Zählebiger Feind – weltweiter Paria – ideeller Gesamt„terrorist“
Zählebiger Feind – weltweiter Paria – ideeller Gesamt„terrorist“

Zählebiger Feind – weltweiter Paria – ideeller Gesamt„terrorist“

Rainer Werning
Ein Artikel von Rainer Werning

Die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK – Nordkorea) begeht am 9. September den 74. Jahrestag ihres Bestehens – allen wüsten Anfeindungen und Verwünschungen zum Trotz. In einem langen Gespräch mit diesem Autor erklärte Hwang Sok-Yong [1], einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Südkoreas (ROK – Republik Korea), am 25. Juni 2005: „Anschuldigungen gegen und Vorurteile über Nordkorea sind uns sattsam bekannt. Das erinnert an herumtollende Kinder, die auf Spielplätzen gern vor aufgestellten großen Spiegeln posieren und Mätzchen machen. Wenn sie dann in die Spiegel schauen, stellen sie verdutzt fest, dass ihre Körper mal aufgebläht und riesig sind oder sie auf einmal wie Winzlinge, Zwerge erscheinen. Über Nordkorea zirkulieren Verzerrungen, ja, Zerrbilder der gröbsten Art. Offenbar ist da auch eine Abwehrhaltung im Spiel. Denn das Land fühlt sich permanent bedroht, und sein Bild im Ausland, selbst in Kinofilmen, ist in den schwärzesten Farben gemalt. Allen anderen Ländern wird zugestanden, zumindest zwei Gesichter zu haben.“ Ein Blick auf das andere Gesicht Nordkoreas von Rainer Werning.

Vorbemerkung

„Der Irre mit der Bombe“ lautete der reißerische Titel des Wochenmagazins Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 14. Februar 2005. Das Titelfoto zeigte einen feisten, lächelnden Kim Jong-Il, Sohn des nordkoreanischen Staatsgründers und Präsidenten auf Lebenszeit, Kim Il-Sung, inmitten eines surrealen Arrangements aus Wasser, Blumen und startbereiten bzw. bereits gezündeten Raketen. Kim Jong-Il – ein „ungeliebter Psychopath an der Spitze eines Zombie-Staates“? Der im Juli 1994 verstorbene Kim Il-Sung – Gründer eines „post-stalinistischen Gulag-Staates“? Ähnliche Geschichten veröffentlichten zuvor US-amerikanische Magazine wie TIME und Newsweek oder der britische Economist – von Boulevardblättern ganz zu schweigen. Selbst US-Präsident George W. Bush (2001-2009) beschimpfte Kim Jong-Il bei einem Treffen in Schanghai als „Pygmäen“.

Seit mehr als sieben Jahrzehnten ist Nordkorea für die USA „das Böse“ schlechthin. Mehrere Regierungen in Washington sahen in der Volksrepublik nicht nur einen „Schurkenstaat“, sondern auch einen Teil der „Achse des Bösen“ – neben Irak und Iran. Auch cineastisch sorgte sich der James-Bond-Film Stirb an einem anderen Tag darum, dass dieses Feindbild intakt blieb. Nordkorea wird darin als Alliierter eines Möchtegern-Weltherrschers dargestellt. Amerika – konterte die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA – will „uns absichtlich verspotten und beleidigen“. Tatsächlich seien, so KCNA, die USA ein „Reich des Bösen“ und von „moralischer Lepra“ befallen.

