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Medienkritik: Das große Staunen

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Medienkonzentration Vermachtung der Medien, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache
Bernhard Pörksen

Vor Kurzem hat sich der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem Artikel auf Zeit Online unter der Überschrift „Das gefährliche Raunen“ über die Medienkritik dieser Tage beschwert. Der Tenor seines Beitrags lautet: bitte keine pauschale Systemkritik. Schnell wird deutlich: In der Sinnwelt des Artikels ist Realitätsverschleierung die zentrale Konstante. Der Tübinger Medienwissenschaftler ignoriert die komplexen Beziehungen zwischen Herrschaft, Macht und Medien und präsentiert stattdessen einen Schuldigen: die Gesellschaft. Diese lasse sich von Scheinproblemen, die Medienkritiker vortragen, „faszinieren“. Ansichten, wonach Medien manipulieren, seien „Chiffren eines antiliberalen Denkens“. Frage: Was machen eigentlich die Lordsiegelbewahrer in diesen Tagen?
Ein Beitrag von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wenn man die Debatte um den Zustand der Medien, den Journalismus und die Qualität der Berichterstattung verfolgt, ist Folgendes festzustellen: Einem Tanzbären gleich, dreht sich die Debatte auf der Stelle und ein Wandel hin zu einer kritischeren und vielfältigeren Berichterstattung findet nicht statt.

Egal wie die Medienkritik auch ausfällt: Ob polemisch und mit wenig Substanz oder klug und dezidiert: Woche für Woche zeigen die politischen Talkshows wie Anne Will, Hart aber Fair, Maischberger oder Illner beispielhaft auf, wie es aussieht, wenn das Meinungsspektrum in den Öffentlich-Rechtlichen auf den Durchmesser eines Strohhalms reduziert wird. Woche für Woche sind in den Print- und Onlineausgaben großer Verlagshäuser dieselben eindimensionalen Deutungs- und Erklärungsmuster für die großen und kleineren Krisen, Konflikte und Kriege unserer Zeit vorzufinden. Die Eintönigkeit der Berichterstattung, zumindest dann, wenn es um gesellschaftliche und politische Themen geht, zieht sich wie ein scheinbar niemals endender Kaugummi durch nahezu alle großen Medien.

Die Schieflagen und Probleme in der Berichterstattung sind offensichtlich. Sie sind ein Grund dafür, dass unterschiedliche Bürger, Akteure und Gruppen seit geraumer Zeit den großen Medien schwere Vorhaltungen machen. Doch immer wieder sind Versuche zu beobachten, dieser Kritik ihre Legitimität abzugraben. Mehr oder weniger geschickt geht es darum, die Kritik an den Medien soweit abzuschwächen und soweit zu begrenzen, dass die Kritiker sich nur noch in jenen eng gesteckten Grenzen bewegen sollen, innerhalb derer sie ihre Hauptkritik nicht mehr vorbringen können.

Angemahnt werden darf, so wünschen es sich zumindest die kritisierten Medien und diejenigen, die sich ihnen verbunden fühlen, allenfalls punktuell. Doch jene Fundamentalkritik, die angebracht ist, um einer Berichterstattung beizukommen, die auf eine für eine Demokratie geradezu schädliche Weise (weil unkritisch) die Komplizenschaft mit den Mächtigen immer wieder offenbart, soll tunlichst als völlig unangebracht abgetan werden.

Nun hat sich die Tage der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Wort gemeldet. Pörksen, das sollte man wissen, gehört zu jenen Wissenschaftlern, die sich, wenn man so will, löblicherweise nicht in ihrem Elfenbeinturm einschließen. Pörksen schaltet sich immer mal wieder zu medienpolitischen Debatten ein. Insbesondere die Kritik an den Medien beschäftigt ihn. Und so meldet er sich zu dem Thema in Talkshows, in Print- und Onlinemedien und bald auch mit einem Buch zu Wort (Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung). So weit, so gut.
Unter der Überschrift „Das gefährliche Raunen“ beschwert sich der Medienwissenschaftler nun in der DER ZEIT bzw. auf Zeit Online über die Qualität der Debatte im Hinblick auf den Zustand und die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen sowie den Journalismus im Allgemeinen. „Ideologische Grabenkämpfe“ will Pörksen entdeckt haben. Die Debatte werde zunehmend zu einem „Spielfeld für populistische Forderungen“.

Das kann man sicherlich so sehen. Schließlich: Wenn es um Themen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz geht, ist es alles andere als ungewöhnlich, dass „ideologische Grabenkämpfe“ zu beobachten sind und „Populisten“, wenn man den Begriff gebrauchen möchte, in den Startlöchern stehen. Anders gesagt: Das ist eine banale Erkenntnis, die Pörksen ausspricht.

Doch der Medienwissenschaftler hat noch eine Beobachtung gemacht, die seines Erachtens die Banalität der Erkenntnis aufhebt. Die ideologischen Grabenkämpfe und populistischen Äußerungen finden, so Pörksen, nicht nur „wie traditionell üblich und historisch erwartbar, am äußersten rechten oder linken Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft“ statt.

