Kulturpropaganda bei Leipziger Buchmesse: Wenn Spaltung zu „Verständigung“ erklärt wird
Kulturpropaganda bei Leipziger Buchmesse: Wenn Spaltung zu „Verständigung“ erklärt wird

Kulturpropaganda bei Leipziger Buchmesse: Wenn Spaltung zu „Verständigung“ erklärt wird

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Ein fragwürdiges Buch über den „Mafiastaat“ Russland wurde bei der Leipziger Buchmesse mit dem „Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet. Diese Wahl ist absurd, denn sie bewirkt wie das Buch das Gegenteil von Verständigung. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse wurde am Mittwochabend die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen mit dem „Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ geehrt. Das ist ein sehr erstaunlicher Vorgang. Denn scheinbar versteht die Buchmesse jene Verständigung eher als eine „Integration“ durch Feindbildaufbau: Gessens aktuelles Buch „Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ ist das Gegenteil von verbindend – schließlich wird der europäische Nachbar Russland pauschal als verbrecherischer „Mafiastaat“ gezeichnet. Hier wird nicht Europa integriert, sondern mutmaßlich sollen EU-Länder auf Kosten einer russischen Diffamierung zusammengeschweißt werden.

Eine Kampfschrift wird zur seriösen Beschreibung verklärt

Die Leipziger Buchmesse legt – auch in Abgrenzung zur Messe in Frankfurt am Main – traditionell einen Fokus auf Osteuropa: Darum schwingt hier oft ein russland-kritischer Geist mit. Aber die Wahl der diesjährigen Preisträgerin geht weit über diese bekannte Tendenz hinaus. Denn mit der Auszeichnung von Gessen und ihrer Kampfschrift wird eine fast schon extremistische Position durch die Buchmesse in den Stand einer allgemein gültigen Betrachtung zu Russland erhoben.

Für Gessen und die fast durchweg positiven Rezensionen des Buches ist klar, wann Russland seine Freiheit gewonnen hatte und wann es sie wieder eingebüßt hat. Demnach war die Regentschaft des Präsidenten Boris Jelzin in den 90er Jahren eine Zeit der Freiheit. Die fand mit dem Aufstieg des heutigen Präsidenten Wladimir Putin ihr Ende. Das ist nicht nur eine schlichte und tendenziöse Darstellung der jüngeren russischen Geschichte – diese Darstellung ist zudem zynisch: Weil das Leid der russischen Bevölkerung während der neoliberalen Schocktherapie der 90er Jahre durch diese Sichtweise negiert wird.

Schocktherapie unter Jelzin als gute alte Zeit

In den Rezensenten der großen Zeitungen fand Gessen aber willige Unterstützer der falschen These von den gar nicht so schlechten Jelzin-Jahren. So erklärt Gessen laut „FAZ“, „wie es kommen konnte, dass die Errungenschaften der neunziger Jahre, die Wirtschaftsliberalisierung, der Wiederaufstieg lange verbotener humanwissenschaftlicher Disziplinen in Russland wieder zurückgenommen wurden“. Den Artikel über den „luziden, thesenstarken Text, der Familiendramen, Wissenschaftsjournalistik und politische Reportage miteinander verwebt“, hat die „FAZ“ mit „Der Meister des Bösen aus Moskau“ überschrieben. Geht so also „europäische Verständigung“?

Auch der „Deutschlandfunk“ nimmt Gessens Buch zum Anlass für radikale Geschichtsklitterung: „Die frühen neunziger Jahre waren eine Zeit großer Möglichkeiten, Möglichkeiten, die aber nur von wenigen zum finanziellen Vorteil genutzt wurden.“ So kann man einen staatlichen nahezu Total-Zusammenbruch, der mit Elend und krimineller Anarchie einherging, natürlich auch umschreiben. „Statt also das verheißungsvolle Prickeln neuer Möglichkeiten zu verspüren, neuer Denkmöglichkeiten vor allem, ergriff viele Russen größte Verunsicherung“, so der DLF. Der Sender wundert sich nicht, dass es „für Gessen über die letzten zwanzig Jahre im Grunde auch wenig zu berichten“ gibt. Das ist nachvollziehbar, denn in solchen Berichten über die letzten zwanzig Jahre würden auch die teils positiven Aspekte der Konsolidierung des russischen Staates unter Putin ins Auge springen.

