Doppelter Standard beim STANDARD? Text von österreichischem Blogger gelöscht.
Doppelter Standard beim STANDARD? Text von österreichischem Blogger gelöscht.

Doppelter Standard beim STANDARD? Text von österreichischem Blogger gelöscht.

Ein Artikel von Marcus Klöckner

„Ich habe dem STANDARD einen Spiegel vorgehalten“, sagt der österreichische Blogger Ortwin Rosner im NachDenkSeiten-Interview. Was ist passiert? Rosner, der seit 2018 auf der STANDARD-Blog-Seite Beiträge veröffentlicht, geht davon aus, dass er einen neuralgischen Punkt bei der renommierten österreichischen Tageszeitung getroffen hat – denn ein Beitrag von ihm wurde gelöscht. Der studierte Germanist und Philosoph verfasste einen Artikel unter der Überschrift „Corona-Populismus: Wie man den Hass auf die Ungeimpften gezüchtet hat“. Über 100.000 Mal haben ihn die Leser angeklickt. In dem mit spitzer Feder geschriebenen Text kritisierte Rosner die seiner Meinung nach aggressive Stimmungsmache gegen die Ungeimpften im öffentlichen Diskurs, wandte sich aber auch mit scharfen Worten gegen einige Personen, wie den Rektor der Universität Klagenfurt, Oliver Vitouch, sowie den SPIEGEL-Kolumnisten Nikolaus Blome. Von Marcus Klöckner.

Vitouch hatte Ungeimpfte vom Studium an der Universität ausgeschlossen, Blome bezeichnete die Geimpften als Geiseln der Ungeimpften. Der STANDARD löschte daraufhin Rosners Text. Im Interview schildert Rosner aus seiner Sicht, was sich zugetragen hat. Und er legt dar, warum er sich bei der Kommunikation mit der Redaktion, die sich im Zuge der Löschung abspielte, bisweilen an Kafka und Orwell erinnert fühlte.

Wann haben Sie davon erfahren, dass Ihr Beitrag gelöscht wurde?

Im Grunde hat sich da schon viel früher etwas zusammengebraut, sehe ich rückblickend. Nicht von der Redaktion aus, sondern im Online-STANDARD-FORUM, also von Teilen der Leserschaft. Nun bin ich es zwar gewohnt, dass ich dort Gegenwind bekomme. Diesmal aber war es doch ungewöhnlich. Eine derartige Flut von Hasspostings gegen mich habe ich noch nie erlebt. Gleichzeitig sah ich, dass die Zahl der Zugriffe ins Astronomische wuchs. Als der STANDARD den Artikel löschte, da hatte ich über 111 000 Klicks. Das ist ungeheuerlich viel, und wenn der Standard den Artikel nicht gelöscht hätte, dann wären es noch doppelt oder dreifach so viel geworden. Mein Beitrag hatte also ein großes Beben ausgelöst.

Was geschah weiterhin?

Das alles spielte sich bereits am Montag, dem 6. Dezember, ab, an dem Tag, an dem also der Artikel online gegangen war. Da war mir schon mulmig zumute, klar, so ein ungeheuerlicher Shitstorm, der gegen einen gerichtet ist, der lässt einen nicht kalt. Dennoch hätte ich nicht gedacht, dass es zu den Dingen kommt, die sich dann am Dienstag abgespielt haben. Da hat dann auch die Redaktion gegen mich Stellung bezogen, auf eine Weise, die unsäglich war. Und nachdem man herumgetan hat und teils absurde Forderungen an mich gestellt hat, hat man meinen Beitrag entfernt.

Würden Sie uns bitte erklären, was sich abgespielt hat?

Ich bekam plötzlich eine E-Mail, dass mein Beitrag „viel Kritik“ hervorgerufen habe, intern wie extern, und dass man ein Problem mit der „Tonalität“ meines Beitrags habe, mit anderen Worten, es wurde behauptet, dass er zu „aggressiv“ geschrieben sei. Von einer Löschung meines Artikels war allerdings anfangs noch keine Rede. Davon erfuhr ich erst viele Stunden später, und gar nicht vom Standard, sondern ich wurde von anderen darauf aufmerksam gemacht.

