Hinter vorgehaltener Hand gab es immer wieder Stimmen, dass „es knallen wird“
Hinter vorgehaltener Hand gab es immer wieder Stimmen, dass „es knallen wird“

Hinter vorgehaltener Hand gab es immer wieder Stimmen, dass „es knallen wird“

Ein Artikel von Marcus Klöckner

„Der Krieg in der Ukraine ist bei uns medial am 24. Februar 2022 ausgebrochen. Jedoch gibt es diesen Krieg schon seit über acht Jahren gegen die russische Zivilbevölkerung in der Ostukraine.“ Das sagt der ehemalige Triathlet und Extremschwimmer Marco Henrichs im NachDenkSeiten-Interview. Henrichs, der auch über einige Jahre unter anderem als Schwimmtrainer den russischen Schwimmsport repräsentiert hat, hatte bereits im Januar 2020 im Interview mit den NachDenkSeiten große Sorge um die Entwicklungen in Sachen Russlandpolitik geäußert. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen meldet er sich nochmal zu Wort. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Henrichs, unser letztes Interview hat im Januar 2020 stattgefunden. Die Überschrift lautete damals: „Ein Krieg mit Russland wird sich in Europa abspielen“. Sie haben damals die NATO im Hinblick auf den Umgang mit Russland scharf kritisiert und gesagt, es werde „gelogen, bis sich die Balken biegen“. Mittlerweile sind zweieinhalb Jahre vergangen. Haben Sie mit dem, was sich nun zwischen „dem Westen“ und Russland abspielt, gerechnet?

Leider hatte ich mit meiner Kriegsprognose damals recht gehabt. Ich bin nun seit 2015 in vielerlei Hinsicht mit der Russischen Föderation verbunden. Zunächst über den Sport, später auch sportpolitisch und seit drei Jahren auch familiär. Durch den sportpolitischen Bereich hatte ich über Jahre hinweg immer wieder Berührung mit der deutsch-russischen Parlamentariergruppe im Bundestag sowie der russisch-deutschen Parlamentariergruppe der Staatsduma. Das Thema NATO-Osterweiterung war dort immer wieder ein Thema. Auf deutscher Seite gab es immer wieder hinter vorgehaltener Hand Stimmen, dass es auf Grund der NATO-Osterweiterung und unserer Sanktionspolitik gegen Russland irgendwann „knallen wird“. Dass die Grünen und die SPD bei der Bundestagswahl 2021 mehr oder weniger in die Bundesregierung gestolpert sind, hat im Russland-Ukraine/Deutschland-Konflikt zusätzlich als Katalysator gewirkt. Gerade unsere Außenministerin Annalena Baerbock hat von Beginn an durch ihre US-hörige Politik gespickt mit Inkompetenz in Russland, aber auch Deutschland für viel Kopfschütteln gesorgt. Kurz gesagt habe ich mit der aktuellen Situation gerechnet.

Mittlerweile sehen wir einen offenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Wie blicken Sie auf das Geschehen? Was passiert dort Ihrer Meinung nach?

Krieg sollte zunächst nie eine Lösung sein und der Dialog sollte bei allen Beteiligten stets im Vordergrund stehen. Der Krieg in der Ukraine ist bei uns medial am 24. Februar 2022 ausgebrochen. Jedoch gibt es diesen Krieg schon seit über acht Jahren – und zwar gegen die russische Zivilbevölkerung in der Ostukraine. Es hat hier im Westen nur niemanden interessiert bzw. ist sogar noch befeuert worden. Verbunden mit der NATO-Osterweiterung war es alles eine Frage der Zeit, bis es irgendwann in Richtung Eskalation geht.

Ich möchte hier erwähnen, dass auch aus unserem unmittelbaren Bekanntenkreis u.a. ein russisches Ehepaar und deren Sohn (3 Jahre) 2018 Opfer vom ukrainischen Militär geworden sind. Eines der Schicksale von etwa 14.000 Toten, die in den letzten Jahren zu beklagen waren – die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher sein. Unsere öffentlich-rechtlichen Medien hatten u.a. 2014 über das Handeln der ukrainischen Regierung und dessen Militär immer wieder kritisch berichtet. Heute habe ich das Gefühl, es ist verpönt, offen darüber zu sprechen. Im Gegenteil versucht man heute diejenigen, die es offen aussprechen, als Putinversteher, Verschwörungstheoretiker, Nazi etc. mundtot zu machen. Die alte Leier der vermeintlich Guten, um ihren westlichen Heiligenschein zu bewahren.

