Eine Dystopie kommt selten allein. Nach Huxleys „Schöner neuer Welt“ nun Härings „Schönes neues Geld“
Eine Dystopie kommt selten allein. Nach Huxleys „Schöner neuer Welt“ nun Härings „Schönes neues Geld“

Eine Dystopie kommt selten allein. Nach Huxleys „Schöner neuer Welt“ nun Härings „Schönes neues Geld“

Ein Artikel von Thomas Trares | Verantwortlicher: Redaktion

Essen Sie gerne Schweinshaxe? Oder schauen Sie sich im Internet gerne Bilder von Motorrädern an? Waren Sie schon einmal am Südkreuz in Berlin? Oder haben Sie schon einmal etwas von CPMI, WEF und BTCA gehört? Oder von CGAP, FATF und AFI? Oder haben Sie vielleicht sogar schon eine Kreditkarte von Amazon? Wenn Sie nun wissen möchten, wie das alles zusammenhängt, und was all dies mit Ihnen zu tun haben könnte, dann sei Ihnen das neue Buch des Wirtschaftsjournalisten und Bloggers, Norbert Häring, empfohlen. „Schönes neues Geld“ heißt es und ist kürzlich beim Campus Verlag erschienen. Häring beschreibt darin, wie gerade das Bargeld weltweit zurückgedrängt wird, wer die treibenden Kräfte dahinter sind, und wie letztlich eine Welt aussehen könnte, in der das Bargeld weitgehend abgeschafft ist.
Eine Rezension von Thomas Trares.

Und um es gleich vorwegzunehmen; die Welt, die Häring skizziert, ist eine „dystopische“, in dieser gibt es eine einzige „totalitäre Weltwährung“, alle Menschen bezahlen digital und sind vollständig biometrisch erfasst. Der Titel „Schönes neues Geld“ ist auch bewusst so gewählt, Häring nimmt damit Bezug auf Aldous Huxleys Zukunftsroman „Schöne neue Welt“ aus dem Jahr 1932. Der Unterschied zu Huxley ist allerdings, dass Härings Buch kein Zukunftsroman ist. Vieles von dem, was Häring beschreibt, findet heute schon statt. Und es ist auch nicht Härings erstes Buch zu dem Thema. 2016 ist bereits „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“ erschienen, woran „Schönes neues Geld“ nun nahtlos anknüpft.

Die Kernthesen

Härings Kernthesen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Derzeit läuft eine international koordinierte Kampagne zur Abschaffung des Bargelds, deren Fäden klar erkennbar in den USA zusammenlaufen. Ziel ist es, weltweit so viele Menschen wie möglich in ein digitales Bezahlsystem zu bringen und biometrisch zu erfassen. Zentrale Akteure sind die G20-Regierungen unter Führung der USA, IT-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon sowie verschiedene Akteure aus der Finanz- und Bezahlbranche wie etwa Visa, Mastercard und Paypal. Prominente Köpfe der Kampagne sind der frühere US-Finanzminister Larry Summers, Microsoft-Gründer Bill Gates oder Ebay-Gründer Pierre Omidyar. Organisiert sind diese „Anti-Bargeld-Krieger“, wie Häring sie nennt, in losen, informellen Verbünden wie die „Besser-als-Bargeld-Allianz“.

Besonders weit fortgeschritten ist die Anti-Bargeld-Kampagne in ärmeren Ländern wie Nigeria, Jordanien und Kenia. Prominentestes Beispiel ist aber Indien, wo die Regierung um Ministerpräsident Narendra Modi vor rund zwei Jahren, quasi über Nacht, den größten Teil des Bargelds aus dem Verkehr gezogen hat.

„Was in Amerika und Europa den Bürgern aus gutem Grund nicht zuzumuten ist, lässt sich im gigantischen Freiluftlabor Indien ohne Weiteres durchsetzen und erproben“, schreibt Häring hierzu. (S. 87)

„Finanzielle Inklusion“ und „digitale Identität“

Offiziell verfolgen die „Anti-Bargeld-Krieger“ mit ihren Kampagnen hehre Ziele. So wollen sie möglichst vielen Menschen auf der Welt die finanzielle Teilhabe ermöglichen, und ganz nebenbei soll dies auch noch das Wirtschaftswachstum stärken und die Armut eindämmen. Etikettiert werden die Kampagnen dann mit wohlklingenden Begriffen wie „finanzielle Inklusion“, „Recht auf digitale Identität“ oder „Überwindung der digitalen Kluft“. Für Häring jedoch ist dies nichts anderes als (Orwellscher) Neusprech (S.43). Seiner Ansicht nach hätten die „Anti-Bargeld-Krieger“ ihre wahren Absichten 2015 auf dem Financial Inclusion Forum in Washington offenbart. Dan Schulman, Chef des Internet-Bezahldienstes PayPal, und Microsoft-Gründer Bill Gates erklärten dort, „finanzielle Inklusion“ sei letztlich eine riesige Geschäftsgelegenheit und ein Modewort, das bedeute, „die Leute ins System zu bringen“. Dort könnten sie dann, „beobachtet und bedient“ werden. (S.33)

Während es der Finanzwirtschaft bei der Bargeldabschaffung in erster Linie um neue Geschäftsmöglichkeiten geht, verfolgen die Regierungen (vor allem die der USA) noch ganz andere Ziele. So schreibt Häring:

