Russische Korrespondenten und Kommentatoren sind sich einig: Die USA haben mit ihrer Militäraktion gegen den Iran ihr Ziel bisher nicht erreicht. Und ein Plan der USA im Iran ist nicht sichtbar. Der Iran halte den Angriffen stand. Ein Bericht von Ulrich Heyden aus Moskau.
In der Politik-Talk-Show 60 Minuten meinte der Politologe Dmitri Absalow am Freitag, „die amerikanische Stärke funktioniert nicht, trotz zwei Flugzeugträgern“. Die innenpolitischen Folgen könnten für Trump verheerend sein, meint der Kommentator von Ria Novosti, Renat Abdullin, in einem Kommentar unter der Überschrift „Der geplante Misserfolg“. Die Wähler von Trump könnten bei den Zwischenwahlen aus Enttäuschung Zuhause bleiben. Denn der US-Präsident habe sein Friedensversprechen nicht eingelöst. Und ein Sieg im Iran sei nicht absehbar.
Der Kommentator schreibt, bei dem US-Angriff auf den Iran im Juni 2025 sei alles sehr schnell gegangen. Die Schläge aus der Luft wurden nach zwölf Tagen beendet. Im Dezember habe der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten dann von der Notwendigkeit eines massiven „Präventivschlags“ gegen den Iran überzeugt.
Trump habe zu diesem Zeitpunkt offenbar unter dem Eindruck der Blitzaktion in Venezuela gestanden, wo es US-Spezialkräften gelang, Präsident Maduro zu entführen. „Aber der Nahe Osten ist etwas ganz anderes als Lateinamerika“, schreibt Kommentator Abdullin. Die Monarchien am Persischen Gold hätten genug Probleme mit dem Iran, aber für das derzeitige Chaos sehen diese Monarchien „die USA und Israel in der Verantwortung“.
Das Vorgehen der USA wirke planlos. „In Washington distanziert man sich plötzlich von der Beteiligung am Tod von Chamenei. Man schiebt die Schuld auf Israel. Rubio sagt, „der Mord an dem Ajatollah war nicht das Ziel der USA“. Aber diese Distanzierung helfe den USA „schon nicht mehr“, schreibt der Kommentator.
Planlosigkeit auf Seiten der USA konstatiert auch der Mitarbeiter des russischen USA-Kanada-Instituts, Wladimir Wasiljew. Offensichtlich hätten sich die USA auf den israelischen Geheimdienst verlassen. „Es ist schwer zu sagen, warum es jetzt nicht wie gewünscht läuft. Es sieht so aus, dass es keinen Plan gibt.“
„Chaos stiften, um China zu schaden“
Der Mitarbeiter des russischen Instituts für Militär und Ökonomie, Sergej Lebedew, kommentierte, man habe den Eindruck, dass Trump im Iran auf einen „schnellen Sieg mit schönen Bildern“ setze, dass er aber „nicht weiter guckt“. Das Ziel des US-Präsidenten sei offenbar der „Kollaps“ des Iran. Diese Strategie sei neu. Im Irak beispielsweise hätten die USA gewusst, welche Leute sie in der neuen Führung in Bagdad sehen wollten.
Der Iran versuche den amerikanischen Angriff zu unterlaufen, indem er die mit den USA verbündeten Staaten am Persischen Golf und die Öl- und Gas-Infrastruktur in der Meerenge von Hormus attackiere. Die Golfstaaten hätten kundgetan, dass der Konflikt so schnell wie möglich beendet werden müsse. Die Angriffe auf die Golfstaaten seien der „Trumpf“ des Iran, da dieser dem Angriff der USA im Land selbst nicht standhalten könne.
Das „vernünftige Establishment“ in den USA verstehe – so der Politologe –, dass es unwahrscheinlich ist, dass die iranische Opposition die Macht erringt. Wahrscheinlich sei, dass eine neue Führung im Iran von den Revolutionsgarden gestellt werde. So eine neue Führung im Iran werde wissen, „dass es nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich sei, mit den USA zu verhandeln“.
Auf den ersten Blick schadeten sich die USA mit ihrem Vorgehen im Iran selbst. Doch wenn man davon ausgehe, dass das Hauptziel von Trump die Schwächung Chinas ist, sähe es anders aus. „Die Wirtschaft Chinas ist sehr stark mit den Öl- und Gasreserven im Iran verbunden, deshalb wirkt sich ein Chaos im Nahen Osten negativ in erster Linie auf die geoökonomischen Positionen Chinas aus.“ Und das sei „das Wichtigste für die USA“.
