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Brasilien – Streifzug durch die kafkaeske “Republik Curitiba”

Veröffentlicht in: Überwachung, Erosion der Demokratie, Globalisierung, Länderberichte, Lobbyismus und politische Korruption

Frederico Füllgraf[*], Auslandskorrespondent aus Santiago de Chile, hat für die NachDenkSeiten seine Tagebuchnotizen über den alltäglichen Faschismus und die Zerstörung des Rechtsstaats in Brasilien geschickt. Informativ und deprimierend zugleich. Hier ist der Text. Über den Autor mehr am Ende des Textes. Albrecht Müller.

Brasilien – Streifzug durch die kafkaeske “Republik Curitiba”
Tagebuchnotizen über den alltäglichen Faschismus und die Zerstörung des Rechtsstaats in Brasilien.

Frederico Füllgraf
Für Nachdenkseiten

Am vergangenen 29. Juno war die südbrasilianische Metropole Curitiba Drehscheibe eines denkwürdigen Ereignisses. In einem Einkaufszentrum für die oberen Zehntausend, stellte eine rechtsradikale Journalistin ihre inoffizielle Biographie des Richters Sergio Moro vor, und erklärte die Autogrammstunde zum Wahlkomittee: Richter Moro müsse Präsident der Republik werden!

Die nächste, offizielle Präsidentschaftswahl findet erst im Oktober 2018 statt. Was also soll der überstürzte Impuls? Und wer ist Sergio Moro? Die Antworten darauf dürfte der deutsche Leser nicht in deutschen Mainstream-Medien finden. Freilich hat sich herum gesprochen: Brasilien wird von einer ernsthaften Wirtschaftskrise geschüttelt. Jedoch nicht, dass sie politisch gemacht ist und die Absetzung von Staatspräsidentin Dilma Rousseff, im vergangenen April, zum Ziel hatte. Ihre Amtsenthebung, über die eine letzte Senatsabstimmung im kommenden August entscheiden wird, ist der vorläufige Gipfel einer exemplarischen und nachweisbaren Destabilisierungskampagne, deren Anfänge in der Unterwanderung und Kooptierung der brasilianischen Staatsanwaltschaft und der Bundespolizei durch das US-State Department-, sowie in der hartnäckigen Nötigung der brasilianischen Regierung zu finden sind, damit diese das Explorationsmonopol des staatlichen Ölkonzerns Petrobras zugunsten der US-amerikanischen Konkurrenz aufgibt. Was, so resümiert, als schwarz-weiss-Malerei anmutet, erhellt sich bei näherem Hinsehen als erschreckendes Portrait der brasilianischen Gegenwart, die seit Ende 2013 vom konzertierten Zusammenspiel einer subversiven Justiz und Polizei, mit einer erzkonservativen evangelikalen Parlamentsfraktion und den Monopolmedien in Händen von sieben Millionärs-Familien gestrickt wird.

„Denke ich an Curitiba in der Nacht…“

Ich schreibe diesen Text von grosser Sorge und Abscheu erfüllt.

Als Sohn deutscher Einwanderer, wuchs ich im südbrasilianischen Curitiba auf. Kontroverse Kindheits- und Jugend-Erinnerungen aus den 1960er Jahren nähren noch heute meine Autoren-Fantasie.

Curitiba ist Landeshauptstadt des Bundesstaates Paraná. Als Hochburg des südamerikanischen Kaffeeanbaus, pflückten hier deutsche Exilanten in den 1930er Jahren Kaffeebohnen für die Bremer Röstereien.

Erich Koch-Weser, von den Nazis verfolgter, ehemaliger Justizminister der Weimarer Republik, hatte in der von ihm gegründeten Kolonie Rolândia ein Stück irdisches Paradies und die letzte Zuflucht seines bewegten Lebens gefunden. Allerdings zum Preis des totalen Kahlschlags am subtropischen Regenwald.

