Melnyk macht nur „Fehler“ – Aber die Friedensbewegung ist „offen für Rechtsradikale“
Melnyk macht nur „Fehler“ – Aber die Friedensbewegung ist „offen für Rechtsradikale“

Melnyk macht nur „Fehler“ – Aber die Friedensbewegung ist „offen für Rechtsradikale“

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Angesichts der Praxis, kritische Bürger allzuschnell in die rechte Ecke zu stellen, ist die aktuelle Verniedlichung eines extremen Nationalisten eine erhebliche Heuchelei. Die Reaktionen mancher großer Medien auf den überfälligen Abschied des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk sind nicht nur darum sehr fragwürdig: Wie in den letzten Tagen ganz offen ein Faschisten-Sympathisant abgeschirmt wurde, ist ein Skandal. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Manche Kommentatoren großer Medien waren am Wochenende voller Bedauern, weil der skandalträchtige Botschafter Melnyk endgültig unhaltbar geworden war. Winfried Wolf hat kürzlich in diesem Artikel bereits auf diese Tendenz hingewiesen, die sich nun nochmals verstärkt hat: Um die Meinungsmache für die westliche Deutung des Ukrainekriegs nicht zu gefährden, machen bei der Person Melnyk viele Medien beide Augen zu, die sonst gar nicht hart genug gegen reale und angebliche Rechtsextreme vorgehen können.

Unschuldige Nationalisten, böse Friedensbewegung

Es besteht ein greller Kontrast zwischen der Abschirmung Melnyks sowie der verbreiteten Verklärung seiner radikalen Ideologie zu einem einmaligen kommunikativen „Fehler“ einerseits und der harten Diffamierung von regierungskritischen Bürgern andererseits. Diesen Kontrast bilden etwa zwei Berichte der „Tagesschau“ ab. Da ist zum einen dieser Bericht über die Ramstein-Proteste. Dort wird in einer absurden und bösartigen Konstruktion Teilen der Friedensbewegung eine „Offenheit auch Rechtsradikalen gegenüber“ unterstellt.

Und dann ist da zum anderen dieser „Tagesschau“-Beitrag, in dem ein bekennender Verehrer eines radikalen Nazi-Kollaborateurs als konstruktiver „Spiegelvorhalter“ bezeichnet wird, der uns fehlen werde, weil er „mit seiner Kritik an der deutschen Russland-Politik meist richtig lag“. Melnyks Bekenntnisse zu dem Faschisten Bandera werden nicht als Nazi-Verherrlichung gegeißelt, sondern als „schwerer Fehler“ in der Meinungsdebatte bezeichnet. Damit wird (zusätzlich zur Verharmlosung) so getan, als sei Melnyks längst bekannte Haltung zu Bandera eine Überraschung für die Journalisten gewesen. Die „Tagesschau“ fragt auch:

Wer also wollte dem Diplomaten verübeln, dass er hier mit allen – verbalen – Mitteln, sein Land zu retten versucht?

Und behauptet:

Für irgendwie geartete und in sozialen Medien nun tausendfach geäußerte Häme oder Schadenfreude über den Weggang Melnyks besteht jedoch nicht der geringste Anlass. Dass sich Teile der deutschen Politik, aber auch der Medienlandschaft seit Kriegsbeginn mit weit größerer Hingabe am ukrainischen Botschafter und dessen Stil abarbeiteten, als an der eigenen Haltung gegenüber Russland, war ebenso verräterisch wie erschreckend.

Sanktions-Kritik soll „rechts“ eingeordnet werden

Das sogenannte „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ baut schon mal vor, um Kritik an Waffenlieferungen und an der Sanktionspolitik als „AfD-Position“ zu brandmarken:

Schon jetzt versuchen beispielsweise die Rechtspopulisten von der AfD ihr Süppchen zu kochen auf der wachsenden Not der Bevölkerung, den Alltag zu finanzieren. Für den Kanzler wird es auch schwieriger werden, sein Versprechen einzuhalten, dass sich die Ukraine keinem russischen Diktatfrieden unterwerfen muss.“

Die begründete Kritik an der Ukrainepolitik der Regierung soll so in die rechte Ecke gestellt werden, während ein radikaler Nationalist wie Melnyk von vielen Medien weitgehend abgeschirmt wird.

Danke, Andrij Melnyk!“

Der oben genannte „Tagesschau“-Beitrag ist nur einer unter vielen Beiträgen, die sich am Wochenende mindestens indirekt hinter den Skandal-Botschafter stellten. Die „Süddeutsche Zeitung“ bemüht zu den Vorgängen um den Nationalisten Melnyk ausgerechnet ein Bild mit der schwarzen Shakespeare-Figur Othello:

Die Größe eines Helden zeigt sich nicht etwa im Moment seines Triumphs, sondern in seinem Untergang.“

Die „Welt” schwärmt :

Danke, Andrij Melnyk! Die Deutschen sind pikiert, wenn man ihnen die Wahrheit sagt. Deshalb jubeln so viele über den Abgang des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk. Dabei schulden wir ihm Dankbarkeit: Er hat deutsche Lebenslügen offengelegt. Und nebenbei einen ganz neuen Diplomatie-Stil geprägt.

Auch Medien aus der zweiten Reihe beteiligen sich an der Verklärung. Die „Augsburger Allgemeine“ meint: „Melnyk hat so seine Mission als schlechtes Gewissen für die Deutschen längst erfüllt, die lange bei Russlands Aggression wegschauten.“ Der „Südkurier“ schreibt:

Er wird fehlen. Mit seinem ständigen Drängeln durchkreuzte der undiplomatische Diplomat die zögerliche Ukraine-Politik von Kanzler Scholz und den Bremsern in der SPD. Wo auch immer die Deutschen die Augen verschlossen anstatt hinzusehen, sagte Melnyk es – und zwar deutlich. Als Botschafter eines Landes, das ums Überleben kämpft, hatte er gar keine andere Wahl. Nicht nur seine Landsleute, sondern auch die Deutschen haben Grund, ihm dankbar zu sein.

Er hat seine Regierung würdig repräsentiert“

Dass die Verehrung für den Nazi-Kollaborateur Bandera in Teilen der Ukraine weit verbreitet ist, beschreibt dieser Artikel, Melnyk ist beileibe kein Einzelfall. Melnyk wird auch nicht in Sack und Asche gehen – so wird er womöglich „noch im Herbst“ der „stellvertretende Außenminister der Ukraine werden“, wie die „Bild”-Zeitung schrieb. Diese Entscheidung der ukrainischen Regierung scheint die Einordnung der„jungen Welt“ zu stützen:

Man muss es Melnyk lassen: Er hat seine Regierung würdig repräsentiert. So sind sie drauf in Kiew, trotz eines Präsidenten mit jüdischen Wurzeln. Und genau dies: Dass ein Verbleib Melnyks auf seinem Posten die Verfasstheit seines Landes auf die Dauer allzu kenntlich gemacht hätte, dürfte der Grund dafür sein, dass er jetzt abberufen wurde.

Titelbild: Screenshot Jung & Naiv

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