„Mit nationaler Sicherheit und den strategischen US-Interessen hat Bargeldbeseitigung auf mehrfache Weise zu tun. Das Center for a New American Security (CNAS), ein parteiübergreifendes geostrategisches Institut von Demokraten und Republikanern, nennt Finanzsanktionen ´die neuen Werkzeuge des Wirtschaftskriegs´. Die Größe, Liquidität und Integrität des US-Finanzsystems seien wichtige strategische Stärken der USA, gerade auch, weil man durch Finanzsanktionen Länder, Unternehmen oder Personen davon ausschließen kann. Jede international tätige Bank ist durch die USA erpressbar, weil der Lizenzentzug für das Dollar- und US-Geschäft dem Ruin gleichkommt.“ (S. 34f)

Iran und China

Mit anderen Worten; wenn alle im System eingeschlossen sind und keiner mehr bar bezahlen kann, können auch alle überwacht, kontrolliert und gegebenenfalls sanktioniert werden. Wie dies in der Praxis aussieht, kann man heute schon am Beispiel Iran beobachten, wo die USA im Prinzip gegen all jene vorgehen, die mit dem Land Geschäfte treiben. So mussten bereits die Commerzbank und die französische BNP Paribas, „aus Angst, sonst ihre Dollar-Lizenz zu verlieren“, milliardenschwere Strafen seitens der USA akzeptieren.

„Wer will schon riskieren, beim nächsten USA-Aufenthalt verhaftet oder auf andere Weise ruiniert zu werden?“, fragt Häring in diesem Zusammenhang. (S. 156)

Am weitesten fortgeschritten ist die digitale Überwachung jedoch in China.

„In China wird gerade eine andere Utopie Realität. Geld als Haupttriebfeder und Belohnung des wirtschaftlichen Handelns wird abgelöst von penibel gemessener Tugendhaftigkeit. Die Regierung führt ein umfassendes System zur Bewertung ihrer Bürger ein. Wer von den Kameras mit Gesichtserkennung dabei ertappt wird, dass er bei Rot über die Ampel geht, bekommt Punkte vom Sozialpunktekonto abgezogen“, erklärt Häring (S.8).

Ähnlich wie in den USA Facebook, Google und Amazon kontrollieren in China die Tech-Konzerne Baidu, Alibaba und Tencent das Internet. Zudem sind die Smartphone-Apps We-Chat und Alipay in China teilweise gebräuchlicher als Bargeld.

Das Szenario „totalitäre Weltwährung“

Doch wo soll all dies einmal enden? Wo soll all dies hinführen? Häring skizziert hier als mögliches Szenario eine Welt, in der es nur noch eine Währung gibt, die nicht zwangsläufig der Dollar sein muss, sondern gut und gerne auch aus dem Silicon Valley heraus emittiert werden könnte. So schreibt er:

„Die mit Macht vorangetriebene globale Digitalisierung wird für eine Verdrängungskonkurrenz der Währungen sorgen, die darauf hinauslaufen könnte, dass es am Ende eine Weltwährung gibt.“ (S. 20)

Und an anderer Stelle orakelt Häring:

„Der libertäre Amazon-Chef scheint auf dem besten Weg, die nationalen Regierungen zu entmachten und die Welt in eine Plutokratie zu überführen, in eine Herrschaft der Reichen, in der Leute wie Bezos alle wesentliche Macht ausüben. Einen guten Teil des Weges hat er schon zurückgelegt; die Krönung wäre die Einführung und Durchsetzung eines Amazon-Dollars als Weltwährung.“ (S. 184)

Die Vision einer totalitären Weltwährung ist natürlich reine Spekulation, und manch einer wird auch vorschnell dazu neigen, Häring deswegen als Verschwörungstheoretiker abzutun. Doch damit wird man Häring nicht gerecht. Denn seine Schlussfolgerungen sind keineswegs aus der Luft gegriffen. Im Gegenteil: Häring sammelt eine Unmenge von Fakten und setzt diese zu einem plausiblen Gesamtbild zusammen, seine Arbeit ähnelt teilweise mehr der eines Detektiven, denn eines Ökonomen. Und viele aktuelle Meldungen aus der Wirtschafts- und Finanzpresse erscheinen nach der Lektüre seines Buches in ganz neuem Licht, so etwa hier, hier, hier oder hier. Alles in allem hat Norbert Häring mit „Schönes neues Geld“ ein spannendes und wichtiges Buch zu einem spannenden und wichtigen Thema geschrieben.

P.S.: Und wer sich nun noch für die Beantwortung der eingangs gestellten Fragen interessiert, dem seien sie an dieser Stelle beantwortet:

In einer Welt, wie Häring sie skizziert, wird derjenige, der Bluthochdruck hat, keine Schweinshaxe mehr bestellen, weil er sonst seine Krankenversicherung verliert (S.20). Und genauso sollte derjenige, der eine günstige Versicherung sucht, sich „bloß keine Bilder von Motorrädern im Internet anschauen“ (S.167). Ferner hat die die Bundespolizei am Berliner Bahnhof Südkreuz schon einmal getestet, wie gut die automatische Gesichtserkennung funktioniert (S.144).

Und bei CPMI, WEF, BTCA, CGAP, FATF und AFI handelt es sich um sogenannte Schattenmächte. Das sind informelle, halboffizielle transnationale Gremien, in denen Bankaufseher, Regulierer, Sicherheitsbehörden und andere Entscheider zusammensitzen und – teilweise an den Parlamenten vorbei – gemeinsame Standards für Finanzgeschäfte entwickeln und eben auch über die Abschaffung des Bargelds mitentscheiden. Beispiele sind die Better-than-Cash-Alliance (BTCA), die Consultative Group to Assist the Poor (CGAP), die Alliance for Financial Inclusion (AFI) und die Financial Action Task Force (FATF) (S.99).

Titelbild: BigTunaOnline/shutterstock.com

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