Die Suppe wird an der Basis ausgelöffelt
Die Suppe wird an der Basis ausgelöffelt

Die Suppe wird an der Basis ausgelöffelt

Ein Artikel von Frank Blenz

Zwei Millionen Menschen suchen in Deutschland in diesen Tagen die Tafeln auf, schreiben die Medien. Tendenz steigend. Die Meldung, dass Finanzminister Christian Lindner (FDP) Einschnitte im Sozialbereich plant, schlägt hohe Wellen und die Sorgenfalten auch gerade derer, die in den Tafeln für hilfsbedürftige Menschen tätig sind, werden größer und tiefer. Und die, die in diesem Bereich tätig sind und sich für Bedürftige einsetzen, protestieren und bangen um sich selbst, denn die Mittel zur Unterhaltung für den Geschäftsbetrieb und ihrer wichtigen Arbeitsplätze, sie werden knapper oder werden verknappt – wie die Lebensmittel. Trotz allem – aufgeben wollen sie nicht, so wie auch die engagierten Menschen eines Vereins im Vogtland. Einen Besuch bei einer Tafel beschreibt Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Konstanze Schumann ist Leiterin einer Tafel-Einrichtung im Vogtland (Freistaat Sachsen), dem Verein Arbeitsloseninitiative Sachsen (ALI). Die Betriebswirtin und Sozialarbeiterin ist lange schon im Geschäft, mehr als 30 Jahre fühlt sie sich Menschen verbunden und verpflichtet, die eher nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Schumann erlebt, dass die soziale Lage sich derzeit verschlimmert, sie kämpft dagegen an.

Lange schon wird Schlimmes angerichtet – die Suppe löffelt die Basis aus

Dass Tafel-Leiterin Konstanze Schumann Briefe schreibt, für sie ist es Alltag, ehrliches Bedürfnis, berufliches wie soziales Selbstverständnis. Gerade jetzt gelte es, zu protestieren und nicht aufzugeben. Das heißt: Klinken putzen, Bettelbriefe schreiben, an Fördermaßnahmen teilnehmen, Fördermittel beantragen, Sponsoren, Spender, Helfer suchen und gewinnen, die Behörden informieren, mit denen um Lösungen ringen, die Politik anstupsen und an ihre Pflichten erinnern.

Ihr Ziel: Es soll unentwegt bekannt werden und ans Tageslicht kommen, dass soziale Arbeit wichtig ist, dass sie sich nicht von allein erledigt, dass sie Ursachen hat. Die Ursachen: Sie bleiben. Was bleibt, ist, die Folgen zu lindern, darum seht her: Menschen wie Konstanze Schumann und ihre Mitstreiter kämpfen, ja, sie kämpfen täglich an der Basis in einem reichen Land für bedürftige Menschen, für die – und das ist das Schlimme – stets nur der Platz am Katzentisch bleibt und nicht die echte Teilhabe und berechtigte Teilnahme in und an der Wohlstandsgesellschaft. Stattdessen leben sie in einer Art Parallelwelt, alimentiert, geduldet, mitunter gar von der reichen Welt verachtet, wie Schumann beobachtet.

Die Chefin der Arbeitsloseninitiative Sachsen engagiert sich nicht nur für ihre „Kunden“, sie ist andererseits für 27 Langzeitarbeitslose und zahlreiche weitere ehrenamtliche und teilzeitbeschäftigte Menschen verantwortlich, die in der Initiative tätig und mit den Jahren mehr und mehr unverzichtbar geworden sind. All diese engagierten Bürger sind selbst nicht im „besseren Drittel der Gesellschaft“ zu Hause. Diese Menschen an der Basis löffeln die Suppe für sich und ihre „Kunden“ aus.

Mehr als 3.000 Menschen versorgen – Tendenz steigend

Schumanns Team versorgt von Pausa und Plauen im sächsischen Vogtland aus seit vielen Jahren zuverlässig zahlreiche Familien, die in wirtschaftlichen und sozialen Notlagen leben müssen. Und es hört nicht auf. Konstanze Schumann sagt:

„Wir haben derzeit 650 registrierte ‚Kunden‘. Mehr als 3.000 Menschen kommen zu uns in die Tafel, die Lebensmittelpakete erhalten. Mehr als 60 Mittagessen werden pro Tag von Montag bis Freitag in der Suppenküche Plauen ausgereicht. Mehr als 500 registrierte ‚Kunden‘ zählen wir in den Kleiderkammern unserer ALI.“