Russisches Fernsehen streicht iranische Erfolge heraus
Der russische Fernsehkanal Rossija 1 berichtet ausführlich über die Folgen des israelisch-amerikanischen Angriffs auf den Iran. Man zeigte die zerstörten Häuser in Teheran und die Tausenden Iraner, die im Zentrum der Stadt beteten und riefen, sie würden ihr Leben geben, um das Vaterland zu verteidigen.
Man zeigte eindrucksvolle Bilder von iranischen Drohnenangriffen auf Dubai und andere Golfstaaten. Herausgestellt wurde, dass iranische Drohnen schon in sechs Staaten am Persischen Golf Einrichtungen der USA mit Drohnen angegriffen haben. Betroffen waren Basen und Geheimdienstgebäude der USA in Jordanien, Kuwait, Irak, Bahrein, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
In der Polit-Talk-Show 60 Minuten berichtet ein Korrespondent von Rossija 1 aus Dubai, dass Passagierflugzeuge wegen der Drohnengefahr nur noch mit Mühe landen können. In zehn Tagen würde der Vorrat an Lebensmitteln in Dubai zu Ende gehen, berichtete der Korrespondent.
Der Krieg ist reich an irrwitzigen Videos, welche das russische Fernsehen mit großem Vergnügen zeigt. Da sieht man etwa Donald Trump, der mit geschlossenen Augen an seinem Arbeitstisch sitzt, umgeben von Mitarbeitern und einer Art Pastor, der Gott bittet, Trump und den Amerikanern auf ihrem schweren Weg beizustehen.
Wie ein Hohn auf die Untertänigkeit wirkte auch ein Video-Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Trump und Friedrich Merz im Oval Office, den der Fernsehkanal mehrmals sendete. Man sah, wie Trump dem deutschen Kanzler bei einer Debatte um Zölle aufs Bein schlug und sagte, man müsse Deutschland „übel rannehmen“. Während dieses Körperkontakts lächelte Merz verlegen.
Russische Medien hoffen auf US-Demokraten
Der Kommentator von Ria Novosti, Renat Abdullin, schreibt, nach einer Umfrage des US-Senders CNN seien 59 Prozent der US-Amerikaner gegen den Krieg im Iran. Die russischen Kommentatoren setzen ihre Hoffnung darauf, dass das Lager der Trump-Unterstützer zerfällt. Kommentator Abdullin schreibt: „Im November finden in den USA Zwischenwahlen für den Kongress statt. Beide Kammern werden von Republikanern kontrolliert. Jetzt kann sich alles ändern.“
Der Amerikanist Pawel Swjatenkow erklärte, Trump sei in Widerspruch geraten zu dem Versprechen, für das er gewählt wurde, nämlich, Konflikte zu beenden. Den Iran zu brechen, sei „schwieriger, wenn nicht unmöglich“, schreibt Kommentator Abdullin. Ein sich hinziehender Konflikt entspreche nicht dem Geist der Konzeption von Trump, „we make Amerika great again“. Das Problem von Trump sei, „dass seine festen Anhänger im November (bei den Zwischenwahlen) einfach Zuhause bleiben“.
Die Moderatorin der Polit-Talk-Sendung 60 Minuten, Olga Skabejewa, war begeistert, dass der US-Kanal CNN jetzt Korrespondenten nach Teheran schickt. Sie frohlockte, „CNN arbeitet gegen Trump“. Ein USA-Korrespondent von Ria Novosti bestätigt die Moderatorin: In der Führung der USA gäbe es „Unklarheiten“. Die Demokraten versuchten, diese Lage auszunutzen. Die Demokraten sagten, der Krieg sei „nicht im Interesse der USA“.
Putin spricht nochmals sein Beileid aus
Der russische Präsident Wladimir Putin führte am Freitag ein Telefongespräch mit dem Präsidenten des Iran, Masud Peseschkian. Wie Ria Novosti berichtete, drückte Putin noch einmal sein tiefes Beileid aus – wegen dem Mord an Ali Chamenei, dessen Familienmitgliedern und führenden Militärs und Politikern sowie wegen der Opfer in der Zivilbevölkerung durch „die militärische israelisch-amerikanische Aggression gegen den Iran“.
Wladimir Putin unterstrich, dass die militärischen Handlungen unverzüglich beendet und der Konflikt politisch-diplomatisch gelöst werden müsse. Der russische Präsident erklärte, dass er in ständigem Kontakt mit den Führern der Staaten am Persischen Golf stehe.
Der iranische Präsident drückte laut der Meldung von Ria Novosti seine Anerkennung für die Solidarität Russlands mit dem iranischen Volk aus. Der Präsident des Iran habe den russischen Präsidenten über die aktuelle Entwicklung des Konflikts informiert.
