Wägen ohne Gewichte und andere Paradoxien – zu einigen unterbelichteten Details der Impffrage
Wägen ohne Gewichte und andere Paradoxien – zu einigen unterbelichteten Details der Impffrage

Wägen ohne Gewichte und andere Paradoxien – zu einigen unterbelichteten Details der Impffrage

Ein Artikel von Rainer Fischbach | Verantwortlicher: Redaktion

Jeder Bürger soll für seine individuelle Impfentscheidung eine Risikoabwägung vornehmen. Das ist jedoch überhaupt nicht möglich, da die dafür nötigen Informationen überhaupt nicht vorliegen, meint Rainer Fischbach in seiner ausführlichen Betrachtung der Impffrage, die die NachDenkSeiten gerne mit ihren Lesern teilen.

›Risikoabwägung‹ ist ein Wort, das sich in den letzten Monaten in die mediale Bearbeitung des Themas COVID-19 eingeschlichen hat. Risiko steht für die Kombination eines Schadensereignisses, d.h. eines unerwünschten, als negativ wahrgenommenen Geschehens mit dessen Eintrittswahrscheinlichkeit. Zu einer messbaren Größe macht man es durch eine technische Definition, indem man den Schaden quantitativ gewichtet, d.h., in welchen Einheiten auch immer, auf einer Proportionalskala misst und mit seiner Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert. Eine Abwägung zwischen alternativen Handlungen — z.B. ›impfen‹ oder ›nicht impfen‹ — erfordert dann, die Risiken aller als Konsequenzen der jeweiligen Handlung denkbaren Ereignisse zu summieren und diese Summen zu vergleichen, damit sich die bildliche Waage der einen oder anderen Seite zuneige oder vielleicht auch im Lot bleibe. Das ist nur möglich, wenn die Risiken prinzipiell bekannt sind, d.h. die Eintrittswahrscheinlichkeiten der Ereignisse ermittelt und die mit ihnen verbundenen Schäden in akzeptierter, einheitlicher Weise gewichtet werden können.

Vorausgeschickt sei, dass im Folgenden von ›Impfen‹ bzw. ›Impfung‹ die Rede ist, um den Zusammenhang mit dem herrschenden Sprachgebrauch herzustellen und unnötig komplizierte Formulierungen zu vermeiden. Dass das, was gegenwärtig im Zusammenhang mit COVID-19 meist so bezeichnet wird, nämlich die Verabreichung von gentechnischen Wirkstoffen zu Manipulation der Proteinsynthese in menschlichen Zellen, der Sache nach sich nicht bruchlos in die hinter jenen Begriffen stehende Tradition einreiht, soll damit ebenso wenig verdeckt werden wie der Sachverhalt, dass der extrem verkürzte Prozess, in dem diese entwickelt und — bedingt — zugelassen wurden, nicht den Standards der Impfstoffentwicklung entspricht.

Betrachtet man die Aussagen, die zum Thema der Impfung gegen COVID-19 in der Öffentlichkeit gemacht werden, dann fällt auf, dass nahezu durchgängig nur die Eintrittswahrscheinlichkeiten einer Erkrankung bzw. eines Impfschadens thematisiert werden, nicht jedoch die Risiken, denn die Frage der Bewertung des jeweiligen Schadens wird dabei meist ausgespart. So zitiert etwa der Südkurier v. 6. Mai 2021 die Virologin Sandra Ciesek, nach deren Meinung »durch diese ganzen Medienberichte und die Aufmerksamkeit auf dieses Thema […] das eigene Risiko, an einer Thrombose zu erkranken, eigentlich überschätzt [wird]« und dass ganz klar sei, »dass der Impfstoff bei weitem sicherer ist als das Risiko einer Covid-19-Infektion«. Es gibt jedoch allenfalls die Wahrscheinlichkeit, nicht das Risiko, an einer Thrombose zu erkranken. Die Konstruktion ›zu‹ plus Infinitiv verweist auf das Geschehen, die subjektlose Tätigkeit, der eine Wahrscheinlichkeit des Auftretens, doch ohne Betrachtung eines Inhalts und seiner Bewertung als Schaden kein Risiko zukommt. Wenn es um das Risiko ginge, wäre dies das Risiko einer Thrombose im Zusammenhang mit der Impfung, also deren bedingte Eintrittswahrscheinlichkeit kombiniert mit der Gewichtung des damit verbundenen Schadens. Während man beim ersten Teilsatz noch vermuten kann, was Frau Ciesek gemeint haben könnte, macht der zweite völlig ratlos: wie kann ein Impfstoff sicherer als ein Risiko sein? Diese Formulierung ist semantisch völlig verunglückt. Ist es zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass auch Professoren der Virologie der deutschen Sprache mächtig sind und den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Risiko kennen? Und vielleicht darauf verzichten würden, die sparsamen Meldungen von Schäden, die einen kleinen Schatten auf das rund um die Uhr durch alle Kanäle verbreitete Evangelium der Impfung werfen, als unangemessene mediale Aufmerksamkeit zu tadeln?