Wer hätte das gedacht. Ideologie und auch noch Populismus in der gesellschaftlichen Mitte?

Man kann das große Staunen förmlich vor sich sehen, das sich aufseiten derjenigen ausbreitet, die, selbstverständlich unbefangen von jedem ideologischen Verdacht, auf die ein oder andere Weise selbst zum Teil der gesellschaftlichen Mitte gehören und voller Empörung auf die vielen Meinungsabweichler aus ihren eigenen Reihen blicken. Grundsatzkritik an Politik, System und dann auch noch an den Medien: nicht von rechts oder links, sondern in unmittelbarer Nähe des Juste Milieu, dessen Mitglieder bekanntlich den unverzerrten Blick auf die Realität gepachtet haben? Da hört jedes Verständnis auf, und die Bewahrer des Status Quo, die, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu einmal formuliert hat, nur innovieren wollen, um wirksamer zu konservieren, ergreifen das Wort.

Womit dann auch die Kritik an dem Beitrag von Pörksen beginnt. In dem „Essay“ des Tübinger Professors verdichten sich geradezu mustergültig gleich mehrere Probleme, die in der Debatte zur Qualität der Berichterstattung großer Medien immer wieder zum Vorschein kommen. Falsche Diagnosen, Ignoranz und mangelnde Bereitschaft, der Realität ins Auge zu sehen.

Da redet Pörksen von

  • einer „zeitdiagnostischen Relevanz“
  • einem „Polarisierungsschub“
  • „Schmähvokabeln“
  • „Ressentiments“
  • einer „veränderten Stimmungslage“
  • einem diffusen Lügenpresse-Light-Milieu“
  • einem „gemeinsamen Unbehagen“
  • Journalisten, die man sich als „übermächtige, autoritär agierende Gatekeeper“ vorstelle
  • „rostigen Kampagnentheorien“
  • einer vergangenen „Medienepoche“
  • einer „Erkennungsvokabel aggressiver Medienverdrossenheit“
  • einem Milieu, das mit einem „großen Verdacht“ flirte
  • einer „offen präsentierten Verschwörungstheorie“
  • einer „spielerisch vorgetragenen Manipulationstheorie, die sich der konkreten empirischen Prüfung durch den pauschalen Angriff entzieht“
  • einem Rausch des „Gefühls eigener Radikalität“
  • einer „stabilen Anhängerschar“
  • einer „Mainstream-Kritik“, die „allmählich selbst zum neuen Mainstream [wird], zu einem sich nonkonformistisch gebenden Konformismus, der panisch überall Gesinnungsvorgaben wähnt und den eigenen Entrechteten-Mythos pflegt“
  • einem „beklatschten Pauschalismus“, der „gleich doppelt fatal“ ist
  • Akteuren, die das Feld der Medienkritik „verminen“ und ein „begründetes Spezial-Misstrauen allmählich in ein pauschales System-Misstrauen“ „transformieren“
  • „kursierenden Theorien“
  • und schließlich von „Chiffren, eines antiliberalen Denkens“

und versucht so im professoralen Duktus, das Phänomen einer massiven Medienkritik, die längst aus der Mitte der Gesellschaft kommt, lediglich als das Produkt falscher Vorstellungen darüber abzutun, wie Medien und Journalismus funktionieren. Doch das, was Pörksen da mit scheinbarer akademischer Tiefenschärfe im Ausdruck als Erklärung anführt ist: ein Blendwerk.

Der Reihe nach.

Pörksens Kritik zielt im Kern darauf ab, dass seit geraumer Zeit pauschal ein „großer Verdacht“ gegen die Medien erhoben werde und sich ebenso eine „pauschale Medienskepsis“ ausbreite, die davon ausgehe, dass große Medien und Politik, um es salopp zu sagen: unter einer Decke stecken. Das sieht Pörksen anders. Die Frage ist: warum?

Man kann den Artikel nun nach Argumenten durchsuchen, doch das ist Zeitverschwendung. Harte Nachweise, warum der „große Verdacht“ und die „pauschale Medienskepsis“ völlig unangebracht sind, finden sich in dem Beitrag nicht. Stattdessen: aufgeblasene Begriffe und Formulierungen, die die inhaltliche Leere ausfüllen. Die vielfältigen Beziehungszusammenhänge zwischen Macht, Herrschaft und Medien existieren in Pörksens Beitrag, der immerhin als Aufmacher auf Zeit Online präsentiert wurde, nicht.

Wer das Essay des Medienwissenschaftlers liest, bekommt den Eindruck: Die Impulse, die sowohl von außen als auch aus dem Innern des Mediensystems selbst kommen und zu einer Berichterstattung führen, die einen herrschaftskritischen Journalismus oft genug bereits im Keim ersticken, sind so fern jeder Realität, dass man nicht einmal ihre Existenz in Betracht ziehen sollte. Nochmal die Frage: Warum verliert Pörksen kein Wort über jene Gründe, die einen zu der Auffassung kommen lassen, Medien sind Teil eines Herrschaftssystems?

