Verhör- und Foltermethoden und die American Psychological Association

Ein Artikel von:
Michael Brenner

Ein Besuch des Kongresses der American Psychological Association (APA) stellte einen Berufsstand bloß, der fasziniert ist von seiner eigenen Macht und der sich nach Verstrickungen in Skandale mit CIA und Pentagon bemüht, in die Tiefen von Guantanamo vorzudringen, berichtet Michael Brenner[*]. Aus dem Englischen von Josefa Zimmermann.


Ein Kongress eines Berufsstandes ist immer aufschlussreich, wenn auch nicht immer intellektuell erbaulich. Dies gilt insbesondere für die akademischen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften. In diesem Fall handelt es sich um eine gesellschaftliche Institution, die ihre Wurzeln unverkennbar in Amerika hat. Wenn sie auch jetzt in allen entwickelten Ländern vertreten ist, so hat sie doch ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten und entwickelte sich in den Nachkriegsjahrzehnten zu dem, was sie heute ist.

Es waren Jahre des ernsthaften Strebens, erfüllt von Optimismus und dem Glauben an Aufstieg und Reichtum für Alle. Die charakteristischen Merkmale aus dieser Ära sind immer noch vorhanden, jedoch gekennzeichnet von grenzenloser Selbstbeweihräucherung, Kommerzialisierung und schierem Größenwahn. Denn die amerikanischen Intellektuellen sind weiterhin mit der Lösung praktischer Probleme beschäftigt, angetrieben durch den Geist der Machbarkeit und den unsterblichen Glauben an die Optimierbarkeit der Menschheit, selbst dann, wenn „die Menschheit” immer mehr mit „mir und meinen Freunden“ in Konkurrenz gerät.

An all das wurde ich erinnert, als ich an einigen Veranstaltungen des Kongresses der American Psychological Association im August in San Francisco teilnahm. Es war Jahre her, seit ich das letzte Mal bei diesem Rummel anwesend war. Meine Erfahrungen lagen hauptsächlich bei der American Political Science Association, aber die Unterschiede sind unbedeutend. In der Tat überschneiden sich die Inhalte innerhalb der Sozialwissenschaften zunehmend.

Leider verpasste ich das wichtigste Ereignis, das am Vorabend des Kongresses stattfand, als die APA erneut mit den Nachbeben des Skandals konfrontiert wurde, der die Folge seiner unmittelbaren Beratungstätigkeit für CIA und Pentagon bezüglich Verhörmethoden war. Dazu gehörten die Techniken, die in Guantanamo und anderen „dunklen Orten” auf der ganzen Welt zur Anwendung kamen. Einige Mitglieder hatten sich dabei die Hände sehr schmutzig gemacht. Der Vorstand des Verbandes hatte so manchen größeren Scheck von staatlicher Seite erhalten, die dubiosen Geschäfte verschleiert und auf Vorwürfe mit einer Flut von Lügen geantwortet, und das seit mehr als einem Jahrzehnt. Betrug war in dieser Zeit zur Regel geworden.

Kritische Mitglieder organisierten schließlich einen heftigen internen Widerstand. Die Aufständischen wurden offensichtlich befriedet, als die Beschuldigten zögernd in eine unabhängige Untersuchung einwilligten. Der Chicagoer Rechtsanwalt David H. Hoffman wurde benannt, um die Überprüfung durchzuführen. Am 2. Juli 2015 wurde ein 542-seitiger Bericht veröffentlicht. Es kam zu dem Ergebnis, dass die alte Führungsriege tatsächlich schwere Fehler begangen hatte. Sie hatte gegen die Richtlinien und den Ehrenkodex der APA verstoßen, systematisch betrogen und vertuscht.

In dem Bericht heißt es, der APA-Vorstand habe heimlich mit der Bush-Regierung kollaboriert, um eine rechtliche und ethische Rechtfertigung für die Folter von Gefangenen zu konstruieren. Darüber hinaus war in dem Bericht zu lesen, dass Stephen Behnke, der Vorsitzende des Ethikrates der Vereinigung, und Andere „mit wichtigen Vertretern des Verteidigungsministeriums kooperierten, um eine Lockerung der APA-Richtlinien zu erreichen, mit dem Ziel, die Einschränkungen bei Verhörmethoden von Terrorverdächtigen in Guantanamo zu lockern.“ Das Hauptmotiv des Verbandes war dabei „die APA entsprechend auszurichten und sich dem Verteidigungsministerium anzubiedern“.

Die Beschuldigten wiesen die Schlussfolgerungen des Berichts natürlich zurück. Niemand gibt heutzutage seine Schandtaten zu und entschuldigt sich aufrichtig. So etwas gilt als „retro”. Einige Vorstandsmitglieder wurden zum Rücktritt gezwungen. Andere setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Pfründe und Privilegien zu erhalten. Tatsächlich reichten einige der beschuldigten ehemaligen Vorstandsmitglieder kürzlich in Trump’scher Manier Verleumdungsklagen ein.