Während die Ermittlung der Eintrittswahrscheinlichkeiten von Schadensfällen für Versicherungsgesellschaften ein beständiges Problem darstellt, haben diese bei der Gewichtung des Schadens keine Schwierigkeiten: der ergibt sich aus der vereinbarten Versicherungssumme. Ein von der Bewertung der Risiken abgeleitetes Problem besteht in der Berechnung der jeweils zu fordernden Prämien, d.h. von Beträgen, die nicht nur die Risiken abdecken, sondern auch die Geschäftskosten und den angestrebten Profit einbringen. Aus der Perspektive derer, die vor der Impffrage stehen, ist die konsistente quantitative Bewertung des Schadens der diversen Ausgänge, die Voraussetzung einer Risikoabwägung wäre, dagegen eine nahezu unlösbare Aufgabe, weil es sich dabei um qualitativ unterschiedliche Leidenserfahrungen handelt. Wenn Menschen unterschiedliche Leiden und selbst den Tod durch unterschiedliche Ursachen nicht gleich bewerten, ist das nicht, wie die im Südkurier als »Expertin für Risikokommunikation« vorgestellte Petra Dickmann meint, irrational, sondern Ausdruck der Wahrnehmung unterschiedlich tiefer Verletzungen ihrer Integrität — und zwar sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht. Die Auseinandersetzung mit — was auch COVID-19 ist — einer Erkältungskrankheit wird, selbst wenn sie tödlich verläuft, eher als Kampf auf Augenhöhe wahrgenommen, als das sich Ausliefern an einen biochemischen Mechanismus, von dessen Wirkungsweise man nicht nur kein Bild hat, das sich in die Selbstwahrnehmung integrieren ließe, sondern worüber auch die diversen Wissenschaften noch nicht umfassend aufzuklären vermögen.

Es ist jedoch nicht nur die qualitative Unvergleichbarkeit der Ausgänge, die eine Quantifizierung des Risikos verhindert, sondern auch der Sachverhalt, dass weder der Umfang möglicher Ausgänge der Impfung noch die Eintrittswahrscheinlichkeiten selbst der bisher erfassten bekannt sind. Einige Indizien sprechen dafür, dass viele Komplikationen nicht berichtet werden. Ein nicht quantifizierbares Risiko kann man nicht gegen ein anderes abwägen. Angesichts fundamentaler Ungewissheit gibt es keine Risikokalkulation. Wer den gegenteiligen Eindruck vermittelt, betreibt Pseudowissenschaft, doch scheint das System zu haben. Nach 18 Monaten kann die Bundesregierung weder Angaben zur spezifischen Wirksamkeit der von ihr verordneten Maßnahmen machen noch darauf verweisen, dass sie dazu Studien veranlasst hätte. Auch der bisherige Verlauf der Impfkampagne vermittelt nicht den Eindruck, dass die Aufklärung der Kandidaten über die bedingte Zulassung der Stoffe im Eilverfahren und mögliche Schäden durch ihre Anwendung oder gar die vollständige Erfassung der Randbedingungen ihrer Verabreichung und der Komplikationen, die im Zusammenhang damit tatsächlich auftreten, hohe Priorität genießen würden. Dazu wäre eine umfassende Betreuung der Kandidaten nötig, die kaum stattfindet. Das sich durchsetzende Modell, insbesondere für die Jüngeren, scheint zeitgeistkompatibel so etwas wie vax2go zu sein. ›Niedrigschwelliges Angebot‹ nennt sich das, was da auf allen medialen Kanälen massiv beworben wird. Anamnese, Beratung, Deliberation, Nachsorge — erübrigt sich alles. Man nimmt sich ja auch keine Zeit mehr, um sich hinzusetzen und einen Kaffee aus einer Tasse zu trinken. Dann würde man ja vielleicht bemerken, wie unsäglich das Zeug schmeckt, das manche trendige Anbieter ausschenken.

