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7. Dezember 2016
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Daumen drücken für ‚unsere Hillary‘ – wie die ARD über die Vorwahlen in den USA ‚berichtet‘

Veröffentlicht in: Aktuelles, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Wahlen

Fast könnte man meinen, Hillary Clinton sei so eine Art Bayern München im Champions League-Halbfinale 2015 – ein letzter deutscher noch vertretener Verein, dem trotz toller Leistung nach einer hohen Hinspielniederlage das Aus droht und für den man allein schon wegen der nationalen Zugehörigkeit die Daumen drücken muss gegen übermächtige Gegner, denen man nur allzu gerne zuschreibt, dass sie nicht mit lauteren Mitteln kämpfen, es aber auf jeden Fall nicht so verdient haben wie ‚wir‘. – So in etwa der Tenor dessen, was uns die ARD am vergangenen Mittwoch in der 20 Uhr Ausgabe der Tagesschau als ‚Bericht‘ über die Vorwahlen zur US-Präsidentschaft in New Hampshire präsentierten. Von Daniel Grau.

Die als Berichterstattung getarnte Meinungsmache ist beispielhaft und wird uns im kommenden Jahr sicher noch häufiger begegnen: ARD-Nachrichtenchef Gniffke sieht ja nach wie vor kein Problem darin, auch in der Berichterstattung einen ‚klaren journalistischen Kompass‚ zu verwenden. Deshalb lohnt es, den Beitrag einmal unter die Lupe zu nehmen und auf die unterschwellig transportierten und auch die wenig kaschierten Botschaften aufmerksam zu machen.

Hier können Sie den Beitrag der Tagesschau im Original noch einmal anschauen. Er beginnt bei Minute 10:53 und dauert bis 12:53.

Während der von Sprecherin Rakers vorgetragene anmoderierende Text im großen und ganzen noch annehmbar ist, gilt dies für die im Hintergrund eingeblendeten Bilder der Sieger Trump und Sanders schon nicht mehr:

Während Trump als fröhlich lächelnder Sieger abgebildet ist, Daumen hoch, erscheint Sanders als bedrohliche Fratze. Sicher nicht nur eine nachlässig ungünstige Bildauswahl der Tagesschau-Redaktion, sondern schon eine beiläufige Manipulation, wenn man in Augenschein nimmt, was dann folgt.

Wesentlich massiver und gar nicht mehr beiläufig geht es nämlich im Einspielbericht des Korrespondenten Stefan Niemann zur Sache: Es wird, was die Demokraten betrifft, fast nur von der bemitleidenswerten Verliererin Clinton gesprochen, Sanders kommt lediglich im Nachsatz vor. Republikaner werden angesichts von Trumps Erfolg als ‚ratlos‘, gemeint ist ‚ohne ernstzunehmenden Kandidaten‘, dargestellt. Trump selbst wird offen als Populist diffamiert.

Aber der Reihe nach und im Wortlaut:

„Kein leichter Gang nach einer krachenden Niederlage. Das Lächeln von Hillary Clinton: gequält.“

Natürlich ist nachzuvollziehen, dass Frau Clinton angesichts des Wahlergebnisses nicht bester Laune ist, und das soll auch berichtet werden dürfen. Aber beobachten Sie einmal, welches Gefühl mit den Formulierungen „kein leichter Gang“ und den Dramatisierungen „krachend“ und „gequält“ beim Zuschauer erzeugt wird: Mitleid. Die Botschaft lautet: Die arme Frau. Die Bilder dazu sagen: Aber schaut, wie sie Größe beweist und trotzdem die Fassung bewahrt und sich stellt!

„Nur enttäuschende 38% der Stimmen hat sie erringen können, ihr Konkurrent holte satte 60%.“

Die Frage lautet hier: Wer ist eigentlich enttäuscht, oder soll enttäuscht sein? Vermutlich nur der unbedarfte Tagesschau-Zuschauer, denn dieses Ergebnis war alles andere als überraschend, sondern auch in seiner Klarheit fast exakt so vorausgesagt worden, was sicher auch dem ARD-Korrespondenten nicht entgangen sein dürfte. Und beachten Sie auch die Formulierung „ihr Konkurrent“. Der Name des Wahlsiegers Sanders bleibt im Bericht auch danach noch für weitere knapp 20 Sekunden ungenannt.

Stattdessen darf die Wahlkämpferin Clinton ihre Rhetorik ungefiltert auf die deutschen Bildschirme bringen, synchron übersetzt vom Korrespondenten:

„Es ist nicht entscheidend, dass du niedergeschlagen wirst, es kommt darauf an, ob Du wieder aufstehst.“ (Jubel in der Versammlung, vor der sie spricht.)

Frage: Ist hier jemand ’niedergeschlagen‘ worden? – Ganz offensichtlich ist sie unverletzt geblieben. Vor allem der Glaube, alles richtig gemacht zu haben, scheint bei ihr ungebrochen.