Täuschung

Diese Durchhaltementalität veranlasste sie zusammen mit ihren Unterstützern dazu, einen mutigen Versuch zu unternehmen, den Lauf der Gerechtigkeit umzukehren. Sie legten der APA-Delegiertenversammlung einen Antrag zur Aufhebung des Verbotes vor, das Militärpsychologen (525 an der Zahl) untersagt, Gefangene im Internierungslager Guantanamo in Kuba, wo die USA immer noch 48 ausländische „Terroristen” festhalten, zu behandeln. Diese Anzahl könnte sich erhöhen, wenn Trumps erklärte Idee, einige leere Zellen wieder zu füllen, in die Tat umgesetzt wird. Sie wird vom Pentagon mit der Unterstützung der alten Garde stark vorangetrieben.

Der Antrag wurde mit der humanitären Situation begründet. Seine Befürworter behaupteten, dass keiner der zugelassenen Mitarbeiter des Roten Kreuzes jemals das Gefängnis besucht hätte, wodurch den Insassen die psychologische Behandlung vorenthalten worden sei. (Warum? Restriktive Besuchsregelungen durch das Pentagon? Politische Sensibilität? Personal zu beschäftigt mit dem Zählen der untoten Toten in Puerto Rico?)

Die pensionierte Militärpsychologin Sally Harvey, die die Aufhebung des Verbots unterstützte, argumentierte, es ginge darum, „den Gefangenen Zugang zu psychologischer Behandlung zu gewährleisten. Nicht mehr und nicht weniger”. Die Gegner sahen den Schritt als Trick im Rahmen einer geheimen Kampagne, wieder die Diskussion über eine Zusammenarbeit mit Regierungsbehörden zu eröffnen. Viele sahen darin den ersten Schritt, dem weitere folgen würden.

Ihre Skepsis wurde noch verstärkt durch die Ernennung von Gina Haspel, der früheren Chefin des Folterkommandos an einem „dunklen Ort“ in Thailand, zur CIA-Chefin – infolge der Weigerung des Zentralkommandos, ihre Schandtaten anzuerkennen. Kurz gesagt, es gab einen Mangel an Vertrauen. Der vorgeschlagene Antrag wurde mit 104 Gegenstimmen bei 57 Befürwortern abgelehnt.
Für den außenstehenden Beobachter klang die Vorstellung, dass Militärpsychologen für die psychologische Betreuung von Langzeitinsassen in Guantanamo zuständig sein sollten, absurd. Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor:

Major X betritt die Zelle.

“Hi Abdullah. Ich bin Siggy. Ich bin hier, um zu sehen, ob ich dir bei einigen deiner Probleme helfen kann. (Pause für den Dolmetscher). Ich sehe, dass du Probleme hast, nachts durchzuschlafen – Alpträume halten dich wach. Anscheinend stellst du dir Musik von 100 Dezibel in deiner Zelle vor. Erzähl mir davon! Sind das Kindheitserinnerungen an die Feierlichkeiten zu Hause nach dem Ramadan? Ich weiß, dass es da manchmal laut zuging. Wie wäre es mit ein paar Yoga-Übungen? Weißt du etwas über Zen? Murad, zwei Zellen weiter, der Typ mit den grünen Yogahosen – machte vor ein paar Wochen den Anfang….

Übrigens, vielleicht haben wir uns schon einmal im Jahr 2007 getroffen – irgendwie indirekt. Ich war der Typ, der durch den Einwegspiegel guckte, der die Fragen an den Dicken schickte, der das Waterboarding mit dir vornahm.”

Ja, wirklich, diese Beratung ist dringend nötig.

Folter befördert die Karriere

Das Seltsamste an der gesamten APA-Geschichte ist, dass die Pro-Kollaborations-Fraktion ihre illegalen Aktionen offenbar weniger deshalb ausgeführt hat, weil sie eine vermeintliche Notwendigkeit sah, den „Krieg gegen den Terror” im Dienste der Sicherheit uneingeschränkt zu bekämpfen, sondern wegen eines greifbaren Vorteils für die Organisation, wegen einer bescheidenen Summe Schwarzgeld für die eigene Tasche und um die Macht des Amts dazu zu nutzen, Tapferkeit und Überlegenheit zu demonstrieren.

Mit anderen Worten, hier zeigt sich das alltägliche Verhalten amerikanischer Organisationen im 21. Jahrhundert. Es entspricht dem, was wir auch über Facebook oder Goldman Sachs wissen. Eine sozialpsychologische Untersuchung dieses Phänomens müsste dringend Thema einer eingehenden Studie sein – vielleicht finanziert von der DARPA im Verteidigungsministerium.

Die Geschichte machte Schlagzeilen in The San Francisco Chronicle, sie war unübersehbar wenn man im Netz nach den Ergebnissen der Giants oder der 49ers suchte. Der APA-Kongress war nicht nur bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, ein Blick auf das Programm zeigte auch, dass ein halbes Dutzend Diskussionen sich mit den psychologischen Grundlagen des Weißen Hauses unter Trump befassten.

