Das Wikipedia-Problem ist auch ein Journalismus-Problem
Das Wikipedia-Problem ist auch ein Journalismus-Problem

Das Wikipedia-Problem ist auch ein Journalismus-Problem

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Gemäß den eigenen Kriterien sollen die Artikel der Wikipedia im Idealfall neutral und unparteiisch sein. Quellen, deren Neutralität angezweifelt werden kann, sind demnach „nur in den seltensten Fällen als Quelle geeignet“. Gleichzeitig gehören laut Wikipedia-Kriterien jedoch „renommierte“ gedruckte Zeitungen samt deren Online-Ablegern zu den bevorzugten Quellen für Belege innerhalb der Wikipedia. Diese beiden Kriterien stellen jedoch ein Paradoxon dar, wenn in diesen bevorzugten Medien nicht neutral und unparteiisch geschrieben wird – und dies ist in Zeiten des grassierenden Haltungsjournalismus eher die Regel als die Ausnahme. So bekommt die Meinung des Berufsstands der Journalisten in der Wikipedia eine enzyklopädische Relevanz. Willkommen in der postfaktischen Zeit. Von Jens Berger.

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Wenn man sich den Wikipedia-Eintrag des österreichischen Biologen Clemens Arvay anschaut, stellt man mit Verwunderung fest, dass mehr als die Hälfte des Eintrags nicht etwa aus enzyklopädischen Einträgen, sondern aus Zitaten aus Artikeln über Arvay besteht, die in Zeitungen und den Onlineablegern klassischer Medien wie der Deutschen Welle erschienen sind.

Lesen Sie dazu auch: „Bestrafe Einen, erziehe Hundert. Die Wikipedia-Kampagne gegen den Biologen Clemens Arvay“ und „Ich lasse mir von der Wikipedia nicht meine Identität stehlen“

Mehr als ein Achtel des Eintrags macht dabei ein einschlägiger Artikel einer freien Journalistin namens Mira Landwehr in der Zeitung Jungle World aus, in dem sie sich vordergründig kritisch mit den Aussagen Arvays zur Impfstoffentwicklung auseinandersetzt. Nun besitzt Frau Landwehr, die nach Angaben der taz Geschichte und Germanistik studiert hat und „nun als Autorin und Journalistin“ arbeitet, jedoch keine nennenswerten Expertisen auf diesem Gebiet. Muss sie auch nicht, den in ihrem breit in der Wikipedia zitierten Artikel geht es nicht um Fakten, sondern darum, dass Frau Landwehr der Meinung ist, Kritik an der Impfstoffentwicklung sei eine Verschwörungstheorie und als solche irgendwie rechts. Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung und sei sie noch so skurril. Warum die Meinung einer jungen Germanistin enzyklopädischen Wert für den Wikipedia-Eintrag eines Biologen haben soll, ist jedoch eine Frage, auf die es keine überzeugende Antwort gibt.

Normalerweise hätte Landwehrs Meinung auch keine Chance, mit einer Zitierung in der Wikipedia „geadelt“ zu werden. Doch da Landwehr ihre Meinung nicht auf Facebook oder im Kommentarbereich eines Online-Mediums, sondern als „Journalistin“ im redaktionellen Teil der Jungle World veröffentlicht hat, sieht dies laut den Kriterien der Wikipedia plötzlich anders aus. Nicht der Inhalt, sondern allein die Quelle zählt. Geradeso, als sei ausgerechnet die Jungle World ein Garant für faktentreuen neutralen Journalismus.

Und der Wikipedia-Eintrag von Clemens Arvay ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. So besteht der Wikipedia-Eintrag der NachDenkSeiten zu stolzen zwei Dritteln aus der Kategorie „Rezeption“, in der die Gegner der NachDenkSeiten sehr ausführlich zu Wort kommen dürfen. Da wird dann ein Artikel des Journalisten Martin Reeh aus dem Meinungsressort der taz ausführlich zitiert, der unter anderem anführt, dass Albrecht Müller sich von Ken Jebsen interviewen lässt und Daniele Ganser „ohne kritische Nachfrage seine Ansichten verbreiten lässt“. Welchen enzyklopädischen Wert solche inhaltslosen Meinungen haben, bleibt dabei – wie so vieles – offen. Aber das ist ja egal, Reeh ist schließlich Journalist.

