Krieg – „auf einmal“ ganz nah
Krieg – „auf einmal“ ganz nah

Krieg – „auf einmal“ ganz nah

Ein Artikel von Jürgen Hübschen

Der Oberst a.D. Jürgen Hübschen beschreibt in diesem Text seine eigenen schrecklichen Erfahrungen in Kriegssituationen. Außerdem vertritt er die These, dass im Ukrainekrieg echte diplomatische Impulse vor allem von Verhandlungen zwischen dem russischen und dem US-amerikanischen Präsidenten ausgehen würden.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vorbemerkung

Krieg in Europa war bis zum 24. Februar 2022 für die meisten Menschen in Europa nicht vorstellbar, obwohl auch Tschetschenien und Georgien in Europa liegen und auch der s.g. „Balkan-Krieg“ in Europa stattgefunden hat. Trotzdem waren diese Kriege irgendwie außerhalb des Blickfelds der meisten Europäer. Dass in den letzten 20 Jahren auch Kriege im Irak, in Syrien und in Libyen stattfanden, der Krieg im Jemen noch gar nicht zu Ende ist, die letzten europäischen Soldaten erst im August 2021 aus dem Krieg in Afghanistan zurückgekehrt sind und aktuell noch „westliche Truppen“ in Mali kämpfen, weiß man als Europäer zwar irgendwie, aber es fällt alles mehr in die Kategorie, „geht uns nichts an“ oder „davon sind wir nicht betroffen“.

Und jetzt, seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, ist Krieg auf einmal ganz nah. Liegt das nur daran, dass die Medien praktisch rund um die Uhr darüber berichten oder dass der ukrainische Präsident im Rahmen einer beispiellosen PR-Kampagne agiert oder dass befreundete/verbündete Länder eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine oder auch mit Russland haben? Möglicherweise spielt aber auch eine Rolle, dass die wohlbehüteten Bürger in den Mitgliedsländern der EU und/oder der NATO und in den befreundeten neutralen Staaten langsam begreifen, was Krieg ist und wie schnell er das bis dahin geordnete Leben verändern kann. Im Folgenden werden einige Wesensmerkmale von Kriegen aufgezeigt, auch um zu verdeutlichen, welche Verantwortung Politiker haben, den Frieden zu bewahren.

Meine persönliche Erfahrung von Krieg

Von Ende 1986 bis Ende September 1989 war ich als Militärattaché bei der Deutschen Botschaft in Bagdad eingesetzt. Dort herrschte ein Krieg zwischen dem Irak und Iran, der im August 1988 mit einem Waffenstillstand endete. Den eigentlich erforderlichen und von der UNO vorgesehenen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. In unregelmäßigen Abständen schlugen in Bagdad iranische Raketen ein und richteten mehr oder weniger große Zerstörungen an. Die Geräusche und den Überschallknall der anfliegenden Raketen habe ich heute noch im Ohr. Insgesamt war die Lage in der Stadt angespannt, obwohl es keine konkrete Gefährdung für unsere Familie gab. Im November 1987 schlug eine iranische Scud-Rakete mit einer Sprengkraft von etwa 500 kg auf dem Schulhof einer irakischen Grundschule ein und zwar um kurz vor 08:00 Uhr, als die Kinder sich vor dem Unterrichtsbeginn auf dem Schulhof aufgestellt hatten. Ich erreichte den Einschlagsort der Rakete etwa gegen 08:15 Uhr. Kinderleichen und verletzte kleine Kinder, blutverschmierte Schulranzen und Kleidungsstücke lagen auf dem Schulhof, schreiende Mütter suchten ihre Kinder vor dem teilweise zerstörten Schulgebäude, und im Umkreis von mehreren Hundert Metern gab es wegen der Druckwelle der Explosion keine Scheiben mehr in den Fenstern.

Im Frühjahr 1988 gab es in Bagdad das Gerücht, dass es zu einer genau genannten Uhrzeit angeblich einen weiteren iranischen Angriff geben würde und zwar mit einer Rakete mit chemischem Sprengkopf. Die durch dieses Gerücht entstandene Panik auch in der „diplomatic community“ führte u.a. dazu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der indonesischen Botschaft bereits ihre ABC- Schutzmasken (früher sagte man Gasmasken) um den Hals trugen. Wir alle wussten, dass man sich vor einem solchen Angriff mit chemischem Kampfstoff hätte gar nicht schützen können. Gott sei Dank war es bei dem Gerücht geblieben.

Ich habe jedenfalls nach dieser Zeit in Bagdad eine Vorstellung davon, was Krieg bedeutet.

Krieg

Heute ist in der Ukraine mittlerweile seit 100 Tagen Krieg, aber kaum jemand weiß aus eigenem Erleben, was Krieg eigentlich bedeutet. Die schrecklichen Bilder, die wir aus Butscha und anderen Orten der Ukraine gesehen haben und immer noch sehen, gibt es in jedem Krieg, nur werden sie uns nicht in dieser Klarheit, Brutalität und Menge in „unsere Wohnzimmer transportiert“ und stammen nicht aus Europa, sozusagen aus unserer Nachbarschaft.

