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Von Heinrich Böll zu Herta Müller, vom Demonstranten gegen Pershing-Raketen zur Wanderpredigerin für den Feindbildaufbau

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Militäreinsätze/Kriege

Beide haben den Literatur-Nobelpreis bekommen, Heinrich Böll 1972, Herta Müller 2009. Böll demonstrierte in Mutlangen gegen die Aufstellung von Atomraketen, Herta Müller wirbt für Kriegseinsätze der NATO. Und sie unterscheidet messerscharf in Gut und Böse. So auch bei einem Auftritt in der serbischen Hauptstadt Belgrad in der vor-vergangenen Woche. Wir sind von einem deutschen Studenten, von Lucas Maximilian Schubert, auf dieses Ereignis aufmerksam gemacht worden. „Diese Woche ist Herta Mueller der Hauptgast an der Belgrader Buchmesse und hat einige sehr interessante Statements geäußert. Vor allem sprach sie für militärischen Interventionismus seitens der NATO zum „Schutz der Menschenrechte“, von der Alleinschuld des serbischen Volkes für die Kriege im ehemaligen Jugoslawien und der „Arroganten Haltung der Serben gegenüber dem Militärbündnis“, so Schubert. Albrecht Müller.

Weil die deutschen Medien über diesen Vorgang ausgesprochen einseitig berichteten und weil die von Herta Müller gepflegte Stimmungsmache zur Förderung des West-Ost-Konfliktes von größerer Bedeutung ist und von anderen in ähnlicher Weise betrieben wird, haben wir das Angebot von Lucas Maximilian Schubert, B.A., Äußerungen von Herta Müller im serbischen Fernsehen für die NachDenkSeiten zu übersetzen, angenommen. Wir haben ihn zusätzlich ermuntert, die Einlassungen Herta Müllers zu kommentieren. Das hat er ausgezeichnet gemacht. Wir geben Ihnen also Folgendes zur Kenntnis:

  1. Die Äußerungen der Nobelpreisträgerin Herta Müller im serbischen Fernsehen vom 23.10.2017 in Serbisch und übersetzt ins Deutsche, Stichworte von uns gefettet
  2. Die Kommentierung von Lucas Maximilian Schubert
  3. Eine Auswahl von Berichten deutscher Medien
  4. Fazit: Feindbild-Aufbau ist wieder geläufig geworden. Hinweise auf ähnliche Aktionen und Einordnung
  1. Die Äußerungen der Nobelpreisträgerin Herta Müller im serbischen Fernsehen in Serbisch und übersetzt ins Deutsche von Lucas Maximilian Schubert, B.A.

    Radio Televizija Srbije (RTS), Belgrad, 23.10.2017

    Herta Müller, Zitat: „Из приче и разговора настају такође конфликти. Нисам пацифисткиња и верујем да се неке ситуације могу решити само одређеним захватима. Када постоји рат, тада мора да се изврши захват како би једна страна изгубила све и била поражена од друге стране. Када је већ тако верујем да је војна интервенција људска и морална позиција. То можемо да видимо увек изнова на различитим примерима. Ако будемо добри и пијемо чај једни са другима све ће бити у реду. Многи ратови су показали да није било баш тако“

    Herta Müller, Zitat: “Aus Gesprächen und Verhandlungen entstehen auch Konflikte. Ich bin keine Pazifistin und ich glaube, dass manche Situationen nur mit bestimmten Mitteln gelöst werden können. Wenn ein Krieg stattfindet, dann muss etwas unternommen werden, dass eine Seite alles verliert und dass sie von der anderen Seite besiegt wird. Wenn es schon so ist, dann glaube ich, dass militärische Intervention eine menschliche und moralische Position ist. Das können wir stets auf eine neue Art beobachten in verschiedenen Beispielen. Wenn wir nett sind und mit jedem Tee trinken, dann wird schon alles gut werden. Viele Kriege haben gezeigt, dass das nicht so gelaufen ist.“

    Herta Müller, Zitat:“Ко у девет година води четири рата и ко тако прагматично гради гробља као градове, он се не може стићи речима. Била бих срећна да је НАТО ушао у Румунију, али се то није догодило и Румуни су се борили против Румуна да би ставили тачку на Чаушескуа“

    Herta Müller, Zitat: „Wer in neun Jahren vier Kriege führt und wer so pragmatisch aus Städten Gräber macht, den kann man nicht mit Worten erreichen. Ich wäre froh gewesen, wenn die Nato in Rumänien einmarschiert wäre, aber das ist nicht passiert und Rumänen haben gegen Rumänen gekämpft, damit man einen Schlussstrich unter Ceausescu ziehen kann.”