Wie nehmen Sie die Berichterstattung wahr?

Die Berichterstattung ist seit Jahren sehr einseitig und längst nicht mehr objektiv. Persönlich durfte ich das 2020 beispielsweise bei einem führenden deutschen Radiosender erleben. Es wurden Interviewfragen vorab besprochen bezüglich Sport und Gesellschaft zwischen Deutschland und Russland. Als das Interview begann, kamen jedoch von Beginn an komplett andere Fragen. Fragen mit an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfen, um nur ein Ziel zu verfolgen. Guter Deutscher – böser Russe. Das Interview hatte ich nach 20 Minuten abgebrochen mit der Forderung, die Aufzeichnungen zu löschen. Danach gab es eine hitzige Diskussion mit dem Journalisten, der sich meinen Vorwurf gefallen lassen musste, „dass hier genau das passiert ist, warum die Menschen zunehmend Vertrauen in den Journalismus verlieren, weil ihr nicht unabhängig berichtet, sondern nur eine klare politisch vorgegebene Linie verfolgt.“ So etwas passiert leider tagtäglich rund um das Thema Russland. Außenstehende bekommen das natürlich nicht mit. Zu viele lesen aus führenden Tageszeitungen diesen täglichen Haltungsjournalismus und meinen, so funktioniert die Welt. Ohne jedoch zu hinterfragen, geschweige denn ihren Kopf und ihr Gewissen einzuschalten. Jemand, der das Leben in Russland kennt, kann die deutsche Berichterstattung über Russland längst nicht mehr für ernst nehmen.

Haben Sie noch ein konkretes Beispiel, woran Sie die Kritik an der Berichterstattung festmachen können?

Aktuell wird die Ukraine in den demokratischen Himmel gehoben. Unterstützt von Sätzen aus der Politik wie „in der Ukraine verteidigen wir die westlichen Werte und unsere Demokratie.“ Das, obwohl es alles andere als demokratisch in der Ukraine zugeht, was man hier in Deutschland weder thematisieren noch hören möchte. Denn im Februar 2021 hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beispielsweise per Erlass drei oppositionelle Nachrichtensender verbieten lassen. Das Verbot sah unter anderem den Entzug der Sendelizenzen, TV-Frequenzen sowie die Sperre von Konten für vorerst fünf Jahre vor. Die Abschaltung der Sender ZIK, NewsOne und 112 erfolgte in der Hauptstadt Kiew sofort. Bei Presse- und Radioanstalten in der Ukraine gibt es ähnliche Beispiele. Hier in Deutschland hat man nahezu nichts davon mitbekommen. Jetzt malen wir uns dasselbe in Russland aus. Deutsche Sanktionen gegen Russland und die mahnende Scheinbetroffenheit aus der Politik würden wieder auf Hochtouren laufen. Bild, FAZ, Süddeutsche Zeitung etc. hätten wieder Stoff für Wochen. Bezogen auf den Erlass in der Ukraine drückt man da jedoch gerne mal ein Auge zu.

Gerade hat sich auch Amnesty International mit Kritik an der Ukraine zu Wort gemeldet.

Ja, das ist dann ein weiteres Beispiel. Nämlich: Dass das ukrainische Militär bewusst Schulen, Kindergärten oder zivile Hotspots als militärische Schutzschilder und Stellungen genutzt hat und noch heute nutzt, um es bei einem russischen Angriff auf ukrainische Stellungen so aussehen zu lassen, dass „Putins dämonische Russen Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser zerbomben“. Wir kennen diese Meldungen aus unseren Medien zur Genüge. Ein Großteil der Gesellschaft schluckt diese antirussische Pille stillschweigend.

Ähnlich ist es auch, wie man kollektiv faschistische Strukturen in der Ukraine stillschweigt. Jetzt stellen wir uns vor, eine Alice Weidel oder ein Björn Höcke würden sich mit Hitlergruß-Freunden oder Feinden der Black-Lives-Matter-Bewegung ablichten lassen. Ich denke, uns ist allen klar, dass sich die etablierten Parteien sowie die Presse- und Medienlandschaft auf sie stürzen und medial in Stücke zerreißen würden.

