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Auf dem Weg zu einer globalen Neuordnung

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast
Zbigniew Brzezinski

Während die Ära ihrer globalen Vorherrschaft endet, müssen die Vereinigten Staaten bei der Neuordnung der globalen Machtarchitektur die Führung übernehmen. Fünf grundlegende Wahrheiten hinsichtlich der sich herausbildenden Umverteilung der weltweiten politischen Macht und des gewaltsamen politischen Erwachens im Nahen Osten signalisieren das Heraufziehen einer neuen globalen Umorientierung. Von Zbigniew Brzezinski [*] aus dem Englischen von Michael Schiffmann

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Dieser Artikel erschien im englischen Original zuerst auf „The American Interest

Die erste dieser Wahrheiten ist, dass die Vereinigten Staaten immer noch die politisch, wirtschaftlich und militärisch stärkste Instanz der Welt darstellen, aber dass sie zugleich aufgrund komplexer geopolitischer Veränderung in den regionalen Gleichgewichten nicht mehr die globale imperiale Macht sind. Aber das sind auch alle anderen großen Mächte nicht.

Die zweite Wahrheit ist, dass Russland derzeit die jüngste konvulsive Phase seiner imperialen Auflösung erfährt. In diesem qualvollen Prozess ist es keineswegs endgültig ausgeschlossen, dass Russland – falls es klug agiert – schließlich ein führender europäischer Nationalstaat wird. Derzeit jedoch verprellt es auf sinnlose Art einige der früheren Bestandteile seines einstmals umfangreichen Imperiums nicht nur im islamischen Südwesten, sondern auch in der Ukraine, in Weißrussland und in Georgien, ganz zu schweigen von den baltischen Staaten.

Die dritte Wahrheit ist, dass China in einem ständigen, wenn auch in letzter Zeit verlangsamten Aufstieg als Amerikas letztlich ebenbürtiger Rivale begriffen ist, aber momentan noch sehr darauf achtet, Amerika nicht direkt herauszufordern. Militärisch scheint es mit einer neuen Generation von Waffen einen Durchbruch anzustreben, während es zugleich seine immer noch sehr begrenzte Seemacht auszudehnen sucht.

Die vierte Wahrheit ist, dass Europa heute keine globale Macht ist und es wahrscheinlich auch nicht werden wird. Aber es kann eine konstruktive Rolle spielen, indem es im Hinblick auf transnationale Bedrohungen des globalen Wohlergehens und sogar des Überlebens der Menschheit die Führung übernimmt. Ferner ist Europa politisch und kulturell den wichtigsten US-Interessen im Nahen Osten verbunden und unterstützt sie, und die Standhaftigkeit Europas innerhalb der NATO ist essentiell für eine dauerhafte konstruktive Lösung der russisch-ukrainische Krise.

Die fünfte Wahrheit ist, dass das gegenwärtige gewaltsame politische Erwachen der Muslime der Postkolonialzeit zum Teil eine verspätete Reaktion auf ihre mitunter brutale Unterdrückung vorwiegend durch europäische Mächte ist. In ihm verschmelzen ein mit Verzögerung aufgekommenes, aber tiefes Gefühl erlittenen Unrechts und eine religiöse Motivation, die eine große Zahl von Muslimen gegen die nicht-muslimische Welt vereint. Gleichzeitig jedoch spielt das jüngste Aufwallen historischen Grolls auch innerhalb des Islams eine entzweiende Rolle, wobei die historischen Sektenspaltungen im Islam nichts mit dem Westen zu tun haben.

Wenn man diese fünf Wahrheiten zum Ausgangspunkt einer einheitlichen Analyse macht, sagen sie uns, dass die Vereinigten Staaten bei der Neuordnung der globalen Machtarchitektur in einer Weise die Führung übernehmen müssen, dass die Gewalt, die derzeit innerhalb der muslimischen Welt ausbricht und gelegentlich über sie hinaus schwappt – und die in Zukunft möglicherweise auch von anderen Teilen der Welt in dem, was früher als Dritte Welt bezeichnet wurde, ausgehen wird – eingedämmt werden kann, ohne die globale Ordnung zu zerstören. Wir können diese neue Ordnung skizzieren, indem wir kurz etwas mehr zu jeder der oben erwähnten Wahrheiten sagen.

