Zum Tod von Shireen Abu Akleh
Zum Tod von Shireen Abu Akleh

Zum Tod von Shireen Abu Akleh

Karin Leukefeld
Ein Artikel von Karin Leukefeld

In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2022 wurde die palästinensische Journalistin Shireen Abu Akleh ermordet. Der Fernsehsender Al Jazeera, für den die Kollegin seit 1997 aus den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet hatte, nutzte alle Kanäle und das Internet, um über die ungeheuerliche Tat zu informieren. Shireen Abu Akleh hatte an dem Morgen über eine Razzia der israelischen Streitkräfte im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland, der Westbank, berichten wollen. „Das Wespennest“ nennen die israelischen Streitkräfte das Flüchtlingslager, in dem 11.000 Menschen auf einem Quadratkilometer zusammengepfercht sind. 65 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 24 Jahre. Niemand dieser Generation hat jemals in einem freien Land, einem freien Staat gelebt. Jung und Alt kennen nur Leid, Tod und Elend unter israelischer Besatzung. Von Karin Leukefeld.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Shireen Abu Akleh kannte das Leben unter der israelischen Besatzung. Sie war selber in Jerusalem geboren und aufgewachsen und wusste, was Israel den Palästinensern antat. „Sie gab Menschen eine Stimme, von denen wir sonst nie gehört hätten“, sagte eine Kollegin. Man habe Shireen nie den Auftrag zu einem Bericht gegeben, sagte der zuständige Chefredakteur für Al Jazeera Arabisch, Mohamed Moawaz. „Sie ist einfach da, sie ist da.“

Bilder von ihren Reportagen zeigen sie in zerstörten Häusern, bei Demonstrationen, oft mit Helm und schusssicherer Weste, auch mit Gasmaske, um trotz des Einsatzes von Gas durch die israelischen Streitkräfte weiter berichten zu können. Sie berichtete aus Jerusalem genauso wie vom Sitz der Vereinten Nationen in Genf, wo es Jahr um Jahr um die Sache der Palästinenser ging, die bis heute keine Gerechtigkeit erfahren. „Ganze Generationen sind mit ihren Berichten aufgewachsen“, sagt eine Kollegin. „Sie war in den Wohnzimmern aller Palästinenser“. Und all derer, die sich für die Sache der Palästinenser interessieren, die für ihre Rechte eintreten.

Shireen Abu Akleh war 51 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Sie hatte keine Chance, denn ihr Mörder hatte es genau auf sie und ihre Kollegen und Kolleginnen an diesem Morgen abgesehen. Aufnahmen ihres Kameramanns zeigen, wie sie am frühen Morgen ihre schusssichere Weste anlegt und ihre Haare zurückstreift, um den Helm aufzusetzen. Es sei ruhig gewesen in der kleinen Straße, die auf beiden Seiten mit Mauern befestigt war, hinter denen Plantagen lagen, berichtet Shatha Hanaysha, eine der Journalistinnen in der kleinen Gruppe.

Sie seien an den israelischen Kräften vorbeigegangen, damit diese sie sehen konnten, berichtet Ali Al Samoud, ein Kollege von Shireen. Es habe „keine bewaffneten Leute, keine Zivilisten“ gegeben, erinnert er sich. Plötzlich sei das Feuer auf sie eröffnet worden und er habe den Kollegen zugerufen, dass sie angegriffen würden, sagt Al-Samoudi später. Er habe sich umgedreht und gerufen, sie sollten alle in Deckung gehen, das Feuer richte sich direkt gegen sie. Dann sei er in den Rücken getroffen worden. Shireen sah es und rief, ihr Kollege Ali sei verletzt.