Breiten Raum bekommt im Wikipedia-Eintrag „natürlich“ auch die anonym verfasste Polemik, die die Süddeutsche Zeitung im September 2019 in ihrem „Streiflicht“ gegen die NachDenkSeiten und ihren Herausgeber verschoss. Ein anonymer Autor? Eine Polemik ohne jede Spur von Neutralität und Unparteilichkeit? Nach den eigenen Regeln der Wikipedia wäre so etwas nicht zugelassen. Da der Troll, der diesen Text verfasst hat, jedoch nicht auf Facebook, sondern in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung seine Duftmarke hinterlassen hat, sieht es freilich anders aus. So wird aus einem Trollkommentar eine Quelle mit enzyklopädischem Wert. Wäre es nicht so traurig, man könnte schallend lachen. Da wünscht man sich doch gleich den guten alten Brockhaus zurück.

Das Problem der Scheinrelevanz der Meinungen von Journalisten geht jedoch weit über derlei Polemiken und Herabwürdigungen von Andersdenkenden und Kritikern bestimmter Positionen hinaus. Es gibt wohl niemanden, der heute noch die Position vertritt, Journalisten seien per se zur Neutralität verpflichtet. Moderner Journalismus ist Haltungsjournalismus. Journalisten haben zu allem eine Meinung; häufig dieselbe und noch häufiger geprägt von den Blasen und Echokammern, in denen sie sich bewegen. Seit ihrem Bestehen weisen die NachDenkSeiten auch regelmäßig darauf hin, wie Interessengruppen Einfluss auf die geschriebenen und gedachten Meinungen der Journalisten nehmen. Man schaltet sich bei den wichtigen Themen selbst gleich und vertritt dabei oft Meinungen und Positionen, die bestenfalls ein kleines Spektrum des gesamten Bildes repräsentieren.

Man findet die USA und die NATO toll, hält Russland für einen Feind, steht hinter der Lockdown-Politik der Regierung, mag Angela Merkel, findet, dass es „uns“ doch gut ginge, der Markt alles regele und die Demokratie daher doch bitte marktkonform sein solle – diese in den großen Medien dominanten Meinungen sind jedoch nicht nur bei den NachDenkSeiten umstritten. Hier soll es an dieser Stelle jedoch nicht zu einer Analyse der einzelnen Sachthemen kommen, sondern um die Frage, wie sehr die Rudelbildung der Meinungsmacher im Journalismus die Neutralität der Wikipedia gefährdet.

Um sich dieser Frage zu nähern, reicht ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag des russischen Oppositionellen Alexei Nawalny. Mehr als die Hälfte der 247 Einzelnachweise stammt aus Medien wie dem SPIEGEL, der ZEIT oder der Süddeutschen, die für ihren antirussischen Kurs bekannt sind – nicht wenige dieser „Quellen“ sind dabei ebenfalls reine Meinungsartikel. Deutlich wird der „Spin“ des Wikipedia-Eintrags alleine schon dadurch, dass das gesamte Kapitel, in dem es um die Strafsachen gegen Nawalny geht, mit der Überschrift „Staatliche Schikanen“ überschrieben ist – sogar in der englischsprachigen Wikipedia ist das Kapitel korrekterweise mit „Criminal Cases“ also „Strafsachen“ überschrieben.

Nicht nur in diesem Fall ist offensichtlich, wie sehr die Meinungen einiger weniger Journalisten den Inhalt der Wikipedia prägen. Wenn die wichtigsten Quellen weder neutral noch unparteiisch sind, kann natürlich auch die Wikipedia weder neutral noch unparteiisch sein. Ein enzyklopädisches Werk, das in weiten Bereichen nur ausgesuchte Meinungen wiedergibt, ist keine Enzyklopädie, sondern nur eine Momentaufnahme des aktuell im Journalismus vorherrschenden Meinungsbildes und als solches überflüssig.

Titelbild: Dusit/shutterstock.com