Teilung, Krieg und virulente Feindbilder

Selbst drei Dekaden nach dem Ende der West-Ost-Konfrontation durchzieht die Koreanische Halbinsel noch immer eine etwa 240 Kilometer lange „demilitarisierte Zone“. Ein Euphemismus ohnegleichen, handelt es sich doch um das weltweit bestbewachte und konfliktträchtigste Terrain. Diesseits und jenseits des 38. Breitengrads stehen sich über eine Million Soldaten gegenüber, inklusive 28.500 im Süden stationierter US-amerikanischer GIs. Von George W. Bush zur „Achse des Bösen“ erklärt, revanchierte sich die Führung der DVRK auf ihre Weise: Sie stieg aus dem Atomwaffensperrvertrag aus, ließ die Überwachungssysteme der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) im Kernkraftkomplex Yongbyon demontieren, fuhr die Anlage zwecks Stromgewinnung hoch und drohte Washington im Falle eines Angriffs mit einer „vernichtenden Niederlage“. Zu allem Überfluss fanden jeweils im Frühjahr und Herbst mehrwöchige südkoreanisch-amerikanische Großmanöver statt, in deren Verlauf auch und gerade ein Angriff auf die DVRK simuliert wurde.

Wäre die politische Lage auf der Koreanischen Halbinsel nicht so prekär, müsste man das annähernd 26 Millionen Einwohner zählende Drittweltland Nordkorea dafür bewundern, der aggressiven Supermacht bis heute trotzig die Stirn geboten zu haben. Seit dem 27. Juli 1953 ist zwischen beiden Koreas nur ein Waffenstillstandsabkommen in Kraft, das lediglich von Nordkorea, China und dem US-amerikanischen General Mark W. Clark im Auftrag der UNO unterzeichnet wurde. Die Vereinten Nationen fungierten im Koreakrieg (1950-53) de jure als multilateraler Schirm der US-Intervention, blieben de facto aber dem US-Kommando unterstellt – sehr zum Verdruss des damaligen UN-Generalsekretärs Trygvie Lie. Südkoreas Präsident Rhee Syngman boykottierte seinerzeit den Waffenstillstandsvertrag und setzte weiterhin auf Krieg.

Tatsächlich begann der Koreakrieg als Bürgerkrieg, um die dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg aufgezwungene Teilung entlang des 38. Breitengrads rückgängig zu machen. Die Tragik dieser Teilung bestand darin, dass sich nicht etwa Japan als Hauptaggressor des Krieges in diesem Teil der Welt in ein solches Schicksal fügen musste, sondern ausgerechnet dessen Kolonie Korea (1910-45). Während nördlich des 38. Breitengrads antijapanische Partisanen um den späteren Staatsgründer Kim Il-Sung unter Protektion der Roten Armee politisch die Oberhand gewannen und aufgrund weitreichender Sozialreformen – darunter eine umfassende Land- und Agrarreform – großen Rückhalt in der Bevölkerung genossen, stützten sich die politischen Kräfte im Süden, die zuvor unverhohlen mit der japanischen Besatzungsmacht kollaboriert hatten, auf die Bajonette der USA, die fortan südlich des 38. Breitengrads das Sagen hatte. Diese war nicht nur hauptverantwortlich für die Internationalisierung des Konflikts auf der Koreanischen Halbinsel. Sie gilt in Seoul bis heute noch immer als „Schutzmacht“ mit einem Truppenkontigent von 28.500 Soldaten und würde sogar im Kriegsfall im Kontext des sogenannten Combined Forces Command (CFC) das Oberkommando der gesamten ROK-Streitkräfte ausüben!

Was in Pjöngjang als schier unhaltbar gilt und wogegen sich die politische Führung der Volksrepublik mit dem sukzessiven Aufbau eines eigenen ambitionierten Atom- und Raketenprogramms als „stärkste Überlebensgarantie“ wappnete. Gemäß dem knallhart systemimmanenten Kalkül: Wenn wir schon nicht als Freund geachtet sind, wollen wir wenigstens auf Augenhöhe und als ebenbürtiger Feind geächtet sein. Aus der DVRK, die sich heute damit brüstet, zur neunten Atommacht aufgerückt zu sein, sind bereits vor deren Staatsgründung am 9. September 1948 sämtliche ausländischen (sprich: sowjetischen) Truppen abgezogen worden.