Erstens kann Amerika nur dann im Umgang mit der derzeitigen Gewalt im Nahen Osten effizient sein, wenn es eine Koalition schmiedet, die in unterschiedlichen Ausmaßen auch Russland und China einschließt. Damit eine solche Koalition Gestalt annehmen kann, muss Russland zunächst von seinem Rückgriff auf den einseitigen Einsatz von Gewalt gegen seine eigenen Nachbarn – besonders die Ukraine, Georgien, die baltischen Staaten – abgeschreckt werden, und China sollte von dem Gedanken abgebracht werden, dass selbstsüchtige Passivität angesichts der wachsenden regionalen Krise im Nahen Osten sich als politisch und wirtschaftlich vorteilhaft für seine Ambitionen in der globalen Arena erweisen wird. Diese kurzsichtigen politischen Impulse müssen in eine weitsichtigere Vision transformiert werden.

Zweitens ist Russland zum ersten Mal in seiner Geschichte dabei, ein wirklicher Nationalstaat zu werden, eine Entwicklung, die nicht nur enorm bedeutend ist, sondern auch allgemein übersehen wird. Das Zarenreich mit seiner multinationalen, aber weitgehend politisch passiven Bevölkerung endete mit dem Ersten Weltkrieg und eine durch die Bolschewiki geschaffene, angeblich freiwillige Union nationaler Republiken (die UdSSR), bei der sich die Macht in Wirklichkeit in russischen Händen befand, trat an ihre Stelle. Der Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 führte zu der plötzlichen Entstehung eines vorwiegend russischen Staates als ihrem Nachfolger und zur Transformation der nicht-russischen „Republiken“ der früheren Sowjetunion in formal unabhängige Staaten. Diese Staaten konsolidieren derzeit ihre Unabhängigkeit und sowohl der Westen als auch China nutzen – in unterschiedlichen Gebieten und auf unterschiedliche Weise – diese neue Realität zum Nachteil Russlands aus. Unterdessen hängt Russlands eigene Zukunft von seiner Fähigkeit ab, ein bedeutender und einflussreicher Nationalstaat zu werden, der Teil eines sich vereinigenden Europas ist. Wenn dies nicht geschähe, könnte das dramatische negative Konsequenzen für Russlands Fähigkeit haben, einem wachsenden territorial-demografischen Druck von Seiten Chinas zu widerstehen, das mit seiner wachsenden Macht immer mehr geneigt ist, die „ungleichen“ Verträge aufzukündigen, die Moskau Beijing in der Vergangenheit aufgenötigt hat.

Drittens erfordert der dramatische wirtschaftliche Erfolg Chinas von diesem Land beständige Geduld und das Bewusstsein, dass politische Hast zu gesellschaftlicher Last führt. Die beste politische Perspektive für China in der nahen Zukunft besteht darin, Amerikas wichtigster Partner bei der Eindämmung des globalen Chaos jener Art zu werden, wie es sich jetzt aus dem Nahen Osten heraus verbreitet (unter anderem auch in Richtung Nordosten). Wenn es nicht eingedämmt wird, wird es auf die südlichen und östlichen Territorien Russlands sowie auf die westlichen Regionen Chinas übergreifen. Engere Beziehungen zwischen China und den neuen Republiken in Mittelasien, den post-britischen muslimischen Staaten in Südwestasien (besonders Pakistan) und vor allem (angesichts seiner strategischen Aktivposten und seiner wirtschaftlichen Bedeutung) mit dem Iran stellen die natürlichen Ziele des chinesischen regional-geopolitischen Vorgehens dar. Aber sie sollten auch die Ziele einer globalen chinesisch-amerikanischen Annäherung sein.

Viertens wird es im Nahen Osten kein erträgliches Maß an Stabilität mehr geben, so lange örtliche bewaffnete Militärformationen von der Kalkulation ausgehen können, dass sie gleichzeitig die Nutznießer territorialer Neuordnungen sein und in bestimmten Kontexten eine Politik extremer Gewalt betreiben können. Ihre Fähigkeit zu brutalem Vorgehen kann nur durch immer effektiveren – aber auch selektiven – Druck eingedämmt werden, der sich auf eine Basis US-amerikanisch-russisch-chinesischer Kooperation stützt und der seinerseits die Aussichten auf einen verantwortlichen Einsatz von Gewalt durch die etablierteren Staaten der Region (nämlich den Iran, die Türkei, Israel und Ägypten) erhöht. Diese letzteren sollten auch auf selektivere Art durch Europa unterstützt werden. Unter normalen Umständen würde auch Saudi-Arabien ein bedeutender Mitspieler auf dieser Liste sein, aber die derzeitige Neigung der saudischen Regierung, ungeachtet ihres Engagements in ambitionierten einheimischen Modernisierungsprojekten auch weiterhin den wahhabitischen Fanatismus zu fördern, erweckt schwere Zweifel im Hinblick auf die Fähigkeit des Landes, eine bedeutsame konstruktive Rolle in der Region zu spielen.