Ganz ähnlich wie bezüglich der unzureichenden Erforschung und Kommunikation der epidemiologischen Charakteristik der Ausbreitung des Virus und der Faktoren, die sie beeinflussen, sowie derer, die für unterschiedliche Krankheitsverläufe und deren Frequenz verantwortlich sind, liegt auch bezüglich der Impfkampagne nahe, von Wissenschaftsverweigerung zu reden. Im Dezember letzten Jahres bemerkte ich noch, dass die Nachfolgerin des Keine-Experimente-Kanzlers Adenauer ein Großexperiment nach dem anderen starte, darunter die Massenimpfung mit experimentellen Vakzinen. Hinzuzufügen ist dem jetzt noch, dass die Experimente, weil sie allesamt handwerklich miserabel ausgeführt werden, nicht einmal den wissenschaftlichen Ertrag liefern, der von ihnen zu erwarten wäre.

Doch nicht nur, dass das Risiko der Impfung nicht quantifizierbar ist: Schon die deutlich besser ermittelbare Eintrittswahrscheinlichkeit einer Erkrankung an COVID-19 bzw. eines schweren Verlaufs wird meist nicht individuell bestimmt und den Impfkandidaten mitgeteilt. Ist der Kandidat schon geschützt, weil er bereits eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchlaufen hat oder mit einem anderen Coronavirus und deshalb zu erwarten ist, dass seine zelluläre Immunabwehr auch mit dem SARS-CoV-2 zurechtkommt? Erscheint bei seinem generellen Gesundheitszustand eine Impfung mit einem experimentellen Stoff überhaupt sinnvoll? Angezeigt wäre das doch nur, wenn COVID-19 einerseits für ihn eine signifikante Gefahr bedeutete und andererseits sein Immunsystem noch fähig wäre, auf die Impfung angemessen zu reagieren. Grundsätzliche Zurückhaltung ist bei Kindern und Jugendlichen geboten, bei denen die Gefahr einer schweren oder gar tödlichen Erkrankung an COVID-19 nahezu vollständig auszuschließen ist und Ausnahmen davon nur im Falle von äußerst seltenen und schweren Vorerkrankungen bestehen.

Die Gruppen, die einen Impfschutz gegen COVID-19 nicht benötigen oder einen solchen für sich ablehnen, unter dem Vorwand des Schutzes der Gesellschaft bzw. durch Appelle an ihre Solidarität zu einem Einverständnis mit der Impfung zu nötigen, entbehrt nicht nur jeglicher Logik, sondern ist auch moralisch pervers. Wenn alle, die das wollen, geimpft und der herrschenden Erzählung nach auch geschützt sind, erlischt, wie Jens Berger argumentiert, damit der letzte Schein eines Grundes dafür, auf die anderen, die das nicht wollen, Druck auszuüben. Noch mehr ist das Hantieren mit einem unscharfen Begriff von Herdenimmunität völlig unehrlich. Eine solche, in dem Sinne der sterilen Immunität eines Teils der Bevölkerung, der hinreicht, um das Virus zum Aussterben zu bringen, wird es ebenso wenig geben wie dessen Ausrottung durch Unterdrückung von Sozialkontakten, Kontaktverfolgung und Quarantäne. Das ist bei respiratorischen Viren mit hoher Evolutionsrate und außermenschlichen Reservoirs illusorisch. Die neuesten Daten aus Ländern mit einer hohen Quote von Geimpften zeigen zudem, dass nichts die Virionen, insbesondere die der neueren Varianten, daran hindert, deren Atemwegsschleimhäute zu befallen und sich dort hinreichend zu vermehren, um gegebenenfalls von dort auch den Weg zu weiteren Wirten anzutreten.