Reinhard Maack, ein anderer deutscher Einwanderer – allerdings ehemaliger Landvermesser im kaiserlichen „Deutsch-Südwestafrika“, späteren Namibia, und früher Anhänger der Nazis – warnte seine Landsleute und die brasilianischen Behörden vor dem Attentat gegen die Umwelt. Keiner hörte ihm zu. Bald kollabierten die Kaffeeplantagen unter nie dagewesenen Frosteinwirkungen. Heute expandiert die Soja-Monokultur auf zwei Dritteln der landwirtschaftlichen Anbaufläche des rund 200.000 km2 grossen Bundesstaates, der unwiderruflich verzahnt ist mit dem Auf-und-Ab der Weltmarktkräfte. So vereinnahmte die Schein-Globalisierung auch Curitiba.

In den 1990er Jahren schmissen sich Stadt- und Landesregierung in den weltweiten Konkurrenzkampf um günstige Standorte für expandierende transnationale Konzerne. Curitiba warf mit obszönen Konditionen um sich: kostenlose Grundstücke und Wasserversorgung, Steuererlasse, vor allem jedoch pries sie die „arbeitsfreundlichen, disziplinierten, Arbeitskräfte europäischer Abstammung“. Dem Werberuf folgten Bosch-, Siemens-, VW-, Audi-und Renault-Niederlassungen. Mit Schein-Globalisierung ist das gemeint: ein Einweg-Phänomen, in dem es nur einen Gewinner gibt; die Einheimischen vom Gewinn ausgeschlossen.

Rückblickend, erkenne ich allerdings, dass die heutige 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole schon zu meiner Kindheit und Jugendzeit favorisiertes Zuzugs-Territorium und Hochburg stockkonservativer Einwanderer aus aller Herren Länder war. Das aleatorische Durchblättern der Telefonliste ist lehrreich: es wimmelt nur so an italienischen, deutschen, polnischen, ukrainischen, syrisch-libanesischen, japanischen und jüdischen Familiennamen aus dem osteuropäischen Gallizien. Unter die prononcierte Phonetik der südbrasilianischen, dem Spanischen ähnliche Aussprache, mischen sich neuerdings koreanische und chinesische Untertöne.

Das Erwähnte erscheint mir jedoch als bloßer Bildrahmen.

Als Auslandskorrespondent in Chile, schreibe ich aus geografischer Ferne über die Stadt meiner Jugend und heutige Hochburg autoritäter Restauration. Meine Gefühle sträuben sich gegen sentimentale Zugeständnisse an das Wort „Heimatstadt“. Ich bemühe mich zähneknirschend um geistige und emotionale Distanz – dermaßen widern mich die Berichte und Gespräche mit meinen Freunden über Curitiba an.

„Fruchtbarer Nährboden“ wäre ein angemessenes Schlüsselwort für Curitiba.

Bis August 1942, schmückten Hakenkreuze deutsche Klubs und unterhielt die NSDAP unter den „Volksdeutschen“ Curitibas einen ihrer Auslandsableger. In der italienischen Societá Garibaldi, wenige Meter von meinem Elternhaus entfernt, ließen lautstarke Chöre „La Marcia del Duce“ im Carré erschallen, erzählte mir einst Rafael Greca, Enkel italienischer Einwanderer und ehemaliger Bürgermeister.

Lebendig erinnere ich mich, wie auf Festen meiner Eltern und ihrer Freunde, das Deutschlandlied in voller Länge gesungen und mitunter die Gläser auf „den alten Adolf“ angestoßen wurden.

Weiter zurück im Tunnel der Zeit, fand ich eines Tages im Internet ein eindrucksvolles Foto aus dem Jahr 1937. Auf dem Tiradentes-Platz, vor Curitibas Kathedrale, sind mindestens 50.000, zumeist uniformierte Anhänger der Nazis und Mussolinis aufmarschiert – mit ausgestreckten Armen zum einschlägigen Hitlergruß. Ein Landsmann von mir kommentierte: „Es ist wohl kein Zufall, dass wir so sind, wie wir sind!“.

Der Fall Chico Buarque: Demokraten als Freiwild

Zurück zur Gegenwart.

Es war gegen Mitternacht, einen Tag vor Heiligabend 2015.

Gerade betrat Chico Buarque de Hollanda, weltberühmter Liedermacher und Schriftsteller, die Promenade vor einem Restaurant in Rio de Janeiros Nobelviertel Leblon, in dem er mit Freuden gespeist hatte, als er von der gegenüberliegenden Strassenseite angepöbelt und aufs Übelste beschimpft wurde: „Hau doch ab nach Paris, Schmarotzer, dreckiger PT-Anhänger!“.