Es ist jener gefällige Geist, der in Pörksens Essay zum Vorschein kommt, der sich schon seit langem über die Gesellschaftswissenschaften gelegt hat. Herrschaft, Macht und Medien in einem Atemzug zu nennen, also ganz so, wie es viele kritische Geisteswissenschaftler in unzähligen Arbeiten über einen langen Zeitraum getan haben, ist diesem Geist völlig fremd.

„Herrschaft, Macht, Medien: Ich bitte Sie: Wir leben doch in einer Demokratie. Alle Macht geht vom Volk aus. Wenn hier einer herrscht, dann ist es das Volk. Und Medien sind die vierte Gewalt. Sie kontrollieren die Regierenden durch ihren kritischen Journalismus.“

Auf diese Weise spricht der Geist, der ohne den Hauch von Systemkritik immer wieder der akademischen Arbeit unserer Zeit seinen Stempel aufdrückt. Und dieser Geist durchzieht auch den Beitrag von Pörksen.

„Macht und Einfluss“, schreibt Pörksen in Bezug auf jene Medienkritiker, die Journalisten als Gatekeeper betrachten, „werden hier in Gestalt von rostigen Kampagnentheorien aus einer vergangenen Medienepoche strikt vordigital gedacht, isoliert, personalisiert, orientiert an klar identifizierbaren Monopolen der Meinungsbildung.“
Das ist eine bequeme Denke. So sieht Komplexitätsreduktion aus.

Richtig ist: In der vordigitalen Zeit hatten Medien eine klare Monopolstellung, was die massenhafte Verbreitung von Informationen an einen breiten Kreis an Rezipienten angeht. Heute, durch das Internet, wo bekanntlich jeder mit wenig Aufwand eine ‘Ein-Mann-Zeitung’ aus dem Boden stampfen kann, ist dieses Meinungsmonopol aufgebrochen. Wer Informationen verbreiten möchte, braucht nicht die großen Medien. Er kann sie selbst mit ein paar Mausklicks öffentlich machen.

Und doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Auch wenn heute die „Gatekeeper“ bzw. die Torwächterfunktion von Journalisten ausgehebelt werden kann, heißt das noch lange nicht, dass das Problem der wirkungsvollen Verbreitung von Informationen nicht mehr existent ist. Es besteht, und das unterschlägt Pörksen, ein großer Unterschied darin, ob eine der Wahrheit entsprechende, wichtige Information von politischer Tragweite auf irgendeinem kleinen Internetportal erscheint oder ob sie zur besten Sendezeit in den Hauptnachrichten der großen Fernsehsender dauerhaft gebracht wird.

Die brisanteste und wichtige Information kann die Macht, die in ihr liegt, in aller Regel nur dann richtig entfalten, wenn sie mit dem Siegel des „Offiziellen“ versehen wird. Sie bedarf der Anerkennung durch, ja, sprechen wir es doch aus: die Herrschenden und die, die ihnen nahestehen.

Und an dieser Stelle fängt die Erzählung einer Medienwelt, in der Herrschaft, Macht und Journalismus partout nicht gemeinsam nebeneinander vorkommen sollen, an zu zerfallen. Auch wenn das Internet die Monopolstellung der traditionellen Medien aufgebrochen hat, so heißt das nicht, dass die Macht der Medien völlig gebrochen ist und die Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeitsproduktion außer Kraft gesetzt sind.

Noch immer existiert das, was sich als die legitime, die rechtmäßige Bestimmung der Wirklichkeit bezeichnen lässt. Anders gesagt: Das, was „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ ist, wird auch in Zeiten des Internets noch immer häufig genug von denjenigen festzementiert, die aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Anerkennungsverhältnisse über die Macht der „rechtmäßigen Wirklichkeitssetzung“ verfügen – und zwar wohlgemerkt in voller Missachtung alternativer Wirklichkeitsauffassungen, wie sie beispielsweise oft von kleineren Medien vertreten werden.

Mit Einschränkungen gilt: Natürlich sind es noch immer die Eliten der Gesellschaft, die mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Macht versuchen, die Wirklichkeit zu bestimmen. Allen voran Politiker. Und Journalisten. Und Vertreter aus dem akademischen Feld. Und, aufgepasst: Manchmal sitzen alle drei Gruppen sehr nahe zusammen – verdächtig nah. Aber dazu gleich mehr.

Oder ist das falsch? Verfügt in unserer Gesellschaft der Blogger mit seinen 500 Stammlesern oder die Tagesschau über die größere Macht, festzulegen, was politische Wirklichkeit ist und was nicht? Orientieren sich Politik und beispielsweise die Mehrheit der Lehrer an den Schulen eher an der politischen Wahrheit eines einfachen, freien Bürgerjournalisten aus Altwarmbüchen, der auf seinem YouTube-Kanal über seine Sicht der politischen Wirklichkeit informiert, oder orientieren sie sich an den Titelblättern der großen Zeitungen und Magazine (insbesondere dann, wenn Redaktionen mal wieder übergreifend einer Meinung sind)?

