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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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Obamania oder das Spiel mit der Hoffnung

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Bis zu 200.000 Menschen sollen auf der Berliner Fan-Meile dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten der USA auf seiner Wahlkampftournee rund um die Welt zugejubelt haben. Barack Obama spricht Träume und Sehnsüchte der Menschen an, und man kann gerade nach der achtjährigen Präsidentschaft von George W. Bush verstehen, dass sie Hoffnungen auf Obama setzen. An den wenigen Stellen seiner Bekehrungsrede, an denen er konkret wurde, hat Obama jedoch von Deutschland und Europa nichts anderes gefordert, als der derzeitige Präsident auch, nämlich mehr Truppen in Afghanistan und militärische Gemeinsamkeit im Kampf gegen den Terror.

Fangen wir mit dem Positiven an:

  1. Ohne Zweifel hat Obama eine rhetorisch gelungene Rede vor der Kulisse der Berliner Siegessäule gehalten. Der Einstieg in der Attitüde der Bescheidenheit: er komme als US-Bürger und nicht als Präsidentschaftskandidat. Eine gelungene Abgrenzung zur legendären Kennedy-Rede: „Ich sehe nicht so aus wie die Amerikaner, die vorher zu Ihnen gesprochen haben.“ Und der Verweis auf seine afrikanische Herkunft mit all den Assoziationen auf Integration und Aufstiegschancen.

    Dann rührte er die Berliner Seele: „Die Menschen von Berlin haben die Flamme der Hoffung am brennen gehalten – sie gaben nicht auf…Diese Stadt kennt den Traum von der Freiheit”. Und dann noch – offenbar gut vorbereitet – die Reminiszenz an die Durchhalterede aus dem Jahr 1948 des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter vor dem Reichstag: „Völker der Welt, schaut auf Berlin“.

    Die Berliner Luftbrücke der Alliierten 1948/49 diente ihm als roter Faden durch seine Rede als Symbol für Schicksalsgemeinschaft, Partnerschaft oder den Kampf für die Freiheit. Der Fall der Berliner Mauer als Hoffnung und zugleich als Warnung, „dass neue Mauern entstehen zwischen den Nationen, zwischen Rassen und Stämmen, zwischen Muslims und Juden. Dies sind die Mauern, die wir einreißen müssen.” Den Redenschreibern gebührt hoher professioneller Respekt, und Obama hat ein großes rednerisches Talent – auch wenn er manchmal allzu hektisch von einem Teleprompter zum anderen schwenkte. Er war auch gut beraten, die Ovationen nicht ausufern zu lassen.

  2. Es ist jedenfalls besser, wenn ein amerikanischer Politiker – zumal noch als Präsidentschaftskandidat – vom „Brücken bauen“ statt von der Achse des Bösen spricht. Es ist besser, wenn von „Partnerschaft“ statt von einer „Koalition der Willigen“ die Rede ist. Es ist besser, wenn davon gesprochen wird, dass man Verbündete brauche, die voneinander lernen, die einander vertrauen, statt dass in unipolaren und hegemonialen Kategorien gedacht wird. Es ist besser, wenn das Einreißen der Mauern zwischen den Nationen, zwischen Rassen und Stämmen, zwischen Muslims und Juden die Rede ist, statt vom „clash of civilization“. Es ist auch besser, wenn gefordert wird, dass „wir den Reichtum neu verteilen müssen“, statt Glaubenssätze von mehr Wettbewerb, Deregulierung und Privatisierung zu verkünden.
  3. „This is the Moment“ war die Anapher, die sich durch seine Rede zog. Die ständige Wiederholung von Wörtern („Change“) oder Parolen („Yes, we can“) scheint zwar ein systematisch gebrauchtes Stilmittel in Obamas Präsidentschaftskampagne zu sein, ich habe mich jedoch während der Rede immer wieder gefragt, warum gerade jetzt der Moment gekommen sein soll, die Welt vom Terror, von den Klimaproblemen, vom Abschmelzen der Polkappen, vom Mohn in Afghanistan, von der Gewalt in Somalia und Darfur zu erlösen.

    Er hat keinen einzigen Grund genannt, warum gerade jetzt der Augenblick da sei, außer sich selbst. Warum hat er nicht den Hunger in der Welt genannt oder etwa die nicht länger hinnehmbare Teilung in Arm und Reich, auch in seinem Land?

    Obama hat zwar immer von „wir“ gesprochen, doch der Eindruck musste entstehen, als ob allein durch ihn die Erlösung komme, für den Spiegel ist er gar schon der „Weltpräsident“:

    Das ist der Augenblick, an dem wir den Globus für unsere Kinder retten müssen. Wir stehen für Menschenrechte in Birma, in Simbabwe. Wir werden niemals wieder zulassen, dass sich so etwas wiederholt wie in Darfur. Wir sind gegen Folter und für Rechtsstaatlichkeit. Wir wollen für alle die gleichen Chancen schaffen.

    Oder:

    Wir sind Menschen mit unwahrscheinlicher Hoffnung. Lasst uns mit einem Blick auf die Zukunft, mit Zuversicht in unseren Herzen uns an diese Geschichte erinnern, dem Schicksal antworten und die Welt wieder erneuern.

