Die Friedensordnung liegt in Scherben
Die Friedensordnung liegt in Scherben

Die Friedensordnung liegt in Scherben

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die heute gestartete Invasion der Ukraine durch russische Truppen kam auch für uns überraschend. Umso größer ist die Resignation und es ist schwer, die ersten Gedanken in Worte zu fassen. Mit der klar zu verurteilenden Militäraktion scheint die Hoffnung auf eine dauerhafte Friedensordnung in Europa in Scherben zu liegen. In der Momentaufnahme ist Russland der Aggressor. Doch Kriege fallen nicht vom Himmel. Letztendlich ist die Invasion der Ukraine das traurige Ergebnis einer fehlgeleiteten Eskalationspolitik des Westens. Anstatt ernsthaft eine dauerhafte Friedensordnung zu entwerfen, kesselte man Russland ein und demütigte es. Dass ein in die Ecke getriebener, geprügelter Hund beißt, ist tragisch, aber in gewisser Weise auch vorhersehbar. Wenn wir einen Weltkrieg verhindern wollen, müssen wir, wenn sich der Rauch gelichtet hat, aus diesen Fehlern lernen. Doch leider sind die Hoffnungen darauf geringer denn je. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Angriffskriege sind abzulehnen und zu verurteilen. Punkt. Das gilt auch für die Invasion der Ukraine durch Russland. Es ist jedoch auch wenig hilfreich, die Invasion nun isoliert zu betrachten. Schließlich war es die Verkürzung der Geschichte, die dazu beigetragen hat, die Situation in der Ukraine derart eskalieren zu lassen. Bei aller notwendigen Kritik an Putins Kriegserklärung muss man auch feststellen, dass sie das vorläufige Ergebnis einer langen Reihe von Provokationen des Westens ist. Zynisch könnte man sagen, dass Putin nun über das Stöckchen gesprungen ist, das ihm die Falken der USA und der NATO vorgehalten haben.

Zur Vorgeschichte des Ukraine-Krieges lesen Sie bitte folgende Artikel:

Drehen wir die Uhr zurück. Kurz nach seiner Amtsübernahme hielt Wladimir Putin im Bundestag eine bemerkenswerte Rede. Er reichte dem Westen die Hand zum Aufbau einer neuen, dauerhaften Friedensordnung. Der Westen schlug Putins Hand aus. Die NATO expandierte gen Osten, der Westen unterstützte den Regime Change in der Ukraine und unterstützte sie aktiv bei ihrem scharfen antirussischen Kurs. Minsk II ist nicht nur wegen Russland gescheitert, sondern allen voran deshalb, weil der Westen die Ukraine nie an die Kandare genommen hat. Anstatt Russland die Hand zu reichen, demütigte man das stolze Land. Und jetzt erntet man die verdorbenen Früchte dieser Politik. In Washington werden sicher die Sektkorken knallen. Europa war noch nie so zerrissen wie heute und ein – hoffentlich nur – kalter Krieg wird die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, prägen. Den Preis dafür werden allen voran die normalen Menschen bezahlen – in der Ukraine, in Russland und auch im Rest Europas.

Die Ereignisse sind zu frisch, um kühl und rational zu analysieren, welche Folgen der heutige Tag haben wird. Dafür müssen sich Emotionen und Eindrücke wohl erst einmal setzen. Fest steht, dass dies ein rabenschwarzer Tag für uns alle ist. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Irgendwann ist der Kanonendonner verhallt und irgendwie muss es weitergehen. Wir können nur hoffen, dass man die jüngeren Ereignisse nicht losgelöst von deren Vorgeschichte betrachtet und neben der nun zu erwartenden – und gerechtfertigten – Kritik an Russlands Invasion die Chance nutzt, auch das eigene Handeln selbstkritisch zu reflektieren. Ist das wahrscheinlich? Leider nicht. Jahrelange Propaganda und Scharfmacherei durch die Medien haben das Debattenklima verschoben. Doch auch hier stirbt die Hoffnung zuletzt.

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