Als erstes stand im Programm eine Podiumsdiskussion, bei der drei ehemalige Präsidenten der APA sprechen sollten. Wie sich herausstellte, wurden bei der Ankündigung dieses Events die üblichen Regeln des Umgangs mit der Wahrheit gebeugt oder gebrochen. Die Podiumsteilnehmer waren nur von mäßiger Intelligenz. Ein stoischer Typ erklärte, dass, obwohl die Dinge zugegebenermaßen ziemlich schlecht liefen, wir auch in der Vergangenheit verrückte Präsidenten hatten (die ungenannt blieben) und die Republik trotzdem überlebt hatte – und die APA dabei gediehen war. Auch die heutigen Zeiten würden vorübergehen.

Ein zweiter Teilnehmer bot eine klare, eng umrissene Zusammenfassung der Entstehung, Anwendung und aktuellen Relevanz der Goldwater-Regel der APA. Die Regel besagt, dass „es für Psychiater unethisch ist, eine professionelle Einschätzung über Personen des öffentlichen Lebens zu äußern, die sie nicht persönlich untersucht haben”, so Wikipedia. Der dritte Redner kritisierte die Trump-Präsidentschaft schärfer und rief energisch zur Mobilisierung der Bürger auf, um etwas dagegen zu tun. Zwei der drei erkannten nicht, dass ein klinischer Narzisst nicht das Gleiche ist wie ein Allerwelts-Egomane. (Es handelte sich schließlich nicht um die American Psychiatric Association, da ist ein Unterschied.). Das etwa 150 Zuhörer umfassende Publikum schien leicht enttäuscht, aber passiv.

Diese Art des lauwarmen Diskurses ist vergleichbar mit dem, was sich bei sozialwissenschaftlichen Kongressen allgemein abzeichnet. Begegnungen mit einem breiten Meinungsspektrum sind selten, man streitet sich innerhalb der eigenen Disziplin. Der Themenfokus liegt auf dem, was gerade im Trend liegt: das war in den letzten Jahren LBGTQ. Ein Blick ins Programm, auf die Büchertische und die Liste der Workshops genügte, um zu verdeutlichen, dass Gender, Sex, Diskriminierung, LBGTQ, Vielfalt, allgegenwärtig sind.

Warum ist das so? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Amerikanische Berufsverbände, einschließlich der akademischen, nehmen alles sehr sensibel wahr, was in der Populärkultur geschieht. Trotz ihres elitären und überheblichen Selbstbildes sind sie anfällig für das hochkarätige Treiben in der Welt, in der die Massen sich tummeln. Gleichzeitig legen ihre Disziplinen großen Wert auf Theorie, Modellbildung, quantitative Analyse – aber auf eine Weise, die weitgehend von der realen Erfahrungswelt abgekoppelt ist. Daher sind die sozialwissenschaftlichen Disziplinen auf eine ungesunde Weise abgespalten. Gleiches gilt für die Wirtschafts- und in etwas geringerem Maße für die Politikwissenschaft.

Die sozialwissenschaftlichen Disziplinen sind undiszipliniert. Wissenschaftler können frei schreiben und verweisen nur selektiv auf das, was andere in der Vergangenheit über das Thema gesagt haben. Darüber hinaus werden empirische „Daten” gescreent. Es ist wie bei einer Konversation oder einer öffentlichen Diskussion – die Betonung liegt eher auf Affirmation als auf Kommunikation und auf der Bildung eines gemeinsamen Verständnisses. Die Folgen sind zum einen eine statische intellektuelle Atmosphäre, zum anderen Vereinzelung. Zu viel Energie fließt in die eigene Einzigartigkeit. Kurz gesagt, dem Ganzen fehlt der Zusammenhalt und das gemeinsame Ziel.

Diese Eigenschaften werden durch ein Belohnungssystem verstärkt, das Mängeln kaum Beachtung schenkt, das Quantität der Veröffentlichung höher bewertet als Qualität und das Selbstbeweihräucherung fördert. Aus dem Blickwinkel der Naturwissenschaften klingt das wie eine Parodie. Und in weiten Teilen ist es auch eine. Die Arbeit des einzelnen Wissenschaftlers kann von höchster Qualität sein, wahrscheinlich höher als je zuvor. Es gibt jedoch kaum Synergieeffekte oder kollektive Fortschritte im Verständnis unserer Welt, die nützliche Informationen darüber liefern könnten, wie wir als Gesellschaft denken und handeln.

Der Kongress verursachte einen Wirbelwind intellektueller Eindrücke. Die tatsächlichen Ergebnisse waren jedoch eher dürftig. Was an Resultaten blieb, ging unter in einem bunten, karnevalistischen Treiben. Verloren in einem undurchdringlichen Labyrinth aus Seminarräumen, Ausstellungen und Ständen – einige von ihnen so scharfkantig, dass man sich den Arm daran hätte abschneiden können – fand ich mich schließlich in einem künstlichen Gehege mit ein paar Kindern – und jungen Ziegen – zwischen Heu und dünnen Matten. Ein Hinweis erklärte dem Neugierigen, dass eine Stunde „Ziegen-Yoga” anstand. Eine Menge Leute, junge und alte, mit Namensschildern um den Hals, warteten gespannt darauf, dass sich die Tore öffneten.


[«*] Michael Brenner ist Professor für Internationale Angelegenheiten an der University of Pittsburgh.

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