„Aus rein wissenschaftlicher Sicht“ – Christian Drosten im Tagesthemen-Interview
„Aus rein wissenschaftlicher Sicht“ – Christian Drosten im Tagesthemen-Interview

„Aus rein wissenschaftlicher Sicht“ – Christian Drosten im Tagesthemen-Interview

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Vertreter der großen Medien weisen den Vorwurf, sie neigten dazu, in Sachen Corona Panik zu schüren, gerne von sich. Wie falsch sie damit liegen, zeigt ein Interview mit dem Virologen Christian Drosten, das die Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga in der gestrigen Sendung führte. Dass Drosten innerhalb der Virologenzunft eher zu den „Falken“ gerechnet werden kann, ist hinlänglich bekannt. Doch anstatt mit differenzierten kritischen Fragen zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen, gab sich die ARD-Journalistin größte Mühe, das Gespräch in eine möglichst alarmistische Richtung zu drängen. Von Jens Berger.

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So langsam sollte sich die Erkenntnis, dass Covid-19 eine Krankheit ist, die vor allem für Angehörige der Risikogruppen sehr gefährlich ist, eigentlich auch bis in die Redaktion der Tagesthemen herumgesprochen haben. Doch davon war im gestrigen Interview mit dem Virologen Christian Drosten nicht viel zu spüren. Dabei gäbe es zurzeit selbst aus epidemiologischer Sicht doch eigentlich Grund zum Optimismus. Die Fallzahlen sinken rapide, der R-Wert liegt mit 0,85 im grünen Bereich. Wären da nicht die immer noch viel zu hohen Sterbezahlen, die eine direkte Folge des Versagens der Politik sind, vor allem Hochbetagte zu schützen. Bei all dem darf man natürlich nicht ausblenden, dass wir uns zurzeit mitten im Winter befinden. Also in dem Zeitraum, der für virale Erkältungskrankheiten wie die Grippe oder durch Corona-Viren hervorgerufene Infektionen der klassische Saisonhöhepunkt ist. Erstaunlicherweise hat es Caren Miosga jedoch geschafft, genau diesen elementaren Punkt tatsächlich auszublenden.

Gerade so, als hätte die Jahreszeit keinen Einfluss auf das Infektionsgeschehen, lenkte sie das Gespräch in die von ihr beabsichtigte Richtung. Auch Miosga geht jedoch davon aus, dass die Infektionszahlen sich in den nächsten Wochen und Monaten deutlich verringern werden. Nur dass sie dies nicht auf den nahenden Frühling, sondern auf die Impfkampagne bezieht. Was – unabhängig von der Ursache – ja eigentlich ein Grund zur Freude wäre, treibt der Tagesthemen-Frontfrau jedoch die Sorgenfalten auf die Stirn: „Die Hoffnung ist, dass wenn immer mehr Menschen geimpft werden […] dann werden auch mehr Menschen mehr Freiheiten haben wollen. Das ist die Hoffnung vieler“. Und genau diese „Hoffnung“, die ihr offenbar gar nicht gefällt, war es dann auch, die sie mit gezielten Fragen ins Kreuzfeuer nahm. Die Antwort des Virologen Drosten fiel erwartbar düster aus:

„Wir werden zu irgendeinem Zeitpunkt so viele Menschen geimpft haben, dass sich das Virus nicht mehr selbst verbreitet. Die Frage ist nur, wie lange dauert das. Und da bin ich nicht so sicher, dass das in allzu nächster Zeit passiert. Wenn wir uns mal die Zeit nach Ostern anschauen, da werden wir noch nicht genügend Menschen geimpft haben. Und wenn man sich jetzt naiv vorstellt, dass wir die Maßnahmen einfach beenden, dann werden wir erleben, dass das Virus sich wieder ganz stark vermehrt, dann werden wir wieder in diese medizinischen Probleme kommen“
– Christian Drosten

Wenn wir uns jetzt jedoch einmal naiv vorstellen, dass sich das Virus auch in diesem Jahr ähnlich verhält wie im Jahr zuvor, könnten wir auch zu einer ganz anderen Prognose kommen. So nahmen im letzten Jahr die Infektionen mit dem beginnenden Frühling spürbar ab und waren den gesamten Sommer über auf einem Niveau, das selbst Vertretern des „No Covid“-Ansatzes ein Lächeln aufs Gesicht zaubern sollte – und dies, „obwohl“ die Maßnahmen spürbar gelockert wurden. Ein Paradoxon? Im Gegenteil. Die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff bezeichnete dieses Phänomen bei Markus Lanz sogar als „trivial“. Erkältungsviren haben es in den wärmeren Jahreszeiten nun einmal schwer und auch die Stabilität des Sars-Cov2-Virus weist eine deutliche Temperaturabhängigkeit auf. Was eigentlich tatsächlich trivial ist, kam jedoch beim gesamten Tagesthemen-Interview überhaupt nicht zur Sprache.

