Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLVIII – „Heilige Pflicht“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLVIII – „Heilige Pflicht“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLVIII – „Heilige Pflicht“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es vor allem um den unschätzbaren Beitrag unseres Großen Bruders in Übersee zur verbalen und realen Aufrüstung. Von Leo Ensel.

bemerkenswerter Schachzug
„Dieser als ‚Operation Spider’s Web‘ bekannte Angriff war ein bemerkenswerter Schachzug. Der wichtigste Aspekt des Angriffs war die Tatsache, dass er überhaupt stattfinden konnte. Die Ukraine war bereit, Russlands nukleare Fähigkeiten anzugreifen, und Russland war nicht in der Lage, deren Zerstörung zu verhindern.“ Die Rede war von dem als „Husarenstück“ frenetisch gefeierten ukrainischen Drohnenangriff auf die russische strategische Bomberflotte, einem Teil der „nuklearen Triade“, vom 1. Juni 2025. Und mit unverhohlener Häme kommentierte dies hier die ehemalige stellvertretende Generalsekretärin der NATO – bereits von 1993 bis 1994 war sie zuständig für die Denuklearisierung, allerdings in der Ukraine, Kasachstan und Belarus –, Rose Gottemoeller, in einem Beitrag für Foreign Affairs. – Die Erklärung, warum Russland „nicht in der Lage war, deren Zerstörung zu verhindern“, ist sehr simpel: Russland hatte sich an den START-Vertrag gehalten und seine strategischen Bomber vertragsgemäß sichtbar positioniert. (Und wird künftig wohl seine Konsequenzen aus dem „bemerkenswerten Schachzug“ ziehen.) (vgl. „Pearl-Harbor-Moment“)

eliminieren
Bedeutet so ziemlich dasselbe wie „ausschalten“, „liquidieren“, „neutralisieren“, „zerstören“ – nur eins nicht: Töten!

heilige Pflicht
„Unser entscheidendster taktischer Vorteil wird immer der einzelne Soldat sein. Wir haben die heilige Pflicht, diesen Vorteil zu bewahren.“ So der gläubige Fundamentalchrist, Trumps Kriegsminister Pete Hegseth. Konsequenz: „Wir sind unseren Soldaten die absolut beste medizinische Versorgung der Welt schuldig, und dieses Programm wird dieser Verpflichtung gerecht. Sich um die langfristige Gesundheit zu kümmern bedeutet, dafür zu sorgen, dass man stark, widerstandsfähig und leistungsfähig bleibt – nicht nur für den nächsten Einsatz, sondern für den Rest des Lebens, damit man auch lange nach dem Ablegen der Uniform ein erfülltes Leben führen kann.“ Und damit meinte der fürsorgliche Kriegsminister: „High-T“-Gaben, um die männliche Truppe mit Testosteron – reicht das oder braucht es auch noch Viagra? – kriegstüchtig zu halten. Weshalb er sein Ministerium auch schon mal als „High-T Department“ umtauft. – Besorgte Frage: Und was ist mit den Soldatinnen? Bekommen die jetzt auch „High-T“ oder doch lieber Östrogen? Oder kümmert sich der dopende „Deus vult“-Chauvi etwa nicht darum, wie seine Soldiergirls and -women ebenfalls „stark, widerstandsfähig und leistungsfähig“ bleiben, damit sie „für den Rest des Lebens, auch lange nach dem Ablegen der Uniform, ein erfülltes Leben führen“ können? (vgl. „Kriegsministerium“)

Instrumente
„Es ist Zeit, dass Europa seine Verteidigung selber plant und sich gleichzeitig darauf bereit macht, genauso wie Donald Trump, alle Instrumente im Instrumentenkasten auch auf den Tisch zu legen. Sie nicht nur unterm Tisch zu haben, sondern klarzumachen, dass man zumindest in der Lage ist, zu eskalieren und in einen Konflikt zu gehen.“ Empfiehlt, forsch und nebulös, mal wieder Christian Mölling. – Preisfrage: Welche „Instrumente“, um „zu eskalieren und in einen Konflikt zu gehen“, wird der „prominent German political scientist specialising in security and defence policy“ wohl gemeint haben? (By the way: Das Zeigen der betreffenden „Instrumente“ als erste Stufe der Folter wurde schon von der Inquisition praktiziert!) (vgl. „gut begründeter Mut“, „noch eine Schippe drauflegen“)

