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Jakob Augstein hat eine Chance verspielt. Er hätte ein Mittler sein können zwischen den etablierten Medien und dem Netz.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Wertedebatte

Stattdessen beschönigt er den Zustand der etablierten Medien und diffamiert alles, was nicht dazugehört. Sichtbar wird das in seiner Spiegel-Kolumne vom 27. August über die Eskalation in Chemnitz. Auf den NachDenkSeiten wurde der überzogen üble Umgang Augsteins mit den Rechten und den Sachsen schon aufgespießt. Die Kolumne enthält zusätzlich den interessanten Versuch, das Schema von „Gut und Böse“ auf die herkömmlichen Medien und pauschal auf „das Netz“ anzuwenden. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Sachsen ist wie das Internet. Nur in echt. Der ganze niedrige Hass, der sich im Netz Bahn bricht – in Sachsen kann man ihn auf der Straße sehen.“ Und weiter meint Augstein, „die stiernackigen Männer mit ihren Glatzen“ seien das „fleischgewordene Rülpsen und Tölpeln, das die sozialen Medien durchflutet. Es spricht tatsächlich viel dafür, dass nicht diese Leute das Netz ruinieren – sondern dass das Netz diese Leute ruiniert.“

Wer das Geschehen wie wir NachDenkSeiten-Macher kritisch betrachtet, kann nicht übersehen, dass es die von Augstein kritisierten, unangenehmen Erscheinungen im Internet gibt. Aber zum ersten diffamiert Augstein pauschal alles, was sich im Internet tut, also auch die NachDenkSeiten und Telepolis und andere kritische Internetseiten. Er beschönigt zum zweiten die Lage bei den sogenannten etablierten Medien. Er beschönigt die Hetze, die zum Beispiel von der Bild-Zeitung unentwegt betrieben wird. Er übersieht, dass die etablierten Medien zum größeren Teil grandios versagt haben und dass es deshalb auch das nicht mehr gibt, was wir Demokratie nennen und was Augstein die „liberale Demokratie“ nennt. Es gibt auch nicht die „Werte“ des Westens, die Augstein beschwört.

Offensichtlich hat Augstein nicht mitbekommen, dass die Staatsgewalt nicht (mehr) vom Volke ausgeht. Oder er will dieses leugnen.

In Art. 20 unseres Grundgesetzes heißt es, „alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Das ist ein wahrlich großes Versprechen. Es war nie auch nur annähernd voll erfüllt, aber ein bisschen hat der Wille des Volkes mitregiert. Die Gewählten haben für ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit, für feste Arbeitsverhältnisse und sozialen Wohnungsbau und für ein friedliches Zusammenleben mit unseren Nachbarn gesorgt – auf Anweisung und mit Unterstützung des Volkes. Die Staatsgewalt ging wenigstens in Teilen von uns, dem Volk, aus. Heute müssen wir feststellen, dass die wichtigen Entscheidungen über die Gestaltung unserer Gesellschaft nur noch von oben und nicht von unten bestimmt werden. Demokratie gibt es nicht mehr.

Die etablierten Medien sind mitverantwortlich dafür, dass diese fatale Entwicklung in unserem Land nicht kritisiert wurde. Die Medien sind nahezu vollständig in den Händen reicher Gruppen und Personen, die öffentlich-rechtlichen Medien sind auf perverse Weise angepasst. Die meisten dieser Medien waren aktiv beteiligt am Ruin der sozialen Sicherheitssysteme, sie haben die Agenda 2010 und die Privatisierung und Kommerzialisierung der Altersvorsorge wie auch der bis dahin öffentlichen Unternehmen propagiert. Weil die ganz Reichen sich so am besten ihre Schnäppchen sichern konnten.

Die etablierten Medien haben unentwegt die Mär verbreitet, es gehe uns allen gut. Sie haben so wesentlich dazu beigetragen, dass sich jene, auf die die Behauptung, es gehe uns allen gut, partout nicht zutrifft, von dieser Art von Demokratie abgewandt haben. Was soll ein Mensch tun, dem es schlecht geht und der deshalb durch die vorherrschende Propaganda aus der Gesellschaft geistig und propagandistisch ausgeschlossen wird? Er oder sie müssen sich als Versager empfinden. Und wo finden sie Halt? Bei den Rechten.

Das bedeutet: die von Augstein gefeierten Medien einschließlich der besonders gefeierten Tagesschau und des ZDF haben den Zulauf zu rechten Gruppen und Parteien angefeuert.

Die etablierten Medien haben Europa erneut in die Konfrontation getrieben. Im Kleinen mit der Diffamierung der Griechen zum Beispiel. Ich erinnere an die Titelseiten der Bild-Zeitung mit einer von vielen Abbildungen:

Die etablierten Medien einschließlich solcher, die aus der Sicht von Herrn Augstein vermutlich zu den Säulen der „liberalen Demokratie“ gehören, wie etwa der Süddeutschen Zeitung und des Spiegel, haben den Feindbildaufbau und die neue Konfrontation zwischen West und Ost in Europa befeuert. Auch dazu eine repräsentative Abbildung:

Die etablierten Medien haben durch Beschönigung der herrschenden Politik aktiv daran mitgewirkt, dass die Wähler in ihrer Mehrheit keine Alternative zu Frau Merkel und Herrn Schäuble erkennen konnten. Damit haben sie den Boden für jene politische Partei bereitet, die sich „Alternative“ schon in ihrem Namen nennt.

Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn wir wirklich eine politische Ordnung hätten, die man noch Demokratie nennen könnte. Dann hätte es nämlich schon als Antwort auf Schröders Agenda 2010 eine fortschrittliche Alternative geben müssen. Die etablierten Medien haben sich damals, im Jahre 2002 und 2003 so angepasst und so unkritisch verhalten, dass eine demokratische, fortschrittliche und soziale Alternative keine Chance hatte. Im Gegenteil, sie beteiligen sich bis heute an der Diffamierung von Versuchen zur Sammlung einer solchen demokratischen und sozialen Alternative.

Zum Schluss noch ein Zitat aus der Kolumne von Herrn Augstein:

„Sachsen ist tatsächlich das deutsche Ungarn. Ein Osten, der von der liberalen Demokratie des Westens nichts wissen will. Vom Westen will man dort nur das Geld – nicht die Werte.“

Dieses Zitat zeigt, dass dieser vermeintlich große Journalist ganz und gar nicht wahrgenommen hat, dass es die „Werte des Westens“ nicht gibt. Vom Vietnamkrieg bis zu den heutigen Kriegen des Westens – was soll daran wert-voll sein? Vom mithilfe von Henry Kissinger betriebenen Regime Change in Chile 1973 bis zum Regime Change in Libyen, der an vorderer Front von der Vertreterin der „liberalen Demokratie“, Hillary Clinton, betrieben wurde – was soll an diesen imperialen Machenschaften wert-voll sein? Uns NachDenkSeiten-Macher verbindet jedenfalls nichts mit den Werten dieser Repräsentanten der „westlichen Demokratie“. Jakob Augstein steht diesen offensichtlich nahe. Man lernt immer wieder etwas dazu.

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