit nicht mehr selbst fertig werden.

Ein mindestens ebenso wesentliches Protest-Motiv ist für die Demonstranten der Verlust von wirtschaftlichen Perspektiven, sich abzeichnend in Preisauftrieb, Einnahmeverlusten und Unternehmenspleiten. Das nach kapitalistischen Prinzipien wirtschaftende Hongkong ist seit Jahr und Tag auf dem absteigenden Ast. Es gerät gegenüber der Nachbarregion Guangzhou auf dem Festland ins Hintertreffen, erst recht im Abgleich mit Shanghai im Nordosten. Und dies trotz aller Stützungshilfen aus Beijing. Es sind sehr materielle Sorgen, die in diesem Konflikt eine Rolle spielen, aber in der Berichterstattung fürs deutsche Publikum weitgehend unberücksichtigt bleiben. Hongkong ist nicht mehr das einzige wirtschaftliche Bindeglied zwischen der Volksrepublik und der westlichen Welt. Zu schweigen davon, dass die USA auch in Hongkong ein soziales Spannungsfeld erkannten, das sich zur Destruktion und zum Schüren von Aufruhr eignet zwecks einem weiteren gewaltsamen „Regime change“. Da gießen die USA Benzin ins Feuer, denken Sie nur an Lateinamerika …   

Sie meinen also, dass die Berichterstattung über Demonstrationen oft gemäß der Weltanschauung erfolgt?

Klinkhammer: Ja, selbstverständlich. Beispiele gibt es genug. In den Meldungen und Reportagen über die gewaltsamen Demonstrationen während des G20-Gipfels in Hamburg oder über die Gelbwesten-Aktionen in Frankreich sprach man von „Krawallen“ und gebrauchte diesen stark negativ besetzten Begriff, weil die Gewalt Ausdruck des Protests gegen die politischen Eliten und ihre Machtsysteme war. Regierungskritische gewaltsame Demonstrationen in Hongkong oder in Moskau werden hingegen als verständlicher Widerstand gegen Freiheitsbeschränkungen verharmlost, Aktionen der Polizei als Übergriffe der Staatsmacht kritisiert. Friedensdemonstrationen in Deutschland andererseits werden meist gänzlich verschwiegen, weil sie sich gegen die Aggressivität unserer politisch Verantwortlichen wenden, gegen die ständige Aufrüstung, die Kriege und Kriegstreiberei der NATO. Die Demonstrationen anlässlich der Corona-Pandemie in Deutschland wurden bei ARD-aktuell abfällig als „Jahrmarkt der kruden Ideen“ bezeichnet. Kurzum: Die öffentlich-rechtlichen ebenso wie die kommerziellen Nachrichteninstitute beweisen mit ihrer Praxis, dass sie einseitig und manipulativ arbeiten. Sie erweisen sich damit als diskursunfähig.

Gerade ist im Spiegel ein Beitrag erschienen, der wie folgt beginnt: „China übt Gewalt gegen Demonstranten in Hongkong aus und bedroht Taiwan. Wenn die EU dagegen nichts unternimmt, verrät sie ihre Werte. Die Folgen könnten auch in Deutschland dramatisch sein.“ Ist die Berichterstattung über China in deutschen Medien generell ziemlich einheitlich?

Bräutigam: Das kann ich nicht so apodiktisch beantworten, es fehlt mir an Voraussetzungen und Möglichkeiten zu regelmäßiger umfassender Beobachtung des riesigen Medienangebots. Mindestens soviel aber lässt sich sagen: Der genannte Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erscheint typisch: Geschrieben in der Grundhaltung „Wir gegen die“. Weil sich jedoch Arroganz und Überheblichkeit gegenüber der aufkommenden Supermacht China heutzutage nicht mehr erlauben, wabert da eine nur mühsam unterdrückte Aggressivität in den Beiträgen. Sie sind häufig nicht zu rechtfertigende Versuche der Meinungsmache, der Vereinnahmung des Publikums für eine westlich-kapitalistische Betrachtungsweise der Volksrepublik China.

Wie ist denn die Berichterstattung, wenn es um die Taiwan-Problematik geht?

Bräutigam: Auch da sind Einseitigkeit und Voreingenommenheit erkennbar. Sie gerät zwar nicht oft ins Blickfeld, aber stets heißt es dann, Taiwan werde vom Festland „bedroht“.

Aber dem ist nicht so?

Bräutigam: Schauen wir einmal selbst und genauer hin: Taiwan, nur 110 Kilometer vor dem chinesischen Festland gelegen, wirkt wie ein 350 Kilometer langer US-amerikanischer Flugzeugträger. Die Insel ist ein waffenstarrender Militärstützpunkt. Taiwan verfügt über eine Armee von mehr als doppelter Stärke wie die Bundeswehr, hochgerüstet mit modernstem Gerät. Taiwan ist die wichtigste Basis für einen satellitengestützten Raketenschirm, den die USA von Alaska aus über Japan durch den gesamten Westpazifik bis hinunter nach Australien aufgestellt haben. Taiwan ist ein äußerst schlagkräftiger Posten im Arsenal der hochaggressiven US-Politik gegenüber China. Davon hören wir allerdings nichts, davon wissen wir nichts.

Dass sich die riesig erscheinende Volksrepublik China gegenüber dem vermeintlichen Winzling Taiwan zu äußerster Wachsamkeit genötigt sieht, übersteigt daher unsere Vorstellungskraft. Weil wir mit den faktischen Details dieser Gesamtlage nie vertraut gemacht worden sind. Dabei liegt die Inselrepublik Taiwan auch noch erheblich näher vor dem chinesischen Festland als beispielsweise das sozialistische Kuba vor den USA. Hypothetische Frage: Wie verhielte sich Washington wohl, wenn die Volksrepublik China die den USA vergleichbar dicht vorgelagerten Bahamas als Faustpfand besäße, dort eine Armee mit mehr als einer halben Million Soldaten unter Waffen hielte und einen Raketenschirm gegen die Vereinigten Staaten installierte?

Die Selbstverständlichkeit, dass die politischen Interessen der Regierung in Beijing ebenso viel Berechtigung und Legitimität haben wie die der „Machthaber“ in Washington oder in Berlin, suchen Sie in den Ergüssen des Spiegel-Magazins vergeblich. So auch in den Nachrichten der ARD-aktuell.

Ich habe das Defizit hier hervorzuheben versucht, indem ich mich der gleichen sprachlichen Vergewaltigung schuldig machte, die wir aus den Tagesschau-Nachrichten kennen. „Machthaber Assad“, Sie wissen schon …

Die Hauptmasse der Informationen über die Volksrepublik China wird von den westlichen Nachrichtenagenturen geliefert und von unseren Leit- und Konzernmedien ohne Zutaten verbraten. Es fehlt an ergänzenden und korrigierenden Informationen aus eigenen Quellen, von qualifizierten Korrespondenten. Die ARD-aktuell verfügt heute leider nicht mehr über journalistische Notabeln wie Hans Wilhelm Vahlefeld, Robert Hetkämper oder Lutz Mahlerwein in Hongkong und Beijing oder wie Fritz Pleitgen, Lutz Lehmann und Gabriele Krone-Schmalz in Moskau.