Fünftens sollten wir den jüngst politisch in Aufruhr geratenen Massen der nicht-westli­chen Welt besondere Aufmerksamkeit widmen. Es sind zum großen Teil lang unterdrückte politische Erinnerungen, die das plötzliche und höchst explosive, von islamischen Extremisten befeuerte Erwachen speisen, aber was heute im Nahen Osten geschieht, könnte lediglich der Anfang eines breiteren Phänomens sein, das das wir in den kommenden Jahren vielleicht auch in Afrika, Asien und sogar unter den prä-kolonialen Völkern der westlichen Hemisphäre erleben werden.

Periodische Massaker an gar nicht so weit zurückgehenden Vorfahren durch Kolonisten und mit ihnen verbündete Schatzjäger, die beide weitgehend aus Westeuropa kamen (Ländern, die heute, zumindest der Absicht nach, vergleichsweise am offensten für multiethnisches Zusammenleben sind) haben im groben Zeitraum der letzten beiden Jahrhunderte zum Mord an kolonisierten Völkern in einem Ausmaß geführt, das mit den Naziverbrechen während des Zweiten Weltkriegs vergleichbar ist: Wir sprechen hier von Hunderttausenden und sogar Millionen von Opfern. Das Streben nach politischer Selbstbehauptung, verstärkt durch lange zurückgehaltene Wut und Frustration, ist eine mächtige Kraft, die jetzt zutage tritt und Vergeltung fordert – nicht nur im muslimischen Nahen Osten, sondern sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus.

Viele der Daten können nicht genau verifiziert werden, aber insgesamt genommen sind sie schockierend. Einige Beispiele sollen hier genügen. Im 16. Jahrhundert sank die Bevölkerung des ehemaligen aztekischen Reichs auf dem Territorium des heutigen Mexiko von 25 Millionen auf eine Million. Ähnlich starben in Nordamerika schätzungsweise 90 Prozent der Ursprungsbevölkerung innerhalb der ersten fünf Jahre ihres Kontakts mit den europäischen Siedlern, vorwiegend aufgrund eingeschleppter Krankheiten. Im 19. Jahrhundert wurden durch diverse Kriege und erzwungene Umsiedelungen nochmals Hunderttausend Menschen getötet. Die Briten haben in Indien 1857-1867 bei Vergeltungsaktionen für die indische Rebellion von 1857 vermutlich bis zu eine Million Zivilisten getötet. Außerdem resultierte damals der Einsatz der indischen Landwirtschaft für den Anbau von Opium durch die British East India Company, Opium, zu dessen Abnahme dann China gezwungen wurde, im vorzeitigen Tod von Millionen von Chinesen, wobei die direkten chinesischen Todesopfer während des Ersten und Zweiten Opiumkrieges noch gar nicht mit eingerechnet sind. Im Kongo, das damals der persönliche Besitz des belgischen Königs Leopold II. war, wurden zwischen 1890 und 1910 zehn bis fünfzehn Millionen Menschen getötet. In Bezug auf Vietnam besagen neuere Schätzungen, dass dort zwischen 1955 und 1975 zwischen einer und drei Millionen Zivilisten getötet wurden.

Wenn wir uns der muslimischen Welt im russischen Kaukasus zuwenden, finden wir, dass zwischen 1864 und 1867 neunzig Prozent der tscherkessischen Bevölkerung zwangsumgesiedelt wurde und dass dabei zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen entweder verhungerten oder getötet wurden. Zwischen 1916 und 1918 wurden Zehntausende von Muslimen getötet, als 300.000 turkische Muslime von den russischen Behörden durch die Berge Mittelasiens nach China deportiert wurden. In Indonesien töteten die holländischen Besatzer zwischen 1835 und 1840 schätzungsweise 300.000 Zivilisten. In Algerien töteten die Brutalitäten der Franzosen sowie Hungersnöte und Krankheiten nach einem fünfzehn Jahre währenden Bürgerkrieg von 1830 bis1845 eineinhalb Millionen Algerier, fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung. Im benachbarten Libyen sperrten die Italiener die Bewohner der Provinz Kyrenaika in Konzentrationslager, in denen unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 1927 und 1934 zwischen 80.000 und 500.000 der Insassen starben.