Ihm gelang es, auf ein Auto zuzulaufen, das eine nahegelegene Straße entlangfuhr und ihn in Sicherheit in ein Krankenhaus brachte. Das ist auf Filmmaterial von Journalisten der Gruppe zu sehen, die das Geschehen festhielten. Schüsse sind zu hören, Rufe der Journalistin Shatha Hanaysha zu ihrer Kollegin Shireen, sie müssten sich in Sicherheit bringen. Als sie sich umdrehte, habe Shireen am Boden gelegen. Sie habe versucht, ihr aufzuhelfen, aber jedes Mal, wenn sie zu ihr gehen wollte, um sie umzudrehen und ihr auf die Beine zu helfen, sei auf sie geschossen worden. Auch das ist auf Filmmaterial zu sehen. Die Kamera, die die Szene festhält, ist nur wenige Schritte von den beiden Frauen entfernt und zeigt, wie ein Kollege vorsichtig auf die schmale Straße zugeht, um den beiden zu helfen. Sofort fallen wieder Schüsse und der junge Mann zieht sich zurück. Die Kamera bewegt sich vorsichtig auf die Ecke zu der kleinen Straße zu und zeigt die junge Journalistin, die ihnen zuruft, verzweifelt den schweren Helm auf ihrem eigenen Kopf zurechtrückt und sich schließlich mit dem Rücken an die Mauer lehnt, um den Schüssen zu entgehen. Dabei zeigt sie immer wieder auf ihre Kollegin Shireen. Diese kommt schließlich ins Bild der Kamera, die sich langsam vorwärtsbewegt. Shireen liegt am Boden. Sie trägt die schwere schusssichere Weste mit der Aufschrift „Presse“. Ihr Gesicht ist nach unten gedreht, darüber der schwere Helm.

Die junge Journalistin Shatha Hanaysha berichtete später ausführlich über das Geschehen. Shireen war tot, als sie im Krankenhaus ankam. Eine Kugel hatte unterhalb des Ohrs den Hals durchschlagen. Eine Stelle, die weder vom Kragen einer kugelsicheren Weste noch vom Helm geschützt ist. „Wir betrachten das als einen gezielten Angriff“, sagt der leitende Al-Jazeera-Manager Mohamed Moawad. „Es war eine gezielte Ermordung.“

Al Jazeera veröffentlichte eine Erklärung, in der es hieß, Shireen Abu Akleh sei absichtlich von den israelischen Streitkräften angegriffen worden. Das Büro von Ministerpräsident Naftali Bennet erklärte dagegen, dass vermutlich „bewaffnete Palästinenser für den unglücklichen Tod der Journalistin“ verantwortlich seien. Sie hätten „zu dem Zeitpunkt wild um sich geschossen“.

Nur wenige Stunden später drangen israelische Sicherheitskräfte in das Haus der Familie von Shireen Abu Akleh ein, wo sich eine Trauergemeinde versammelt hatte. Und als der Sarg zwei Tage später vom Krankenhaus zum Friedhof getragen werden sollte, rückten bewaffnete israelische Sicherheitskräfte auf dem Hof des Krankenhauses gegen die Sargträger vor, schlugen mit Knüppeln auf sie ein, traten sie, stießen sie zu Boden, so dass der Sarg fast herunterfiel, wie auf Filmmaterial zu sehen ist. Blendgranaten wurden von den israelischen Kräften gefeuert. Kein Stein war geworfen worden, wie die israelische Seite später ihren Angriff begründete. Es war völlig ruhig, wie Aufnahmen zeigen. Hunderte Trauergäste, die vor dem Krankenhaus warteten, wurden auseinandergetrieben, darunter zahlreiche internationale Medienvertreter. Schließlich jagten die israelischen Sicherheitskräfte sogar durch das Krankenhaus, auch das ist auf Filmmaterial festgehalten. Es sollte verhindert werden, dass der Sarg zum Friedhof getragen wird, es sollte verhindert werden, dass auf dem Sarg die palästinensische Fahne lag.

Der Direktor des Krankenhauses und Vertreter von 15 Kirchengemeinden traten am Tag nach der Beerdigung vor die Presse und schilderten das Geschehen.