Dass der Liedermacher ein Appartment in Paris besitzt, ist seit Jahrzehnten bekannt, ebenso, dass er sich es mit seinen eingespielten, millionenfachen Urheberrechten finanziert hat.

„Schmarotzer“?! Diese Anmache wollte der eher sanftmütige Künstler nun doch nicht auf sich sitzen lassen.

Von der brutalen Gegenwart überrumpelt, entriss er sich den Armgriffen der Freunde, lief resoluten Schrittes über die Straße, schnurgerade auf ein Trio gutgekleideter, überraschter junger Männer zu und stellte sie zur Rede. Der erhitzte und von Handy aufgenommene Wortwechsel dauerte mindestens eine Viertelstunde und wurde hundertausendfach von den elektronischen Netzwerken verbreitet. Chico Buarque erstattete Beleidigungsanzeige auf einem Polizeirevier. „Zur Exempel-Statuierung! Damit die Urheber der landesweit um sich greifenden, frechen Anmotzereien nicht mehr straffrei davon kämen“, erklärte der sichtlich erboste Künstler.

Der „Homo Cordialis“: Tot in Rio

Ironie der Geschichte: Chico Buarque ist Sohn des legendären brasilianischen Historikers Essayisten und Literaturkritikers, Sérgio Buarque de Hollanda (1902 — 1982), der einst den Brasilianern die Aura der höflichen, freundlichen, zuvorkommenden, ja liebenswürdigsten und mit Abstand der gastfreundlichsten Menschentypen auf Erden andichtete.

Als Auslandskorrespondent in Berlin, Ende der 1920er Jahre, hatte Sérgio Buarque dort das Manuskript zu seinem erst 2013, fast ein Jahrhundert später vom Suhrkamp Verlag übersetzten Großessay, „Die Wurzeln Brasiliens“, begonnen, das über Jahrzehnte als der Klassiker schlechthin zum Verständnis »dieses reichen Landes der Armen« galt, und den folgenreichen Mythos vom brasilianischen “Homo Cordialis” prägte.

Doch in jener Vorweihnachtsnacht schien nun die Legende dahin!

Nicht nur ein scheinbar beständiger Charakterzug war außer Kraft gesetzt, sondern die politische Identität und persönliche Unverletzlichkeit jedes Bürgers war angegriffen, wie es sich seit zwei Jahren in Brasilien zuträgt – mit Anmache, Anpöbelei, Bullying auf der Strasse, in Restaurants, auf Flügen, mit der Umstellung von Wohnungen und der Gewaltanwendung rechtsradikaler und faschistischer Gruppen gegen mutmaßlich Andersdenkende.

Die wohlsituierten Buarque de Hollandas machten niemals einen Hehl aus ihrer Sympathie für die politische Linke.

Chicos Opposition zur Militärdiktatur hatte ihm Ende der 1960er Jahre das Verbot seiner Lieder und ein Exil in Italien gekostet. Sein Vater Sérgio ist auf einem historischen schwarz-weiss-Foto vom Februar 1980 zu erkennen: zwei Jahre vor seinem Tod saß er in einer Runde mit Intellektuellen, Land-und Industriearbeitern als Gründungs-Ehrenmitglied der Arbeiterpartei (PT).

Vor ihnen stehend, Mikrofon in der Hand, ein damals schon sagenhafter Gewerkschafts-Führer, der Polizeieinsätze und Haft nicht gescheut-, gar die Militärdiktatur mit spektakulären Massenstreiks herausgefordert hatte: Luis Inácio Lula da Silva.

Dass der wortgewandte Bärtige in Cristussandalen zwanzig Jahre später als umjubelter Wahlsieger in den Präsidentenpalast in Brasilia einziehen würde, das hätte sich keiner in jener Geburtsstunde der Partei träumen lassen.

„Arabischer Frühling“ auf brasilianisch?

Weitere zehn Jahre später hieß es plötzlich, „Die PT ist korrupt– Tod der PT!“. Und wieder hieß es, „Lula in den Knast!“.