Wer glaubt, dass Geimpfte doch größere Freiheiten verdient hätten, möge sich selbst die Frage beantworten, ob er lieber einem verschnupften und hustenden Geimpften gegenübersäße oder einem symptomlosen Ungeimpften. Die Grundrechte stehen allen zu, während ein verhältnismäßiger Infektionsschutz — nicht nur gegen COVID-19 — in der Hand eines jeden liegt: am besten zuhause bleiben, wenn sich Symptome melden, andere nicht direkt anhusten oder -niesen — auch nicht, wie immer wieder zu beobachten, durch eine Maske, die aufsetzen mag, wer meint, eine solche sei hilfreich, doch bitte ohne sie anderen aufzuzwingen — und ansonsten alles tun, um in einer Verfassung zu bleiben, die den Viren wenig Angriffsfläche bietet. Dazu könnten Regierungen tatsächlich unterstützende Maßnahmen ergreifen, anstatt Angst zu verbreiten und die Bevölkerung mit Repressalien zu überziehen.

Ist der Ansatz der Kontaktverbote schon kontraproduktiv, weil er nicht nur disproportionale Schäden verursacht, sondern auch die unvermeidliche Ausbreitung des Virus und die Ausbildung einer breiten Immunität hinauszögert — die Länder, die als Champions der Zero-Covid-Strategie gefeiert wurden, haben sich damit noch tiefer in die Sackgasse nicht endender Infektionsbekämpfung manövriert — leidet die Strategie, die mit den gentechnischen Stoffen ergriffen wurde, darunter, dass sie spezifische Gefahren mit sich bringt, an der falschen Stelle ansetzt und zu schmalbandig ist: Gefährlich ist sie, weil die genetischen Wirkstoffe, deren Verteilung via Blutbahn im Körper praktisch nicht eingrenzbar ist, Zellen aller erdenklichen inneren Organe dazu veranlassen, das Antigen, d.h. die toxischen Proteine zu produzieren, die das SARS-CoV-2 tatsächlich gefährlich machen, wenn es innere Organe befällt. Dass zahlreiche Viren, darunter auch die Corona- und Influenzaviren, über Antigene verfügen, die Blutgerinnung hervorrufen, ist seit acht Jahrzehnten bekannt und bildet auch die Basis eines virologischen Tests, des Hämagglutinationshemmtests, der misst, in welchem Umfang spezifische Antikörper die Fähigkeit der Antigene, Blutgerinnung hervorzurufen, begrenzen. Das Auftreten von Thrombosen in diversen Organen konnte deshalb nicht wirklich überraschen. Man muss davon ausgehen, dass Blutgerinsel grundsätzlich entstehen, und die Frage vielmehr ist, in welchem Umfang das geschieht und wo. Fehllokalisiert ist die Verabreichung der gentechnischen Wirkstoffe, weil sie zwar hinkommen, wo sie nicht hinkommen sollen, aber die Einfallstore der Virionen, nämlich die Schleimhäute der Atemwege, nicht erreichen, weshalb dort auch mit Impfung eine Infektion stattfinden kann. Zu schmalbandig sind sie, weil ihr Wirkmechanismus nur ein spezifisches Antigen involviert und deshalb keine breite, zukunftssichere Immunantwort hervorrufen kann, d.h. eine, die ein Virus mit hoher Evolutionsrate dauerhaft in Schach halten kann, und weil Antikörper gegen Coronaviren schon nach wenigen Monaten verschwinden.