Die Fakten sprechen für sich

Deutsche „Qualitätsmedien“ (O-Ton Ursula von der Leyen) berichteten zögerlich, in einer Fußnote, mit großer Verspätung oder gar nicht über den Tod der Kollegin. Dabei übernahmen sie ganz oder teilweise die Darstellung der israelischen Regierung, Shireen sei möglicherweise von palästinensischen Bewaffneten erschossen worden, die zu dem Zeitpunkt wild um sich geschossen hätten. Manche Medien versuchten immerhin, sowohl die eine als auch die andere Darstellung zu übernehmen. Sehr wenige ließen die Kollegen und Kolleginnen, die Augenzeugen selber, zu Wort kommen.

Doch die Tatsachen sprechen für sich, die von allen Journalisten, die bei dem Tod der Journalistin dabei waren, vorgetragen wurden und die bezeugt werden können. Die Gruppe der Journalisten wurde gezielt von der israelischen Armee angegriffen. Es gab keine bewaffneten Palästinenser, es gab nur die israelische Armee vor Ort.

Die weist jede Verantwortung von sich. Der Sprecher der israelischen Streitkräfte, Ron Kochav, erklärte, die Journalistin habe sich „unter bewaffneten Palästinensern (befunden) und für ein Medium gefilmt und gearbeitet. Diese Leute seien „mit Kameras bewaffnet“ gewesen, „wenn Sie mir erlauben, das so zu sagen“, so Kochav.

Der Journalist Ayman Mohyeldin, ein Freund und Kollege von Shireen Abu Akleh, hebt diesen Satz hervor in seinem Kommentar zu der Ermordung der Reporterin. Gerade weil Journalisten vor Ort seien, „bewaffnet“ mit einer Kamera, könnten andere Reporter in Studios in New York oder woanders auf der Welt erfahren, was in den besetzten palästinensischen Gebieten oder anderen Kriegs- und Krisengebieten auf der Welt geschehe. Mit einer Filmausrüstung vor Ort zu sein, gehöre zu den Aufgaben von Journalisten und sei Ausdruck von Pressefreiheit. Dafür habe Shireen gelebt.

Wegsehen

Deutschland, so hat man den Eindruck, möchte lieber nicht wissen, was „die einzige Demokratie im Mittleren Osten“, was Israel tut. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Wie die drei Affen verschließt man Augen, Ohren und Mund, um nur ja nicht als „anti-semitisch“ zu gelten.

Dass Bundesregierungen in Folge seit 2008 die Sicherheit des Staates Israel zur Chefsache erklären und „Staatsräson“ nennen, ist das Eine. Dass Journalisten sich dieser politischen Linie unterordnen, man möchte fast sagen unterwerfen, ist eine Bankrotterklärung.

Wo bleiben die Berichte über die Nakba, Flucht und Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat 1947/48, über die in Schulbüchern nichts steht, obwohl das damalige Geschehen in direktem Zusammenhang mit den deutschen Kriegen im 20. Jahrhundert zu tun hat? Wo bleiben die Berichte über den ungebremsten Siedlungsbau, die Ausplünderung der regionalen Wasserressourcen und des palästinensischen und arabischen Bodens? Die israelische Mauer, die palästinensische Dörfer zerteilt und Bauern von ihren Feldern trennt, wird „Sicherheitszaun“ genannt, weil die israelische Regierung es sagt. Und wenn hunderttausende Palästinenser in einem kleinen Küstenstreifen namens Gaza eingepfercht werden, ohne Entwicklungsmöglichkeiten, ohne Bewegungsfreiheit, ohne Wasser und ohne Strom, ist das kaum einem Medium heute noch einen Bericht wert.

Wenn Frauen in Gaza ihre Kinder unter israelischen Bombenangriffen gebären, um sie kurz darauf wieder zu Grabe tragen zu müssen, wird die „radikal-islamische Hamas“ dafür verantwortlich gemacht, weil sie angeblich die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde mißbrauche. Die Zerstörung von ziviler Infrastruktur wie Schulen, Wasser- und Stromversorgung und Wohnhäusern durch israelische Angriffe wird als Verteidigung gegen eine Terrororganisation hingenommen.

Westliche Journalisten verfolgen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen von der israelischen Seite wie von einem Feldherrenhügel, während die Menschen aus dem Gazastreifen keine Möglichkeit haben, zu entkommen.

