Einsatz von Uranmunition: “Ich werde die NATO verklagen.”
Einsatz von Uranmunition: “Ich werde die NATO verklagen.”

Einsatz von Uranmunition: “Ich werde die NATO verklagen.”

Ein Artikel von: Redaktion

Die NATO verwendete im Bosnienkrieg von 1992–1995 und vor allem im Kosovo-Krieg von 1999 Uranmunition – mit verheerenden Folgen für die Menschen und die Umwelt in den betroffenen Gebieten. Der Anwalt Srđan Aleksić möchte aus diesem Grund das Militärbündnis verklagen. Für die NachDenkSeiten sprach Moritz Enders mit ihm über sein Projekt und die Stimmung in der serbischen Bevölkerung.

Sie möchten die NATO verklagen. Wann kam Ihnen diese Idee?

Der konkrete Anlass war der Tod meiner Mutter, die aufgrund der Verwendung von Uranmunition an Krebs verstarb. Mein Vater hingegen ist noch am Leben – er hatte aber massive Probleme mit seiner Gesichtshaut, die sich von seinem Körper löste. Das hat die Dinge ins Rollen gebracht. Aber es geht natürlich nicht nur um meine Eltern. Tausende sind betroffen, vor allem in der autonomen Provinz Kosovo, aber auch in Serbien. Bestimmte Krebsarten wie Knochenkrebs und Leukämie sind in Serbien um bis zu 400 Prozent in die Höhe geschnellt. Auch Fehlgeburten und Fehlbildungen bei Neugeborenen haben deutlich zugenommen. Die radioaktive Verseuchung hängt wie ein Damoklesschwert über unserem Land. Stellen Sie sich vor, Sie sind Mitte zwanzig und wollen eine Familie gründen. Wird Ihr Kind gesund geboren?

Lassen Sie mich Ihnen zwei konkrete Beispiele nennen, um die Dinge zu veranschaulichen. Nachdem die US-Amerikaner den Radiosender in der südserbischen Stadt Vranje bombardiert hatten, machten sich neun junge Männer – sie waren um die zwanzig Jahre alt – daran, dort aufzuräumen. Acht von ihnen sind in der Zwischenzeit gestorben. Der neunte ist noch am Leben, hat aber Krebs. In Vranje gibt es eine Straße, welche die Menschen die “Straße des Todes” nennen. Damit ist gemeint, dass es in dieser mehrere Kilometer langen Straße keinen einzigen Haushalt gibt, in dem nicht mindestens ein Krebsopfer zu beklagen wäre.

Das zweite Beispiel betrifft 30 Rekruten der Matevacka Grupa, einer militärischen Einheit. Sie waren zwischen 18 und 30 Jahre alt und inhalierten radioaktiven Staub, der sich nach der Explosion von Uranmunition gebildet hatte. 27 von ihnen sind inzwischen gestorben.

Der damalige deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping sagte der Öffentlichkeit, dass Uranmunition völlig harmlos sei.

Sie könnten das Zeug unter Ihr Kissen legen und ein Nickerchen machen – wahrscheinlich würde Ihnen nichts passieren. Doch sobald es sich entzündet und bei 3.000 Grad Celsius verbrennt, werden radioaktive Nanopartikel freigesetzt und schweben in der Luft, die – beim Einatmen – für Mensch und Tier tödlich sein können. Darüber hinaus geht das abgereicherte Uran bei diesen Temperaturen Verbindungen mit anderen Elementen ein, wie etwa Schwermetallen, die dann ebenfalls radioaktiv sind.

Einmal verbrannt, wird abgereichertes Uran zu einem Problem – und bleibt es auch. Die Halbwertszeit dieses Elements beträgt 4,5 Milliarden Jahre. Mit anderen Worten, es wird noch strahlen, wenn die Menschheit schon längst ausgestorben ist. Es ist auch in den Wasserkreislauf eingetreten und breitet sich immer mehr aus. Selbst einige Nachbarländer – wie Nordmakedonien, Bulgarien und Rumänien – sind inzwischen betroffen, wenn auch in geringerem Maße. Wir sitzen auf einer Zeitbombe, die niemand entschärfen kann.

Die NATO sieht das möglicherweise anders?