    Herta Müller, Zitat: „У Украјини је много људи настрадало и верујем да би тим људима морало да се да оружје зато што се неке победе не могу тек тако извојевати. Питам се зашто постоји НАТО? Руси могу тотално да униште ту земљу… У Украјини практично не може нормално да се живи само зато што су хтели у Европску унију. Румунија је ушла у НАТО само зато што је била у страху од Русије. Сви су имали тај страх. Сви су страховали од КГБ-а и Москве“

    Herta Müller, Zitat: „In der Ukraine sind viele Menschen zu Tode gekommen und ich glaube, dass diesen Menschen Waffen gegeben werden müssten, weil sich manche Siege nicht so einfach erringen lassen. Ich frage mich, warum existiert die NATO? Die Russen können dieses Land total vernichten…in der Ukraine kann man praktisch nicht normal leben und das nur, weil sie in die Europäische Union wollten. Rumänien ist in die NATO eingetreten, nur weil es in Angst vor Russland war. Alle hatten diese Angst. Alle haben sich gefürchtet vor dem KGB und Moskau.

    Herta Müller, Zitat: „Није се то догодило. Путин је све изврнуо. Данас је повређен новинар који критикује Путина. Он је у животној опасности. То су ствари за које смо мислили да се неће више догађати. Ако не иде дипломатски онда мора војно да се зауставе такви типови. Тако су и Милошевића морали да сруше“

    Herta Müller, Zitat: “Das ist nicht geschehen (zur Etablierung der Demokratie nach dem Zerfall der UdSSR in Russland, Anmerkung Schubert). Putin hat alles verkehrt. Heute wurde ein Journalist verletzt, der Putin kritisierte. Er ist in lebensgefährlichem Zustand. Das sind Dinge, von denen wir glaubten, dass sie nie wieder passieren. Wenn nicht mit diplomatischen Mitteln, dann muss man diese Typen militärisch stoppen. So musste man ja auch Milošević beseitigen“

    Иван Ивањи је одговорио немачкој нобеловки да су стотине хиљада људи својим гласовима срушиле Милошевића, а не НАТО, на шта је Милер узвратила да породица Милошевић такође живи у Русији и да то говори о релацијама.

    Ivan Ivanji (serbischer Schriftsteller, Anmerkung Schubert) antwortete der deutschen Nobelpreisträgerin, dass hunderttausende Menschen mit ihren Stimmen Milošević beseitigten, nicht etwa die Nato, worauf Müller entgegnete, dass die Familie Miloševićs auch in Russland lebt, was viel über die Ähnlichkeiten (von Putin und Milošević? Amerkung Schubert) aussagt.

    Herta Müller, Zitat: „Путин их радо прима. То је прилично преварантска позиција. Политика Путина је експанзионистичка“

    Herta Müller, Zitat: „Putin hat sie freudig empfangen (die Milosevics). Dies ist eine verräterische Position. Die Politik Putins ist eine expansionistische.“

    Quelle: Radio Televizija Srbije (RTS, serbisches Staatsfernsehen)
    Link zur Adresse so wie zuletzt gesehen am 30.10.2017

  2. Die Kommentierung von Lucas Maximilian Schubert

    Diese Aussagen wurden von Seiten Herta Müllers auf der Belgrader Buchmesse im Oktober 2017, deren Hauptgast sie war, in einer öffentlichen Gesprächsrunde geäußert. Mit ihr auf der Bühne waren Ivan Ivanji, ein serbischer Schriftsteller, sowie Michael Martens, Journalist der FAZ.