Dann wieder der Sprecher: „Clinton muss kämpfen, vor allem gegen ihren Ruf, zum Washingtoner Polit-Establishment zu gehören, …“

Ja, so stellen wir uns die ideale Präsidentin vor: Kämpfend, aufrecht und ehrlich arbeitend trotz aller Rückschläge; Blut, Schweiß und Tränen. Beachten Sie hier jetzt bitte auch die inhaltliche Botschaft: Ihr Problem sind nicht die politischen Positionen, die bei den Wählern keinen guten Anklang finden. Ihr Problem ist ihr Ruf, zum Establishment zu gehören. – Da ist in Wirklichkeit natürlich nichts dran. Im Gegenteil: Sobald ermittelt ist, wer dieses infame Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin zum Establishment gehöre, wird es erste Verleumdungsklagen geben.

„… und gegen ihn: Wahlsieger Bernie Sanders. Seine leidenschaftliche Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit hat Wähler aller Altersgruppen mobilisiert.“

Hier fällt jetzt erstmals im Beitrag der Name des Wahlsiegers Sanders, und zwar in genau dem gleichen Atemzug, in dem zuvor die widrigen Umstände genannt wurden, gegen die Clinton anzukämpfen hat. Er wird also gewissermaßen zu allererst in seiner ‚Funktion‘ als weiterer widriger Umstand auf dem Weg zu Clintons Kandidatur präsentiert.

Der 60:38-Wahlsieger ist dem Korrespondenten genau einen Satz wert. Für ihn gibt es keine Information zu seiner Stimmungslage, keinen emotionalen O-Ton, mit dem er die Zuschauer direkt ansprechen könnte, keine Hintergründe. Zum Beispiel den, dass auch Sanders in gewisser Weise zum politischen Establishment gehört, seit 1981 durchgängig Ämter bekleidet, zunächst als Bürgermeister, dann Kongressmitglied und seit 2007 Senator. Was ihm aber wohl nicht schadet – vielleicht, weil er nicht wie Clinton massiv mit den großen Political Action Committees verbandelt ist, den Lobbygruppen, die die Wahlkämpfe ‚ihrer‘ Kandidaten erheblich finanzieren?

Immerhin wird zugegeben, dass seine politischen Vorstellungen offenbar bei den Wählern ankommen. Allerdings wird ihm durch die Art der Formulierung daraus auch gleich wieder ein Strick gedreht: Mobilisierung der Wähler durch ‚leidenschaftliche Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit‘. Unfair: Denn das weiß der geübte Zuschauer ja längst aus der deutschen und europäischen Debatte, dass das heutzutage keine reale politische Option mehr ist, sondern nur Rattenfängerei. Das Wort Populismus wird (noch) elegant vermieden, der entsprechende Eindruck aber subtil angedeutet.

Es folgt keine Analyse, kein Vergleich Clinton – Sanders, noch nicht mal ein Ansatz davon, zu hinterfragen, was Clinton, wenn man schon vorwiegend von ihr spricht, denn da genau ’niedergeschlagen‘ hat oder was es bedeuten kann bzw. muss, wenn sie nicht nur ‚wieder aufstehen‘, sondern zukünftig auch erfolgreich zurückschlagen will. Sie hat offenbar alles richtig gemacht und bei der Wahl leider nur Pech gehabt, u. a. weil Sanders emotionalisiert und sie unfair schlecht aussehen lassen hat.

Zum Ende des Berichts über die Demokraten ist festzuhalten, dass dieser sich auch rein zeitlich viermal länger mit Verliererin Clinton als mit Sieger Sanders befasst hat. Dann geht es mit den Republikanern weiter, konkret mit Trump. Sicherheitshalber ohne Sprech- und Atempause nach dem einen Satz über Sanders. Dem Zuschauer soll zum einen wohl nicht allzu viel Zeit zur Reflektion des gerade Gehörten gelassen werden, zum zweiten scheint es auch nicht ungelegen zu kommen, Sanders mit Trump in Verbindung bringen zu können.

„Auch er will Amerika neu erfinden, aber ganz anders. Multimilliardär Donald Trump hat acht republikanische Mitbewerber deklassiert, holte 35% der Stimmen. Sein Erfolgsgeheimnis: schlichte Heilsversprechen, Fremdenfeindlichkeit, unerschütterliches Selbstbewusstsein.“

Beachten Sie, wie Sanders hier durch die Formulierung ‚Auch er‘ mit Trump in die gleiche Ecke gestellt wird – Botschaft: Sanders, Trump – im Detail zwar vielleicht ‚ganz anders‘, im Grunde aber alles dieselben Typen! Und was von Trump zu halten ist, da ist die ‚Berichterstattung‘ nicht zimperlich: Das ihm zugesprochene Anliegen ‚Amerika neu erfinden‘ zu wollen klingt wohl nicht nur zufällig so lächerlich und nutzlos wie ‚das Rad neu erfinden‘. En passant wird damit auch noch schnell die Nebenbotschaft untergebracht: ‚Warum überhaupt etwas anders machen wollen? – Ist doch alles ganz gut so, wie es ist.‘ Auch für die als ‚Erfolgsgeheimnis‘ titulierten Positionen Trumps sind durchgehend negativ wertende Begriffe gewählt, die nahelegen, was schon im Satz über Sanders angedeutet wurde: Clinton hat es mit Populisten zu tun!