In jüngerer Zeit hat die Sowjetunion zwischen 1979 und 1989 Schätzungen zufolge etwa eine Million Zivilisten getötet; zwei Jahrzehnte später brachten die USA in ihrem fünfzehn Jahre währenden Krieg in Afghanistan 26.000 Zivilisten um. Im Irak wurden in den letzten dreizehn Jahren von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten 165.000 Zivilisten getötet. (Der Unterschied in den berichteten Zahlen von Toten, der hier zwischen dem Werk der europäischen Kolonisatoren auf der einen und dem der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in Afghanistan und im Irak auf der anderen Seite besteht, könnte zum einen Teil auf die zwischenzeitlichen technologischen Fortschritte, die eine effektivere Anwendung von Gewalt erlauben, und zum anderen Teil auf einen Wandel im normativen Klima der Welt zurückgehen.) Doch genauso schockierend wie das Ausmaß dieser Gräuel ist das Tempo, mit dem der Westen sie vergessen hat.

In der heutigen postkolonialen Welt entsteht allmählich eine neue historische Erzählung. Dabei wird eine tiefe Skepsis gegenüber dem Westen und seinem kolonialen Vermächtnis in den muslimischen Ländern, aber nicht nur dort, artikuliert, um das Gefühl dieser Welt zu rechtfertigen, dass sie betrogen und ihrer Würde beraubt wurde. Der senegalesische Dichter David Diop fasst in seinem Gedicht „Aasgeier“ die Erfahrungen und Einstellungen kolonisierter Völker eindrücklich zusammen:

In jenen Tagen
Als die Zivilisation uns ins Gesicht schlug
Bauten die Aasgeier im Schatten ihrer Klauen
Das blutbefleckte Monument der Vormundschaft…

Angesichts all dessen ist ein langer und schmerzlicher Weg zu einer zunächst begrenzten regionalen Annäherung für die Vereinigten Staaten, Russland, China und die hier angesprochenen Mitspieler im Nahen Osten die einzig lebensfähige Option. Für die USA wird das ein geduldiges Bemühen um die Schaffung kooperativer Beziehungen mit einigen neuen Partnern (besonders Russland und China) sowie gemeinsame Bemühungen mit etablierteren und historisch fester verankerten muslimischen Staaten (der Türkei, dem Iran, Ägypten und Saudi-Arabien, sofern es sich vom wahhabitischen Extremismus abgrenzen kann) erfordern, um einen größeren Rahmen regionaler Stabilität zu schaffen. Unsere europäischen Verbündeten, die früher in dieser Region die Vorherrschaft hatten, können in dieser Hinsicht immer noch hilfreich sein.

Ein umfassender Abzug der USA aus der muslimischen Welt, wie er von unseren heimischen Isolationisten befürwortet wird, würde zu neuen Kriegen führen (zum Beispiel Israel gegen den Iran, Saudi-Arabien gegen den Iran, eine große ägyptische Intervention in Libyen) und würde eine noch größeren Krise des Vertrauens in die global stabilisierende Rolle Amerikas hervorrufen. Auf verschiedene, aber jetzt noch völlig unvorhersehbare Arten könnten Russland und China dann zu den geopolitischen Nutznießern einer solchen Entwicklung werden, während die globale Ordnung selbst zum unmittelbareren geopolitischen Opfer würde. Und zu guter Letzt würde unter solchen Umständen ein gespaltenes und furchtsames Europa erleben, wie seine gegenwärtigen Mitgliedstaaten sich nach Schirmherren umsehen und miteinander um verschiedene, aber jeweils getrennte Arrangements mit den Akteuren des mächtigen Trios USA-Russland-China konkurrieren würden.

Eine konstruktive US-Politik muss von einer geduldigen, langfristigen Vision geleitet sein. Sie muss Ergebnisse anstreben, die die schrittweise Erkenntnis in Russland (möglicherweise erst nach Putin) befördern, dass sein einziger Platz als einflussreiche Weltmacht letztlich in Europa liegt. Die wachsende Rolle Chinas im Nahen Osten sollte die beiderseitige Erkenntnis bei den USA und China widerspiegeln, dass eine verstärkte Partnerschaft zwischen den USA und der Volksrepublik China bei der Handhabung der Krise im Nahen Osten einen historisch bedeutsamen Test für die gemeinsame Fähigkeit beider Länder darstellt, der globalen Stabilität insgesamt eine Form zu geben und sie zu stärken.

