Die totale Meinungsmache ist möglich

Die totale Meinungsmache ist möglich

Die totale Meinungsmache ist möglich

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Wer in den letzten Wochen die großen TV-Talkshow-Formate von ARD und ZDF eingeschaltet hat, konnte dort einen wahren Sturm der Meinungsmache wahrnehmen. Das durchgängige Thema war die russische Invasion der Ukraine. Das ist verständlich, hat dieses Thema doch eine überragende Bedeutung. Unverständlich war indes die Auswahl der Gäste. Wer Vertreter suchte, die etwas über die Vorgeschichte und den Hintergrund dieses abscheulichen Krieges zu sagen hatten, suchte meist vergebens. Vollkommen unverständlich ist der Trend, sogar offizielle ukrainische Vertreter einzuladen und zuzuschalten und deren Aussagen nicht als die einer Kriegspartei einzuordnen. Das ist unprofessionell, das ist Meinungsmache, ja, das ist Propaganda. Und das auf allen Kanälen. Die „richtige“ Sichtweise wird uns eingebrannt – mit aller Macht und ohne Rücksichtnahme. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Gestern Abend bei Maischberger. Im Gespräch mit der Gastgeberin: Alexander Rodnyansky. Der ist Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er gibt in bestem Deutsch die ukrainische Sicht der Geschichte wieder, erklärt die vermeintlichen russischen Motive und weiß auch, wie „wir in Deutschland“ getäuscht werden. Getäuscht von wem? Von Russland natürlich. Wir wissen ja alle, dass russische Propaganda in Deutschland omnipräsent ist. Oder? Jeden Dialog mit dem „Regime“ in Moskau lehnt Rodnyansky als „Schwäche“ ab. Das „Regime“ verstünde nur die militärische Sprache der Gewalt. Das sei „leider hier in Europa noch nicht angekommen“, so der smarte Präsidenten-Berater, der hauptberuflich Ökonomie in Cambridge unterrichtet. Und die weniger smarte Gastgeberin? Kein Widerspruch. Kein Nachhaken. Dass es unweigerlich zu einem Dritten Weltkrieg führen würde, wenn die NATO die militärische Sprache der Gewalt wählt – kein Thema. „Es ist angekommen“, so Maischberger. Nein! Was ihr Gast sagte, kam an. Was er damit meinte, kam jedoch nicht an. Und welche Folgen das Gesagte und Gemeinte haben würde, kam schon gar nicht an.

Aber das ist ja normal in deutschen Talkshows. Egal ob Anne Will, Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Frank Plasberg oder immer und immer wieder Markus Lanz. Offizielle und inoffizielle ukrainische Vertreter kommen als „normale“ Stimmen zu Wort. Eingeordnet werden deren Statements nicht. Die Talkshow-Gastgeber und -Gastgeberinnen schauen mit betretenem Blick. Außer der Lieblingsfloskel von Markus Lanz, „Das ist ja interessant“, kommt von ihnen nichts – schon gar nichts Kritisches. Man übergibt das Thema lieber den sonstigen geladenen Gästen und das sind dann nahezu ausschließlich genau diejenigen, die auch schon vor dem Krieg durch ihre stramme militaristische Linie aufgefallen sind – meist Vertreter einschlägiger transatlantischer Think-Tanks; sekundiert von eben jenen Pressevertretern, die nun auch schon seit Jahren – größtenteils öffentlich-rechtlich über unsere Gebühren alimentiert – stets die Rolle der Falken eingenommen haben. Es ist zum Gruseln.

Wo sind sie hin, die kritischen Stimmen? Gibt es wirklich niemanden mehr, der Deutschland nicht in einen Krieg ziehen will? Gibt es niemanden, der die Vorgeschichte korrekt einordnen kann? Niemanden, für den der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine nicht nach dem simplen Gut-und-Böse-Schema verläuft? Natürlich ist es eine sehr undankbare Aufgabe, angesichts des ohne Wenn und Aber mit aller Deutlichkeit zu verurteilenden Angriffskriegs Russlands, sich etwas differenzierter mit der Ursachenforschung zu beschäftigen. Aber hatten unsere Meinungsmacher ähnliche Hemmungen, als die NATO Serbien bombardiert und die US-geführte „Weltgemeinschaft“ – also die NATO-Staaten, 7/8 der Welt gehören nach unserem Narrativ ja nicht zur „Weltgemeinschaft“ – Staaten wie Afghanistan, Irak, Syrien oder Libyen bombardiert hat?

Sind das nun wieder die typischen „Whataboutism“ der alternativen Medien? Vielleicht. Aber was unterscheidet diese „Whataboutism“ von den „Whataboutism“ der Talkshow-Meinungsmacher? Zumindest ich habe in den letzten Wochen permanent die Begriffe „Aleppo“ und „Tschetschenien“, aber kein einziges Mal etwas über „Afghanistan“, „Irak“ oder gar „Serbien“ gehört.

Unsere Talkshows bilden nicht die Debatte ab, sie lenken die Debatte in eine bestimmte Richtung. Sie schaffen keinen Debattenhorizont, sondern Debattenkorridore. Und die verschieben sich zusehends. Es ist sagbar, zum Krieg gegen Russland aufzurufen, und wer „nur“ den Stopp der Energieimporte aus Russland fordert, gehört in diesem Korridor schon fast der Gruppe der „Appeaser“ an. Man muss die Transatlantiker und die Falken beglückwünschen. Die totale Meinungsmache ist möglich und sie findet statt. Wer heute noch auf Entspannung, Diplomatie, Annäherung oder Deeskalation setzt, gehört nicht in den Debattenkorridor. Es fehlt nicht mehr viel, dann wollen wir alle den „totalen Krieg“ und später fragen sich schlaue Leute, wie das damals möglich war. Wir wissen es. Aber wir trauen uns nicht, es auszusprechen. Was soll auch sonst der totalen Meinungsmache folgen?

Heute ist übrigens mal wieder Andrij Melnyk zu Gast bei Maybrit Illner. Mal schauen, was er so zu sagen hat. Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!

Titelbild: Shyntartanya/shutterstock.com

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!