Besprechung des Buches von Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas. Aus Anlass der Neuerscheinung.
Besprechung des Buches von Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas. Aus Anlass der Neuerscheinung.

Besprechung des Buches von Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas. Aus Anlass der Neuerscheinung.

Heiko Flottau
Ein Artikel von Heiko Flottau | Verantwortlicher: Redaktion

Heiko Flottau hat für die NachDenkSeiten dieses Buch besprochen. Ich kenne keine Veröffentlichung, deren Lektüre einem so grundlegend alle Illusionen über eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und Palästina raubt. Es ist informativ und desillusionierend. Damit bewahrt einen die Lektüre vor Fehleinschätzungen. Albrecht Müller.

„Früh im 20.Jahrhundert gab das Land, Palästina genannt, keinerlei Anzeichen, dass es einst das Cockpit der Welt werden würde.“

So beginnt ein wegweisendes Buch des Autors Jonathan Schneer, in dem er sich detailliert mit der Balfour-Erklärung befasst, jener Ankündigung des britischen Außenministers Arthur Balfour von 1917, in der Großbritannien den Juden eine „Heimstatt“ in Palästina versprach. [1]

31 Jahre später, am 10. März 1948, saßen „elf Männer zusammen – altgediente zionistische Führer und junge jüdische Offiziere – und legten letzte Hand an einen Plan für die ethnische Säuberung Palästinas. Noch am selben Abend ergingen militärische Befehle an die Einheiten vor Ort, die systematische Vertreibung der Palästinenser aus weiten Teilen des Landes vorzubereiten.“

Diesen Satz schreibt der israelische Autor Ilan Pappé in seinem 2006 erschienenen Buch „The Ethnic Cleansing of Palestine“, das jetzt zum zweiten Mal in deutscher Sprache erschienen ist. [2] Die Gründung des Staates Israel stand bevor und schon im Vorfeld dieses einschneidenden Ereignisses fassten die zionistischen Führer den Entschluss, möglichst viele Palästinenser zu vertreiben.

Neunzehn Jahre nach jenem fatalen Beschluss vom 10. März 1948, im Juni 1967, fand diese für die Region fatale Entwicklung ihre Fortsetzung, deren Folgen noch heute virulent sind. Ilan Pappé schreibt, die „endgültige Entscheidung, die vor Ende des Monats gefällt wurde, war unter allen Umständen die Westbank und den Gazastreifen von allen Friedensgesprächen auszuschließen“. Gerade hatte Israel nach einem Präventivschlag gegen die ägyptische Luftwaffe im Sechs-Tage-Krieg gegen Ägypten, Syrien und Jordanien das Westjordanland und den arabischen Ostteil Jerusalems erobert. Der Entschluss stand fest, wie Ilan Pappé in seinem Buch „The Biggest Prison on Earth“ [3] schreibt, den Gazastreifen, vor allem aber das Westjordanland niemals wieder an die Palästinenser zu übergeben. Aus der allumfassenden Besetzung bzw. Abschnürung (des Gazastreifens) sei das „größte Gefängnis der Erde“ geworden.

Wer heute diese historisch dokumentierte und gesicherte Abfolge von Beschlüssen israelischer Entscheidungsträger analysiert, wird ohne große Umschweife zu dem Schluss kommen, dass es von vornherein das Ziel der Zionisten war, möglichst viel Land, also das ganze historische Palästina zu besetzen und in einen jüdischen Staat umzuwandeln. Den letzten Beweis lieferte Israels Premier Benjamin Netanjahu, als er im zurückliegenden Wahlkampf ankündigte, das Westjordanland annektieren und so dem Staat Israel einverleiben zu wollen.

Ilan Pappé ist israelischer Staatsbürger, Jude und ursprünglich Professor an der Universität Haifa. Weltanschaulich ist er am linken Flügel des politischen Spektrums anzusiedeln. Nach Veröffentlichung seines Buches über die ethnische Säuberung Palästinas wurde er in Israel so sehr angefeindet, dass er das Land verließ und seit 2007 an der Universität Exeter in Großbritannien lehrt. Wer wie Ilan Pappé und verschiedene andere Historiker des Landes die Mär von der friedlichen Übernahme des Landes durch die Zionisten in Frage stellt, wird vom israelischen Establishment als „Selbsthasser“ diffamiert.

Bereits im Vorwort seines für das israelische Selbstverständnis brisanten, jetzt erneut auf Deutsch erschienenen Buches „Die ethnische Säuberung Palästinas“ teilt der Autor dem Leser mit, was dieser dann im Verlauf der kommenden Seiten im Detail erfährt: Am 10. März 1948, also zwei Monate vor der Staatsgründung Israels, habe, wie eingangs erwähnt, eine Gruppe von elf altgedienten zionistischen Führern und jungen Offizieren unter Leitung des späteren Ministerpräsidenten David Ben Gurion einen Plan fertiggestellt, der die ethnische Säuberung Palästinas vorgesehen habe.

Am gleichen Abend seien die Kommandeure im Feld angewiesen worden, sich auf die Verwirklichung dieses Planes vorzubereiten. „Den Befehlen beigefügt“, schreibt Pappé, „waren detaillierte Anweisungen, welche Methoden angewendet werden sollten, um die Menschen zu vertreiben: Einschüchterung in großem Stil, Belagerung und Bombardierung von Dörfern und Bevölkerungszentren; In-Brand-Setzen von Häusern, anderen Immobilien und Waren; Vertreibung, Zerstörung und schließlich das Legen von Minen unter dem Schutt, um die vertriebenen Einwohner an der Rückkehr zu hindern“.