Dies ist vor allem der Interviewführung von Caren Miosga zuzuschreiben. Statt nachzuhaken und einzuordnen, lenkte sie Drosten sogar aktiv zu Aussagen, über die man eigentlich nur noch den Kopf schütteln kann. So glaubt Christian Drosten bereits jetzt – im Januar – zu wissen, dass „wir“ im Sommer noch mit den „Beschränkungen“ leben müssen. Und als Drosten versuchte, diese Aussage als rein virologische Expertise einzuordnen, die mit anderen Interessen in Einklang gebracht werden müsse, wurde er sogleich scharf von der Journalistin unterbrochen, der offenbar bereits dieser Versuch einer Differenzierung nicht ins Konzept passte.

Lockerungen seien – so Miosga – ja zuallererst eine Forderung der Wirtschaft: „Es ist ja ein Traum der Wirtschaft, Risikogruppen absondern, damit alle andere endlich wieder zur Arbeit und zur Schule gehen können“, so Miosga. Natürlich will niemand irgendjemanden „absondern“ – alleine diese Wortwahl zeigt schon den Bias der Fragestellung. Und wieder zur Arbeit und zur Schule gehen zu können, ist ja wohl vor allem ein Traum derjenigen, die zurzeit vor einem sozioökonomischen Scherbenhaufen stehen, und der Schüler, die nun zu Hause bleiben müssen. Doch offenbar hatte Miosgas Einwurf – so schlicht er auch sein möge – Erfolg, ließ sich Drosten einmal mehr zu einer mehr als gewagten These hinreißen.

„Es spricht vieles, wenn nicht gar alles, dafür, dass wir ein großes Problem bekommen werden. Es gibt sehr hohe Fallzahlen. Wir sehen dann auch schwere Verläufe bei jüngeren Altersgruppen, die wir im Moment dort nur ausnahmsweise sehen“.
– Christian Drosten

Wäre Miosga eine gute Journalistin, hätte sie an dieser Stelle eingehakt. Wie viele schwere Krankheitsverläufe gibt es denn bei Jüngeren? Und wie hoch müssten die Fallzahlen sein, dass dieser Faktor die Kollateralschäden der Maßnahmen überwiegt? Schauen wir doch einmal auf die Zahlen unserer Nachbarländer[*]. In der Schweiz machen die von Miosga und Drosten genannten „Jüngeren“ nur einen Bruchteil der hospitalisierten Fälle aus. Insgesamt waren dort nur rund 10% der im Krankenhaus behandelten Corona-Patienten jünger als 50 Jahre. So lag beispielsweise die altersspezifische Hospitalisationsrate der 20- bis 29-Jährigen, die bei den positiv Getesteten die größte Gruppe ausmachen, lediglich bei 0,4% – von 1.000 Infizierten mussten also lediglich vier im Krankenhaus behandelt werden. Und diese Zahl berücksichtigt noch nicht einmal die Dunkelziffer, die nach Expertenschätzung zwischen dem Fünf- und Zehnfachen liegt. Realistischer ist es also, dass in dieser Altersgruppe von 10.000 Infizierten lediglich vier im Krankenhaus behandelt werden müssen. Gestorben ist aus dieser Altersgruppe bislang übrigens kein einziger Schweizer. Demgegenüber lag die Hospitalisationsrate der über 80-Jährigen bei fast 35%. Mehr als jeder dritte hochbetagte Infizierte musste im Krankenhaus behandelt werden und fast 16% verstarben an oder mit dem Virus.

Und wie sieht es mit den wirklich schweren Krankheitsverläufen aus, die Drosten anspricht? Dazu geben die Daten aus Österreich eine Auskunft. Das dortige Gesundheitsministerium stellt in seinem Factsheet fest: „Der Altersschnitt des ICU-Belags ist von älteren Altersgruppen dominiert. 62 % sind älter als 65 Jahre, nur 13 % der Personen auf Intensivstationen waren jünger als 50“. In Österreich lagen übrigens während der gesamten bisherigen Pandemie nur 171 Patienten unter 50 auf der Intensivstation und dies bei einer Kapazität von mehr als 2.000 Betten.