Diejenigen von Ihnen/uns, die, so wie ich, schon ziemlich lange auf der Welt sind, hätten solche oder ähnliche Bilder wie in Butscha schon im Irak, in Syrien, in Gaza, in Libyen, im Jemen und in Afghanistan sehen können, um mal die bekanntesten Beispiele zu nennen. Und in jedem Krieg wird von allen Beteiligten die Wahrheit mehr oder weniger durch Propaganda ersetzt.

In jedem Krieg zahlen die Zivilbevölkerung und die beteiligten Soldaten dafür den Preis. In jedem Krieg werden nicht nur Leben und Infrastruktur zerstört, sondern verlieren Menschen ihre Heimat und vielfach auch ihre Zukunft, besonders die Kinder.

Es gibt keine gerechten und ungerechten Kriege, sondern allenfalls gerechtfertigte Kriege und die auch nur dann, wenn vorher alle politischen Möglichkeiten der Konfliktlösung genutzt wurden und eine politische Strategie vorhanden ist, wie der Frieden nach einem solchen Krieg aussehen soll. Es gibt auch keine defensiven oder offensiven Waffen. Eine Waffe ist ein Neutrum, das seine moralische Einordnung durch den jeweiligen Anwender bekommt.

In jedem Krieg trägt der Angreifer die entscheidende Verantwortung für alles, was in diesem Krieg angerichtet wird. Das heißt aber nicht, dass sich nicht auch Andere die Frage stellen lassen müssen, ob der Krieg vermeidbar gewesen wäre. Besonders daraus entsteht die Verantwortung, alles zu tun, um die militärische Auseinandersetzung zu beenden.

Kriege werden nicht militärisch entschieden, sondern in diplomatischen Verhandlungen beendet. Bei diesen Verhandlungen müssen alle Kriegsparteien grundsätzlich zu Kompromissen bereit sein, und es kommt nicht nur darauf an, wer sozusagen den ersten Schuss abgegeben hat, sondern auch darauf, was vor dem Krieg gewesen ist.

Letztlich ist nicht zu vermeiden, dass auch der Angreifer einen Vorteil von diesem Verhandlungsergebnis hat. Das ist zwar nicht gerecht, aber Fakt.

Der Krieg in der Ukraine

Das gerade Geschriebene gilt auch für den Krieg in der Ukraine, den der russische Präsident Putin begonnen hat.

Und weil das so ist, führt die aktuelle Aussage des NATO-Generalsekretärs Stoltenberg, dass dieser Krieg noch lange dauern könne, auch zu keiner Lösung. Ganz im Gegenteil impliziert eine solche Position die Gefahr, dass die russische Seite immer weiter attackiert und die Ukraine immer weiter mit Waffen aus den NATO-Staaten – begleitet von immer massiveren Sanktionen gegen Russland – unterstützt wird, um sich dagegen zu wehren. Dass dadurch immer mehr Menschen sterben, verletzt werden und ihre Heimat verlieren, die Infrastruktur der Ukraine zunehmend zerstört und Russland – das ist ja nicht Putin, sondern ein ganzes Volk – in der Welt völlig isoliert wird, ist die zwangsläufige Folge.

Deshalb müsste die Aussage von Stoltenberg lauten: Wir müssen schnellstmöglich eine diplomatische Lösung finden, weil sonst dieser Krieg noch lange dauern kann und „weitere Butschas“ nicht ausgeschlossen werden können.

Russland und die Ukraine werden diese diplomatische Lösung alleine nicht erreichen. Das steht nach den Vorschlägen des ukrainischen Präsidenten und der bisherigen Weigerung des russischen Präsidenten, mit ihm zu sprechen, außer Frage. Es muss ein Mediator gefunden werden, der nicht nur einen starken Einfluss auf die Kriegsparteien hat, sondern notfalls auch den erforderlichen Druck ausüben kann, um einen Kompromiss durchzusetzen. Aus meiner Sicht können das nur die USA sein.

Tagungen der NATO-Außenminister oder anderer Gremien, auf denen über zukünftige Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert und entschieden werden soll, sind nicht zielführend, sondern geradezu kontraproduktiv.

Stattdessen muss umgehend an einem neutralen Ort ein Treffen zwischen US-Präsident Biden und dem russischen Präsidenten Putin stattfinden, um diesen Krieg zu beenden und eine für die Ukraine und Russland akzeptable Lösung für einen stabilen Frieden zu finden.


Zum Autor: Jürgen Hübschen war zuletzt als Oberst Leiter eines Zentralreferats im Bundesministerium der Verteidigung, u. a. verantwortlich für die Landesverteidigung, die zivil-militärische Zusammenarbeit, alle Fragen der zivilen und militärischen Bewachung und das Kriegsgefallenenwesen. Er schreibt auf seinem Blog Sicherheitsbulletin zu sicherheitspolitischen Themen.


Titelbild: THANKS ALL / Shutterstock

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