Deutscher und russischer Sport: „Ein deutliches Signal für mehr miteinander“
Deutscher und russischer Sport: „Ein deutliches Signal für mehr miteinander“

Deutscher und russischer Sport: „Ein deutliches Signal für mehr miteinander“

Ein Artikel von: Redaktion

Auch durch massive Medienkampagnen haben die deutsch-russischen Beziehungen in den vergangenen Jahren gelitten. Der ehemalige deutsche Triathlet und Langstreckenschwimmer Marco Henrichs ist heute ein bekannter Schwimmtrainer. Denn er repräsentiert als erster deutscher Sportler und Trainer von Profiathleten eine Schwimmliga in der Wolgaregion in der Russischen Föderation. Er tritt seit geraumer Zeit für engere Beziehungen zwischen den beiden Staaten ein. Nun arbeitet Henrichs an einem Projekt, das den Sport beider Nationen in einem engeren Austausch langfristig zusammenführen will. Im NachDenkSeiten-Interview gewährt Henrichs einen Einblick in seine Arbeit und erzählt, was es mit dem Projekt auf sich hat. „In erster Linie“, sagt Henrichs, „sollen dadurch Vorurteile abgebaut werden. Ich sehe hier aber auch eine sehr große Chance, voneinander zu profitieren. Von Marcus Klöckner.

Zur Person: Der gebürtige Rheinländer Marco Henrichs (Wohnhaft im Allgäu) hat Erfahrung aus 24 Jahren Triathlon (u.a. vielfacher Ironman Finisher) und ist 2015 vom Triathlon zum Langstreckenschwimmen gewechselt. Er hat zudem die Schwimmtrainerausbildung in der Russischen Föderation absolviert und ist Repräsentant des Wolgastützpunktes bzw. der Wolgaliga. Weitere Informationen finden sich unter diesem Link.

Herr Henrichs, wie sieht es mit Austausch und Verbundenheit aus, wenn es um deutsche und russische Sportler geht?

Der aktuelle Stand ist leider eher sehr schlecht. Die Vorurteile über den russischen Sport haben – auch zuletzt durch eine sehr verzerrte und negative Berichterstattung über Doping im russischen Sport – in Deutschland weiterhin stark zugenommen.

Sie wollen nun eine Initiative starten, um daran etwas zu ändern?

Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung: Seit fünf Jahren engagiere ich mich mittlerweile für die Völkerverständigung im Bereich Sport und Gesellschaft zwischen Deutschland und der Russischen Föderation. In erster Linie mit dem Ziel, für ein Mehr an Miteinander zu sensibilisieren. Ich habe einerseits bisher natürlich viele Menschen über TV-Berichte, Interviews etc. mit diesem wichtigen Thema erreicht. Andererseits jedoch leider ohne merkbare positive Veränderungen. Jedoch bin ich als ehemaliger Sportler und heutiger Trainer ein sehr ergebnisorientierter Mensch. Ich sage selbst meinen Athletinnen und Athleten in Russland und Deutschland immer: „Was zählt, sind Ergebnisse.“

Ich habe mir also die Frage gestellt, was ich tun kann, damit auch ein Miteinander zwischen dem deutschen Sport und dem Sport der Russischen Föderation wieder nachweislich gelebt wird. Also, dass Ergebnisse vorhanden sind. Mein Bestreben wurde also zunehmend größer, auch sportpolitisch zu wirken. Und so habe ich mich auf gegenseitige Initiative hin mit Martin Hoffmann, dem geschäftsführenden Vorstand vom Deutsch-Russischen Forum, getroffen. Denn wir beide haben den gegenseitigen Wunsch, den Bereich Sport in den deutsch-russischen Beziehungen wieder mehr aufleben zu lassen. Dies gilt insbesondere für den kommunalen Bereich sowie die Themen Breitensport und Spitzensport.

Für alle, die das vielleicht nicht so genau wissen: Was ist denn das Deutsch-Russische Forum?

Ich engagiere mich für das Deutsch-Russische Forum, weil es auf breiter Basis den Austausch der Zivilgesellschaften fördert. Als gemeinnütziger Verein lebt das Forum von den Inhalten, die seine Mitglieder einbringen. Aus meiner Sicht ist das Netzwerk dieser Initiative beeindruckend, was die Kompetenz und das Know-how betrifft.