Es gehört also schon sehr viel Phantasie und noch mehr Alarmismus dazu, hier bar jeder Evidenz ein Szenario zu entwerfen, bei dem im Sommer(!) massenhaft junge Infizierte die Krankenhäuser füllen sollen. Es gäbe also zahlreiche kritische Fragen, die man Christian Drosten hätte stellen können; ja, hätte stellen müssen. Doch kritische Fragen sind offenbar nicht die Sache einer Caren Miosga.

Stattdessen zündete sie die nächste Eskalationsstufe und fragte Drosten lieber, warum er nicht bei der Initiative „No Covid“ mitmachen würden – eine seltsame Frage, gehört Drosten doch zu den Erstunterzeichnern der „Contain Covid-19“-Initiative, die die wissenschaftliche Grundlage von „No Covid“ ist. Drostens Antwort dazu war wieder eine förmliche Einladung, kritisch nachzuhaken. So definierte er seine „Grundphilosophie“ im Erreichen eines niedrigen R-Werts. Genau diese Debatte hatten wir jedoch bereits im letzten Sommer. So plausibel der R-Wert als Maß für die epidemiologische Situation in Zeiten hoher Infektionszahlen ist, so unplausibel ist er im Sommer, wenn die Infektionen ohnehin auf einem niedrigen Niveau rangieren. Wenn die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen beispielsweise wie im letzten Juni und Juli fast durchgängig unter 500 pro Tag liegt, sagt auch der R-Wert, der die Entwicklung der Infektionen beschreibt, wenig bis nichts aus. Da können dann regionale Ereignisse á la Tönnies (wo es übrigens bei 2.119 Fällen nur 41 Hospitalisierungen gab) den R-Wert hochtreiben.

Angeblich ging es Miosga und Drosten im Gespräch darum, eine Perspektive zu entwickeln. Im Ergebnis lieferten sie jedoch genau das Gegenteil. Nun sollte man wohl mit dem Virologen Drosten nicht allzu hart ins Gericht gehen. Er ist nun einmal Virologe und sieht die Pandemie mit der Brille eines Virologen. Für ihn müssen weder die Sorgen und Argumente anderer Disziplinen, wie die der Psychologen, Pädagogen, Soziologen oder Ökonomen, eine Rolle spielen und er muss aus seiner Funktion heraus auch nicht der Interessenvertreter der Opfer der indirekten Kollateralschäden sein. Das ist ok. Ein Ornithologe würde wohl zum sofortigen Abriss aller Windräder blasen und so mancher Ökonom soll ja auch bei seinen Ideen zum Lohngefüge die Interessen der Lohnempfänger ausblenden. Es wäre jedoch Aufgabe eines kritischen Journalisten, auf diese Interessenkonflikte hinzuweisen und die Aussagen von Virologen in einem größeren Rahmen einzuordnen.

Dies hat Caren Miosga sträflich unterlassen. Man hätte eher vermuten können, dieses Interview sei ein Fachgespräch für ein virologische Fachzeitschrift, bei dem alle Aspekte, die ein wenig über die Scheuklappen der eigenen Disziplin hinausgehen, ausgeblendet werden. Damit setzt Miosga einen gefährlichen Trend fort, der die mediale Berichterstattung seit Monaten charakterisiert. Man sieht den gesamten Themenbereich aus der virologischen Perspektive und blendet alles andere aus. So wundert es dann auch nicht, wenn Miosga Drosten auffordert, bestimmte Fragestellungen doch bitte „aus rein wissenschaftlicher Sicht“ zu beantworten. Wäre Drosten ein differenziert denkender Mensch, hätte er geantwortet: „Gerne, aber aus welcher wissenschaftlichen Disziplin heraus soll ich denn die Frage beantworten?“ Doch zu so viel Differenziertheit sind offenbar weder Virologen wie Drosten noch Journalisten wie Miosga im Stande.


[«*] Erstaunlicherweise gibt es selbst ein Jahr nach Ausbruch der Krankheit in Deutschland immer noch keine transparente Statistik, aus der ersichtlich wäre, wie viele Testpositive bestimmter Altersgruppen erkranken, wie schwer die Erkrankung verläuft und welche medizinische Behandlung nötig ist.