„Nachdem die Entscheidung gefallen war“, schreibt Pappé weiter, „dauerte es sechs Monate, den Befehl auszuführen. Als es vorbei war, waren mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas, annähernd 800.000 Menschen, entwurzelt, 531 Dörfer zerstört und elf Stadtteile entvölkert.

Der am 10. März 1948 beschlossene Plan und vor allem seine systematische Umsetzung in den folgenden Monaten war eindeutig ein Fall ethnischer Säuberung, die nach heutigem Völkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt.
Um die Spuren der Verwüstungen zu überdecken, wurden über vielen der zerstörten palästinensischen Dörfer, das weiß man heute, Parks geschaffen. Oft werden Besucher aus dem Westen aufgefordert, in diesen Parks neue Bäume zu pflanzen. Dass diese Bäume über zerstörten palästinensischen Dörfern gepflanzt werden, sagt man den Besuchern nicht.

Etwa 800.000 Olivenbäume wurden im Konflikt zwischen Israel und Palästina seit 1967 entwurzelt – eine Fläche von 33 Central Parks oder mehr als 15.000 Fußballfelder, wie man bei Wikipedia und anderen Quellen glaubhaft nachlesen kann. Das ist nicht nur wirtschaftlich verheerend, „sondern auch ein Angriff auf das Selbstverständnis palästinensischer Bauern, für die der Anbau und die Pflege des historisch symbolträchtigen Olivenbaumes identitätsstiftend und aufgrund der Wasserknappheit lebensnotwendig ist“ (Wikipedia).

Die systematische Unterdrückung der Palästinenser hatte schon vor der offiziellen Gründung Israels begonnen. So überfielen am 9. April 1948 Mitglieder der zionistischen Irgun- und Sterngang unter der Leitung des späteren israelischen Premierministers Menachem Begin das kleine, damals am Rande Jerusalems gelegene palästinensische Dorf Deir Jassin und ermordeten dort mindestens 250 unbewaffnete Zivilisten. Die Botschaft: Seht her, ihr Palästinenser, was euch passiert, wenn ihr euch einer Gründung eines jüdischen Staates widersetzt.

Kurz darauf, am 17. September 1948, ermordeten israelische Terroristen den UN- Sondergesandten, den Schweden Graf Folke Bernadotte. Bernadotte war nach Israel geschickt worden, um zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln. [4] Aber internationale Vermittlung wollte schon damals kaum jemand im offiziellen Israel. Diese Haltung hat sich bis jetzt nicht geändert. Denn auch heute will Israel, besonders aber sein Ministerpräsident, keine Vermittlung.

In seinem Buch über das „größte Gefängnis der Welt“ schreibt Ilan Pappé, in den letzten Jahren habe die akademische Welt den Begriff „Siedlerkolonialismus“ benutzt, um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, besonders aber die israelische Landnahme im Westjordanland zu charakterisieren. „Siedlerkolonialismus“, schreibt der Autor, „ist die Bewegung von Europäern in andere Teile der Welt mit der Absicht, dort ein neues, permanentes Leben aufzubauen.“

Eine solche Auswanderung in andere Länder habe fast immer zu Konflikten mit der eingeborenen Bevölkerung geführt, oft auch zum Genozid an der indigenen Bevölkerung, manchmal aber auch, wie im Falle Algeriens und Südafrikas, zum Untergang des Siedlerkolonialismus. „Palästina ist ein außerordentlicher Fall“, schreibt Pappé, „wir wissen noch nicht, wie die Sache enden wird.“ Werde die ethnische Säuberung fortgesetzt oder werde sich die Logik von Menschenrechten durchsetzen, fragt Ilan Pappé. „Was wir sagen können, ist, dass […] Siedlerkolonialismus eine Struktur ist und kein einzelnes Ereignis.“

In der Tat, die Struktur der israelischen Besatzung des Westjordanlandes hat sich tief in das Dasein der Palästinenser eingegraben. Ihr tägliches Leben wird durch diese Gewaltstruktur bestimmt. Denn Besatzung bedeutet auch Gewalt – Gewalt über das alltägliche Leben der Menschen.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert dieser Besatzung deutet derzeit nichts darauf hin, dass sich an diesem von der vielzitierten „internationalen Gemeinschaft“ oft kritisierten, aber immer noch hingenommenen Zustand etwas ändert. Das einst eher verschlafene, von Bauern und einigen Städtern bewohnte Palästina ist in der Tat zum „Cockpit der Welt“ geworden, wie der Historiker Jonathan Schneer schreibt.

Ilan Pappé, Die ethnische Säuberung Palästinas, 416 Seiten. 20,00 €


[«1] Jonathan Schneer: The Balfour Declaration. The Origin of the Arab-Israeli Conflict. New York 2012

[«2] Ilan Pappé: Die ethnische Säuberung Palästinas. Verlag Westend 2019

[«3] Ilan Pappé: The Biggest Prison on Earth. A History of the Occupied Territories. London 2017

[«4] Siehe auch NachDenkSeiten vom 12.September 2018

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