Sie wurden also über die Löschung des Beitrags nicht vorab informiert?

Keineswegs. Erst lange nachdem ich das auf andere Weise mitbekommen hatte, erhielt ich diesbezüglich eine Nachricht von meiner Ansprechperson beim STANDARD. Der ganze Ablauf war sehr seltsam.

Können Sie die Löschung nachvollziehen?

Für mich haben die Vorwürfe etwas von der raffinierten Täter-Opfer-Umkehr, die generell im öffentlichen Diskurs gang und gäbe geworden ist. Wenn man die Aggressiven kritisiert, dann wird man dafür auf einmal selbst als Aggressiver hingestellt.

Was waren denn das für Vorwürfe?

Zunächst einmal gilt es zu wissen, dass ich tatsächlich einige Personen, die mir negativ aufgefallen sind, was Äußerungen zu Ungeimpften angeht, scharf und deutlich kritisiert habe. Einer der Vorwürfe mir gegenüber lautete also, ich würde nicht auf „Augenhöhe“ mit den Leuten bleiben, die ich kritisiere.

Da war ich schon ein wenig baff. Bitte, wo befindet sich denn der STANDARD auf „Augenhöhe“ mit den von ihm kritisierten Bürgern, wenn er diese in seinen Artikeln in einer Tour als „Corona-Leugner“, als „Verschwörungstheoretiker“ oder „Rechtsextremisten“ abkanzelt? Im Grunde habe ich dem STANDARD einen Spiegel vorgehalten, nur habe ich sozusagen den „Fehler“ gemacht, mich auf die „falsche“ Seite zu stellen. Das heißt, ich habe nicht in STANDARD-Manier gegen die Ungeimpften gehetzt, sondern ich habe ganz im Gegenteil mit viel satirischem Biss und Spott — und ohne ein einziges Schimpfwort zu gebrauchen! — diejenigen bloßgestellt, die die Hetze gegen die Ungeimpften veranstalten. Das geht aber anscheinend auf keinen Fall.

Wenn man sich den „Standard Blog“ anschaut, findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Beiträge, die durchaus pointiert geschrieben sind. Gerade ist ein Beitrag auf dem Blog veröffentlicht unter der Überschrift: „Stiftung Gurutest. Impfgegner: Braun und Bio im Gleichschritt unterwegs. Rechtsextreme und esoterisch-alternative Impfgegner sind keine Gegenpole. Sie schauen seit jeher in eine Richtung“. Von außen betrachtet lässt sich der Eindruck gewinnen, dass auf dem Blog ein Interesse an Texten besteht, die klar und deutlich im Ausdruck sind. Oder?

Es gibt ja in der Medienkritik den Begriff „Doppelstandard“, wenn ich mich recht entsinne. Damit ist das Messen mit zweierlei Maß gemeint. Daraus könnte man glatt ein Wortspiel machen, wenn es um eine Tageszeitung mit dem Namen „Der STANDARD“ geht. Und wissen Sie was, man könnte damit ganz richtig liegen.

Bitte erläutern Sie das.

Sie haben einen Beitrag von dem STANDARD-Blogger Christian Kreil als Beispiel angeführt. Mir ist der Autor aufgefallen, weil er meiner Wahrnehmung nach stets ein einseitiges, möglichst bösartiges Bild der Corona-Demonstranten zeichnet, es geht immer nur um Esoterik und Rechtsextremismus, und alles, was diesem Bild widersprechen könnte, wird einfach weggelassen.

„Aggressiv“, diese Vokabel, mit dem die STANDARD-Redaktion mich aufgrund meines Textes bedacht hat, das passt allerdings auf seine Artikel. Ich kann mich daran erinnern, dass Kreil einmal so weit gegangen ist, eine junge Frau als „Aluhut-Göre“ zu bezeichnen. Eine offene Beschimpfung also, wie man sie in einem Qualitätsblatt für undenkbar halten sollte. Aber anstatt dass Kreil daran gehindert wurde, so etwas zu schreiben, meldete sich in einem Posting sogar STANDARD-Starkolumnist Hans Rauscher zu Wort und erteilte ihm ein Extralob.