Wenn jedoch wie damals Ex-Außenminister und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich mit Ultrafaschisten-Führer Oleh Tjahnybok im Schulterschluss in Kiew präsentiert, drückt man gerne mal ein Auge zu. Das, obwohl der Parteivorsitzende der Allukrainischen Vereinigung „Swoboda“ bekannt ist für seine Äußerungen wie „Judenschweine“ oder Bilder mit Hitlergruß.

Gerade war doch auch Innenministerin Nancy Faeser zu Besuch in der Ukraine. Auch da gab einen „Vorfall“, Stichwort: T-Shirt.

Auf einem gemeinsamen Pressefoto mit Arbeitsminister Hubertus Heil und Innenministerin Nancy Faeser trägt eine blonde Dame aus der Ukraine stolz ein T-Shirt mit der Aufschrift „Black Rifles Matter“. In der extrem rechten Szene und in Neonazi-Kreisen ist dieses T-Shirt sehr beliebt. Zum einen steht es für die Verhöhnung der Bewegung „Black Lives Matter“, zum anderen symbolisiert es die Bereitschaft zur Gewaltausübung. Doch Arbeitsminister Hubertus Heil und Innenministerin Nancy Faeser nehmen für ein Fototermin diese Frau, die ihr Herz offensichtlich am „rechten Fleck“ hat, gerne in ihre Mitte. Über Beispiele wie diese könnte man Bücher schreiben.

Wie sieht es mit der deutschen Politik aus? Was kritisieren Sie?

In erster Linie kritisiere ich die Kriegsrhetorik vieler deutscher Politiker und die offensichtliche Hörigkeit und persönliche Abhängigkeit gegenüber Washington.

Haben Sie ein Beispiel?

Beispielsweise wirft der Bundesvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, am 16. Juli in einem Tweet uns „Deutschen eine Kriegsmüdigkeit gegenüber Russland“ vor. Mein Großvater, der in beiden Weltkriegen bereits durch kriegsfreudige Anführer verheizt wurde, würde sich bei diesen Worten im Grabe umdrehen. Es ist Wahnsinn, dass ein deutscher Politiker, dann noch als „Christ-“Demokrat, unserem Volk Kriegsmüdigkeit vorwirft. Zur Erinnerung – der 1. und 2. Weltkrieg brachten schätzungsweise 70 Millionen Tote.

Eine bewusste Verbreitung von Unwahrheiten seitens mancher deutschen Politiker bis hin zu bewussten Geschichtsverfälschungen ist ein weiteres Problem in unserer Politik.

Was meinen Sie?

Wie beispielsweise durch Herrn Michael Roth (Anm. d. R.: SPD – Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages). In Politiker-Kreisen zählt er ähnlich wie Norbert Röttgen zu den überzeugten Transatlantikern, der genauso überzeugend den Dialog mit Russland stets zu verhindern weiß und gerne auch mal Geschichtsfakten verdreht.

Nämlich?

In einer Talkrunde im „Korrespondenten Café“ am 12.07.2022 in Berlin sagt der SPD-Politiker unter anderem: „Wenn es um die Durchsetzung Putins eigenen Interessen geht, scheut er vor nichts zurück und wir haben seit 2014 gesehen, den Krieg im Osten der Ukraine, dem rund 14.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.” Auch hier stellt der SPD-Politiker die circa 14.000 bis Februar 2022 getöteten Menschen, davon mindestens 3.500 Zivilisten, als ausschließliche Opfer Putins dar. Dass jedoch laut UN-Bericht ein Großteil der getöteten Zivilisten (rund 80 Prozent) auf das Konto der ukrainischen Armee und deren Artilleriebeschuss geht, lässt er in diesem Zusammenhang komplett unerwähnt.

Michael Roth gilt es zu kritisieren, da er meines Erachtens bewusste Geschichtsverfälschung betreibt. Er sagte: „Vergessen wir nicht, wir hatten 2008 den Georgienkrieg, der von Russland ausging und zu einer nachhaltigen Destabilisierung des Landes geführt hat…“
Die Wahrheit ist jedoch, dass die nach dem Georgienkrieg von der EU eingesetzte Untersuchungskommission zu dem eindeutigen Urteil gekommen ist, dass der fünftägige Krieg zwischen Georgien und Russland vom georgischen Militär auf Befehl des damaligen Präsidenten Michail Saakaschwili begonnen wurde.

Was müssten Politiker tun?