Kriegsministerium
„Der Name ‚Kriegsministerium‘ sichert mehr als der derzeitige Name ‚Verteidigungsministerium‘ den Frieden durch Stärke, da er unsere Fähigkeit und Bereitschaft demonstriert, im Namen unserer Nation jederzeit Kriege zu führen und zu gewinnen, nicht nur zu verteidigen. Dieser Name schärft den Fokus des Ministeriums auf unser eigenes nationales Interesse und den Fokus unserer Gegner auf unsere Bereitschaft und Verfügbarkeit, Krieg zu führen, um zu sichern, was uns gehört.“ So Donald Trumps Dekret zur männlich-markanten Umbenennung des bislang fahrlässig woken, will sagen: schlaffen, „Verteidigungsministeriums“. Denn, so der frischgebackene Kriegsminister Pete Hegseth: „Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten wir den Namen vom Kriegsministerium zum Verteidigungsministerium, und seitdem haben wir keinen großen Krieg mehr gewonnen. Es geht darum, zu erkennen, dass es bei dieser Namensänderung nicht nur um eine Umbenennung geht, sondern um eine Wiederherstellung; Worte sind wichtig.“ (Letzteres kann der Verfasser dieses Textes nur unterschreiben.) Konsequenz: „Maximale Tödlichkeit, nicht lauwarme Legalität; gewalttätige Wirkung, nicht politisch korrekt.“ Yeah!!

Langzeitgegner
Nein, hier ist nicht von Langzeitstudent-Doppelpunkt-Innen – sprich: ungelernten grünen Bundestagsabgeordneten – die Rede. Der Langzeitgegner, der vertraute alt-neue Feind der NATO ist vielmehr (hätten Sie‘s gewusst?) – Russland!

Lastenteilung
Lastenteilung innerhalb der NATO à la USA: „Fähigkeiten, die möglicherweise letztlich aus Europa abgezogen und durch europäische Fähigkeiten ersetzt werden müssen. Wir werden weiterhin in der NATO engagiert sein, aber gleichzeitig müssen wir uns unseren massiven Anforderungen im Indopazifik stellen.“ So zitierte Matthew G. Whitaker, US-Botschafter bei der NATO, das Konzept des US-Unterstaatssekretärs für Verteidigung, Elbridge Colby. – In verständliches Deutsch übertragen von Nel Bonilla: „Europa übernimmt mehr konventionelle Lasten gegen Russland, damit die USA sich auf China konzentrieren können. Die strategische Architektur – nukleare Abschreckung, SACEUR, Planungskonzepte – bleibt US-zentriert.“ Konsequenz für „diesen Kontinent“: „Tributzahlungen für den Stellvertreterkrieg“! (vgl. „Vernetzung“)

Lastenverschiebung („burden shifting“)
Innerhalb des Bündnisses. Fordern die USA neuerdings immer heftiger. Bedeutet unter anderem, dass nun noch mehr exorbitante Steuermilliarden aus Europa in die USA und die Ukraine fließen. Bedeutet für uns Deutsche nicht zuletzt, dass wir die Tomahawk-Marschflugkörper, die demnächst hier stationiert werden und uns zur Zielscheibe russischer (nuklearer?) Präventivschläge machen, auch noch bezahlen müssen. – Merke: Wer sein Grab selbst schaufeln muss, zahlt dafür nicht nur mit dem Leben, sondern auch noch mit seinem Geld! (Eine Maxime mit deutscher Tradition.)

