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Das Märchen vom heiligen Mark

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, PR, Steuerhinterziehung / Steueroasen / Steuerflucht, Ungleichheit, Armut, Reichtum

Nein, was waren wir alle gerührt. Am Dienstag verkündeten Facebook-Chef Mark Zuckerberg und dessen Frau Priscilla Chan via Facebook nicht nur die Geburt ihres Töchterleins Max, sondern auch gleich noch eine vermeintlich edle Tat, die – darin sind sich die Medien einig – ihresgleichen sucht: 99% des Zuckerberg-Vermögens, und das sind laut Zuckerberg immerhin 45 Milliarden Dollar, sollen über die Jahre hinweg in eine Gesellschaft namens Chan Zuckerberg Initiative gehen; eine angeblich gemeinnützige Stiftung, deren Ziel es sein soll, die Welt zu retten. Ach, wie herzergreifend und das kurz vor Weihnachten. Leider ist nichts davon wahr. Das Märchen vom heiligen Mark ist vielmehr eine vorweihnachtliche PR-Nummer, die ihresgleichen sucht. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Mark Zuckerberg und dessen Frau Priscilla Chan / Facebook

Wer sagt denn, dass es auf SPIEGEL Online keine Märchen zu lesen gäbe? Unter der Überschrift „Deutschlands ehrlose Erben“ bekam man dort gestern folgendes zu lesen:

„Bei Familie Zuckerberg im kalifornischen Menlo Park war diese Woche schon Bescherung. Mark Zuckerberg, Chef von Facebook, nahm die Geburt seines ersten Kindes zum Anlass, fast sein ganzes Vermögen zu verschenken. Und zwar an die Allgemeinheit: 99 Prozent seiner Firmenanteile, Börsenwert derzeit etwa 45 Milliarden Dollar, sollen in den nächsten Jahren für wohltätige Zwecke ausgegeben werden. Lediglich ein Prozent behält Zuckerberg für seine Familie und Töchterchen Max zurück“.

An diesem Absatz ist so ziemlich alles falsch, sogar der Wohnsitz der Familie Zuckerberg, die eigentlich die Familie Chan-Zuckerberg ist und nicht in Menlo Park, sondern in Palo Alto lebt. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Wichtiger ist, dass es beispielsweise nicht zutrifft, dass Zuckerberg „fast sein ganzes Vermögen verschenkt“ hätte. Er hat vielmehr zusammen mit seiner Frau eine Absichtserklärung abgegeben, zu Lebzeiten 99% seiner Facebook-Aktien aus dem Privatvermögen in ein Firmenvermögen zu transferieren. Alles schön langsam und peu à peu. In den nächsten Jahren will er beispielsweise Aktien im Wert von maximal einer Milliarde Dollar umschichten. Die neue Vermögensverwaltung der Chan-Zuckerbergs trägt den Namen Chan Zuckerberg Initiative LLC – wobei das Kürzel LLC für Limited Liability Company steht, dem US-Pendant der deutschen GmbH. Gemeinnützig ist daran erst einmal nichts. Und bis Zuckerbergs Lebzeiten beendet sind, wird er natürlich weiterhin bestimmender Großaktionär von Facebook bleiben. Dabei ist es unerheblich, ob er die Aktien direkt oder indirekt über die LLC hält, die er natürlich ebenfalls voll kontrolliert.

Vorteile hat diese Rochade vor allem aus steuerrechtlicher Sicht und in Sachen Steuervermeidung kennt Zuckerberg sich ja vortrefflich aus. Wenn er Teile seines Aktienpaketes in eine LLC verschiebt – und nicht „verschenkt“ –, kommt er als Privatperson nämlich um die Kapitalertragssteuer herum. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Und wie kommen die Medien dann auf die Idee, es handele sich hierbei um eine „Spende“, eine „Stiftung“ oder gar ein „Geschenk an die Allgemeinheit“? Nun, dass hat wohl vor allem etwas mit dem Zuckerbergschen Geschwurbel zu tun. So schreibt er in seinem als offenen Brief an seine Tochter konzipierten Beitrag, die Chan Zuckerberg Initiative habe sich zum Ziel gesetzt, „das menschliche Potential zu erweitern und Gleichheit zu verbreiten“. Das klingt nach einer Mischung aus Scientology und dem üblichen Silicon-Valley-Geschwafel und ist so wundervoll schwammig. Wahrscheinlich will Zuckerberg sogar „Gutes tun“. Aber er ist ja auch felsenfest davon überzeugt, dass Facebook etwas „Gutes“ ist und er als Konzernchef schon heute „Gutes tut“. Also kann der heilige Mark ja alles beim Alten belassen.