In den Medien werden Viren oft als dämonische Agenzien dargestellt, die aktiv bestrebt seien, Schaden anzurichten und der menschlichen Abwehr auszuweichen. Doch tatsächlich sind die sich durchsetzenden Stämme die Auswahl aus der durch blinde Mechanismen der Mutation und Rekombination beständig hervorgebrachten Vielfalt, die den Filter der auch vom Menschen mitgestalteten Umweltbedingungen passieren konnte. Die zu beobachtenden Veränderungen des SARS-CoV-2 bestätigen nur das Kleine Einmaleins der Evolutionsbiologie: schwächere Pathogenität einer Variante steigert deren Reproduktionsrate, weil deren Wirte mehr Gelegenheit haben, sie zu verbreiten; manischer Infektionsschutz, der zudem die menschliche Immunabwehr durch mangelndes Training schwächt, erzeugt einen Selektionsdruck zugunsten stärker infektiöser Varianten und die Verbreitung spezifischer Antikörper durch Impfung zugunsten veränderter Antigene. Von ähnlicher Ignoranz grundlegender Naturgesetze zeugt auch der Glaube, die Ausbreitung einer stärker infektiösen Variante, die sich schon im Lande befindet, durch Einreisekontrollen begrenzen zu können: ein fundamentales ökologisches Prinzip besagt, dass die Art oder Variante mit der höheren Reproduktionsrate die mit der geringeren verdrängen wird, wenn beide um dieselbe ökologische Nische konkurrieren. Wenn es sich dabei um Viren handelt, wird die sich durchsetzende Variante allerdings nicht langfristig stabil bleiben, sondern sich weiter verändern.

Das alles sind naturgemäße Vorgänge, die seit Beginn des Lebens auf der Erde stattfinden und bis zu seinem Ende weitergehen werden, jedoch keinen hinreichenden Grund darstellen, um einen permanent auf Sendung befindlichen medialen Mutantenstadl zu etablieren, in dem täglich Horrorstücke in der hinreichend bekannten Besetzung mit Karl Lauterbach als erster Sirene gegeben werden. Die aktuelle Krise ist keine COVID-19-Krise, sondern eine Bewusstseinskrise, die zeigt, dass eine tägliche Lawine von Informationen, die man nicht einzuordnen vermag oder vielleicht auch nicht einordnen möchte, dumm und ohnmächtig macht. Ohne Gensequenzierung und PCR-Test hätte die Welt 2020 eine etwas heftigere, aber im historischen Rahmen nicht ungewöhnliche Grippewelle erlebt, die sich durch die, den Viren ungünstigen, Umgebungsbedingungen des Sommers, das entsprechende Erstarken der Abwehrkräfte und via Infektion erworbene, natürliche Immunität selbst limitiert hätte. Die gekonnt inszenierte, massenhafte Ausführung der Polymerase-Kettenreaktion verursachte jedoch in Millionen Gehirnen eine Informationsexplosion, die den letzten Rest von Vernunft hinwegwehte und es so ermöglichte, gesellschafts- und gesundheitszerstörende Maßnahmen durchzusetzen, die als Nebeneffekt die anscheinend willkommene Ausdehnung bzw. Vervielfältigung der Welle hatten. Auf diese Weise gehen die Vorwände für die Verlängerung der Maßnahmen nicht aus.

Die Zahlen der positiv Getesteten und der akuten Erkrankungsfälle gehen, wie schon im Vorjahr, nach unten. Die Verzögerung dieser Entwicklung in diesem Jahr war vor allem dem kalten Frühjahr geschuldet. Dass Politiker und staatstragende Medien, so wie sie es im letzten Jahr als Erfolg der Schließungen und der Kontaktverbote darstellten, das darüber hinaus als Erfolg der Impfkampagne darstellen, ist verständlich, sollte jedoch einer kritischen Nachfrage unterliegen. Schon letztes Jahr war der Rückgang der Zahl der positiv Getesteten und der akuten Erkrankungen primär auf den selbstlimitierenden Charakter der Epidemie und auf die Saisonalität der respiratorischen Erkrankungen zurückzuführen. Es dürfte deshalb nicht leichtfallen, jetzt die Effekte der Impfung von diesen Faktoren zu trennen, auch wenn man zugesteht, dass die Impfung bei Gefährdeten die Häufigkeit schwerer Verläufe verringert.