Die Antwort ist, wenn auch recht plakativ, sehr einfach. Zur Abwechslung sollen sie einfach mal bei der Wahrheit bleiben und die Dinge von allen Perspektiven betrachtet offen so darstellen, wie sie sind – und nach vielen desaströsen Jahren der Sanktionspolitik gegenüber Russland, die mehr eigenen Schaden verursacht haben, wieder den Dialog mit Russland suchen. Und: Aufhören, Lobbypolitik für nationale und US-Rüstungsunternehmen sowie US-Großkonzerne zu leben, und endlich mal wieder Politik deutscher Interessen verfolgen.

Das Hauptproblem sehe ich jedoch in der Zulassung unterschiedlicher Meinungen in unserem Land. Es ist doch seit vielen Jahren so, wer nicht in irgendeiner Art und Weise regierungskonform denkt, sofort als Nazi, Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Putinversteher etc. abgestempelt wird. Wir sind heute sogar schon so weit, dass die Friedensbewegung von Politik und Medien pauschal ähnlich diskreditiert wird. Nur mit dem einen Ziel, Andersdenkende und kritisch Denkende mundtot machen zu wollen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken führt nur zu unnötigen Spannungen und Spaltung der Gesellschaft.

Was sagen Ihre russischen Kontakte zu der Situation? Welche Sicht veranschlagen die? Würden Sie uns bitte davon etwas erzählen?

Die meisten aus meinem Umfeld sind wie auch ich grundsätzlich gegen Waffengewalt. Es gibt da auch nicht gute Russen, böse Ukrainer oder umgekehrt. Wenn es Menschen schlecht geht oder sie – wie aktuell – flüchten, sollte man ihnen natürlich helfen. Die Hauptursache an der ganzen Situation liegt, wie gesagt, an der Politik und den Interessenkonflikten. Der Großteil aus meinem Umfeld, wie auch ich, sehen die NATO-Osterweiterung und die Unterdrückung seitens der Ukrainer gegen eine russische Minderheit in der Ostukraine als Hauptursache der momentanen Eskalation. Ich sage aber auch, dass ein Konflikt nie mit Waffengewalt gelöst werden sollte. Es wurde jedoch seitens der USA, der EU bzw. Deutschland alles daran gesetzt, dass dieser Konflikt irgendwann eskalieren musste. Sich jetzt in alter Westmanier selbstgerecht nach hinten zu lehnen und zu sagen, „wir sind die Guten“, ist mir persönlich zu einfach.

Was müsste vonseiten der Gesellschaft kommen? Wie müssten sich die Bürger verhalten?

Die sehr naive Kriegsrhetorik aus Politik und Medien verallgemeinernd gegen „Russen“ hatte leider auch zur Folge, dass viele unschuldige Russen in Deutschland pauschal diskriminiert, angefeindet oder gar angegriffen wurden. Das nicht nur von Ukrainern, sondern es gab auch viele „Solidaritätsangriffe“ gegen Russen von deutschen Bürgerinnen und Bürgern. Dabei war diese Volksgruppe der Gutmenschen nicht ein einziges Mal in Russland, geschweige denn in der Ukraine oder kennt sich in der Ostpolitik aus, um sich ein objektives Urteil erlauben zu können. Stattdessen zerren sie ihr einseitiges Wissen aus der Tagesschau oder der BILD-Zeitung und meinen, die Welt zu kennen und, noch schlimmer, sich als Richter aufzuspielen.

Des Weiteren sollte der Dialog wieder mehr im Vordergrund stehen. Nicht jeder, der Russisch spricht, die deutsche Außenpolitik gegen Russland oder Waffenlieferungen in die Ukraine infrage stellt, ist automatisch ein „Putinversteher“ oder wird vom Kreml bezahlt. Häufig sind es Menschen, die beide Seiten kennengelernt haben oder das Ganze einfach mehr hinterfragen und dadurch die Dinge differenzierter sehen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns wieder mehr aktiv in die Friedensbewegung einbringen und mehr miteinander statt übereinander reden – das gilt für alle Nationen.

Titelbild: Bautzner Friedenspreis

Über Marco Henrichs: U.a. 2016 – 2021 Trainer im russischen Schwimmsport und Athletiktrainer, ehemaliger Triathlet und Extremschwimmer sowie Autor, Mitglied im Deutsch-Russischen Forum e.V.