Es gibt ein interessantes Urteil des italienischen Kassationsgerichts, das italienischen Soldaten, die im Kosovo stationiert waren und daraufhin an Krebs erkrankten, Schadenersatz zugestanden hat. Auch hier musste sich mein italienischer Kollege Angelo Tartaglia durch alle Instanzen kämpfen. Zunächst wollte niemand zugeben, dass Uranmunition eine große Gefahr für die Gesundheit darstellt. Mein Kollege musste selbst die geringsten wissenschaftlichen Details kennen, denn ein einziger Schwachpunkt hätte seine Argumentationskette auseinandergerissen.

Und offensichtlich waren viele Richter auch besorgt, sich mit einem übermächtigen Gegner anzulegen. Aber Tartaglia gab nicht auf. Und das italienische Urteil kann auch für uns wichtig werden. Ich möchte hier jedoch darauf hinweisen, dass die italienischen Soldaten nach einigen Monaten in ihre Heimat zurückkehren konnten. Die Bevölkerung des Kosovo und Serbiens hingegen ist manchmal zu arm, um aus den betroffenen Gebieten wegziehen zu können. Man hat sie ihrem Schicksal überlassen.

Wie ist die Stimmung in der serbischen Bevölkerung?

Die Bombardierung unseres Territoriums mit Uranmunition ist ein häufig diskutiertes Thema, auch wenn offizielle Stellen das Thema aus politischen Gründen eher meiden. Mein Eindruck ist, dass die Bevölkerung verängstigt und wütend ist. Niemand versteht, warum die US-Amerikaner – anders als die Streitkräfte der anderen NATO-Länder – Uranmunition verwendet haben. Militärisch brachte dies keinen Vorteil, zumal sie überwiegend zivile Ziele bombardierten – wie zum Beispiel den Radiosender in Vranje.

Und – lassen Sie mich das hier hinzufügen – sie haben einen Großteil dieser Munition in den letzten Tagen vor dem Ende der Kampfhandlungen verschossen, also zu einem Zeitpunkt, zu dem im Grunde genommen niemand mehr an der Niederlage der serbischen Armee zweifeln konnte. Sehen Sie, ich bin weder Soldat noch Politiker, und ich möchte hier nicht darauf eingehen, ob der Kosovo-Krieg aus “humanitären Gründen” gerechtfertigt war. Aber selbst wenn das der Fall gewesen sein sollte, stellt sich die Frage, ob man ein ganzes Land aus “humanitären Gründen” verseuchen und die Gesundheit aller zukünftigen Generationen aufs Spiel setzen kann.

Was versuchen Sie mit Ihrer Klage zu erreichen? Es ist doch so gut wie ausgeschlossen, dass sich Vertreter der NATO oder des US-amerikanischen Militärs deswegen jemals vor Gericht verantworten müssen.

Ein deutscher Kollege hat es mir einmal gesagt: Du hast keine Chance – also nutze sie. Natürlich klingt es verrückt, wenn jemand die NATO verklagen will – vor allem aus einem so kleinen Land heraus wie Serbien. Aber bedeutet das, dass wir von Anfang an auf Gerechtigkeit verzichten und uns den Bedingungen der Stärkeren unterwerfen sollten? Das glaube ich nicht, sonst wäre ich kein Anwalt geworden. Ich verlange, dass die Menschen in Serbien, die Opfer von Uranmunition geworden sind, in gleichem Maße entschädigt werden und die gleiche medizinische Versorgung erhalten wie die italienischen Soldaten, die im Kosovo stationiert waren.

Außerdem müssen Bombardierungen mit Uranmunition als eine ökologische Katastrophe und eine Katastrophe für die Menschheit anerkannt werden. Wie kann die “Westliche Wertegemeinschaft” in Syrien und anderen Ländern rote Linien ziehen, die dann von ihren Gegnern tatsächlich oder auch nur angeblich überschritten werden, und dann – ohne militärische Notwendigkeit – die Zivilbevölkerung anderer Länder mit einer solch giftigen Substanz terrorisieren? Ich sage das nicht nur im Interesse der serbischen Opfer, sondern auch im Interesse all jener, die noch nicht durch Uranmunition geschädigt wurden. Uranmunition muss verboten werden. Es ist eine Frage der Menschlichkeit.

Mehr zum Thema:

Titlebild: Northfoto / Shutterstock

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!