Das SARS-CoV-2 wird bleiben, d.h. endemisch werden. Während eine — freiwillige — Impfung mit einem hinreichend geprüften, sicheren und wirksamen Vakzin — das es derzeit nicht gibt — für Ältere und Vorbelastete eine Option wäre, wird sich ein dauerhafter Schutz der Masse der Bevölkerung und insbesondere der Jüngeren dagegen auf dieselbe Weise einstellen wie gegen andere respiratorische Viren: durch Exposition gegenüber und Infektion durch das Virus, die auch den Vorteil hätten, die Abwehrkräfte generell zu verbessern. Alles andere läuft auf einen nicht zu gewinnenden, endlosen Krieg gegen die Natur hinaus, der nicht nur horrende finanzielle Kosten verursacht, sondern vor allem die Gesellschaft und auch die Gesundheit ihrer Mitglieder zerstört. Das ist der Weg, den die ärmeren Länder ohnehin schon gehen. Patente auf Arzneimittel sind für diese Länder tatsächlich ein Problem, das politisch auf globaler Ebene zu adressieren ist, doch haben diese Länder dringendere Gesundheitsprobleme als COVID-19 oder eine Impfung dagegen und wären durch die flächendeckende Verabreichung der Hightech-Impfstoffe aus deutscher bzw. US-amerikanischer Entwicklung ohnehin logistisch überfordert. Weitaus billigere, klassische Impfstoffe aus chinesischer oder kubanischer Entwicklung eignen sich für ihren, ohnehin begrenzten, Bedarf weitaus besser und wären auch hierzulande eine willkommene Alternative. Eine Linke, die glaubt, ihre Unterstützung der Repressions- und Impfpolitik der Regierung durch das Verlangen nach Patentaufhebung mit dem Schein eines Einsatzes für globale Gerechtigkeit adeln zu können, entfernt sich damit noch weiter von dem, was als relevante politische Agenda national und global angesagt wäre, als sie es ohnehin schon ist.

Regierungen rund um den Erdball haben dem SARS-CoV-2 ohne Not den Krieg erklärt und diesen mit Unterstützung der großen Medien zum totalen gesteigert, der neben sich keine anderen Themen duldet und die bedingungslose Unterordnung des Lebens unter seine Imperative fordert. Carl von Clausewitz, dem man das Diktum nachsagt, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik sei, formulierte das vielmehr als Forderung, dass er die zu sein habe und die kriegerischen Mittel deshalb immer in Proportion zu den politischen Zielen zu stehen hätten. Ganz entschieden warnte er vor der Annäherung des Krieges an seine absolute Vollkommenheit, die er in den Napoleonischen Kriegen aufscheinen sah. In seiner Verselbstständigung drohe der Krieg die Proportion zu den politischen Zielen zu verlieren und laufe Gefahr, in der allgemeinen Erschöpfung der Parteien zu enden. In Bezug auf die Viren ist dem hinzuzufügen, dass diese ressourcenreich genug sind, um der Kapitulation zu entgehen. Dazu bedürfen sie keiner intentionalen Steuerung. Sie sind immer schon unter uns. Zu versuchen, die respiratorischen Viren auszurotten, bedeutete, die Menschheit zu ersticken. Es ist erkennbar Letztere, die unter fortschreitender Erschöpfung leidet.

Die Situation nahender Erschöpfung verleitet zu Verzweiflungsakten. Jetzt soll ein, auch noch auf Kinder ausgeweiteter, massenhafter Menschenversuch mit einem experimentellen Impfstoff den Endsieg, die illusionäre Herdenimmunität bringen. Der unbedingte Wille, möglichst alle zu impfen, scheint die größten Teile der politischen und der medialen Kasten zu einen, gleichgültig, ob man schon an den Folterinstrumenten tüftelt oder, wie DIE LINKE, gouvernantenhaft mit der Fahne der Aufklärung herumfuchtelt. Auf die Idee, dass man die Leute doch irgendwie ›mitnehmen‹ und ›besser aufklären‹ müsse, kommen Politiker und ihre Hofschranzen meist dann, wenn ein signifikanter Teil der Bevölkerung etwas nicht will, was sie wollen. Einzusehen, dass die Widerständigen oft besser aufgeklärt sind als sie selbst, wäre zu schmerzhaft. Das war bei Stuttgart 21 schon so und ist beim aktuellen und noch einmal um Größenordnungen teureren Großprojekt Pandemie 21 nicht anders. Wenn man die Fakten zum Infektionsgeschehen zur Kenntnis und die Bedürfnisse der Kinder ernst nimmt, braucht man auch keine »Strategie […], insbesondere für Kitas und Schulen, damit diese wieder sicher öffnen können«, sondern kann das ganz einfach tun — und zwar ohne Maskenball und Testorgien.