Allerdings: Ich bin weder PT-Mitglied, noch Mitläufer. Es ist auch kein Bogen zu machen um die Feststellung, dass im Namen der Regierbarkeit im durch und durch korrupten politischen und wirtschaftlichen System Brasiliens, ein Teil der Parteimaschine der PT sich von der Korruption hat anstecken lassen – ein schändliches Laster für eine Partei, die einst das gute Gewissen der Nation für sich allein beanspruchen konnte.

Jedoch, nach den spontanen Protesten vom Mai und Juni 2013, servierten die brasilianischen Leitmedien ein verlogenes Einheitsmenu: die Dämonisierung von Lulas Arbeiterpartei und der Regierung Rousseff – so als sei die Korruption ein Fremdwort in der 500jährigen Geschichte des Landes, ja vom ex-Präsidenten mit ergrautem Stoppelbart geradezu „erfunden“ worden.

Zur Erinnerung: Am unvergesslichen 20. Juno 2013 weiteten sich die Proteste auf 438 brasilianische Städte aus. Hunderttausende waren auf den Straßen und schimpften gegen alles mögliche. Damals auch gegen die angeblich zu teuren Stadien, für die im Jahr darauf geplante Fußballweltmeisterschaft.

Die Protest-Szenerie erinnerte an „Network“, jene Filmkomödie mit Peter Finch, der als Nachrichtensprecher Howard Beale übers Kuckucksnest fliegt und per Liveübertragung einen massenhaften Bürgeraufstand inszeniert. Mit verdächtiger Ahnlichkeit waren die anschließenden Proteste ganz und gar nicht „spontan“, sie schienen ferngesteuert.

Die Zielscheibe kombinierter „Unfähigkeit und Korruption“ war unverzüglich ausgemacht: Die seit drei Jahren amtierende Staatspräsidentin Dilma Rousseff.

Als Demonstration misogynen und ideologischen Hasses und Respektlosigkeit, wurde die Präsidentin an jenem schändlichen 14. Juni 2014 zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft im von ihr frisch eingeweihten Stadion von den Tribünen der weissen Elite aufs Übelste mit Sprechchören wie „Dilma, vá tomar no cu!” – Dilma, leck mich am A…!“ beschimpft.

Allerdings: Die Medienkampagne gegen die brasilianische WM endete als Schuss in den Ofen. Abgesehen von jener blamablen 1:7-Niederlage gegen Deutschland, durfte sich Brasilien eines runden Erfolgs der Fußball-WM freuen, mit weltweit gerühmter, guter Organisation, pünktlichen Flügen, friedlichen Veranstaltungen, Null Kriminalität und vielgelobter Gastfreundschaft. Erst nach dem Fußball-Spektakel beschäftigte sich der gesinnungslose Mainstream mit der Korruption in der FIFA.

Doch war dem im Mai nicht ein Besuch von US-Außenminister Joe Biden vorausgegangen, der Rousseff nach Obamas erstem Bittgang von 2011 ein zweites Mal um Zugang der amerikanischen Ölkonzerne zu den gigantischen, brasilianischen Unterwasser-Vorsalz-Reserven von Petrobras gebettelt hatte, doch mit leeren Händen nach Washington zurückkehrte?

Miguel Cervantes´ Sancho Panza ist bekanntlich Schöpfer des denkwürdigen Satzes, „Ich glaube nicht an Hexen, aber geben´tuts´ die schon!“. Doch die Herstellung eines Kausalzusammenhanges zwischen dem Besuch Bidens und dem aggressiven Akzent der brasilianischen Proteste könnte leicht als Verschwörungstheorie missverstanden werden, sagte ich mir – also lieber abwarten!

Der Richter als Brandstifter

Im September 2013 platzte hiernach eine diplomatische Bombe.

Mit der Wiedergabe von Geheimunterlagen der US-Regierung, dokumentierte Julian Assanges Wikileaks, dass der Geheimdienst NSA „29 Ziele“ in der Regierung Dilma Rousseff seit 2011 telefonisch ausspionierte – nicht nur die Leitungen ihrer engsten Mitarbeiter, sondern das persönliche Handy der Präsidentin, ihren Regierungsjet und die Apparate einschlägiger Direktoren des staatlichen Ölkonzerns Petrobras.