    Es ist schon interessant, wie eine gebildete Frau und Nobelpreisträgerin wie Herta Müller sich zu einer klassischen Gut-Böse Dichotomie hinreißen lässt, wie man sie sonst nur aus der Propagandamaschinerie des State Department kennt. Sie reiht sich aber damit leider nur in eine ganze Serie von Kunstschaffenden ein, die sich blindlings in den Dienst derjenigen stellen, welche die Illusion eines „benevolenten Imperiums“ aufrecht erhalten wollen. In diesem Fall handelt es sich um die NATO und die führende Nation dahinter, die USA.

    Natürlich müssen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gestoppt werden, aber ob die NATO dazu die richtige Organisation ist, ist mehr als nur fragwürdig. Herta Müller spricht von Moral, doch wenn es um unmoralische sowie völkerrechtswidrige Angriffskriege, den Bruch von Menschenrechten und der rücksichtslosesten Verwirklichung von geostrategischen Zielen geht, ist wohl keine andere Macht derzeit globaler Spitzenreiter außer den Vereinigten Staaten von Amerika.

    Wenn es um internationale Politik geht und deren Analyse, so sind Vereinfachungen wohl das Schlechteste, was man tun kann. Im Bürgerkrieg, der das ehemalige Jugoslawien heimsuchte, gab es von allen Seiten schreckliche Verbrechen, nicht nur von der serbischen Seite aus. Jedoch stellt Müller Serbien als den alleinigen Urheber des Konfliktes dar. Kein Wort über die Verbrechen und das Leid, welches auch das serbische Volk erdulden musste. Eine berechtigte Frage an Frau Müller wäre: Was wenn nicht absolut menschenrechtswidrig waren diese Vorgänge? Oder waren es etwa gerechtfertigte Akte gegen ein „böses Volk“? Dies würde dann allerdings sehr stark den Vorgängen in den 1990ern ähneln, als von einigen westlichen Medien versucht wurde, das serbische Volk zu dämonisieren mit Stilmitteln, welche nicht weit entfernt waren von der „Untermensch“-Propaganda des NS Regimes während des 2.Weltkriegs.

    Aber auch im weiteren Kontext sind ihre Aussagen mehr als bedenklich. Denn, was Müller vergisst, ist wohl die Tatsache, dass es sich bei den Vorgängen in der Ukraine keineswegs um eine demokratische Entscheidung des Souveräns zur Annäherung an die EU handelte. Auch hier sind die Vorgänge viel komplexer, als dass sie in eine Projektion im Stile von „gute Jungs“ und „böse Jungs“ passen würden, was natürlich aber suggeriert werden soll.

    Dies soll nicht als Fürsprache für Wladimir Putin gelten, sondern es soll hier eher darauf hingewiesen werden, welche Stilmittel die Aussagen Müllers als kriegstreiberisch und propagandistisch entlarven. Russland ist nicht die UdSSR, der KGB ist verschwunden, dennoch stellt sie es so dar, als würde eine ununterbrochene Kontinuität stattfinden zwischen diesen Kapiteln in der Geschichte. Aber anstatt nüchtern zu betrachten, dass die Ukraine Opfer in einem Machtspiel zwischen Ost und West geworden ist, stellt sie Russland als den alleinigen Aggressor dar.

    Wer die Folgen von „humanistischer Intervention“ sehen will, sollte nach Kragujevac in Zentralserbien oder nach Leskovac im Süden des Landes reisen. Dort befinden sich Gebiete, welche noch immer verseucht sind von Munition aus abgereichertem Uran, welche die NATO-Kampfbomber verschossen; als Folge erhöhte sich die Leukämierate, gerade unter Kindern, drastisch. (Serbien zieht gerade gegen die Nato vor Gericht deswegen) Oder die Mahnmale für getötete oder vertriebene Zivilisten auf beiden Seiten.

    Das sollte auch als Mahnung gelten, dass militärisches Eingreifen kaum etwas löst. Ivan Ivanji sagte es ganz richtig: das serbische Volk, hat durch vereinigte Stimmen und Kräfte Milošević beseitigt, nicht die NATO. Dies ist das einzige legitime Mittel zur Absetzung eines Tyrannen. Ein Angriffskrieg gegen Russland würde doch wohl eher den Planeten in ein einziges Grab verwandeln. Ich dachte immer, Schriftsteller seien sich über so etwas im Klaren, aber wie immer muss man wohl auch im Fall von Herta Müller Person und Werk voneinander trennen.