Kindern entsteht durch die Impfung kein Vorteil, dafür jedoch das Risiko möglicher Schäden, die sie durch das Leben begleiten werden, das sie noch vor sich haben, sofern sie daran nicht versterben. Sie jetzt zu arrestieren und zu knebeln, bis sie bzw. ihre Eltern ›freiwillig‹ die Impfung akzeptieren, ist höchst verwerflich. Obszön ist es schon, wenn die Tagesschau (5. August, 20:00h, ab Minute 5:00) einen Zwölfjährigen präsentiert, der stolz und angeblich ganz selbstbestimmt mitmacht. Dass er die Tragweite des Geschehens zu erfassen vermag, darf bezweifelt werden. Kinder in diesem Alter vertrauen den Eltern und anderen Autoritätspersonen wie Lehrern und Ärzten. Sie können deren Wünschen und Empfehlungen meist kein eigenes Urteil entgegensetzen. Hier handelt es sich nicht nur um Kindesmissbrauch, sondern auch um einen wiederholten und besonders schweren Fall des Verstoßes gegen das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medizinprodukte.

Davon, dass der Vorteil, den das Gemeinwesen davon haben soll, eher illusionär ist, sei hier einmal abgesehen. Beängstigend ist der Instrumentalismus, der, sich über die Selbstbestimmung der Individuen und deren Recht auf Integrität hinwegsetzend, das Handeln anleitet. Ein solche Handlungsweise widerspricht dem durch Immanuel Kant formulierten Grundprinzip einer aufgeklärten Ethik, das verbietet, Menschen nur als Mittel zu betrachten (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, B66-67). Sie widerspricht auch der Ethik ärztlichen Handelns, die Prinzipien wie Schadensvermeidung und Einwilligung kennt. Die Impfkampagne, die immer mehr dazu tendiert, die Teilnahme an einem großangelegten Menschenversuch mit Repressalien zu erzwingen, stellt sich in eine ungute Tradition, die mit autoritärem Gestus dazu auffordert, dem großen Ganzen, der Nation oder was es sonst noch an denkbaren Kollektiven gibt, zu dienen. Die professoralen Autoritäten, derer es dazu bedarf, stehen schon bereit, um zu erklären, dass es der nahezu unmöglichen individuellen Abwägung gar nicht bedürfe bzw. dass eine solche der Sicht des kollektiven Guten, das sie genau zu kennen beanspruchen, völlig irrelevant sei. So etwa die Tübinger Philosophieprofessorin Sabine Döring, die weiß, dass »die wissenschaftliche Evidenz […] dafür [spricht], dass wir eine hohe Impfquote zum Kampf gegen das Virus erreichen müssen, um unser aller grundlegendes Interesse an körperlicher Unversehrtheit für möglichst viele Mitglieder der Solidargemeinschaft erfüllen zu können«. Woher sie diese Evidenz hat, verrät sie nicht. Gegen alle derzeit verfügbare Evidenz geht sie davon aus, dass die Frage, ob jemand sich infizieren und eine Infektion weitergeben könne, allein vom Impfstatus abhänge, und dass sogenannte »vermeidbare Corona-Tote« exklusiv durch eine Infektion mit dem SARS-CoV-2 verursacht und durch die Impfung von Unbeteiligten vermeidbar wären. Dafür gibt es jedoch keine Anhaltspunkte. Dem eindimensionalen Moralismus von Frau Döhring liegt die Verwechslung einer Modellwelt mit der Realität zugrunde. Noch grotesker wird diese Realitätsverweigerung, wenn sie denen, die aus guten Gründen diese Impfung ablehnen, auch noch die Schuld an einer völlig verfehlten, destruktiven Politik zuschiebt: »Wird die erforderliche Impfquote nicht erreicht, drohen wieder viele weitere und weitreichendere Maßnahmen zur Eindämmung bis hin zu einem erneuten Lockdown. In der Waagschale der Güterabwägung liegen nicht nur noch mehr vermeidbare Corona-Tote und Long Covid-Patienten, sondern zum Beispiel auch Insolvenzen oder lebenslange Bildungsnachteile einer ganzen Generation von Schülern.« Die Maßnahmen werden nicht ergriffen, sondern sie »drohen« und brechen dann, als ob hier nicht Anlass für bedächtiges Abwägen von und es zudem schon Beispiele für bessere Alternativen gäbe, eben mit Naturnotwendigkeit über uns herein. Für Frau Döhring ist dann auch ganz klar, dass »im Vergleich dazu [..] der körperliche Schaden der Impfgegner aus der solidarischen Handlung wider Willen, also die Nebenwirkungen der Impfung, statistisch gesehen verschwindend gering [ist]«. Es gab ja eine Zeit, in der die Parole »du bis nichts, dein Volk ist alles« die Beglaubigung durch professorale Autorität fand. Man muss sich wohl damit abfinden, dass nicht nur Professoren der Virologie die deutsche Sprache nicht beherrschen, sondern auch daran, dass Professoren der Philosophie Standards wissenschaftlicher Argumentation souverän missachten. Die Versuchung liegt nahe, darüber zu spekulieren, für welches Drittmittelprojekt sie sich damit bewerben könnten, und auch darüber, ob es so etwas wie professorale Prostitution gäbe.

