#allesdichtmachen – Das Ende des Schweigens
#allesdichtmachen – Das Ende des Schweigens

#allesdichtmachen – Das Ende des Schweigens

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Lange hat es gedauert, doch endlich haben mehr als 50 namhafte deutsche Schauspieler ihr Schweigen beendet und beziehen offen kritisch Stellung zu den Corona-Maßnahmen. Und zwar keinesfalls „nur“ aus der Perspektive des Kulturbetriebs, sondern in einem grandiosen Rundumschlag aus kurzen Videoclips, die bitter-ironisch persiflieren, was alles schiefläuft.
Chapeau! Wie kaum anders zu erwarten, haben sie damit in ein Wespennest gestochen. Die Lockdown-Fraktion in den Medien schäumt vor Wut und sparte bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung der Clips nicht mit Nazi-Vergleichen und Schlägen tief unter der Gürtellinie. „Saublöde Populisten“ seien diese „Schwurbler“, die „Wirres raunen“, „Unrat verbreiten“ und „rechtsradikale Propaganda verbreiten“. Frei nach Lenin – sag mir, wer Dich kritisiert, und ich sage Dir, was Du richtig gemacht hast“. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Im Februar fragte Tobias Riegel auf den NachDenkSeiten, wo denn die kritischen Künstler hin seien und beklagte die „Ignoranz der sozialen Fragen durch Teile des Kulturbetriebs“. Und erst in dieser Woche legte der Kollege noch einmal nach und beklagte einmal mehr das „dröhnende Schweigen der Zivilgesellschaft“. Riegel wurde erhört. Die 53 Videoclips, die im Rahmen der Kampagne „#allesdichtmachen #niewiederaufmachen #lockdownirrtümer“ gestern veröffentlicht wurden, können durchaus als – wenn auch zu späte – Ehrenrettung der deutschen Kulturschaffenden durchgehen.

Anmerkung: Die Kampagnenseite allesdichtmachen.de ist zur Zeit nicht erreichbar – wahrscheinlich hält der Server der Nachfrage nicht stand. Die Videos sind jedoch auch direkt über die YouTube-Playlist der Kampagne erreichbar – zumindest noch.

Mit ein wenig Optimismus hätte man ja zumindest erwartet, dass sich endlich einmal namhafte Vertreter des Kulturbetriebs zur prekären Situation der Kultur geäußert hätten, die im nun mehr als ein Jahr andauernden Ausnahmezustand vollends unter die Räder gekommen ist. Doch #allesdichtmachen beschränkt sich zum Glück nicht auf die eigene Branche, sondern greift in den einzelnen Clips ein sehr breites Themenfeld auf – Themen, die seit Beginn des Ausnahmezustands auch immer wieder von den NachDenkSeiten kritisch beleuchtet wurden.

So thematisiert der Clip des Schauspielers Volker Bruch beispielweise das Klima der Angst, das gezielt von Politik und Medien geschürt wird.

„Ich will wieder mehr Angst haben. Denn ohne Angst habe ich Angst. Deshalb appelliere ich an unsere Regierung: Macht uns mehr Angst. Die Menschen im Land brauchen diese Angst jetzt. Liebe Regierung, lasst uns in dieser Lage nicht allein. Es ist jetzt so wichtig, dass wir alle genug Angst haben. Bleiben Sie gesund.“ – so Bruch.

Alle Clips vereint das Stilmittel der Ironie und Überspitzung. Konzipiert sind sie im Stil der „Aufklärungsvideos“ der Bundesregierung. Die Schauspieler machen sich Sorgen und appellieren an den Zuschauer, die Maßnahmen der Bundesregierung zu befolgen – überzogen, mit ironischer Überspitzung; eine Groteske, die den Zuschauer erkennen lässt, wie grotesk die Maßnahmen und wie absurd die zur Zeit vorherrschenden Narrative doch eigentlich sind.

Dem Thema „Angst“ nimmt sich auch der Schauspieler Richy Müller an, der sich ein „Zwei-Tüten-Atmungs-System“ ausgedacht hat, um sich vor der Infektion zu schützen. Wenn jeder sein System anwendet, so Müller, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Ähnlichkeiten zu vergleichbar absurden Ratschlägen aus der Realität sind natürlich beabsichtigt.