Es ist offensichtlich: Wenn eine Vielzahl von Alpha-Journalisten gemeinsam mit führenden Vertretern aus dem politischen Feld der Ansicht ist, dass, um es vereinfacht auszudrücken, der Euro „gut“, die Agenda 2010 „im Prinzip richtig“ war und Russland ein „Aggressor“ ist, dann richtet sich an diesen ‘Wahrheiten’ die Politik aus. Und sie werden, weil überall präsent, zumindest von einem Teil der Bevölkerung noch immer übernommen.

Hier tritt das Interesse von Politikern an den Medien zur Durchsetzung ihrer Politik offen zu Tage. Auch im digitalen Zeitalter ist es offensichtlich, dass Politiker alles daransetzen werden, Macht durch und mit der Hilfe von Medien auszuüben. Schließlich geht es immer auch darum, die Bevölkerung hinter ihre Politik zu bringen – und dabei spielt natürlich die Berichterstattung der Medien eine große Rolle.

Die Frage, die sich nun stellt, die Pörksen aber erst gar nicht aufgreift, ist: Wie entsteht der subtile Teil der Machtausübung in einer Demokratie unter Mitwirkung der Medien?

Zunächst ein Blickwinkel, der die Komplexität der Verhältnisse sichtbar macht:
Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg hat in seiner grundlegenden Studie („Die Souffleure der Mediengesellschaft: Report über die Journalisten in Deutschland“) aus dem Jahr 2005 zur sozialen Herkunft von Journalisten nachgewiesen, dass diese hauptsächlich aus der Mittelschicht stammen (nur 8,6 Prozent der Journalisten kommen aus einem Arbeiterhaushalt). Und die Sozialwissenschaftlerin Klarisa Lueg hat in ihrer Untersuchung festgestellt, dass 71 Prozent der Schüler an Journalistenschulen ein Elternteil haben, das studiert hat.

Frage: Ist es möglich, dass die klassen- und schichtspezifische Sozialisation, die Journalisten aufweisen, sich mit einer grundsätzlichen Systemkritik sehr schwer tut? Ist es vielleicht so, dass ihre Herkunft (aus relativ ökonomisch stabilen Verhältnissen, Bildungsgewinner usw.) zumindest in der Tendenz dazu führt, dass im journalistischen Feld eine Atmosphäre vorherrscht, die alles andere als dazu geeignet ist, das Handeln und die Interessen der Mächtigen grundsätzlicher zu hinterfragen, als es der Fall ist? Ist es vielleicht sogar so, dass viele Journalisten über eine Wahrnehmung der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit verfügen, die in einem hohen Maße mit den Wirklichkeitsauffassungen, wie sie bei den Akteuren aus dem politischen Feld anzutreffen sind, kompatibel ist?

Wenn dem so ist – und vieles, ja sehr vieles spricht dafür – dann ist auf einmal klar, woher die „Parteilichkeit“ kommt, die so viele Mediennutzer glauben aufseiten der Journalisten zu erkennen. Im journalistischen Feld findet sich ein Dispositiv, eine, vereinfacht ausgedrückt, „Voreinstellung“, die dafür sorgt, dass mit den Entscheidungen der politischen Eliten tendenziell eher sympathisiert als opponiert wird.

Was diese Feststellung für den Zusammenhang von Herrschaft, Macht und Medienberichterstattung bedeutet, lässt sich leicht erschließen: Herrschaft und Macht, die auch in einer Demokratie außerhalb der schöngezeichneten Realität von der ‘Herrschaft des Volkes’ vorkommen, werden als solche oft nur noch auf eine unterkomplexe Weise wahrgenommen. Politische Macht hat so die Möglichkeit, sich ganz ohne eigenes Zutun, sozusagen auf ‘natürliche’ Weise, innerhalb der Medien zu entfalten. Vereinfacht ausgedrückt: Politik muss Journalisten nicht überzeugen. Sie sind bereits überzeugt.

Und an dieser Stelle wird es interessant: Eine „systemische Korruption“ schimmert durch, die weit über die Vorwürfe der individuellen Korruption, die so mancher Medienkritiker Journalisten (oft fälschlicherweise) immer wieder unterstellt, hinausgeht. In einem journalistischen Feld, in dem Journalisten aus freien Stücken und aus voller Überzeugung heraus herrschafts- und systemkritische Fragen nicht mehr stellen, entstehen schwere Wucherungen in der Demokratie (die gerade immer deutlicher zum Vorschein kommen). Jedenfalls: Die vielen angeblichen Interventionen aus Berlin in den Redaktionen der Leitmedien, um direkt „von oben“ politisch zu intervenieren und die Medienkritiker immer wieder unterstellen, sind unter den gegebenen Bedingungen in den Medien im Grunde genommen überhaupt nicht notwendig – was aber nicht heißt, dass es keine Versuche gibt, Berichterstattung vonseiten der Politik zu lenken. Stichwort: Hintergrundgespräche.