Wenn politische Hybris auf eine kongruente wissenschaftliche trifft, dann entsteht eine mit Monstrositäten trächtige Situation — dies umso mehr, wenn sich ausgeprägte materielle Interessen — sicher noch mehr der einschlägigen Industrien als der universitären Wissenschaft — mit diesen Monstrositäten verbinden. Der deklarierte Ausnahmezustand und das, angeblich wissenschaftlich fundierte, Instrumentarium von Kontaktverboten, Maske und Impfung beseitigen jetzt alle Hemmungen und bringen nebenbei den zutiefst autoritären Charakter mancher Akteure zum Vorschein — nicht nur unter Professoren, sondern, mehr noch, unter Politikern. So etwa, wenn der baden-württembergische Ministerpräsident sich völlig enthemmt für »Durchimpfen«, bedingungslose »Maskenpflicht« und eine präventive Ermächtigung der Regierungen begeistert. Die autoritäre Persönlichkeit scheint sich als Invariante auf dem Weg von der K-Sekte in die Staatskanzlei erhalten zu haben, wenn sie nicht sogar dabei gewachsen ist.

Für die ethische Bewertung einer Handlung ist die Frage, ob deren Instrumente durch staatliche oder zwischenstaatliche Behörden zugelassen sind, unerheblich. Die Zulassung des Instruments impliziert weder einen Zwang zu seiner Verwendung noch entbindet sie von der Pflicht, diese einer ethischen Betrachtung zu unterwerfen, und insbesondere den Arzt nicht davon, das Wohl des Patienten in deren Mittelpunkt zu stellen sowie im Falle einer Anwendung durch eine angemessene Betreuung sicherzustellen, dass negative Folgen frühzeitig erkannt, behandelt und auch gemeldet werden. Die Zulassung der Impfstoffe angesichts unvollständiger Prüfungen bzw. fehlender Daten erfolgte unter der Prämisse einer epidemischen Notlage. Sofern es eine solche jemals gegeben haben sollte, so ist spätestens jetzt klar, dass sie nicht (mehr) existiert, zumal der Blick auf ein singuläres Pathogen niemals die, hier unterlassene, Bewertung von Maßnahmen am Maßstab der Grundrechte und eines umfassenden Verständnisses von Gesundheit ersetzen darf. Gesundheit ist etwas anderes als ein negativer PCR-Test oder ein Impfzertifikat. Die längst überfällige Revision der Erklärung einer Notlage durch die Politik wird jedoch verweigert — offenkundig auch aus dem Grund, dass damit die Zulassung der Impfstoffe entfiele. Das heißt, dass jetzt eine perverse Verkehrung von Grund und Begründetem stattfindet: man behauptet gegen jede Evidenz, dass der Grund weiter bestehe, nur um das aufrechtzuerhalten, was man damit begründen möchte. Dass die hier stattfindende Instrumentalisierung der Medizin dieser die Humanität austreibt, scheint weder den Politikern, die sie betreiben, noch den Ärzten, die sie geschehen lassen oder gar aktiv unterstützen, bewusst zu sein.

Titelbild: Paul Fleet/shutterstock.com

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