Ich sehe für die Themen Breitensport und dessen regionale Verankerung das Forum als besondere Chance, denn hier unterstützt man seit vielen Jahren erfolgreich die Städtepartnerarbeit und die kommunale Kooperation. Das Programm des Forums ist vielfältig und bietet so eine Reihe von Anknüpfungspunkten, um den Sport stärker in den Focus zu bringen. Hier stehen wir aber erst am Anfang, bedingt durch die derzeitigen Einschränkungen durch Covid-19 in Russland und Deutschland, die sich auch auf die Projektarbeit beider Länder auswirken.

Wie kam es, dass Sie Mitglied geworden sind?

Man wird im Forum durch den Vorstand angenommen, also kooptiert. Dabei steht wie gesagt derzeit der Sportbereich noch nicht im Fokus. Ich würde mich freuen, gerade hier meine Expertise und Erfahrung im deutschen und russischen Sport für diese Initiative einbringen zu können.

Nochmal zu Ihrem Vorhaben. Was genau planen Sie, was soll am Ende stehen?

Seit einigen Wochen stelle ich ein Team von Repräsentanten, Ideengebern oder Impulsgebern auf „beiden Seiten“ zusammen. Mit dabei sind Spitzenfunktionäre aus Sportverbänden, ehemalige Olympioniken, Bundestagsabgeordnete mit Russlanderfahrungen und auch mit Sportvergangenheit, die parteiunabhängig wirken sollen. Aber auch der wirtschaftliche sowie der sportwissenschaftliche Aspekt fließt hier durch Führungspositionen verschiedener Organisationen von beiden Seiten mit ein.

Zunächst soll ein deutliches Signal für mehr Miteinander gezeigt werden. Der erste Schritt wird vermutlich Ende dieses Jahres eine erste Konferenz sein. Hier sollen gegenseitige Möglichkeiten ausgelotet werden, wo überall ein Miteinander möglich ist und wo bisher die Probleme liegen. Sei es beispielsweise organisatorischer Natur, die Sprachbarriere oder ob Vorstöße schlichtweg boykottiert wurden.

Die Ziele dieser Art Allianz sind verschieden. Es soll beispielsweise zukünftig ein Wissensaustausch sowie Erfahrungsaustausch unter Trainern oder Sportwissenschaftlern stattfinden. Oder, dass russische Spitzenathleten in Deutschland trainieren können und umgekehrt, um auch auf der Athletenebene voneinander zu profitieren. Auch die wirtschaftlichen Interessen sollen für beide Seiten nicht unangetastet sein. Der Breitensport soll ebenfalls langfristig in Betracht kommen.

Dieses Projekt scheint Ihnen am Herzen zu liegen. Warum?

Dafür gibt es viele Gründe. In erster Linie sollen dadurch Vorurteile abgebaut werden. Ich sehe hier aber auch eine sehr große Chance, voneinander zu profitieren. Wenn eine Athletin oder ein Athlet beispielsweise sein Leben lang nur bei einem Trainer bleibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Potential verschenkt wird. Kommen jedoch verschiedene Impulse oder Ideen hinzu, bringt das beide Seiten nach vorne.

Hierzu ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Als ehemaliger Triathlet und Langstreckenschwimmer in Deutschland dachte ich immer, das, was wir Deutschen machen, ist immer das Beste vom Besten. In vielen Bereichen sind wir auch eine sehr starke Sportnation. Dann habe ich jedoch in Russland ein teilweise anderes Arbeiten am Beckenrand als Trainer kennengelernt und vor allem viel dazugelernt. Mit diesem Wissen und der Erfahrung auf beiden Seiten können Athletinnen und Athleten beider Länder jedenfalls schneller zum Erfolg geführt werden.

Diese persönliche Erfahrung gilt insgesamt auch für die verschiedenen Bereiche und Ebenen beider Sportnationen und wird sich ebenfalls auf den deutschen und russischen Sport positiv auswirken.

Der Kalte Krieg ist schon lange zu Ende. Warum gibt es nicht längst einen engeren Austausch zwischen deutschen und russischen Sportlern?

Sport sollte Nationen und Menschen verbinden. Jedoch hat man auch den russischen Sport in der medialen Darstellung in Deutschland missbraucht, um einen „Kalten Krieg im Sport“ zu schüren.