So betrachtet wird auf einmal klar, was es mit dem „großen Verdacht“, von dem Medienkritiker sprechen, auf sich hat: Die Vorstellung, dass Journalisten mit den Mächtigen unter einer Decke stecken, ist beileibe nicht so abwegig, wie so mancher Medienwissenschaftler es sich offensichtlich vorstellt. Nur ist die oftmals herrschaftsunkritische Berichterstattung, die Medienkritiker immer wieder anprangern, eben nicht das Resultat einer Medienverschwörung. Sie ist vor allem das Produkt einer sozialen Verbundenheit zu den politischen Eliten. Machtausübung, also in dem Sinne, dass die Wirklichkeitsvorstellungen aus dem politischen Feld in den Medien auf eine überaus wohlwollende Weise präsent sind, um zu einem Verständnis der Bevölkerung für die entsprechende Politik zu führen, bedarf unter den gegebenen Umständen oftmals nicht der harten Form des Einflusses von oben.

Doch die Zusammenhänge von Herrschaft, Macht und Journalismus werden auch auf weniger abstrakten Ebenen, wie der hier aufgezeigten, sichtbar. Seitdem Uwe Krüger seine Doktorarbeit zu dem Einfluss von Eliten auf Alpha-Journalisten veröffentlicht hat, ist viel die Rede von transatlantischen Netzwerken und bekannten Journalisten, die darin eingebunden sind. Wäre es nicht, wenn man sich als Wissenschaftler mit der Medienkritik dieser Tage auseinandersetzt, angebracht, auf die Verbindungen von Journalisten zu Eliten und Machteliten einzugehen?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Pörksen gerade in DER ZEIT bzw. auf Zeit Online seine ‘Kritik an der Medienkritik’ veröffentlicht hat. Erinnern wir uns: Über viele Jahre haben führende Redakteure der ZEIT an einem hochgradig machtelitären Treffen hinter verschlossenen Türen teilgenommen, ohne über diese Zusammenkunft der Weltenlenker zu berichten. Die Rede ist von der Bilderberg-Konferenz, jenes seit 1954 jährlich stattfindende Treffen, bei dem sich die Mächtigen dieser Welt für drei bis vier Tage ein komplettes Hotel mieten und unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die großen Themen dieser Welt reden.

Was genau wird gesagt, wenn sich der Chef der NSA, der Chef von Google, der Vorstandsvorsitzende von Airbus, die Verleger großer Medien, hochreputierte Wissenschaftler, Mitglieder des Adels, Politiker aus den westlichen Ländern (Deutschland inbegriffen) und Alpha-Journalisten zusammenkommen? Die Zeit hätte die Möglichkeit gehabt, dem journalistischen Auftrag nachzukommen und Öffentlichkeit herzustellen. Oder findet man allen Ernstes nichts Berichtenswertes daran, wenn 120-140 der führenden Persönlichkeiten aus zentralen gesellschaftlichen Teilbereichen unserer Gesellschaft im Geheimen konferieren?

Doch es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass führende Journalisten an diesem „diskreten Treffen“ teilgenommen und nicht berichtet haben. Redakteure der ZEIT waren sogar im Lenkungsausschuss der Gruppe vertreten. Und das heißt: Die Mitglieder des Lenkungsausschusses setzen nicht nur die Themen, sie schlagen auch noch, wie Spiegel Online nach Jahren der Nichtberichterstattung schrieb, auch die Teilnehmer der Konferenzen vor. Und das sagte auch 2012 auf eine Nachfrage des Online-Magazins Telepolis der Grünen-Politiker Jürgen Trittin: „Eingeladen wurde ich durch den Internationalen Korrespondenten der Wochenzeitung “Die Zeit”, Matthias Nass.“

Klar ist: Wenn Journalisten selbst zu Playern werden und Politiker handverlesen einladen, um an einem der exklusivsten Treffen dieser Welt teilzunehmen, dann muss man von einer schweren journalistischen Grenzüberschreitung sprechen. Aber: Von all dem schreibt Pörksen, der unter anderem zum „Medienwandel im digitalen Zeitalter“ forscht, kein Wort in seinem Essay. Stattdessen heißt es im Hinblick auf die aktuelle Medienkritik:

„Es wäre falsch, all diese Vorwürfe einfach nur pauschal zurückzuweisen. Über das Programm und die Marktmacht der Öffentlich-Rechtlichen muss debattiert und gestritten werden genauso wie über Fehler und Fehlleistungen einzelner Zeitungen oder Netzportale.“

Was soll man von diesen Zeilen halten? Kritik im Schonwaschgang? So sieht Beschwichtigung aus.

Ja, alle Vorwürfe sollte man nicht „pauschal zurückweisen“. Und ja: Es muss „debattiert und gestritten werden“.

Ein kleines Gedankenexperiment an dieser Stelle. Man stelle sich vor, Pörksen hätte geschrieben: Alle Vorwürfe müssen pauschal zurückgewiesen werden. Und: Über das Programm und die Marktmacht der Öffentlich-Rechtlichen muss nicht debattiert und gestritten werden, genauso nicht wie über Fehler und Fehlleistungen einzelner Zeitungen oder Netzportale geredet werden sollte.

So betrachtet wird schnell deutlich, wie inhaltsleer Pörksens Aussagen an dieser Stelle sind.
Es muss diskutiert werde.
Es muss debattiert werden.
Vorwürfe darf man nicht pauschal zurückweisen.