Sicherheitshalber folgt als Beweis noch einmal Trump im O-Ton: „In puncto Arbeitsplätze werde ich der größte Präsident sein, den Gott je erschaffen hat. Merkt euch das!“

Nach den Zahlen der Republikaner tritt dann der Berichterstatter der ARD höchstselbst vor die Kamera.

„Ratlos ist die republikanische Partei nach Trumps Triumph. Der Populist profitiert von der Sehnsucht vieler Wähler nach simplen Antworten.“

Wer die ‚ratlosen‘ Republikaner und weshalb sie ‚ratlos‘ sind, bleibt unerklärt, lässt sich allenfalls aus der nicht ausgesprochenen, womöglich aber umso mehr erwünschten Botschaft herleiten, dass Niemann Trump und alle seine partei-internen Konkurrenten im Vergleich zu Clinton für offensichtlich unwählbar hält.

Für ihn gibt es insofern auch keinen Anlass, darüber zu informieren, was denn die anderen acht republikanischen Kandidaten anzubieten hatten, dass offenbar für jeden dritten Republikaner-Anhänger Trump trotz allem als die beste Alternative erscheint (Das hätte er z. B. auf den NachDenkSeiten nachlesen können).

Im übrigen ist sehr zu hoffen, dass nicht allzu viele amerikanische Wähler diese Tagesschau angesehen haben. Ihnen ‚Sehnsucht nach simplen Antworten‘ zu unterstellen und dass sie auf Trump hereinfallen, den er jetzt endlich auch ganz offen als Populisten denunziert, ist wenig schmeichelhaft. Diese überhebliche Herabsetzung zeugt in Wirklichkeit allerdings mindestens so sehr davon, dass der Korrespondent dem Tagesschau-Publikum gerne simple Antworten gibt.

Fazit: Alles Idioten, außer Hillary! Und für sie fällt Niemann dann leider nur ein reichlich unkonkreter Ratschlag ein, was jetzt zu tun sei:

„Clinton muss Sanders‘ Vision von einem gerechteren Amerika rasch eine eigene Botschaft entgegensetzen, denn schon einmal hat sie einen Gegner im Vorwahlkampf unterschätzt und am Ende verloren: Gegen Barack Obama.“

Hier wird die Botschaft jetzt doch recht deutlich ausgesprochen: Wir wollen Clinton, nicht Sanders.

Dass Sanders, oder auch nur dessen Vision von einem gerechteren Amerika, auf keinen Fall die bessere Alternative zu Clinton sein kann, steht für Niemann fest.

Eine ‚eigene Botschaft‘ Clintons soll es deswegen sein. Was aber tun, wenn man keine hat? Worin die ‚eigene‘ im Unterschied zu der von Sanders bestehen sollte, kann der ARD-Mann nämlich auch nicht benennen – vermutlich weil ihm klar ist, dass Sanders auf dem programmatischen Feld kaum zu schlagen sein wird.

So verklingt der Rat nur als abstrakter Appell an die Kandidatin des Herzens: ‚Mach was, Mädchen, damit es nicht wieder schief geht! – Wir wollen Dich gerne als Siegerin sehen.‘

Seinen Anteil dazu hat Hillary-Clinton-Fan Stefan Niemann beigetragen.

Schade nur, dass wir Deutschen nicht mitwählen dürfen.

Es wäre aber doch auch ein Jammer, wenn ‚unsere Hillary‘ wieder im Halbfinale ausscheidet!

Nachbemerkung Albrecht Müller: Der Beitrag zeigt, in welchem jämmerlichen Zustand wichtige deutsche Medien sind. Wir haben es mit einer Kampfpresse zu tun. Wichtige Medien verstehen sich selbst als Kampagnen-Medien. Eine berechtigte Frage ist, wie solche Kampagnen zu Stande kommen, ob jemand dahintersteckt und wer dahinter steckt, oder ob die Gleichrichtung zu einem Problem einer Art von Zeitgefühl entspringt, auf das sich die Verantwortlichen verständigt haben. Damit ist gemeint: man muss nicht davon ausgehen, dass unsere Tagesschau-Macher täglich telefonisch von der US-amerikanischen Botschaft oder von PR Agenturen und deutschen Politikern „betreut“ werden. – Ein in der Wirklichkeit dieser Medienwelt erfahrener Leser der NachDenkSeiten hat uns letzthin darauf aufmerksam gemacht, dass es zwischen den Akteuren der berichtenden und kommentierenden Medien so etwas wie eine einverständliche Ausrichtung gibt: gegen alles Linke, also gegen Corbyn, Sanders, Tsipras, Wagenknecht, usw. Und auch gegen die Russen. Ich nannte das mal in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau (12.2.2003) „Kollektiver Wahn“, veröffentlicht auf den NachDenkSeiten am 1. Dezember 2003. Damals ging es um den Umgang der Medien mit den sogenannten Reformen.

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