Wir waren bei den doppelten Standards.

Das meinte ich. Einseitige und aggressive Texte sind wohl dann in Ordnung, wenn sie ins Weltbild des STANDARDS passen.

Sie halten also die Vorwürfe für konstruiert? Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Die Absurdität der vom STANDARD gegen mich konstruierten Vorwürfe erreichte ihren Höhepunkt da, wo es um meinen zweiten Beitrag ging. Es hätte nämlich eigentlich noch eine Fortsetzung erscheinen sollen. Am Anfang war ja, wie gesagt, gar keine Rede davon gewesen, dass der bereits erschienene erste Teil gelöscht werden sollte, aber man verlangte von mir, dass ich den „Ton“ dafür nun im zweiten Beitrag ändern sollte. Und nun höre und staune man, was man mir da vorwarf! Man warf mir nämlich vor, ich würde dort Ungeimpfte Tieren gleichsetzen! Nun muss ich da deutschen Lesern den Hintergrund erklären. Es gab nämlich vor mehreren Wochen, mittlerweile ist das mehr als einen Monat her, eine Äußerung des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Alexander Schallenberg, in der dieser gesagt hatte, man müsse bei den Ungeimpften „die Zügel straffer ziehen“. Eine Aussage, die nicht nur mir durch ihren autoritären, menschenverachtenden Duktus aufgefallen ist. Und in meinem Text hatte ich in einem etwas sarkastischen Ton darauf hingewiesen, dass Schallenberg mit so einer Äußerung Ungeimpfte im Grunde Pferden, also Tieren gleichsetze. Das ist ja offensichtlich. Aber dass ich darauf hinwies, dass der Kanzler sich so ausgedrückt hat, wurde auf einmal gegen mich gewendet und nun wurde deswegen behauptet, ich bediente mich einer „aggressiven Sprache“! Hier wurde es also wahrhaft kafkaesk, denn das sollte doch eigentlich jedem denkenden Menschen klar sein, dass ein solcher Vorwurf völlig verdreht und absurd und gegen jeden gesunden Menschenverstand ist. Den Leuten vom STANDARD erscheint er aber offenkundig logisch.

Wie haben Sie sich dann verhalten? Haben Sie das Gespräch mit dem Standard, mit der Redaktion gesucht?

Naja, natürlich habe ich der für mich zuständigen Ansprechperson beim STANDARD dargelegt, wie unlogisch es sich mit all diesen Vorwürfen verhält. Aber ich wusste schon im Vorhinein, dass alle vernünftigen Argumente mir bei ihr nichts helfen würden. Ich hatte mit ihr ja schon jahrelange Erfahrung und wusste, die funktioniert in so einem Fall wie ein richtiger Gate-Keeper.

Also wie ein „Schleusenwärter“ oder „Torwächter“, der darüber wacht, was in einem Medium an politisch kritischen Aussagen getätigt werden darf und was nicht.

Diese Funktion übte diese Person zumindest in diesem Fall recht deutlich aus. Ich hatte aufgrund ihrer Nachrichten auch persönlich die Vermutung, dass von höherrangigen Redakteuren unmittelbar Druck auf sie ausgeübt wurde. Ich muss allerdings der Fairness halber erwähnen, dass bis zu diesem Zeitpunkt der Standard mich viel Kritisches hat schreiben lassen. Offenbar hatte ich aber mit diesem Beitrag eine Grenze überschritten. Ich muss damit irgendwo einen neuralgischen Punkt getroffen haben.

Wie ging die Sache weiter?