Erweitern könnte man die Reihe mit den Anmerkungen:
Der Hunger in der Welt muss bekämpft werden.
Über die Kriege dieser Welt muss diskutiert werden.

All das ist richtig. Aber: Die Aussagen, die Pörksen anführt, haben letztlich den Charakter von
Leerformeln. Sie erinnern an Politiker-Sprech. Anstatt dass Pörksen anspricht, dass man diskutieren und debattieren müsse, hätte er natürlich auch selbst über die angesprochenen Themen debattieren, diskutieren und auf die angesprochenen Fehler und Fehlleistungen eingehen können. Dazu wäre es allerdings nötig gewesen, mit Fakten und Argumenten zu arbeiten.

Und hier wird der Grund deutlich, warum sich die Debatte, wie eingangs dieses Artikels erwähnt, wie ein Tanzbär auf der Stelle dreht: Diejenigen, gegen die sich die Medienkritik richtet, aber auch die, die die Medien verteidigen, lassen sich nur selten auf eine Diskussion nach den Prinzipien von Argument und Gegenargument ein. Mit reichlich Meinung ersetzen sie Argumente, mit Leerformeln sabotieren sie die konstruktive Diskussion.

Dass sich nun diese Entwicklung auch in dem Beitrag von Pörksen fortsetzt, muss man ihm vorwerfen. Auch wenn, das darf man so sehen, seine Ausführungen auf ihrer ‚inhaltlichen Ebene’ von einer ziemlichen Naivität geprägt sind, sollte man nicht dem Verdacht erliegen, Pörksen verfüge nicht über die Möglichkeiten, die Schieflagen im Mediensystem mit einem kritischen Auge zu betrachten. Als Professor der Medienwissenschaft dürfte er kritische Medientheorien und andere kritische sozialwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Medien aus dem Stand vor und zurück deklinieren können (zumindest darf man das erwarten). Anders gesagt: Pörksen verfügt zweifelsfrei über das Handwerkszeug, der Mediendebatte einen kritischen Stempel aufzudrücken.

Stattdessen versucht er aber in dem Beitrag Medienkritiker unter einem Begriff, der die Subtilität einer Kettensäge besitzt, zusammenzupferchen und ihre Kritik abzuwerten. Da redet Pörksen von einem Lügenpresse-light-Milieu, das geprägt sei von einem gemeinsamen „Unbehagen am etablierten Journalismus“. Die Akteure in diesem Milieu lehnten zwar den Begriff „Lügenpresse“, den Pörksen als „Erkennungsvokabel aggressiver Medienverdrossenheit“ bezeichnet, „als überzogene Attacke ab“, flirteten „jedoch andererseits nach Kräften mit dem großen Verdacht“, wonach Medien zwar nicht direkt lügen, aber „doch die Wahrheit systematisch“ beugen.

So schnell kann es gehen. Da werden also plötzlich gemäßigte Medienkritiker, die den Begriff Lügenpresse ablehnen, doch noch zu Lügenpresse-Rufern – wenn auch nur in der „Light-Version“.

Klar ist: Der Ausdruck „Lügenpresse-light-Milieu“ dient der sprachlichen Stigmatisierung der Medienkritiker. Sie werden durch den Begriff direkt auf die Seite derjenigen gerückt, die auf den Straßen Lügenpresse skandieren. Die Formulierung „Light-Milieu“ soll nicht ernsthaft, wie sie vorgibt, den Ausdruck abschwächen. Das wäre genauso, als würde man eine Person als Nazi oder als Nazi light bezeichnen. Nazi bleibt Nazi. Ob light oder nicht light. Das Bild eines Lügenpresse-Rufers bleibt haften.

Und gewiss, das ist auch der Zweck dieser Formulierung: Hinter ihr steckt die Absicht, das Feld der legitimen Diskussion abzustecken, frei nach dem Motto: Was und wie kritisiert werden darf, bestimme ich. Und wer sich nicht daran hält, wird rasch als Teil eines „Lügenpresse-light-Milieus“ abqualifiziert. Verräterisch auch folgende Aussage von Pörksen:

„Gelegentlich, aber dies ist selten, stößt man im Lügenpresse-light-Milieu auch auf die offen präsentierte Verschwörungstheorie.“

Da ist er also wieder, der Kampfbegriff Verschwörungstheorie, den Pörksen gerne einwirft. Man hört aus den Zeilen förmlich das Entsetzen oder, um einen der Lieblingsbegriffe von Pörksen zu gebrauchen, die Empörung, dass es Akteure gibt, die es doch tatsächlich wagen, Verschwörungstheorien „offen“ zu „präsentieren“.

Frage: Was soll an einer offen präsentierten Verschwörungstheorie ein Problem sein? Richtig: Ein Problem sind offen präsentierte Verschwörungstheorien offensichtlich für diejenigen, die nicht bereit sind, die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen. Verschwörungstheorien können selbstverständlich völlig legitime Erklärungsmuster für Ereignisse sein, die man auch genauso selbstverständlich offen präsentieren darf. Denn: Die Tatsache, dass reale Verschwörungen stattgefunden haben, vermutlich gerade stattfinden und genauso auch aller Voraussicht nach zukünftig stattfinden werden, führt selbstverständlich auch dazu, dass Überlegungen in Richtung einer Verschwörung völlig legitim sind.