Putin mit überraschender Erklärung zum Flüssiggas-Export in die EU
Am Donnerstag trat Wladimir Putin überraschend mit einer scharfen Erklärung an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit dem Journalisten Pawel Sarubin, welches in dem Arbeitszimmer des russischen Präsidenten geführt wurde, äußerte sich der Putin zu der aktuellen Lage bezüglich der Lieferungen von russischem Öl und Gas an die Staaten der EU.
Russland habe die Länder in der EU immer ohne Störungen mit Energie beliefert. Nun hätten die europäischen Staaten angekündigt, dass sie ab April und dann weiter schrittweise den Import von Flüssiggas aus Russland bis auf Null senken wollten. Für Russland könnte es angesichts dieser Bestrebungen sinnvoll sein, die Lieferungen von Flüssiggas nach Europa „schon jetzt einzustellen“:
„Wenn man alle (Lieferungen) so oder so in einem oder zwei Monaten abbestellt, ist es dann nicht besser, wenn wir jetzt selbst abstellen und dorthin in die Länder gehen, die verlässliche Partner sind, und sich dort festzusetzen?“
Das sei noch „keine Entscheidung“, sondern „ein Gedanke“, erklärte der russische Präsident. Aber der Vorteil für Russland läge auf der Hand. Man könne sich – wenn man nicht mehr in die EU liefere – ganz „auf die neu entstehenden Märkte konzentrieren“, wo gute Gewinne lockten. Die Meerenge von Hormus sei geschlossen, weshalb die Ölpreise steigen. Russland werde erhebliche Einnahmen erzielen können. Es gehe in dieser Frage „nicht um Politik“, sondern „nur um Business“.
Angriff auf russischen Gas-Tanker Arctic Metagaz
Wladimir Putin kam in dem Interview mit dem Journalisten Sarubin noch auf einen Vorfall zu sprechen, der das russische Geschäft mit Öl und Gas empfindlich trifft. Es ging um den Angriff eines unbemannten ukrainischen Kampfbootes, dass am 3. März den russischen Gastanker Arctic Metagaz gerammt hatte, worauf dieser in Brand geriet.
Der russische Gastanker war vor der Küste von Malta angegriffen worden. Es fuhr vom nordrussischen Murmansk und wollte zum Hafen Port Said in Ägypten. Die 30 Besatzungsmitglieder konnten sich rechtzeitig retten. Zwei Besatzungsmitglieder erlitten Verbrennungen. Das Schiff war von den USA und Großbritannien sanktioniert worden, weil es angeblich zur russischen „Schattenflotte“ gehörte.
Russische Medien berichteten, die Ukraine habe im Mittelmeer keine Stützpunkte, habe aber vermutlich, unter dem Schutz von NATO-Ländern, von der Küste Libyens aus operiert. Unklar sei, wie das ukrainische Kampfschiff aus dem Schwarzen Meer ins Mittelmeer gekommen sei. Der Zugang werde ja von der Türkei kontrolliert.
In russischen Medien äußerten russische Militärexperten, Russland müsse auf die Attacke vor der Küste von Malta mit verstärkten Angriffen auf ukrainische Hafenstädte am Schwarzen Meer antworten, von wo die unbemannten ukrainischen Kampfschiffe starten. Auch war die Rede von einer militärischen Begleitung russischer Tanker.
Putin spricht von „terroristischem Angriff“
Putin erklärte in dem Interview mit dem Journalisten Pawel Sarubin, bei dem Anschlag auf den Gastanker habe es sich um einen „terroristischen Angriff“ gehandelt. Weiter erklärte der russische Präsident, die Ukraine „beiße in die Hand, aus der sie pickt“, womit der russische Präsident wohl ausdrücken wollte, dass die Ukraine ureigenen Interessen der EU – nämlich sichere Transportwege und wirtschaftliches Gedeihen – schade.
Die Ukraine agiere „aggressiv“, so das russische Staatsoberhaupt. Nach Ermittlungen des russischen Geheimdienstes plane die Ukraine „mit Hilfe westlicher Geheimdienste“, die Gaspipelines von Russland in die Türkei – Turkish Stream und Blue Stream – zu sprengen. Das sei ein „sehr gefährliches Spiel, insbesondere heute“.
Die Äußerungen von Putin machten klar: Russland fühlt sich an einer empfindlichen Stelle bedroht. Ein Kernelement der russischen Wirtschaft, der Energieexport, wird mutmaßlich mit Billigung des Westens militärisch attackiert. Man kann wohl davon ausgehen, dass es noch ernste russische Reaktionen geben wird.
Titelbild: Screenshot/60 Minuten