Was mir rückblickend zu denken gibt, das ist, dass ich schon drauf und dran war, meinen zweiten Beitrag massiv umzuarbeiten, weil der STANDARD stur darauf beharrte, dass ich das zu tun hätte, und obwohl ich die verlangten Änderungen streckenweise als völlig absurd empfand. Aber das wäre ja gewesen, als ob ich mich darin gefügt hätte, dass zwei und zwei fünf ist, nur weil mir das so gesagt wird!

Aber wenn Sie ohnehin bereit waren, sich den Vorgaben der Redaktion zu fügen, wo lag dann das Problem?

Das war ja da Absurde. Ich war ohnehin schon ganz unterwürfig, aber im Endeffekt nutzte mir das gar nichts. Denn dann bekam ich plötzlich von Dritten die Information, dass mein erster Beitrag vom Netz genommen war. Und dann bald darauf eben die nächste abstruse Nachricht vom Standard, die sich darauf bezog.

Die war nun in einem ganz anderen Ton als die vorigen Mails gehalten. Es ging gar nicht mehr darum, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und einen Kompromiss zu machen.

Sondern?

Es habe interne Diskussionen gegeben, hieß es, und man sei zu dem Schluss gekommen, dass „der Text nicht zum STANDARD passt und nicht unseren Ansprüchen genügt. Bitte diese Entscheidung zu respektieren.“ Das bedeutete, mit anderen Worten, dass mir kein Einspruch, keine Entgegnung, Widerrede oder Argumentation mehr erlaubt war. Dieselbe Redaktion hatte aber eben zuvor noch von mir vollmundig „Augenhöhe“ eingefordert! Praktizierte man die denn nun etwa gegenüber mir?

Sahen Sie keine Chance durchzudringen zu einem der Redakteure auf höherer Ebene?

Die waren wie von einer undurchdringlichen Mauer von mir getrennt. Ich muss sagen, dass ich diese Art der Zusammenarbeit schon lange vor diesem Vorfall als kafkaesk empfunden hatte. Auch den Gate-Keeper hatte ich nie persönlich zu Gesicht bekommen. Immer nur per E-Mail. Der war also für mich wirklich fast wie der Türsteher in Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“.

Interessant ist doch, dass Ihr Beitrag überhaupt publiziert wurde. Immerhin scheint er ja „grünes Licht“ von jemandem bekommen zu haben.

Das ist ja das Bizarre. Das Verhalten der Redaktion ist wirklich etwas Besonderes. Ich weiß nicht, ob jemals zuvor schon so etwas beim STANDARD passiert war. Ich meine, dass ein Beitrag vom Netz genommen wird, der bereits online war. Es ist wichtig zu erwähnen, dass der Artikel natürlich vor seiner Veröffentlichung einer eingehenden Überprüfung durch den Gate-Keeper unterzogen worden war. Er enthielt also keinerlei Spuren von Sexismus, Rassismus oder Wiederbetätigung und hatte auch sonst in jeder Hinsicht den offiziellen redaktionellen Vorgaben entsprochen.

Und trotzdem stellte sich nach seiner Veröffentlichung heraus, dass er für den STANDARD unzumutbar war. Die Leserschaft tobte, schrieb wahrscheinlich empörte E-Mails an die Redaktion. Wie die von mir in dem Beitrag Kritisierten reagierten, entzieht sich zwar meiner Kenntnis. Ich gehe aber davon aus, dass die Kritik – von welchen Seiten auch immer kommend – so laut wurde, dass sie auch auf die Ebene der höhergestellten Redakteure gelangt ist. Auf einmal hieß es, der Text „passt zu uns nicht“. Weg damit.

