Die ukrainischen Luftangriffe gegen Flugplätze im russischen Hinterland und deren unterschätzte Folgen

Die ukrainischen Luftangriffe gegen Flugplätze im russischen Hinterland und deren unterschätzte Folgen

Die ukrainischen Luftangriffe gegen Flugplätze im russischen Hinterland und deren unterschätzte Folgen

Ein Artikel von Jürgen Hübschen

Am 5. und 6. Dezember 2022 wurden zum ersten Mal russische Militärflugplätze im russischen Hinterland angegriffen. Getroffen wurden die Flugplätze „Djagiljewo“ im Gebiet Rjasan, „Engels“ im Gebiet Saratow sowie ein Militärflugplatz in der Nähe von Kursk. Die Flugplätze liegen bis zu ca. 700 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Während die Ukraine bislang nur ausgesprochen vage zu den Operationen Stellung nimmt, hat die russische Führung die Angriffe grundsätzlich bestätigt, behauptet aber, die ukrainischen Drohnen abgeschossen zu haben. Die Schäden seien durch die herabfallenden Trümmer der Flugkörper entstanden. Mit diesen Angriffen wurde im Ukrainekrieg eine neue Eskalationsstufe erreicht, die von vielen westlichen Beobachtern unterschätzt wird. Von Jürgen Hübschen.

Wer hat die Angriffe durchgeführt und mit welchen Mitteln?

Mittlerweile gehen alle Beobachter und Experten davon aus, dass die Ukraine diese Luftangriffe durchgeführt hat, obwohl es dafür aus Kiew noch immer keine offizielle Bestätigung gibt. Lediglich Mykhailo Podolyak, ein Berater des ukrainischen Präsidenten, hat die Angriffe auf Twitter mit den Worten kommentiert:

„Die Erde ist rund, wie Galileo entdeckt hat, und falls etwas in den Luftraum eines anderen Landes abgeschossen wurde, werden früher oder später unbekannte Flugobjekte zurückkehren zum Abschusspunkt.“

Der Ukraine ständen für solche Angriffe theoretisch zwei Möglichkeiten zur Verfügung, nämlich entweder vom Westen gelieferte Waffensysteme oder – aus sowjetischer Zeit – die Aufklärungsdrohne Tupolew M-141, die durch eine Modifizierung bewaffnet worden ist. Die USA bestreiten seit Beginn des Krieges, der Ukraine Waffen zu liefern, mit denen das russische Kernland erreicht werden kann und alle westlichen Verbündeten der USA behaupten das ebenfalls. Außerdem haben US-Präsident Biden und auch der amerikanische Außenminister erklärt, dass sie die Ukraine auch nicht ermuntert hätten, solche Angriffe durchzuführen, geben aber gleichzeitig zu, dass sie Kiew auch nicht davon abgeraten hätten. ( O-Ton Blinken: „We have neither encouraged nor enabled the Ukrainians to strike inside of Russia“).

Ergänzt wurde diese eher grundsätzliche Aussage durch den Sprecher des US-amerikanischen Außenministeriums, Ned Price, der am 7. Dezember erklärte, man habe die Ukraine nicht ermuntert, Russland außerhalb ihrer Grenze anzugreifen. Alles, was die USA machten, sei das, was die Welt mache, nämlich die Ukraine zu unterstützen, ihre Unabhängigkeit, ihre Souveränität und ihre territoriale Integrität.

„Wir versorgen die Ukraine mit allem, was sie benötigt, um den russischen Aggressor auf ihrem eigenen Territorium zu bekämpfen.“

Der US-amerikanische Verteidigungsminister Austin III war in seinem Statement sehr viel direkter, indem er sagte, die USA würden die Ukraine nicht aktiv davon abhalten, Drohnen zu entwickeln, oder Langstreckenraketen oder andere Fähigkeiten, mit denen sie russische Ziele bekämpfen könnten. (“The U.S. is not actively trying to halt Ukrainians’ development of drones, long-range missiles or other capabilities that can hit Russian targets.”)