Noch im gleichen Monat trat Rousseff vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen, in New York, und erhob Anklage gegen das freche Spionage-Unternehmen. Sie ließ einen längst bestätigten Staatsbesuch in Washington platzen, womit die diplomatischen Beziehungen zu den USA für ein Jahr lang auf Eis liegen sollten.

Jedoch, kaum hatte sich Brasilien am Spionageskandal der NSA abgearbeitet, sorgte der März 2014 für neue Überraschungen.

Mit der Behauptung, der Petrobras-Konzern werde seit Jahren von Milliarden schwerer Korruption heimgesucht, trat „Operação Lava Jato“ („Unternehmen Waschanlage“) in Szene – eine bereits 2009 aufgestellte Spezialeinheit aus Staatsanwälten und Bundespolizei, die zu Beginn des neuen Milleniums in einer südbrasilianischen Auto-Waschanlage erste Hinweise auf Schmiergelderverkehr und Unterschlagungen gefunden hatte, doch in der Folgezeit kaum in Erscheinung getreten war. Ihr Hauptquartier ist Curitiba, kommandiert wird die Einsatzgruppe vom Harvard Law School-Absolvent und Richter in erster Instanz, mit italienischen Vorfahren, Sergio Moro.

In der seit zwei Jahren andauernden Untersuchung, wurden um die 800 Ermittlungsverfahren eingeleitet, mehr als 400 stürmische Haussuchungen durchgeführt, 53 Justiz-Hilfeersuchen an das Ausland gestellt, gegen 16 Großbauunternehmen strafrechtliche Anzeige erstattet, 105 hochkarätige Manager festgenommen und demonstrativ in Handschellen abgeführt, ferner mindestens 40 Kronzeugen-Regelungen zum Verrat von Verdächtigen unterzeichnet.

In der 513 Sitze zählenden Abgeordnetenkammer Brasiliens laufen Ermittlungen gegen 303 Parlamentarier. Im Klartext: gegen nahezu zwei Drittel des Ende 2014 gewählten Unterhauses klagt die Justiz wegen Steuervergehen, Bestechung, Unterschlagung, bis hin zum Mord.

Doch seitdem schüren TV Globo – im Besitz der landesreichsten Familie Marinho, mit 29,0 Milliarden US-Dollar Privatvermögen – und der von ihr 2015 mit der Trophäe „Mann des Jahres“ ausgezeichnete Provinzrichter Sergio Moro das Feuer gegen 5 angeklagte Politiker der Arbeiterpartei, ihren gejagten Führer Lula und die Staatspräsidentin Rousseff.

Der voreingenommene Richter Moro wird des persönlichen Hasses und der paranoiden Fixierung auf den ex-Präsidenten verdächtigt, den er im März 2016 ohne Genehmigung des Obersten Gerichtshofs unbegründetermaßen zu einem „Routine-Verhör“ verhaften, und wenige Wochen später dessen Privatgespräche mit der Staatspräsidentin illegal abhören ließ. Als Gipfel arroganten Gesetzesbruchs leitete Moro noch am gleichen Tag das Band mit den privaten Gesprächen an TV Globo, den medialen Hauptdrahtzieher für den Sturz Dilma Rousseffs. Die Staatspräsidentin hatte Lula Hals über Kopf zum Kabinettschef nominiert, der verzweifelte Richter wollte das verhindern.

Im März nun die Enthüllung: In den 1990er Jahren erscheint Moros Name als oft geladener Gast des International Visitor Leadership Program (IVLP) des U.S. State Department. Als Produkt des Kalten Krieges, gelang dem IVLP die Finanzierung von ca. 200.000 sogenannten “internationalen Führungspersönlichkeiten”.

Mit diesen Kursen wurden Kontakte zu US-Institutionen von Polizei und Justiz und der Geheimdienste geknüpft, die den internationalen Kampf gegen Devisenschmuggel, Geldwäsche und Drogenhandel mit dem US-”Krieg gegen den Terror” vereinen und kontrollieren wollten.