Die Alternative zu einer konstruktiven Vision und besonders das Streben nach einer einseitig militärisch und ideologisch erzwungenen Lösung können nur in einer langwierigen und selbstzerstörerischen Sackgasse enden. Für Amerika könnte das zu einer Situation dauerhaften Konflikts, zu Ermüdung und sogar zu einem demoralisierenden Rückzug auf seinen Isolationismus vor dem 20. Jahrhundert führen. Für Russland könnte dies eine gravierende Niederlage bedeuten, die die Wahrscheinlichkeit irgendeiner Art von Unterordnung unter chinesische Vorherrschaft erhöhen würde. Für China könnte es Krieg nicht nur mit den Vereinigten Staaten, sondern auch und vielleicht unabhängig hiervon mit Japan oder Indien oder mit beiden in Aussicht stellen. Und in jedem Fall würde eine langanhaltende Phase ständiger ethnischer, quasi-religiöser, überall im Nahen Osten mit selbstgerechtem Fanatismus ausgefochtener Kriege zu einem eskalierenden Blutzoll innerhalb und außerhalb der Region und zu wachsender Grausamkeit an anderen Orten der Welt führen.

Es verhält sich schlicht so, dass es bis zum Auftritt Amerikas auf der Weltbühne noch nie eine wirklich „dominante“ Weltmacht gegeben hat. Das britische Weltreich kam nah an diesen Status heran, aber der Erste Weltkrieg und später der Zweite Weltkrieg führten nicht nur zum Bankrott Großbritanniens, sondern auch zur Entstehung rivalisierender Regionalmächte. Die entscheidende neue globale Realität war das Auftreten Amerikas auf der Bühne, das nun gleichzeitig der reichste und der militärisch mächtigste Mitspieler im globalen Wettbewerb war. Im letzten Teil des Zwanzigsten Jahrhunderts kam keine andere Macht dieser Position auch nur nahe.

Diese Ära geht jetzt zu Ende. Während in nächster Zeit wahrscheinlich kein Staat imstande sein wird, an Amerikas ökonomisch-finanzielle Überlegenheit zu rühren, könnten neue Waffensysteme einige Länder plötzlich mit der Fähigkeit versehen, in einem Schlagabtausch mit den USA Selbstmord zu begehen oder sogar die Oberhand zu behalten. Ohne uns hier allzu sehr in Spekulationen ergehen zu wollen, würde der plötzliche Erwerb der Fähigkeit seitens irgendeines Staates, Amerika militärisch unterlegen dastehen zu lassen, das Ende der globalen Rolle Amerikas bedeuten. Das wahrscheinlichste Resultat einer solchen Entwicklung wäre weltweites Chaos. Und genau darum sollten die Vereinigten Staaten eine Politik ausarbeiten, durch die zumindest einer der beiden potentiell bedrohlichen Staaten zu einem Partner im Bestreben nach regionaler und darauf aufbauend globaler Stabilität und somit auch dabei sein wird, denjenigen Rivalen, der am unberechenbarsten ist und zugleich am wahrscheinlichsten übers Ziel hinausschießen wird, einzudämmen. Im Augenblick ist es wahrscheinlicher, dass dies Russland sein wird, aber auf lange Sicht könnte es auch China sein.

Da die nächsten zwanzig Jahre sehr gut die letzten sein könnten, in denen wir die traditionelleren und vertrauteren politischen Arrangements vorfinden, an die wir uns gewöhnt haben, müssen die Antworten jetzt gefunden werden. Im Lauf des Rests dieses Jahrhunderts wird die Menschheit sich außerdem aufgrund einer ganzen Reihe von Herausforderungen im Hinblick auf die natürliche Umwelt in wachsendem Maß mit ihrem bloßen Überleben beschäftigen müssen. Diese Herausforderungen können nur in einem Rahmen verstärkter internationaler Annäherung auf verantwortliche und effektive Art angegangen werden. Und diese Annäherung muss auf einer strategischen Vision basieren, die die dringende Notwendigkeit eines neuen geopolitischen Rahmens anerkennt.

Der Autor möchte sich für den hilfreichen Beitrag seines Rechercheassistenten Paul Wasserman und die wissenschaftlichen Forschungen Adam Hochschilds, Richard Pierces, William Polks, des Watson-Instituts an der Brown University und anderer zum Thema kolonialer Brutalität bedanken.


[«*] Zbigniew Brzezinski ist Berater am Center for Strategic and International Studies und war von 1977 bis 1981 der Nationale Sicherheitsberater Präsident Jimmy Carters. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt Strategic Vision: America and the Crisis of Global Power (2012).

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