(Über-)Leben im Schatten der Chuch’e-Ideologie

Lange bevor Südkorea – makroökonomisch betrachtet – zum Höhenflug ansetzte und nebst Japan als zweites asiatisches Land Mitglied im erlauchten Club der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wurde, strahlte die DVRK gewisse Faszination in zahlreichen zu Beginn der 1960er Jahre unabhängig gewordenen Ländern Afrikas aus. Bekannte sich doch deren Staatsführung eingedenk tiefer kolonialer Demütigungen zur Ideologie des Chuch’e (Dschutsche), was – grob übersetzt – Unabhängigkeit und Selbstgestaltung in sämtlichen Lebensbereichen bedeutet. In der damaligen entwicklungspolitischen und -theoretischen Debatte um Autarkie oder autozentrierte Entwicklung galt die DVRK als nachahmenswertes Vorbild, zumal sie sich außenpolitisch weder an der Sowjetunion noch an der Volksrepublik China anlehnte oder orientierte. Zwischen Moskau und Peking war zu der Zeit eine heftige Debatte über die Vormachtstellung in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung entbrannt. In dieser Situation übte sich Pjöngjang in Äquidistanz zu beiden Großmächten und profitierte davon auf unterschiedliche Weise.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und zahlreicher vormals realsozialistischer Regime hielt die DVRK an ihrer Variante des Sozialismus fest, der freilich Normen neokonfuzianischer Verhaltenskodices mit gewaltförmigem Etatismus verknüpfte. Hungersnöte und Naturkatastrophen stürzten die Volksrepublik in eine tiefe Krise, was diverse Denkfabriken und hochdotierte Analysten zu der Prognose bewog, auch Nordkorea werde letztlich wie die UdSSR implodieren. Selbst ein Geheimdienststratege wie der damalige CIA-Direktor John Deutch prognostizierte 1996 in einem Hearing vor dem Geheimdienstausschuss des US-Senats drei Szenarien, die binnen kurzer Zeit zu erwarten seien:

  1. Nordkorea marschiert in den Süden ein und es kommt erneut zu einem Krieg
  2. das Land kollabiert ökonomisch
  3. es kommt zu einer friedlichen Wiedervereinigung mit dem Süden

So häufig auch hochrangige Politiker der DVRK totgesagt und -geschrieben worden waren, so ausgeprägt blieb der Selbstbehauptungswille der um den neuen Staatschef Kim Jong-Il gruppierten Führung, nachdem dessen Vater Kim Il-Sung zwei Jahre zuvor gestorben war. Ebenso friktionslos erwies sich die Machtübernahme und dynastische Erbfolge von Kim Jong-Un, als sein Vater Kim Jong-Il Mitte Dezember 2011 das Zeitliche segnete. Die Öffentlichkeit erfuhr davon qua Regierungsverlautbarung aus Pjöngjang erst wenige Tage später – eine grandiose Schande und Schmach für den südkoreanischen Geheimdienstapparat!

So angespannt die aktuellen Beziehungen zwischen Seoul und Pjöngjang sind, so getrübt ist seit dem Frühjahr 2019 das Verhältnis zwischen Pjöngjang und Washington. In Vietnams Hauptstadt Hanoi fand damals das zweite Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un statt. [2] Die amerikanische Seite lehnte dort vor allem auf Drängen von Trumps Sicherheitsberater und putsch-erfahrenem Falken John Bolton [3] im letzten Moment die nordkoreanische Forderung nach einer weitgehenden Aufhebung lähmender Sanktionen unter Führung der USA im Gegenzug für den Abbau eines veralteten Nuklearkomplexes ab, was einer teilweisen Aufgabe der nuklearen Fähigkeiten des Nordens entsprochen hätte.

Seitdem hat Kim signalisiert, seine nukleare Abschreckung angesichts des „gangsterhaften“ Drucks Washingtons zu verstärken. Dort gibt es gewichtige politische Kräfte, die Direktgespräche mit Nordkorea (auch und gerade wegen der nie überwundenen Schmach im Zuge der Pueblo-Affäre im Jahre 1968) [4] ablehnen und stattdessen einseitig auf eine Denuklearisierung Pjöngjangs insistieren.