Wenn man den USA und ihren westlichen Verbündeten glauben schenkt – auch die russische Führung spricht ja nicht von Raketenangriffen – bleibt nur noch die Option, dass die Ukraine die alte sowjetische Aufklärungsdrohne umgebaut und bewaffnet hat. Diese Drohne hat eine Reichweite von 1.000 km und kann theoretisch bis zu 24 Stunden in der Luft bleiben. Ihre maximale Geschwindigkeit beträgt ca. 1000 Km/h bei einer Flughöhe von 50-1.000m. Unklar ist allerdings, wie und ob die Ukraine in der Lage ist, eine solche Drohne über eine Distanz von bis zu 1.000km zu führen. Sollte das aus der Ukraine heraus nicht möglich sein, müsste sie unentdeckt eigene Truppen auf russischem Territorium eingesetzt haben.

Der Einsatz der ukrainischen Drohne und die russische Luftverteidigung

Mit dieser Drohne hätte die Ukraine theoretisch die russische Luftverteidigung in extrem geringer Höhe unterfliegen können, aber das ist über eine solche Entfernung und über einem z.T. bebauten Gelände unwahrscheinlich bis unmöglich. Bleibt die Möglichkeit der Nutzung einer größeren Höhe mit dem Risiko, durch die radargestützte Luftverteidigung Russlands entdeckt und schließlich abgeschossen zu werden. Dafür, dass eine Drohne über Hunderte von Kilometern unbemerkt durch russischen Luftraum fliegt, gibt es für mich nur drei Erklärungen: Entweder hat die russische Luftverteidigung völlig versagt oder der ukrainische Drohneneinsatz wurde seitens der USA und ihrer Verbündeten durch Störung der russischen Luftraumüberwachung unterstützt. Dafür verfügen die USA über sehr unterschiedliche Systeme, um z.B. bodengestützte Radargeräte „blind zu machen.“

Eine dritte Möglichkeit, die man, auch wenn sie ziemlich unwahrscheinlich erscheint, nicht völlig ausschließen kann, ist, dass Russland diese Drohnen hat absichtlich bis in ihre Zielgebiete fliegen lassen, um sie, bei relativ geringen Schäden, exakt dort abzuschießen. Auf diese Weise hätte Moskau eine Begründung, noch härter gegen die Ukraine zurückzuschlagen. Ich halte das zwar für ziemlich abwegig, aber in diesem Krieg wird so viel gelogen, dass man gar nichts ausschließen kann.

Zusammenfassende Bewertung

Wie bereits ausgeführt, hat der Krieg mit dem Drohnenangriff auf Militärflugplätze im russischen Hinterland eine neue Dimension erreicht und das Risiko einer Eskalation bis hin zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO erheblich erhöht. In einem aktuellen Bericht der Washington Times wird noch einmal darauf hingewiesen, dass die NATO immer erklärt habe, nicht Kriegspartei zu werden, um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Nuklearmächten zu vermeiden.

Aber der russische Außenminister Lawrow bewertet die Situation völlig anders und erklärte in der vergangenen Woche gegenüber Journalisten, die USA und die NATO sollten nicht behaupten, sie nähmen an diesem Krieg nicht teil, sondern sie seien direkt Kriegspartei und zwar nicht nur durch Waffenlieferungen, sondern auch durch die Ausbildung von Personal. Sie würden ukrainisches Personal in ihren eigenen Ländern ausbilden, „und zwar auf den Territorien von Großbritannien, Deutschland, Italien und anderen Ländern.“ Mit dieser Aussage erklärt Lawrow übrigens exakt den Begriff „Kriegspartei“, so wie ihn der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages bereits zu Kriegsbeginn definiert hat. Dieser kam seinerzeit zur Einschätzung, durch Waffenlieferungen würde man nicht zur Kriegspartei, aber dadurch, dass man ukrainisches Personal an den von Deutschland gelieferten Waffen in Deutschland ausbilde.

Fazit: Die ukrainischen Luftangriffe gegen Ziele im russischen Hinterland wird Russland mit schweren Schlägen, welcher Art auch immer, vergelten. Damit dreht sich die Eskalationsspirale deutlich und auch mit größerer Geschwindigkeit weiter. Sollte sich herausstellen, dass die Ukraine bei ihren Angriffen seitens der USA oder ihrer Verbündeten durch Unterdrückung der russischen Luftverteidigung (Suppression of Russian Air Defence) unterstützt worden ist, ständen wir unmittelbar an der Grenze zu einem Krieg zwischen der NATO und Russland. Wer jetzt noch glaubt, man könne Verhandlungen immer noch weiter hinausschieben, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.

Titelbild: shutterstock / schusterbauer.com

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