Jeder Zweifel über Moros beruflichen Werdegang und politische Motivationen – insbesondere die Aufstellung sogenannter “Taskforces” (Polizei + Staatsanwälte) und deren im Irak-Krieg und Guantánamo erprobten Verhörmethoden nach dem Vorbild von FBI und CIA – klärt sich daher beim Einlesen des im März 2016 von Wikileaks veröffentlichten, authentischen Memorandums der US-Botschaft in Brasilien, über eine vom 4. bis 9. Oktober 2009 vom State Department in Rio de Janeiro abgehaltenen Regionalkonferenz mit dem Titel „Illegale Finanzverbrechen: Cable: 09BRASILIA1282_a – WikiLeaks„.

Wie Dan Steinbock in “Behind Brazil’s ‘Regime Change’ (Consortiumnews.com , 3.4.2016) richtig erkennt, war das Timing der 2014 begonnenen Korruptions-Ermittlungen und der Polizeirazzien politisch zweckdienlich: Sie begannen nicht etwa, als sie, rechtlich gesehen, erforderlich und mit Vollmachten ausgestattet waren, sondern erst als sich Rousseff politisch verwundbar zeigte.

Die Saat Sérgio Moros

Jedem Protestmarsch „gegen die Korruption“, gingen 2014 und 2015 Nacht-und-Nebel-Einsätze von Moros Sonderkommandos voraus, der sich gern auf Unternehmen „Mani Puliti“ („Saubere Hände“) und Staatsanwalt Antonio Di Pietro beruft.

Mit der nahezu kriminellen Verbiegung von Di Pietros Devise, „die öffentliche Meinung [müsse] involviert werden“ und deren Umdeutung in „die Straßen mobilisieren!“, ferner mit der selektiven Anschuldigung von Mitgliedern der regierenden Arbeiterpartei (PT) bei gleichzeitiger Schonung korrupter, rechtsliberaler Poltiker, überschritt Moro nicht nur die rote Linie der Richterbefugnisse – allen voran das Gebot der politischen Neutralität -, sondern streute die Saat einer rechtsradikalen Variante des „zivilen Ungehorsams“ aus, die auf die Demontage des nach der Militärdiktatur (1964-1985) leidlich aufgebauten Rechtsstaats, die selektive Bekämpfung des linksdemokratischen Lagers, doch vor allem auf die Kriminalisierung der politischen Parteien schlechthin abzielt.

Moros Offensive findet großen Anklang in der von Emigranten abstammenden, südbrasilianischen Elite und wurde bald von neofaschistischen Gruppierungen vereinnahmt, die von himmelschreiender Ignoranz und primitivsten Instinkten geleitet, die Anwendung brutaler Gewalt gegen Anhänger der Staatspräsidentin, abtreibungsfreundliche Frauen, Afrobrasilianer und Homosexuelle nicht scheuen – voila, das ist im Volksmund die „Republik Curitiba“.

„Ich vergewaltige dich nicht, weil du es nicht verdienst!“

Seit 2014 steht Brasilien Kopf. Das Narrativ der großen Demokratie in den Tropen zerfiel in eine kafkaeske Umkehrung von Grundwerten.

Mitte Mai 2014, veröffentlichte Danilo Mascarenhas Balas, Beamter der Bundespolizei „Policia Federal“, auf Facebook eine von 9mm-Patronen durchlöcherte Zielscheibe eines Schießstands mit dem Konterfei von Staatspräsidentin Rousseff und dem zynischen Satz: “So macht die Übung Spaß – lol”.

Die Öffentlichkeit verlangte die sofortige Entlassung und Verhaftung Balas´, doch der Möchtegern-Attentäter kam mit vier Tagen Dienstsuspendierung davon.

Im Oktober 2014, Höhepunkt der Präsidentschaftswahl, neuer Zwischenfall mit Polizeibeamten. Die Kriminalbeamten Igor Romário de Paula und Marcio Anselmo erdreisten sich auf ihren Facebook-Seiten mit üblen Attacken gegen Rousseff, ihren Amtsvorgänger Lula da Silva, und einer umverblümten, jedoch Beamten verbotenen Wahlwerbung für Rousseffs Herausforderer Aécio Neves. „Das ist der Mann!!!!“, lautet der Kommentar De Paulas vom 18.Oktober 2014. Die Presse verlangt eine Erklärung. Reaktion: „kein Kommentar“, auch kein Disziplinarverfahren der Vorgesetzten.