So behält auch weiterhin das – leider treffliche – Diktum Donald P. Greggs [5] seine Gültigkeit. Dieser langjährige CIA-Mitarbeiter und einstige US-Botschafter in Seoul hatte seiner Regierung bereits vor Jahren attestiert, über keine kohärente Nordkorea-Politik zu verfügen. Gegenüber Pjöngjang, so Gregg, gäbe es lediglich eine Haltung. Und die sei gespeist aus Hass – ein Hindernis auf dem Weg, den seit 1953 bestehenden Waffenstillstand auf der Koreanischen Halbinsel endlich in einen Friedensvertrag umzuwandeln. Eine Forderung, die im politisch fortschrittlichen Spektrum der südkoreanischen Zivilgesellschaft seit Jahren mit Verve erhoben wird.

Gegen Militarismus und Krieg – für Dialog und Frieden

So zuletzt am 13. August, zwei Tage vor der Unabhängigkeitserklärung Südkoreas vor 74 Jahren, als in der Metropole Seoul die größte öffentliche Demonstration seit Jahren stattfand. Sie richtete sich gegen die andauernde US-Militärpräsenz in Südkorea und gegen bevorstehende Militärübungen beider Länder im Rahmen des sogenannten Ulchi Freedom Shield“, die vom 22. August bis zum 1. September abgehalten wurden. Unter dem Deckmantel eines solchen „Freiheitsschildes“ schlossen diese elftägigen Manöver Computersimulationen, gemeinsame Feldübungen sowie eine große Zivilverteidigungsübung ein.

An jenem Samstag demonstrierten Tausende von Menschen mit dem Slogan „Dieses Land ist keine US-Kriegsbasis“ gegen „Ulchi Freedom Shield“. Organisiert wurde der Massenprotest vom Koreanischen Gewerkschaftsbund (KCTU), dem zweitgrößten Gewerkschaftsverband Südkoreas, und einer Reihe fortschrittlicher Verbündeter, darunter die 1994 gegründete einflussreiche Bürgerinitiative People’s Solidarity for Participatory Democracy (PSPD). In einer Erklärung der PSPD hieß es:

„In einer Zeit, in der die militärischen Spannungen auf der Koreanischen Halbinsel eskalieren und es keinen Anhaltspunkt für einen innerkoreanischen Dialog gibt, sind wir besorgt, dass eine aggressive, groß angelegte Militärübung die Situation noch verschärfen wird. (…) Wir fordern die Regierungen der USA und der Republik Korea erneut auf, die gemeinsame Militärübung zwischen beiden Ländern auszusetzen und Anstrengungen zu unternehmen, um Bedingungen für einen Dialog zu schaffen.“

International, vor allem in den US-amerikanischen Mainstream-Medien, fanden diese Proteste laut dem Südkoreaexperten und Investigativjournalisten Tim Shorrock [6] kein Echo, richteten sie sich doch im Kern gegen die von Washington stets beschworene militärische Dreierallianz USA-Japan-Südkorea. In ihr sieht US-Präsident Joe Biden den „Dreh- und Angelpunkt für Frieden, Stabilität und Wohlstand“. Außer der koreanischen Presse, so Shorrock, berichteten lediglich der iranische Fernsehsender Press TV und der chinesische Fernsehsender CGTN über diese massive Demonstration gegen Militarismus und Krieg. Den einzigen ausführlichen Printbericht lieferte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

Titelbild: Leonard Zhukovsky/shutterstock.com

Der Autor ist Herausgeber des Bandes Nordkorea – Annäherungen an einen Außenseiter (Ffm. 1988 *) und Ko-Autor (zusammen mit der Koreanistik-Professorin Helga Picht) des Buches Brennpunkt Nordkorea(Berlin 2018 *).