    Aus Belgrad, Lucas Maximilian Schubert

  3. Eine Auswahl von Berichten deutscher Medien
    • NOBELPREISTRÄGERIN IN BELGRAD:
      Proteststurm gegen Herta Müller
      „Die Serben haben sich selbst Leid angetan, und damit müssen sie jetzt leben“: Als Ehrengast der Belgrader Buchmesse verteidigt Herta Müller die Bombardierung Jugoslawiens und erntet Empörung.
    • Kontroverse um Herta Müller in Serbien
      In ein Wespennest gestochen
      Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gibt in Belgrad Serbien die Schuld an den Balkan-Kriegen der 90er Jahre und wird dafür scharf angegriffen.
    • Herta Müller nach Serben-Kritik Ziel wütender Kommentare
      Direkt aus dem dpa-Newskanal
      Belgrad/Berlin (dpa) – Die in Berlin lebende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist nach ihrer Kritik am serbischen Nationalismus Ziel wütender Kommentare geworden. Sie solle sich erst einmal in den entsprechenden Büchern über die Kriege beim Auseinanderfallen Jugoslawiens informieren, bevor sie einseitig den Serben die Schuld zuschiebe, verlangte am Montag selbst in der liberalen Belgrader Zeitung „Danas“ die Übersetzerin Milica Spadijer.
    • Literaturnobelpreisträgerin:
      Herta Müller bringt die Serben gegen sich auf
      Eigentlich war die Literaturnobelpreisträgerin Stargast der Belgrader Buchmesse. Doch ihre deutliche Position über Serbien als Kriegstreiber hat in Belgrad eine Empörungswelle ausgelöst.
    • KULTUR 
      SERBISCHER NATIONALISMUS
      Niemand spricht über die Verbrechen
      Die Nobelpreisträgerin Herta Müller hat in Belgrad das serbische Geschichtsbild kritisiert und damit einen Skandal ausgelöst. Doch wahr ist: Die Serben haben sich ihrer Vergangenheit nie gestellt.
  4. Fazit: Der Feindbild-Aufbau wird umfassend betrieben. Täglich können wir dies beobachten. Wir empfehlen diese Vorgänge Ihrer Aufmerksamkeit. Deshalb in Stichworten ein paar weitere Hinweise aus der letzten Zeit. Beispielhaft:
    • Jens Berger hat in seinem heutigen Beitrag über die Paradise Papers darauf hingewiesen, dass selbst bei den Recherchen und Berichten über diesen vornehmlich westlichen Skandal die Russen zuallererst ins Spiel gebracht werden.
    • Ein Leser vom 3. November zur letzten Sendung von Maybritt Illner: „Gestern zum Thema Europäische Verteidigung wurde kurz das Konterfei von Putin eingeblendet, als wäre er der Leibhaftige und würde uns dazu zwingen, wehrhafter zu werden. Ein prima Beispiel nicht sehr subtiler ZDF Manipulation. Gruselig.“
    • Auf der Frontseite der ARD/Tagesschau, deren Informationsgehalt übrigens ausgesprochen dünn ist, wird ständig gegen Putin und Russland polemisiert. Dort werden die viel berichteten angeblichen Hackerangriffe auf Hillary Clinton und die Demokraten sowie die Kontakte des Trump-Lagers mit Russland ohne An- und Abführung Russland-Affäre genannt. Dieses Wort wird standardisiert über die entsprechenden Nachrichten gesetzt, so zum Beispiel ihr am 30. Oktober 2017:
      Russland-Affäre
      Manafort ist erst der Anfang
    • Im Deutschlandfunk, beim Hessischen Rundfunk, usw. – immer das gleiche Lied.

    Das kann kein Zufall mehr sein. Vermutlich gibt es eine Riege von Politikkommissaren, die die notwendigen Schlagseiten, im konkreten Fall für den Aufbau von Feindbildern, betreiben. Herta Müllers Auftritt in Belgrad passt ins Bild.

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