Für deutsche Leser, ein interessanter Hinweis: De Paula ist Einsatzleiter von Richter Moros „Unternehmen Waschanlage“.
Im November 2014 erlebte dann São Paulo die ersten Massenproteste der in gelbgrün gekleideten, weißen Elite. Indes, auf ihren Bannern stand nicht mehr „Schluss mit der Korruption“, sondern „Dilma raus – raus mit der PT!“ – sollte die Übereinstimmung von Richter Moro, der Polizei und den Straßen reiner Zufall sein?

Doch vielleicht fasst der unaussprechliche, empörende Satz, „ich vergewaltige Dich nicht, weil Du es nicht verdienst!„, dieses abscheuliche Brasilien zusammen, dessen Boden ich mich zu betreten schäme.

Insbesondere Leserinnen mögen bei dem Satz stutzig reagieren – ob das nicht ein Druckfehler ist? Nein, ist er nicht.

Der Satz („Não te estupro porque você não merece!“) wurde am 9. Dezember 2014, kurz nach Dilma Rousseffs Wiederwahl, vom ehemaligen Hauptmann des Heeres und rechtsradikal-evangelikalen Abgeordneten, Jair Bolsonaro, ins Mikrofon des Bundesparlaments in Brasilia gebrüllt. Die kriminelle Verherrlichung von Sexualverbrechen ist in Bild-und Wortlaut auf Youtube nachzuschauen.

Zielscheibe der schandhaften Beleidigung war zum zweiten Mal Bolsonaros Vorrednerin – die ehemalige Staatssekretärin für Menschenrechte und amtierende Abgeordnete der Arbeiterpartei, Maria do Rosário – die am Vorabend des Internationalen Tags der Menschenrechte der Opfer der Militärdiktatur gedachte und von Zwischenrufen wie „Alles Terroristen!“ mehrmals unterbrochen wurde.

Mit der kriminellen Anstiftung zur Sexualgewalt und deren zynischer Erhebung zur „Belohnung“, wollte Bolsonaro die herabwürdigende, männliche Ideologie bekräftigen, die weltweit Frauen von Kriegsverlierern zur Kriegsbeute erklärt, wie es tausenden weiblichen politischen Gefangenen der Militärdiktaturen Lateinamerikas geschah, die von ihren Peinigern vergewaltigt wurden.

Entsetzliche Dimension erhält der Satz, wenn ihm die aktuelle Statistik der Sexualverbrechen in Brasilien gegenübergestellt wird: Alle drei Minuten eine Vergewaltigung, jede fünfte Stunde ein Frauenmord. Nach Schätzungen des 8. Jahresberichts über Öffentliche Sicherheit, wurden 2013 in Brasilien 50.320 Vergewaltigungen begangen, da jedoch nur 35% der Opfer Anzeige erstatten, müsse mit der realistischen Anzahl von 143.000 Fällen gerechnet werden, so der Bericht. Schauderhaft die Statistik mit tödlichem Ausgang: zwischen 1980 und 2013, sind in Brasilien 90.000 (neunzig tausend!) Frauen ermordet worden.

Ganze neun Monate nach der Tat wurde Bolsonaro im September 2015 zu einer lächerlichen Geldstrafe von umgerechnet 2.500 Euro verurteilt. Das Mitte Dezember 2014 gegen ihn eingeleitete parlamentarische Disziplinarverfahren wird behindert und schmort vor sich hin. Der Vergewaltigungs-Prediger verbleibt weiter unbehelligt im Amt.

Nach 25 Jahren hoffnungsvoller Demokratisierung und der beachtlichen Befreiung von 40 Millionen Brasilianern aus der Armut, nun die „Republik Curitba“.


[«*]Zum Autor: Kurzbiographie

Aktualisierung: 2015 wurde Frederico Füllgraf mit einem Preis der Vereinigung der Auslandskorrespondenten in Chile (Asociaci[on de Corresponsales de la Prensa Extranjera en Chile – für seine investigative Reportage „Los 19 de Laja“ – Die 19 von Laja“ – Os 19 de Laja: CMPC-Celulose Riograndense é acusada​…)​ über die Erschießung von 19 Allende-Anhängern durch die Pinochet-Diktatur ausgezeichnet, in deren Mittelpunkt die chilenische Mega-Papierfabik CMPC steht, die auch Filialen in Brasilien betreibt.

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