Über die menschenverachtende Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern zu sprechen und über die Gewalt der israelischen Armee gegen die Palästinenser zu berichten, ist nicht antisemitisch, es ist Aufklärung. Dazu gehört auch die überaus enge Verbindung Deutschlands mit Israel bei Waffenlieferungen, Polizeihilfen und Ausbildungsprogrammen und bei der militärischen Kooperation. Wenn die Bundesregierung sich aus Gründen der „Staatsräson“ mit einem solchen Staat gemein macht, muss sie das politisch verantworten. Journalisten müssen berichten.

Geben Sie uns 10 Minuten

Shireen Abu Akleh wurde am 11. Mai 2022 ermordet. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor, am 15. Mai 2021, hatte die israelische Luftwaffe den Al-Jalaa-Turm in Gaza zerstört. In dem 11-stöckigen Haus waren rund 60 Appartements und Büros verschiedener Medien untergebracht, unter anderem das Büro von Al Jazeera und der Nachrichtenagentur AP. Seit sechs Tagen hatte die israelische Armee damals schon den Gazastreifen angegriffen, als die Journalisten den Anruf erhielten, dass das Gebäude zerstört werde. Man gab ihnen eine Stunde, um es zu evakuieren.

Weil es nur einen Aufzug gab, mussten die Menschen über das Treppenhaus entkommen. Die Journalisten brauchten Zeit, um ihre technische Ausrüstung herauszubringen. „Geben Sie mir noch 15 Minuten“, bat ein AP-Journalist in einem Telefonat mit einem israelischen Geheimdienstoffizier. „Es wird nicht einmal 10 Minuten geben“, so die Antwort des Offiziers. „Niemand darf das Gebäude noch betreten, wir haben Ihnen schon eine Stunde Zeit für die Evakuierung gegeben.“

Der AP-Reporter Fares Akram fertigte einen Bericht über das Geschehen an. Nachdem er sich in Sicherheit gebracht hatte, beobachtete er, wie das Gebäude, aus dem er mehr als zehn Jahre über Gewalt und Trauer in seiner Heimat berichtet hatte, bombardiert wurde und zusammenbrach. „Unser Gebäude war zerstört und würde nicht wiederkommen“, heißt es in seinem Bericht. „Schon passierten andere Dinge, über die ich berichten musste. Man muss wissen: Wir Journalisten sind nicht die Geschichte. Vorrang für unsere Berichte sind nicht wir. Es ist die Geschichte anderer Menschen, die um uns herum leben, über die wir berichten müssen.“

Nicht wir sind die Geschichte

Seit dem Jahr 2000 wurden nach Angaben des palästinensischen Informationsministeriums mindestens 45 Journalisten von der israelischen Armee getötet. Die palästinensische Journalistenunion gibt die Zahl der getöteten Kollegen und Kolleginnen mit 55 an. Bei dem Angriff auf den Gazastreifen im Juli/August 2014 wurden 17 Journalisten von der israelischen Armee getötet.

Die Umstände des Todes von Shireen Abu Akleh sind bekannt, es gibt zahlreiche Augenzeugen. Die israelische Armee geht über Leichen und macht auch vor deutlich als „Presse“ gekennzeichneten Journalisten nicht Halt.

Tausende und Tausende Menschen haben ihre Antwort gegeben. Sie folgten dicht gedrängt dem Sarg der Reporterin, der von einem Menschenmeer durch die Straßen getragen wurde. Die Trauernden forderten „Freiheit“, wie die Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten schrieb, die dem Trauerzug folgte. Sie riefen: „Das Volk fordert das Ende der Besatzung.“ Als die Journalistin ins Grab gelegt wurde, hätten alle Glocken Jerusalems geläutet.

In Deutschland wurden Mahnwachen zu Ehren der mutigen und angesehenen Journalistin verboten. Sie hat Menschen eine Stimme gegeben, von denen man sonst nie gehört hätte.

Titelbild: © Jordan News

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