Lassen Sie uns näher auf Ihren Text eingehen. Sie kritisieren in dem Beitrag ja insbesondere einen Rektor, der ungeimpfte Studierende aus seiner Universität verwiesen hat. Damit unsere Leser wissen, was Sie geschrieben haben, zitiere ich aus Ihrem Artikel:

Als Ausdruck des an allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft stattfindenden geistigen Zerfalls konnte man sich kürzlich stattdessen ebenso das recht kindlich und einfach geschriebene Rundmail des Rektors der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Oliver Vitouch, vom 6. November zu Gemüte führen, in dem er ungeimpften Studierenden erklärte, dass sie an höheren Bildungseinrichtungen nichts mehr zu suchen hätten. Schwindlig konnte einem dabei allerdings trotzdem werden, denn ein kohärenter Gedankengang war darin weitgehend zu vermissen. (…) Man möge es doch auch bitte nicht außer Acht lassen, dass Vitouch es tatsächlich zustande brachte, sich auf eine Äußerung des Papstes zu berufen, in der dieser von „Nächstenliebe“ gesprochen hatte, um im Namen dieser Äußerung Leuten zu erklären, dass er sie von seiner Universität ausschließt. Anscheinend sah der Klagenfurter Rektor also im Ausschluss von Personen aus dem Zugang zum Hochschulwesen einen Akt der Nächstenliebe. (…) Und in einem STANDARD-Interview legte der selbstbewusste Rektor noch einmal nach und zog dort sogar einen längst verstorbenen satirischen Schriftsteller in die Diskussion hinein, der sich leider nicht mehr dagegen wehren konnte, dass eine seiner vielen bissigen Bemerkungen von einem Kärntner Bildungsfunktionär ihrer hintergründigen Ironie entkleidet und instrumentalisiert wurde. „Oder wie Karl Kraus sagte: In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“, erklärte der Universitätsleiter bierernst, ohne sich mit der schillernden Doppeldeutigkeit des Satzes aufzuhalten.“

Sie kritisieren den Rektor also sehr deutlich.

In der Tat. Ich halte die Kritik auch für absolut angebracht. Vitouch – wie gesagt: Direktor einer Universität! – hat die Ungeimpften als Feinde von Wissenschaft und der Aufklärung angeredet und ihnen deswegen zwecks Belehrung den Wikipedia-Artikel zur „Aufklärung“ geschickt. Ich habe darauf erwidert:

„Wenn ein österreichischer Hochschulleiter schon offenlegt, auf welchem Niveau er zu diskutieren wünscht, indem er auf einen Wikipedia-Artikel wie auf eine höhere Autorität verweist, dann wäre es doch nicht schlecht, wenn er wenigstens diesen selbst ordentlich gelesen und verstanden hätte. Das ist bei Vitouch möglicherweise nicht der Fall. Denn dann hätte er ja sehen müssen, dass es „die“ Aufklärung nicht gibt, sondern sie eine weit komplexere Bewegung war, als gemeinhin angenommen wird, dass zu ihr auch durchaus immer wieder ein ambivalentes Verhältnis zur Wissenschaft und Wissenschaftskritik gehört haben und dass eine solche sogar oft an den Universitäten großes Thema war und dort gelehrt wurde.² Dass dieser Umstand im Zuge der Corona-Krise von Politikern und Medienleuten sowie diversen Agitatoren fast beständig übergangen wird, mag noch verzeihlich sein, denn denen geht es nun einmal bloß um Meinungsmache. Aber wenn ein Universitätsrektor so tut, als wüsste er nichts davon, dann ist das traurig.“

Sie meinen, der Rektor hätte auf seiner Universität nicht die 2G-Regel einführen sollen?

Die Begründung, mit der er dieses Vorgehen orchestriert, halte ich jedenfalls für absurd. Sie ist aber sehr charakteristisch dafür, wie der öffentliche Diskurs geführt wird. Allen Ernstes stellt er die Ungeimpften allesamt als Feinde der Aufklärung und der Wissenschaft hin und fordert sie auf zu verschwinden! Das ist ein ganz wichtiger Punkt und auch sehr gefährlich, der ganz eigene Spin, mit dem mittlerweile die Wissenschaft instrumentalisiert und zu einer Art Ideologie umgebaut wird. Es ist ein Micky-Maus-Begriff von Wissenschaft, mit dem hier dauernd Propaganda gemacht wird.

Wie meinen Sie das?