    Oder die Schlusskadenz:

    Menschen von Berlin, das ist unsere Zeit. Die Hoffnungen sind größer als alles, was uns trennt. Berliner und Weltbürger, die Herausforderungen sind immens, und der Weg wird lang sein. Wir werden für die Freiheit kämpfen. Wir stellen uns dem Schicksal. Danke Berlin. Gott segne Sie.

    Ich kann zwar verstehen, dass ein Präsidentschaftskandidat Hoffnungen auf sich lenken muss – zumal weil der Senator aus Illinois politisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist -, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als schlüpfe Obama in die Rolle eines charismatischen Erweckungspredigers, der die Amerikaner, ja die Menschheit mit seiner Predigt bekehren und die Welt erneuern will.

    Von seiner Biografie her ist es sicher nicht der evangelikale Einfluss wie bei George W. Bush. Ist es aber wirklich der „Dream“ eines Martin Luther Kings? Oder ist es einfach die Flucht aus der konkreten Politik – und damit aber auch eine Flucht aus der Mühsal der Ebene? Oder noch schlimmer, ist es nur ein Sammelsurium an banalen Floskeln, die an Sehnsüchte der Menschen anknüpfen, um sie zu verführen?

  4. Man darf von einer halbstündigen Rede vor einem Massenpublikum kein differenziertes politisches Programm erwarten. Nur, viel anderes als vage Hoffnungen hat Obama nie verbreitet, und auch in seinen Interviews wurde er nur selten konkret – und wenn, dann kamen schon vielfach Sachpositionen zum Vorschein, die so gar nicht seinem Weltverbesserungsimage entsprechen.

    Obama sprach von der „Verteidigung der Freiheit in der Welt“:

    Wenn es uns mit der Nato gelungen ist, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen, dann können wir auch eine neue und weltweite Partnerschaft aufbauen, um die Netzwerke außer Gefecht zu setzen, die in Madrid und Amman zugeschlagen haben, in London und Bali, in Washington und New York.

    In die Knie zwingen und außer Gefecht setzen klingt ziemlich martialisch. War es wirklich die Nato, die die Sowjetunion in die Knie gezwungen hat? Warum ist bei der Bekämpfung des Terrorismus an erster Stelle das westliche Militärbündnis gefragt, und warum sind es nicht – zumindest auch – friedensstiftende Maßnahmen der Vereinten Nationen? Warum sind nicht auch die Weltbank und der Weltwährungsfonds gefordert? Heißt das nun Wandel durch Verständigung und Entwicklung oder gibt es nur die militärische Antwort – Gewalt gegen Gewalt also?

    „Wir haben immer wieder gesagt, dass wir die Arbeit teilen müssen. Wir brauchen in Afghanistan die Truppen der Europäer…Es steht im Moment zu viel auf dem Spiel, um sich jetzt aus Afghanistan zurückzuziehen. Wir müssen bei unserer Entschlossenheit bleiben, die Taliban zu bekämpfen. Niemand heißt den Krieg willkommen. Ich sehe die enormen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die erste Mission der Nato außerhalb ihrer Grenzen zum Erfolg wird. Amerika schafft das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen.”

    Wer hat eigentlich gerade die Nato nach Afghanistan gerufen? Wo bleibt der Hinweis auf das Völkerrecht? Warum fordert er nur noch mehr Truppen, und was ist mit dem zivilisatorischen Aufbau Afghanistans?

    Wir müssen den Frieden der Welt anstreben ohne Atomwaffen.

    Warum sind aber nur die Atomwaffen im Iran eine Bedrohung für den Frieden?

    Europa und die USA müssen gemeinsam Iran dazu bringen, von seinen Nuklearplänen Abstand zu nehmen.

    Keine Rede davon, dass auch die Nuklearmächte Anstrengungen zur (verbalen und militärischen) atomaren Abrüstung machen müssten.

    Fragen über Fragen also und keine Antworten, und schon gar keine konkreten Ankündigungen über eine andere Politik. Obama lebt vom „wind of change“ und von den Hoffnungen der Menschen auf eine bessere Welt. Auch in Berlin hat er mit diesen Hoffnungen gespielt; ob er die Hoffnungen auch trägt oder ob er nur ein charismatischer Prediger oder gar nur ein rhetorisch begabter Volksverführer ist, bleibt weiter offen.

    Bei mir hat er keine großen Hoffnungen erwecken können, denn das einzige, was er konkret von Deutschland und Europa gefordert hat, war größeres Engagement im Irak und mehr Truppen in Afghanistan. Das hat auch schon George W. Bush verlangt. Der Unterschied lag nur im Ton.

    Obama spricht Träume und Sehnsüchte der Menschen an, auch in Deutschland. Der Zuschauerandrang in Berlin zeigt, dass es offenbar ein Bedürfnis vieler Menschen gibt ihre Hoffnungen auf Personen zu projizieren, ob die Projektionsflächen nun die Fußballnationalmannschaft, der Papst oder eben Obama abgeben. Der Jubel für Obama beweist, dass viele Menschen noch die Hoffnung auf einen Wechsel, auf eine bessere Welt nicht aufgegeben haben. Die Begeisterung zeigt aber auch, wie leicht sich die Menschen durch geschickte Rhetorik und durch charismatische Führer verführen lassen. Und das macht gerade in Deutschland auch Angst.

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