Machtprojektion
Der lange Schatten, den die amerikanische Militärmacht auf den gesamten Globus wirft. Wie erklärte doch der republikanische Abgeordnete Trent Kelly, Vorsitzender des Unterausschusses für Seapower and Projection Forces, am 4. Juni: „The Seapower and Projection Forces mark before us represents essential investments in our ability to project peace through strength at sea and in the air, now and into the future.“ („Die Vorlage für die Seestreitkräfte und Machtprojektion umfasst wesentliche Investitionen in unsere Fähigkeit, Frieden durch Stärke zur See und in der Luft zu projizieren – heute und in Zukunft.“) – „Frieden projizieren“… Wenn da mal keine Fata Morgana bei rauskommt!

narrative Kriegsführung (Narrative Warfare)
„Wir sind spezialisiert auf narrative Kriegsführung – von der Untergrabung von als Waffe eingesetzten Narrativen der Gegner bis hin zur Entwicklung umfassender Strategien zur Erlangung der Vorherrschaft im menschlichen Bereich. Narrative Strategies ist die einzige Denkfabrik, die darauf ausgerichtet ist, operationalisierte Erzähldienstleistungen und Schulungen auf höchstem Niveau anzubieten.“ So Ajit Maan, narrative Pionierin des Cognitive Warfare, um den sich seit Jahren die NATO intensiv kümmert. – Und nicht vergessen: „Kognitive Kriegsführung ist nicht das Mittel zum Zweck, sondern der Kampf selbst. Das Gehirn ist sowohl Ziel als auch Waffe im Kampf um die kognitive Überlegenheit. Kognitive Kriegsführung zielt darauf ab, Rationalität anzugreifen und zu untergraben, was zur Ausnutzung von Schwachstellen und zur systemischen Schwächung führen kann.“ Beispiele gefällig? Einfach die Serie „Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ intensiv studieren! („operationalisierte Erzähldienstleistungen“)

NATO 3.0
Die NATO der Zukunft, die nicht nur gegen Russland kämpft, sondern dies auch noch weitgehendst ohne US-amerikanische Unterstützung. Kurz: der zwar nicht fleisch-, dafür aber stahlgewordene EU-europäische Größenwahnsinn!

operationalisierte Erzähldienstleistungen (operationalized narrative services)
Bei diesen sehr speziellen „Dienstleistungen“ geht es nicht in erster Linie darum, Fakten zu vermitteln oder zu verschweigen, sondern dafür zu sorgen, dass die ‚richtige‘ – d.h. dem jeweiligen Auftraggeber genehme – Geschichte über ein Ereignis auch geglaubt wird. (Angesichts der aktuellen Fülle „alternativer Fakten“ keine einfache Angelegenheit!) (vgl. „narrative Kriegsführung“)

sich nicht benehmen
„US-Präsident Trump teilte beim G7-Gipfel in Frankreich lediglich mit, dass die Rahmenvereinbarung nicht endgültig sei. Sollte sich der Iran ‚nicht benehmen‘, würden die USA wieder, so Trump, Bomben auf ihre Köpfe werfen.“ – Trump und der Stil der Schwarzen Pädagogik: Das Beste aus zwei Welten! (vgl. „keine Faxen reißen“, „Unfug machen“)

Trittbrettfahrerei der Europäer
Die ist nun vorbei. Verkündete Friedrich Merz befriedigt nach dem NATO-Gipfel von Ankara. Mit anderen Worten: Jetzt wird investiert. In die NATO. Und zwar „auf Augenhöhe“!

zurück in die Steinzeit schicken
„Wir werden ihnen in den nächsten zwei bis drei Wochen extrem hart zusetzen. Wir werden sie zurück in die Steinzeit schicken, wo sie hingehören“, drohte vollmundig am 1. April der „zweite Hitler“ im Kreml dem Land, gegen das er gerade einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt. – Sie meinen, das stimme gar nicht? Ich hätte da etwas verwechselt? Sorry, da muss ich wohl nochmal recherchieren …

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Neu: unterstützen leicht gemacht

Unabhängiger Journalismus braucht unabhängige Finanzierung

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele – aber sie kosten auch Geld. Deshalb bitten wir Sie, liebe Leser, um Ihre Unterstützung. Herzlichen Dank!

Jetzt unterstützen

Beitrag versenden

Sie kennen jemand der sich für diesen Beitrag interessieren könnte?
Dann schicken Sie ihm einen kleinen Auszug des Beitrags über dieses Formular oder direkt über Ihr E-Mail-Programm!