Mitten ins Fadenkreuz der Leitartikler begibt sich Jan Josef Liefers, der es doch tatsächlich wagt, den Haltungsjournalismus aufs Korn zu nehmen

„Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört: nämlich ganz, ganz oben, und dafür sorgen, dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass einige Zeitungen damit beginnen, alte, überwunden geglaubte Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.“

Es war zu erwarten, dass die getroffenen Hunde nicht nur bellen, sondern sich sogleich bitterböse geifernd in Liefers´ Waden verbeißen würden. Seine Argumentation sei „wirklich nur noch einen Steinwurf von gleichgeschalteter Lügenpresse entfernt“, so Thomas Lückerath, Gründer und Chefredakteur des in der Branche sehr einflussreichen Medienmagazins DWDL.de. Sebastian Leber vom Tagesspiegel findet dieses Statement „so schäbig, dass es weh tut“. Und Imre Grimm vom Redaktionsnetzwerk Deutschland sekundiert, Liefers „ventiliere die uralte Mär von den gleichgeschalteten Medien“. Getroffene Hunde müssen wohl so bellen. Aber weiter im Inhalt.

Das Alleinlassen der Eltern bei der Erziehung thematisiert Felix Klare in seinem Spot und bittet die zuschauenden Eltern, doch bitte ihre Kinder „zu Disziplin und Hygiene zu erziehen“ und die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu unterstützen.

Cem Ali Gültekin präsentiert seinen „Beitrag im Kampf gegen die Pandemie“. Er testet die Kinder in seiner Nachbarschaft auf Corona. “Manche bekommen davon einen Würgereiz und müssen sich übergeben“ – aber da kümmerten sich ja dann die Eltern drum.

Ein „tolle Idee“ hat auch die Schauspielerin Kathrin Osterode. Sie hat sich eine „Inzidenzregelung“ ausgedacht, mit der sie den Kindern Freiheiten je nach aktuellem Inzidenzwert gewährt. Na klar, die Kinder, das sind wir.

Nina Gummich macht sich in ihrem Spot für „Meinungsfreiheit“ stark und hat sich „Stück für Stück von ihrer eigenen Meinung befreit“, da eine eigene Meinung „krass unsolidarisch sei“, „zu mehr Infizierten führe“ und „das gesamte Umfeld nur verunsichere“. Und „für die Karriere [sei] es auch besser, keine eigene Meinung zu haben“.

Das sieht auch Werner Eng so und freut sich darüber, dass er in der Pandemie „keinen eigenen Kopf mehr haben [müsse]“ und er der Wahrheit vertrauen könne, die durch die Maßnahmen der Bundesregierung bestimmt wird.

Die Frage der Grundrechte schneidet Tina Marina Aigner an, die ein „großer Fan von unserem Grundgesetz“ ist, die aber natürlich von „Inzidenzwerten, schlimmen Nachrichten aus anderen Ländern und Kurven“ abhängig seien, „die irgendwo schnell in die Höhe gehen“.

Miriam Stein macht sich Sorgen, dass zu wenig getestet wird. „Es könne ja nicht angehen, dass Menschen denken, sie seien gesund, nur weil sie keine Symptome haben“. Man solle alle zwei Tage zum PCR-Test gezwungen werden – aber nur gegen Vorlage eines negativen PCR-Tests. Treffer. Versenkt!

Ulrich Tukur fordert „unsere erhabene Regierung“ auf, doch bitte jede „menschliche Wirkungsstätte zu schließen“ – auch Lebensmittelläden und Supermärkte. Denn „sind wir auch am Leibe und nicht nur in der Seele alle mausetot, entziehen wir auch dem Virus – samt seiner hinterhältigen Mutanten-Bagage – die Lebengrundlage“.

An der neuen Normalität erfreut sich Meret Becker, die gar nicht verstehen kann, wie sie auch vor Corona „so lange mit den ganzen Viren leben konnte“. „Überall Viren!“. Doch das sei ja jetzt vorbei. „Unser Leben ist so viel schöner geworden“, so Becker.