Das Problem: Verschwörungstheorien leuchten oft auch in jene vor der Öffentlichkeit verborgenen Dunkelstellen, die Herrschaft und Macht (man denke an den Tiefen Staat, als Stichworte z.B.: Gladio, Stay behind) zu verdecken versuchen. Und genau das stößt jene Vertreter einer politischen Wirklichkeit, die sich weigern, die schmutzigen Instrumente staatlicher Machtausübung, die selbstverständlich auch in Demokratien vorhanden sind, auch nur ansatzweise in ihre Analysen mit einzubeziehen, mehr als unangenehm auf.

Mit dieser Bemerkung sind wir am Kern des Problems angelangt. Die Auseinandersetzung zwischen Medien und ihren Kritikern ist im Wesentlichen ein Kampf um unterschiedliche Wahrnehmungen, Vorstellungen und Interpretationen der Wirklichkeit. In diesem Kampf geht es sehr stark um fundamentale Überzeugungen und Weltbilder. Im Grunde genommen ist diese Auseinandersetzung uralt und eine Konstante in der Geschichte. Orthodoxe (rechtgläubige, herkömmliche) und heterodoxe (abweichende) Wirklichkeitsvorstellungen prallen aufeinander, da sie nicht miteinander vereinbar sind. Entweder dreht sich die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne. Beides geht nicht.

Zumindest ein gewisser Teil der Medien und ihrer Journalisten samt ihren Vorzeigeakademikern handeln, als müssten sie die Rolle der Lordsiegelbewahrer übernehmen. Sie erklären ihre Kritik an den Kritikern ihrer Arbeit als einen moralischen Akt im Kampf zur Verteidigung von Staat, Demokratie und Liberalismus. Eine geradezu Orwellsche Verdrehung der Realität kommt zum Vorschein. Sie, also diejenigen, die über viele Jahre schwere und schwerste politische und systemische Schieflagen unter Trommelwirbel mitgetragen und, das ist die bittere Wahrheit: durch ihre Kritiklosigkeit und ihren verklärten Blick auf die Wirklichkeit, erst ermöglicht haben, schließen nun die Reihen, wenn einer sagt: Der Kaiser ist nackt.

Sie, die während und nach der Wiedervereinigung die Illusion von den rasch blühenden Landschaften im Osten des Landes mit großem Einsatz wider der Realität mitgezeichnet haben und dabei viele Menschen und Bürger in den neuen Bundesländer bitter getäuscht haben, sind es nun, die zum Raunen ansetzen und nicht verstehen, das gut informierte Mediennutzer ihre Berichterstattung als unzulänglich abtun.

Sie, die, während ein paar wackere Professoren vors Bundesverfassungsgericht gezogen sind und vor den großen Gefahren des Euros warnten, gemeinsam mit Politikern zu Jubelarien angesetzt haben, können nun nicht genug betonen, wie qualitativ hochwertig ihre Berichterstattung war und ist.

Sie, die durch ihre unkritische Berichterstattung zu Zeiten des Kosovo-Krieges den Weg für Auslandseinsätze der Bundeswehr mitgeöffnet haben und auch heute nicht laut genug einer interventionistischen Außenpolitik das Wort reden können, erwarten das Vertrauen einer Bevölkerung, die Auslandseinsätzen der Bundeswehr mehrheitlich kritisch gegenübersteht.

Sie, die regelmäßig bei Terroranschlägen in der Bundesrepublik an den Lippen der Behörden hängen und eine Berichterstattung zum Besten geben, die den Namen nicht verdient (man denke nur an das Oktoberfestattentat, den Fall Buback oder die Ignoranz in Sachen NSU), erwarten, dass Mediennutzer sie für kritische Journalisten halten.

Sie, die nicht erst seit der Ukraine-Krise einen Journalismus in Sachen Russland abliefern, der von journalistischen Verstößen (man denke nur an die Missbilligung, die der Presserat im Zusammenhang mit dem Spiegel-Titelblatt Stoppt Putin jetzt ausgesprochen hat), Einseitigkeiten, Hetze und auch von den viel gescholtenen Verschwörungstheorien geprägt ist (Stichwort: Renaissance der politischen Paranoia), echauffieren sich über alternative Medien, die ihnen ihre Fehler vorhalten.

Diese Aufzählung, die sich lange fortsetzen ließe, verdeutlicht: In zu vielen Fällen haben Medien – auch wenn sie sich in der Rolle wähnen – nicht Demokratie und Staat verteidigt, sondern den Willen einer Politik, die weit davon entfernt ist, das Wohl aller Menschen im Land als oberste Priorität zu betrachten. Handlungsleitend für ihren Journalismus und ihre Analysen zu den Krisen unserer Zeit ist ein fest ausgeprägter und tiefsitzender Hang, Herrschaftsverhältnisse anzuerkennen und schönzumalen.