Jeder, der sich ein bisschen ernsthaft mit Wissenschafts- und Erkenntnistheorie beschäftigt hat, müsste eigentlich wissen, dass solche hanebüchenen Aussagen nichts mit echter Wissenschaft zu tun haben, ihrem Ideal nach. Es wird niemand ein wissenschaftstheoretisches Werk finden, in dem geschrieben steht: „Wer ungeimpft ist, ist ein Wissenschaftsfeind/Wissenschaftsleugner!“ Oder: „Wer nicht an das glaubt, was Drosten sagt, wer nicht das glaubt, was das RKI sagt, was dieser oder jener Experte sagt, ist ein Wissenschaftsleugner!“ In keinem erkenntnis- oder wissenschaftstheoretischem Werk werden Sie so etwas finden. Das ist einfach Humbug, purer Humbug, was da zurzeit alles über die Wissenschaft verbreitet wird, gerade von denjenigen, die sich als Verteidiger der Wissenschaft aufspielen.

Was ist Ihre Motivation?

Auch wenn ich zuerst einmal in meinen beiden Beiträgen bestimmte Personen und Vorfälle aufzeige, geht es um diese einzelnen Persönlichkeiten und Ereignisse natürlich letztlich nicht. Sie fungieren ja nur als Beispiele für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die ich als immens gefährlich erachte. Ich sehe, wie unsere Demokratie zu kippen beginnt. Ich fasse es nicht, wie es möglich ist, dass eine derartige Hetze gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe stattfindet, gegen die Ungeimpften eben. Die Art, wie das alles aufgezogen ist, erinnert wirklich an die düstersten Kapitel unserer deutsch-österreichischen Geschichte, das sage ich dezidiert, auch auf die Gefahr hin, nun als Verharmloser des Nationalsozialismus zu gelten. Und ich fasse es nicht, dass sich daran Leute beteiligen, von denen man meinen sollte, dass sie doch eigentlich wissen sollten, was sie tun. Bei aller bisherigen kritischen Einschätzung der Medien, aber dass ihre Vertreter so weit gehen, und das auf so eine unbeirrbare Weise, das hätte ich bisher nicht für möglich gehalten. Dass da Leute mittun, die sich selbst als „Linke“ oder wenigstens „Liberale“ sehen, von mir aus auch „Linksliberale“, Leute, die sich bis vor kurzem mit ihrem Eintreten für eine „offene Gesellschaft“ gebrüstet haben, Leute, die sich für den Schutz von Minderheiten eingesetzt haben — und jetzt auf einmal nicht mehr sehen, was sie da tun.

Wie ist denn die Situation bei Ihnen in Österreich bezüglich der Coronamaßnahmen? Bald soll es eine Impfpflicht geben. Ist bei Ihnen die Gesellschaft auch so gespalten wie in Deutschland?

Ich kann mir schwer vorstellen, dass es in Deutschland noch schlimmer ist als hier und dass es dort noch gehässiger zugehen könnte als hier. Das wäre dann wahrhaft entsetzlich. Es geht nicht bloß um Gespaltenheit, sondern es geht um eine schreckliche Radikalisierung des öffentlichen Diskurses, im Ton, in der Ausdrucksweise. Worin ich jedenfalls eine sehr deutliche Parallele sehe, das ist die McCarthy-Ära in den USA der Fünfziger-Jahre. Und manchmal gehe ich sogar so weit, mir zu denken, so muss es bei uns um 1930 zugegangen sein, bevor es so richtig los ging mit den ganz schlimmen Dingen. Mein eigentlich ketzerischer Ansatz besteht aber nun darin, dass ich behaupte, dass es eben nicht die Corona-Demonstranten, Esoteriker und Rechtsextremisten sind, von denen diese Radikalisierung ausgeht, sondern dass sie vor allem von der gesellschaftlichen Mitte ausgeht, dass es diese ist, die sich immer mehr radikalisiert.

Wie sieht es mit den Medien aus? Wie ist die Berichterstattung?

Ich kann sie kaum anders bezeichnen als gleichgeschaltet.