Ich hatte Anfang des Jahres ein Treffen mit dem Cheftrainer der russischen Triathlon-Nationalmannschaft im Olympischen Komitee in Moskau. Igor Sysoev und ich hatten uns von Trainer zu Trainer über unterschiedliche Themen und beiläufig auch über das Thema Dopingvorwürfe in Russland unterhalten. Denn man muss ganz klar sagen, dass die Athletinnen und Athleten bei Wettkämpfen und im Training die Generalverurteilungen und auch Ausgrenzungen spüren und auch einen Nachteil dadurch erleiden. Er war als Trainer sichtlich angespannt deswegen, was ich ebenfalls als Trainer sehr gut nachempfinden kann. Er hatte mir tief in die Augen geschaut und mich mit bestimmenden Worten gefragt: „Marco – was habt ihr in Deutschland eigentlich für ein Problem mit uns?“ Meine Antwort war einfach. „Es sind nicht die Deutschen, Igor. Es ist die Medienlandschaft und leider auch ein Teil unserer Politik. Hinzu kommen einseitig informierte Sportler, die gerne mit dem nackten Finger auf andere zeigen. Aber wir sind nicht alle so – vertraue uns!“

Wenn deutsche Medien über den russischen Sport berichten, dann gibt es oft nur ein Thema: Doping.

Natürlich schaden Athleten, die dopen, einer Sportart oder einer Nation – und zwar überall in der Welt! Aber Journalisten, die einseitig berichten und damit auch spalten, richten noch viel größeren Schaden an. Das ist vielen Sportlern in Deutschland leider nicht bewusst und ich vermisse die Weitsicht, dieses falsche Spiel zu erkennen. Italien, Frankreich und USA führen die Wada-Liste mit den meisten Dopingverstößen an. Das scheint keinen Sportler, keinen Medienvertreter ernsthaft zu interessieren.

In Russland hat es natürlich Dopingfälle gegeben. Jedoch existiert dieses Problem zeitgleich in anderen Ländern noch gravierender. Und mit dem medialen „Schlachtwort“ Staatsdoping hat man folglich einen sehr guten Übergang zum Staat geschaffen, um verallgemeinernd wieder Russland als den Bösen darzustellen. Jedoch gibt es bis heute keine eindeutigen Beweise, dass es tatsächlich staatlich angeordnet wurde. Ich rede von Beweisen und nicht von Floskeln wie „liegt der Verdacht nahe“ oder „wird vermutet“ usw.

Aber diese Formulierungen fallen Ihnen in der Berichterstattung auf?

Ja. Dass Italien, Frankreich und USA die Wada-Liste mit den meisten Dopingsündern in den letzten Jahren anführen, wissen beispielsweise die wenigsten in Deutschland. Russland steht Kopf an Kopf am siebten Platz mit Indien. Hören Sie davon etwas in den öffentlich-rechtlichen Medien? Nein, natürlich nicht, weil Russland auf Teufel komm raus in den deutschen Köpfen das Böse verkörpern soll. Und im Sport ist es nun mal Doping. Und diese verzerrte Darstellung über den russischen Sport in Deutschland hat noch mehr Distanz im Sport zu Russland geschaffen.

Doping hat im Sport, ohne Wenn und Aber, nichts zu suchen. Ich will hier auch keine Athleten reinwaschen. Aber ich habe in der deutschen Berichterstattung rund um das Thema Doping im Sport die Wahrnehmung, es gibt Dinge, die sollen aufgeklärt werden und in der Darstellung bewusst übertrieben werden. Übertrieben dargestellt, um ein Land zu dämonisieren. Und es gibt wiederum Dinge im Sport, die sind weitaus gravierender und darüber übt man lieber Stillschweigen. Wie das Tabuthema Doping im Profifußball oder die bisher ca. 2.500 toten Bauarbeiter für den Bau der Fußball-WM-Stadien in Katar zur FIFA-Fußball-WM 2022. Oder was ist mit Doping im US-Sport? Sie sind schließlich die am meisten gedopten Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen. Hätten wir eine ehrliche und objektive Berichterstattung zu all diesen Punkten, hätten wir in Deutschland nicht dieses Feindbild über den russischen Sport.

Titelbild: Aleksandar Mijatovic / Shutterstock

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