Zur Erläuterung sei erwähnt, dass als ein Kunde eine Familie von einer bis acht Personen gewertet wird. Schumann weist die Verantwortlichen in der Politik immer wieder darauf hin, wie schwer es ist, den „Laden“ am Laufen zu halten. Sie ist den Sponsoren, den Spendern, den Märkten, den Anlaufstellen für Waren dankbar. Ohne sie könnte die Tafel einpacken. Dass die finanziellen Mittel dann aber auch noch gekürzt werden sollen, und derlei hat sie in ihrer langen beruflichen Laufbahn schon oft erlebt, das lässt sie wieder wütend werden, so die Sozialarbeiterin. Denn es gehe nicht nur um die Lebensmittelversorgung, es gehe auch um die berufliche Existenz auf dem sozialen, dem geförderten Arbeitsmarkt. Viele Langzeitarbeitslose seien Teil der ALI. Diese Existenzen seien wieder gefährdet, mahnt Schumann.

Wo geht die Reise hin? Noch ärmer?

„Noch kommen wir aktuell an gute Lebensmittel, unsere Strukturen sind stabil, wir haben fleißige Mitstreiter. Doch wir müssen immer mehr Leute versorgen. Zunehmend ist auch die Zahl der Rentner, die unsere Angebote nutzen, ihr eigenes Geld reicht einfach nicht mehr aus“, sagt die ALI-Chefin. Die alten Leute kämen gern in den Tagestreff der Tafel, sie können Kaffee trinken, Mittag essen, ein Schwätzchen halten. Manche alten Leutchen schauten auch mal in die Kleiderkammer, so als gingen sie shoppen. „Sie haben draußen die sozialen Kontakte aufgegeben, weil ihnen das Geld dazu fehlt – hier bei uns finden sie eine Art Ersatz. Wir kümmern uns, unsere Leute sind da und es herrscht eine herzliche Atmosphäre“, so Schumann.

„Auch die Flüchtlinge aus der Ukraine sind für uns eine Herausforderung. Wir sind da, ja. Die Menschen werden vom Landratsamt zu uns geschickt. Es wirkt aber so, als sollen wir zusehen, wie wir das regeln. Im Amt sorgt niemand dafür, dass wir mehr Lebensmittel und diese auch regelmäßig erhalten.“ Sorgen bereiten Schumann zudem die Preissteigerungen bei den Waren des täglichen Bedarfs, mögliche Lieferengpässe und die spürbaren Steigerungen der Kosten für Energie. „Wir haben immerhin fünf Fahrzeuge, die nicht mit heißer Luft fahren.“

Aufgeben? Nein!

Konstanze Schumann, seit 30 Jahren „im Geschäft“, denkt nicht ans Aufgeben, wenn sie auch manchmal resigniert und traurig ist, denn anstatt dass die Zeiten und Bedingungen besser werden, werden sie schlechter, beobachtet sie, und sagt:

„Aber das ist ja kein Naturgesetz, das ist gemacht, das ist gewollt oder eben nicht gewollt. Nicht gewollt ist, denke ich, dass es den einfachen Leuten gut geht. Und deswegen schreibe ich an die Damen und Herren der Politik immer wieder Briefe und lade sie ein, zu uns an die Basis zu kommen.“

Aus Berlin kamen Antwortbriefe. Einer davon, von der FDP, betitelte die Sorgen und Ankündigungen mit dem lapidaren Wort „Aufreger“. „Aufreger – das ist ein kleinmachendes Wort, finde ich, es ist auch nicht tröstend, wenn beschwichtigend gesagt wird, dass zu keiner Zeit eine Mittelkürzung geplant war. Warum berichten dann so viele davon? Ist es nicht doch anders?“, so Schumann.

Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass beim Sparen, beim Gürtel-enger-Schnallen schnell an der dünnsten Stelle gebohrt wird. Die richtigen Werkzeuge dazu haben sie in Berlin, so die Sozialarbeiterin voller Ironie. Erfolg mit dem an die Türe Klopfen habe sie dennoch, so Schumann: „Tatsächlich haben sich in den nächsten Wochen und Monaten Landtagsabgeordnete bei uns zum Besuch angekündigt. Und sogar die Bundestagsvizepräsidentin Yvonne Magwas (CDU), selbst aus dem Vogtland stammend, will vorbeischauen“, sagt Schumann und meint mit einem Anflug von Hoffnung:

„Ich habe gehört, da sie jetzt ja in der Opposition tätig ist, wird von ihrer Seite an einem Forderungskatalog an die Regierung gearbeitet. Da bin ich ja mal gespannt.“

Titelbild: addkm / Shutterstock