„Putins Russland“: Der „mafiöse Staat“

Neben vielen anderen Medien verbreitet auch der „Focus“ Gessens These, nach der Russland „ein mafiöser Staat“ sei. Die „Süddeutsche Zeitung“ signalisiert ihre Haltung schon in der Überschrift: „Ein schwuler Putin als Papierhampelmann“. Die Zeitung wiederholt Gessens These von der russischen “totalitären Gesellschaft, die von einem Mafiastaat regiert wird“. Aber als eine der großen Ausnahmen äußert die SZ wenigstens leise Kritik an der radikalen Einseitigkeit des Buches: „Wäre es nicht wichtig gewesen, auch mal einen eloquenten Putin-Anhänger zu Wort kommen zu lassen? Das findet Masha Gessen überhaupt nicht, sie glaube nicht daran, dass jemand, der dem Regime nahesteht, die Situation klug analysieren könne.“ Diese in ihrer Verallgemeinerung fragwürdige These findet die „SZ“ zwar „einerseits richtig“, sie führe andererseits aber zu dem Eindruck, „dass ganz Russland nur noch aus Oppositionellen oder Vollstreckern besteht“.

Das Buch hat teils sprachliche Stärken und es mag in seinen Beschreibungen etwa der urbanen russischen Schwulenszenen teils treffend sein – wenn es als Leser gelingt, Gessens stets mitschwingende grobe Meinungsmache auszublenden. Aber das Buch ist das Gegenteil von Verständigung. Zum einen wegen Gessens instrumentalisiertem und engem Fokus auf großstädtische Subkulturen. Und zum anderen durch die der Autorin eigene harte und dadurch giftige ideologische Haltung.

Das Gegenteil von Verständnis und Verständigung

Darum trifft auch nicht zu, was ehemals „linke“ Publikationen über das Buch schreiben. Die „Frankfurter Rundschau“ bezeichnet Gessen als „Welterklärerin“ und kommt zu dem erstaunlichen Schluss: „Die Leipziger Buchmesse zeigt mit der Auszeichnung Gessens wieder einmal, dass es ihr bei der Verständigung ganz wesentlich ums Verstehen geht. Gessens große Begabung ist es, uns verständlich zu machen, was uns fremd ist.“ Auch die „taz“ findet: „Wer Russland verstehen möchte, kommt um dieses Buch nicht herum.“ Und die Buchmesse bezeichnet Gessens Werk in ihrer fragwürdigen Entscheidung als „ein wichtiges Buch, unerbittlich, ergreifend und zugleich in seiner Analyse scharfsichtig“.

Angesichts der Berichterstattung erscheint Gessen aber viel eher als ein Symbol für die großen Irrtümer und aktiven Verzerrungen der hiesigen Medien bezüglich Russlands, die aus der westlichen Sehnsucht nach einem „liberalen“ Umsturz entstehen. Die Person der Autorin und die sehr begrenzten Ausschnitte Russlands, die sie beschreibt, erfüllen nahezu perfekt die westlichen Projektionen auf das Land. So perfekt, dass über diese Begeisterung die engen Nischen-Beschreibungen Gessens zur allgemein gültigen Darstellung von ganz Russland erklärt werden. Jenes Russland könne man schließlich nach dem Buch „endlich verstehen“. Tatsächlich stehen diese Art von begrenzten Ausschnitts-Beschreibungen einem echten Verständnis des facettenreichen Landes aber sehr entgegen.

Wie mit Kultur und konkret mit Preisverleihungen Propaganda betrieben wird, haben die NachDenkSeiten bereits in diesem Artikel zum „Journalist des Jahres“ beschrieben, in diesem Artikel zum Sacharow-Preis der EU oder in diesem Artikel über den an Angela Merkel verliehenen Medienpreis „Ehren-Victoria“.

Titelbild: Val Thoermer / Shutterstock