„Zu Beginn“ wolle man sich unter anderem „darauf fokussieren“, „Leute ins Internet zu bringen und starke Communities aufzubauen“ – so Zuckerberg weiter. Mit anderen Worten: Er will die Zielgruppe von Facebook erweitern und noch mehr Nutzer an den Segnungen seines Konzerns teilhaben lassen; völlig uneigennützig, versteht sich. Aber mehr noch: Man wolle mit der Initiative auch „private Investments vornehmen und an der politischen Debatte teilnehmen“; gerade so, als träfe dies auf den Facebook-Konzern nicht heute schon zu. Wenn man einmal die ellenlange Selbstbeweihräucherung und die schwammige Bessere-Welt-Rhetorik aus dem Schreiben des Ehepaars Chan-Zuckerberg herauslässt und sich auf die wenigen konkreten Aussagen konzentriert, bleibt von dem Märchen vom heiligen Mark nicht mehr viel übrig.

Das sehen auch amerikanische Silicon Valley-Insider, wie der ehemalige Mozilla-Chefentwickler Jamie Zawinski, so. In seinem Blog schreibt er, unter der Überschrift „Zuckerberg hat nichts gespendet, ihr leichtgläubigen Idioten“:

„Wenn ein Multimilliardär per Pressemitteilung verkündet, dass er irgendwann einmal alles – außer ungefähr einer Milliarde – an eine ‚gemeinnützige Stiftung‘ überweist, die zudem vollständig unter seiner Kontrolle steht, dann ist das keine Spende, sondern bloß eine Geldverschiebung von einem Bankkonto auf ein anderes. Und nicht einmal das: Er kündigt nur an, dass er gerade im Begriff sei, sich darauf vorzubereiten, dies eines Tages zu tun. […] Dies ist bloß die übliche Manier, in der Milliardäre Geld waschen. Es kauft ihnen gute Presse und gibt ihnen die tolle Gelegenheit, untergeordneten Spezis millionenschwere Managementgehälter und Aufsichtsratsposten zuzuschanzen. Spart Euch Euren Applaus, bis er wirklich eine Entsalzungsanlage gebaut hat, statt eine der treibenden Kräfte der staatlich-privatwirtschaftlichen Überwachungspartnerschaft zu bleiben.“
Übersetzung aus dem Englischen: Florian Cramer

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Oder doch? Mark Zuckerbergs Vermögensverwaltungspläne sind vor allem in Kombination mit seiner auf die Tränendrüsen drückenden Rhetorik vor allem eins: zynisch. Zuckerberg will eine bessere Welt. Eine Welt, in der alle die gleichen Chancen haben und Krankheiten sowie Armut der Kampf angesagt wird. Wollen wir das nicht alle? Kindergärten, Schulen und Universitäten, in denen auch Kinder, deren Eltern nicht zu den Silicon-Valley-Milliardären gehören, eine gute Ausbildung bekommen, kosten bekanntlich Geld. Geld, das der Staat in die Hand nehmen sollte. Und auch der Kampf gegen Krankheiten und Armut auf der Welt wird auch und vor allem durch gemeinnützige Organisationen finanziert, die ihrerseits vor allem durch staatliche Mittel refinanziert werden. Sehr viel Geld. Geld, dass der Staat ausgibt und über das Steuersystem einnimmt. Wenn Zuckerbergs Pläne neben der reinen PR noch ein anderen Zweck haben, dann ist es der der Steuervermeidung. Eben diese Steuervermeidung, die auch der Facebook-Konzern perfektioniert hat. Zuckerberg und Co. tun also alles denkbar mögliche, um selbst so wenig Geld wie möglich an den Staat zu zahlen und beklagen dann öffentlichkeitswirksam die Probleme, für deren Lösung der Staat kein Geld mehr übrig hat. Das ist schizophren, das ist zynisch, das ist abartig.

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