Viele Gralshüter der Demokratie haben die naive Erzählung von einem pluralistischen Liberalismus fest verinnerlicht, wonach die Macht in einer Gesellschaft zumindest ansatzweise gleich auf alle Menschen verteilt ist, und sind blind gegenüber den komplexen Machtmechanismen im Windschatten demokratischer Strukturen. Während sie ihr naives Demokratieverständnis zum Besten geben und die Weichenstellungen der Mächtigen unaufhörlich beklatschen, werden die Demokratien von schweren Erschütterungen getroffen.

Ob Trump, Brexit, AfD, … : Während diejenigen, die den Verlust ihres Deutungsmonopols bejammern und in ihren Analysen versuchen, die Illusion weiter aufzublasen, ist die Realität längst mit einer Dampfwalze unterwegs. Während also dringend über das Versagen eines gesellschaftskritischen Journalismus diskutiert werden müsste, setzt Pörksen in seinem Essay die Akzente etwas anders. Er sieht den Schwarzen Peter bei „der Gesellschaft“ (was auch immer er damit meint) und beklagt sich darüber, wie wenig Gedanken sich die Bürger darüber machten, wie finanziell angeschlagenen Medien zu helfen wäre.

Aber man sollte sich den gesamten Schlussabschnitt des Textes von Pörksen ansehen. In ihm konzentriert sich die verzerrte Betrachtung deutlich. Der Medienwissenschaftler schreibt:

„Zum anderen blockieren die Lügenpresse-light-Vorwürfe eine Debatte, die tatsächlich, auch unabhängig von der aktuellen Diskussion um die Zukunft von ARD und ZDF, nötig ist. Sie handelt von der Frage, welchen Wert guter Journalismus für die Gesellschaft hat und wie er sich in Zeiten, in denen die Einnahmen wegbrechen, die Anzeigen in Richtung der Digital-Giganten abwandern und manche Zeitung um ihre Existenz kämpft, finanzieren lässt.

Auf diese Frage hat die Gesellschaft keine Antwort, ja, sie sucht sie nicht einmal; dies eben auch deshalb, weil sie sich zunehmend von dem Pseudoproblem faszinieren lässt, dass uns angeblich übermächtige Medienmacher die falsche Weltsicht antrainieren und der breiten Masse die Richtung vorgeben. Kurzum: Die gegenwärtig kursierenden Theorien der Entmündigung und der Manipulation, Chiffren eines antiliberalen Denkens und einer heimlichen Sehnsucht nach der Revolte, helfen niemand. Und sie ruinieren das Vertrauensklima, das guter Journalismus bräuchte, gerade jetzt und gerade heute.“

So sieht es aus, wenn versucht wird, die Realität aus dem Wege zu räumen.

Es ist nicht etwa so, dass Medien über einen sehr langen Zeitraum, zu oft dann, wenn es darauf angekommen ist, einen Journalismus abgeliefert haben, der seine eigenen hochgesteckten Ansprüche verraten hat. In der Sinnwelt des Zeit-Artikels ist es nicht etwa so, dass sich zunächst einmal dezidiert mit den schweren Vorwürfen der Medienkritiker auseinandergesetzt werden müsste. Vielmehr soll gerade dieser notwendige Schritt übergangen werden, um zur „finanziellen Frage“ überzugehen. Das wäre in etwa so, als würde man einem Autofahrer, der mit 100 Km/h durch eine Ortschaft gerast und einen Unfall verursacht hat, durchgehen lassen, nicht über seine ‘Grenzüberschreitung’ zu reden, sondern über den mangelhaften Ausbau der Straße, die es nicht ermöglicht, die Kurve mit 100 Sachen zu durchfahren.

Anknüpfend an diese Realitätsverdrehung findet sich dann auch noch eine zünftige Portion Abgehobenheit in den angeführten Zeilen. Die Gesellschaft, so findet Pörksen, sei einem Scheinproblem verfallen, das die Medienkritiker herbeigeredet haben.

Da tritt sie also nun offen zu Tage: die Haltung der Überlegenheit. „Die Gesellschaft“, das heißt, Menschen aller Klassen, Schichten, Bildungshintergründe usw., lässt sich kollektiv täuschen. Der Mechaniker von der Werkstatt um die Ecke, die Frau vom Kiosk genauso wie der Abiturient, der Buchhändler, der Student oder der Arzt und Rechtsanwalt liegen falsch mit dem Verdacht, dass Medien Weltsichten verbreiten (und sogar noch die falschen). All diese Menschen liegen falsch, wenn sie glauben, dass Medien über eine eigene Macht verfügen und in der Lage sind, zu manipulieren. Wie gut, dass noch die erhabene Stimme der reinen Intelligenz aus dem akademischen Feld existiert, die ‘der Gesellschaft’ erklären kann, was richtig und falsch ist. Sie versteht, dass die Hinterfragung von Herrschaft, Macht und Medien Bestandteil eines antiliberalen Denkens ist.

Es ist Zeit zum gefährlichen Raunen, Pardon: zum großen Staunen.

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