In den ersten Reaktionen auf Twitter wurde den Schauspielern natürlich sofort unterstellt, als „Privilegierte“ hätten sie ja leicht Reden. Doch genau dieses Argument greift nicht, macht beispielsweise der Clip von Nadine Dubois doch klar, dass es hier gerade um soziale Unterschiede geht. Dubios freut sich, „zu Hause zu bleiben, schließlich könne sie sich das ja leisten“. Es gäbe ja Menschen, die dafür sorgen, dass sie Pizza, Strom und Wasser bekommt. Sie fände es jedoch nicht gut, „dass diese Menschen dann am Wochenende aus ihren kleinen dunklen Wohnungen rausgehen und sich in den Park setzen“. Dann würde sie von ihrer Dachterrasse aus davon Fotos machen und sich auf Twitter darüber beschweren, wie „schrecklich egoistisch“ diese Menschen doch sind. Bravo!

Thorsten Merten macht sich Sorgen, dass Menschen, die in kleinen Wohnungen leben, so egoistisch seien und keinen Abstand halten. „Warum können diese Menschen nicht einfach auch in große Wohnungen, Häuser oder Villen ziehen, um Abstand zu halten“.

Diese Treffer mitten ins Herz der selbstgerechten „Lockdown-Elite“ saßen. In den Reaktionen rückten die üblichen Verdächtigen, von Böhmermann bis Niggemeier, die Schauspieler natürlich sofort in die rechte Ecke.

Den Vogel schoss diesmal der Financial-Times-Redakteur und Twitter-Vielschreiber Olaf Storbeck ab, der sich bemüßigt fühlte, die Kampagne gleich mit einem Bild von Joseph Göbbels in das „rechte Licht“ zu rücken.

Hätten sie sich doch nur alle Clips angeschaut. Genau diese Reaktion war natürlich – so traurig es ist – zu erwarten und wurde von den Schauspielern bereits im Vorfeld antizipiert. So bekennt Markus Gläser, dass ihm Haltung wichtig sei und er nicht in der „rechten Ecke“ stehen wolle und sich fortan Filmsets in runden Räumen wünsche, so dass man ihn nicht in die rechte Ecke stellen könne.

Das gleiche Thema liegt Jens Wawrczeck auf dem Herzen, der Angst vor Beifall von der falschen Seite habe, was aber als Schauspieler gar nicht so einfach sei, da von der Bühne aus die rechte Seite ja von den Rängen aus gesehen die linke Seite sei.

Um dieses Problem bereits im Vorfeld zu umgehen, distanziert sich Schauspieler Hanns Zischler gleich von allen – von den „Schwurblern“ über die „Corona-Politik“, dem „Robert Koch-Institut“, von „dieser Aktion“ bis hin zu „allen seinen Mitmenschen“ und „sich selbst“. So muss es heute wohl sein.

Es ist zu hoffen, dass diese Aktion ein Auslöser für einen breiten Protest in der Bevölkerung sein wird. Das Hyperventilieren der Leitartikler zeigt bereits, für wie “gefährlich” man die Wortmeldungen hält. Mit Recht. Schließlich sind diese Künstler auch vielen Bürgern bekannt, die nicht so intensiv in der Debatte stecken, und sich gerne trauen würden, auch mal den Mund aufzumachen, sich jedoch vom publizierten übergroßen Konsens in Sachen Corona einschüchtern lassen. Diesen Konsens gibt es freilich nicht und so gebührt den 53 Schauspielern großer Dank, dass sie diese simple Wahrheit einem größeren Publikum überbringen. Danke dafür. Möge dieses Beispiel Schule machen. Zu viele haben schon zu lange geschwiegen.

Update 10:30: Nun fordert mit Garrelt Duin der erste Politiker ein Berufsverbot im Öffentlich Rechtlichen Rundfunk für die Schauspieler, die sich engagiert haben. Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang, dass Duin Mitglied des WDR-Rundfunkrats ist. Man stelle sich nur einmal vor, wie groß die Aufregung wäre, wenn in Russland ein Politiker und Medienfunktionär eine solche Forderung kundtun würde.

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