Jämmerliche Medien. Beispiel Handelsblatt Morning Briefing
Jämmerliche Medien. Beispiel Handelsblatt Morning Briefing

Jämmerliche Medien. Beispiel Handelsblatt Morning Briefing

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Das Handelsblatt verschickt jeden Morgen ein so genanntes Handelsblatt Morning Briefing. Das ist eigentlich eine vernünftige Einrichtung. Aber sie ist zu oft mit abstrusen Texten und Behauptungen gefüllt. Heute ist das mal wieder so. So bodenlos, dass ich daraus zitieren muss. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zu Beginn heißt es unter der Überschrift „Unerwartet: Die Inflation in Deutschland sinkt“:

„man muss die guten Nachrichten feiern, vor allem wenn sie so unerwartet kommen: Seit Wochen beziehen die Ampel-Koalitionäre mediale Dresche für Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket. Zwei Musterbeispiele für milliardenteuren Staatsaktionismus, von dem bis heute nicht klar ist, was er eigentlich für wen bringen soll.

Klar ist jetzt immerhin: Beide Maßnahmen wirken, und zwar auf die Inflation. Die Verbraucherpreise in Deutschland legten im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat zwar um 7,6 Prozent zu. Ökonomen hatten aber mit einem weiteren Anstieg der Teuerungsrate auf 8,0 Prozent gerechnet. Im Mai lag die Inflation bei 7,9 Prozent.“

Im weiteren Verlauf des Textes wird das zwar gleich wieder relativiert. Aber warum muss man einen solchen Unsinn dann aufschreiben? Wie unsinnig das ist, wird schon daran sichtbar, dass hier Veränderungen im Vergleich zu einer prognostizierten Teuerungsrate interpretiert werden. 8 % war von „Ökonomen“ vorhergesagt worden. Die Veränderung auf 7,6 % wird gefeiert. Diese Veränderung ist klein und die Preissteigerungen sind mit 7,6 % so hoch, dass es nichts zu feiern gibt. (Nachträglich präzisiert)

Ein weiterer Teil des Handelsblatt Morning Briefing widmet sich dann dem Beschluss der NATO zu einer neuen Strategie gegenüber Russland und einer massiven Aufrüstung der schnellen Eingreiftruppe auf 300.000 Mann. Ich zitiere:

‚Wie der sprichwörtliche alte Zirkusgaul, der plötzlich wieder auflebt, wenn die vertraute Manegen-Musik erklingt, zeigt sich die Nato in diesen Tagen. Die schnelle Eingreiftruppe soll drastisch aufgestockt werden, der Beitritt von Schweden und Finnland ist so gut wie beschlossen.

Und nun hat sich das westliche Militärbündnis auf seinem Gipfeltreffen in Madrid auch noch eine neue Grundsatzstrategie verordnet, die keinen Zweifel daran lässt: Der Feind steht im Osten. Russland wird im neuen Nato-Konzept als „bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für Frieden und Stabilität im euro-atlantischen Raum“ beschrieben. Das Dokument soll der Allianz in den kommenden zehn Jahren als sicherheitspolitischer Leitfaden dienen. Es ersetzt die Nato-Leitlinie von 2010. Damals wollte die Allianz noch auf eine „echte strategische Partnerschaft mit Russland“ hinarbeiten.

Nun heißt es: „Vor dem Hintergrund ihrer feindseligen Politik und Handlungen können wir die Russische Föderation nicht als unseren Partner betrachten.“

Die Klarheit der Sprache in diesem Nato-Dokument lässt einen frösteln – und ist wahrscheinlich nur ehrlich, ohne die sonst üblichen diplomatischen Verbrämungen. Es ist kein Zirkusgaul, der da in Madrid erwacht. Sondern ein erfahrenes Schlachtross, das unruhig mit den Hufen scharrt, weil es aufziehenden Pulverdampf wittert. Oder wie mein Kollege Jens Münchrath formuliert:

„Für eine Institution, die kürzlich noch als „hirntot“ (Macron) und „obsolet“ (Trump) bezeichnet wurde, zeigt sich die Nato doch recht vital. Das Verteidigungsbündnis gewinnt die Bedeutung zurück, die es zuletzt auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs in den 60er- und 70er-Jahren hatte.‘

Soweit das Zitat. Diese feurigen Lobeshymnen auf die NATO sind in einer blumigen, das Militär bewundernden Sprache abgefasst. Und dann folgt am Ende auch noch eine Feststellung zum früheren Kalten Krieg, die offenbart, dass im Handelsblatt Menschen in führender Position tätig sind, deren historische Kenntnisse gegen Null gehen. Da heißt es, das Verteidigungsbündnis gewinne die Bedeutung zurück, „die es zuletzt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den 60er- und 70er-Jahren hatte“.

Wer so etwas in das Handelsblatt Morning Briefing aufnimmt, müsste seine Funktion als Textchef an den Nagel hängen. Denn es ist nahezu alles falsch:

In den sechziger Jahren haben Brandt und Bahr in Tutzing die neue Ostpolitik verkündet. Die Formel ihrer Strategie hieß: Wandel durch Annäherung. Das war 1963. Gleich zu Beginn der im Dezember 1966 startenden Großen Koalition und seiner Tätigkeit als Außenminister hat Willy Brandt auf einer NATO-Tagung die Politik der Verständigung und damit die Beendigung des Kalten Krieges mit dem Westen abgestimmt. In seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler erklärte Willy Brandt am 28. Oktober 1969: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein“. 1970 wurde der Moskauer Vertrag und der Warschauer Vertrag abgeschlossen. Verträge mit dem Kern: Gewaltverzicht. 1975 traf sich die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Und das alles nennt der Textchef des Handelsblatts, Christian Rickens, „Höhepunkt des Kalten Krieges“. Und die meisten Leser glauben wohl diese Fehldarstellungen.

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