Sie wissen: Das ist ein „böses Wort“. Da werden sofort einige zur Empörung ansetzen.

Nun, wie soll ich es sonst bezeichnen, wenn in meiner Wahrnehmung weite Teile der Berichterstattung sehr einseitig agieren, und das in einer seltsam einhelligen Geschlossenheit? Ein Ausscheren aus dieser Linie findet man hier nur mehr sehr selten. Innerhalb des Korridors aber fungiert der Ungeimpfte als das Böse und Bedrohliche schlechthin. Die Intensivbettennotlage wird sehr drastisch beschrieben, und daran sind natürlich die Ungeimpften schuld. Operationen müssen verschoben werden, und daran sind natürlich die Ungeimpften schuld. Wir hatten jetzt einen allgemeinen Lockdown, und daran sind natürlich die Ungeimpften schuld. Und vieles andere mehr. Darum scheint nun alles erlaubt zu sein, um die Ungeimpften niederzuzwingen, auch solche Maßnahmen, die unserem bisherigen Verständnis nach gegen grundlegende Persönlichkeits- und Menschenrechte verstoßen haben. Es ist inzwischen sogar die Rede davon, dass „Ungeimpftheit“ einen Rechtsgrund für die Kündigung des Mietvertrages darstellen sollte. Schließlich könnten Ungeimpfte ja das Virus im Treppenhaus verbreiten. Man sieht klar, dass das ein Sündenbockdiskurs ist, der vieles andere verdecken soll.

Worauf spielen Sie da an?

Darauf, dass die Impfung grundsätzlich nicht so gewirkt hat, wie man sich das vorgestellt hat, dass sie keine Herdenimmunität herzustellen in der Lage ist, dass ihre Wirksamkeit auch viel schneller nachlässt, als man sich das gedacht hat, und dass Geimpfte kaum weniger zur Verbreitung des Virus beitragen als Ungeimpfte, vielleicht sogar mehr, weil sie sich ja weniger oft testen lassen müssen. Das wird ebenso unter den Teppich gekehrt wie der Umstand, dass die Intensivbettennotlage auch durch eine neoliberale Konstruktion des Spitalswesens herbeigeführt wurde, und natürlich werden insbesondere die Impfschäden marginalisiert, davon redet man möglichst nicht, man beteuert immer nur mantraartig, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen.

Haben Sie Beiträge in österreichischen Medien gesehen, die in ihrer kritischen Haltung dem Beitrag von Ihnen gleichkommen?

Ich glaube, dass man sie an der Hand abzählen kann. Rosemarie Schwaiger vom profil ist eine Journalistin, die es versucht. Aber mal schauen, wie lange diese wenigen Leute durchhalten beziehungsweise wie lange man sie noch lässt.

Ansonsten gibt es das, was man wohl die „Schweigespirale“ nennt. Ich habe den Insiderhinweis bekommen, dass sehr wohl auch im Establishment viele meinen Beitrag gut gefunden haben. Aber — die sagen es nicht offen. Das wird mehr im Geheimen kommuniziert, im Messenger, nicht auf freier Wildbahn. Da traut man sich das nicht. Ich weiß auch von einer Person, die für eine Tageszeitung arbeitet, aber ein wenig Angst hat, meine FB-Beiträge zu liken, weil das bemerkt werden könnte. Was heißt all das für die Meinungsfreiheit und für den Zustand unserer Demokratie?

Anmerkung der Redaktion:
Die Beiträge von Ortwin Rosner sowie eine Stellungnahme von ihm sind hier abrufbar:

https://respekt.plus/2021/12/10/corona-populismus-wie-man-den-hass-auf-die-ungeimpften-gezuechtet-hat/
https://respekt.plus/2021/12/10/corona-populismus-auf-dem-weg-zur-illiberalen-demokratie/
https://respekt.plus/2021/12/10/2-2-5-wie-der-standard-mich-zensuriert-hat/
https://multipolar-magazin.de/artikel/illiberale-demokratie
https://keinzustand.at/ortwin-rosner/2-2-5/

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