Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es vor allem um die grandiose Schönwörterei, mit der wir mittlerweile überall und rund um die Uhr belästigt werden. Von Leo Ensel.
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Freude
„Still joy – Aus der Ukraine in die Welt“. So lautet eine Ausstellung parallel zum offiziellen Programm der Biennale in Venedig. „Kann man auch in Kriegszeiten Freude empfinden? Und darf man das?“, fragte nachdenklich der Deutschlandfunk am 13. Juli. „Freude in den dunkelsten Stunden“ – da kennen sich ukrainische Soldaten und Veteranen aus Mariupol seit der „Vollinvasion durch Russland“ besonders gut aus: „Freude zu empfinden und Freude zu teilen im Krieg, so die Erkenntnis der Gespräche, das gleiche einem radikalen menschlichen Vorgang und brauche oft nicht viel: ein Wort, eine freundliche Geste, mit fremden Menschen Geschichten austauschen, ein gemeinsames Glas Tee. Jemanden umarmen, den man mag.“ – Das wusste Anfang der Siebzigerjahre auch schon die Schlagersängerin Paola. Voller Inbrunst sang sie auf die Melodie von „Amazing Grace“: „Das Gück der Welt ist oft so klein/ dass man es übersieht/ es kann wie eine Blume sein/ die im Verborgnen blüht./ Ein schöner Tag, ein liebes Wort/ ein Lied, das froh dich macht/ ein Stern, der hell am Himmel strahlt/ in einer Sommernacht./ Das erste Blatt an einem Baum/ ein bunter Schmetterling/ die Freude über einen Traum/ der in Erfüllung ging./ Ein zarter Blick, ein leises Du/ das Dir die Liebe schenkt/ die Treue, die ein Mensch Dir hält/ wenn niemand an Dich denkt.“ Des Deutschlandfunks Resümee: „Klassisches Kriegsphänomen: Man lebt intensiver angesichts der latenten Gefahr und Bedrohung!“ Kurz: Wir sollten Putin dankbar dafür sein, dass er mit seinem „unprovozierten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ uns alle wieder daran erinnert hat, worauf es wirklich ankommt im (intensiven) Leben!
ganzheitlich
„Die Angreifer agieren ganzheitlich. Sie nutzen Mittel wie Spionage, Sabotage, Cyberoperationen und Informationsmanipulationen, kombinieren Aktionen miteinander, versuchen Einfluss auf Politik und Gesellschaft auszuüben.“ Warnte am 16. Juni Sinan Selen, seines Zeichens Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, in der „Tagesschau“. Konsequenz der Sicherheitsbehörden: die Einrichtung des ‚Gemeinsamen Abwehrzentrums (GAZ) Hybrid‘, um „Desinformationskampagnen und andere Angriffe frühzeitig zu erkennen.“ – Das Allergemeinste: „Die Angreifer“ haben die zentrale Maxime alternativen Lebensstils aus lange vergangenen Zeiten doch tatsächlich auch noch von uns gekapert! Wie tönte es doch neulich so trefflich aus dem Cyber- und Informationsraum (CIR) der Bundeswehr? „Rund 15.000 Menschen arbeiten im CIR. Sie füllen die eigenständige Dimension Cyber- und Informationsraum mit Leben und gestalten sie ganzheitlich aus einer Hand.“ (vgl. einbringen“)
Gemeinsam. Jederzeit. Entschlossen.
Markiges Motto des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr, das seinerseits den – neckisch OPLAN DEU abgekürzten – „Operationsplan Deutschland“ („Eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe“) erarbeitet hat. Dessen tausend Seiten so geheim sind, dass wir alle gemeinsam, jederzeit und entschlossen gesamtstaatlich und gesamtgesellschaftlich loslegen können, wenn es so weit ist. Gegen die Russen, versteht sich. – Bitte nicht verwechseln mit „Gemeinsam – jederzeit und überall“! Das war nämlich im September 2014 das Motto des Berliner Inklusionskongresses „Wie Inklusion für Menschen mit Behinderung praktisch funktioniert“. (Nein, gar nicht zu verwechseln!)
gerecht und dauerhaft
So – in schönster Sonntagsprosa – soll er sein, der Frieden für die Ukraine. (Zumindest nach dem Willen führender Vertreter der Europäischen Union, die zuvor dreieinhalb Jahre lang in Sachen Diplomatie Totalverweigerung betrieben hatten.) Gibt es nur leider auf diesem Planeten so gut wie nie. Für das geschundene Land in der Mitte Europas, jahrelang vom Westen als Terrain eines Stellvertreterkriegs gegen Russland missbraucht, geht es jetzt nur noch um die Basics: die Abwendung der Totalniederlage – und darum, nach circa 1,7 Millionen das Abschlachten weiterer Zehntausender Männer in den Schützengräben zu beenden. – Und für die Verhandlungen selbst gilt nach wie vor der böse, lebensnahe Satz eines Henry Kissinger: „Es geht nicht um Gerechtigkeit für eine Seite, sondern um ausgewogene Ungerechtigkeit für alle!“
gesamtgesellschaftliche Aufgabe
„Verteidigungsfähigkeit ist keine Sache einiger weniger, nicht nur der Berufssoldatinnen und -soldaten – es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, heißt es schon mal proaktiv bei der Bundeswehr. (Schließlich sind ja laut NATO-Generalsekretär Mark Rutte „Heimatfront und Frontlinie jetzt ein und dasselbe“.) – Auf Deutsch: Steuern zahlen für den künftigen Krieg, reicht uns nicht. Jeder muss ran! Gesamtstaatlich und gesamtgesellschaftlich. Geschlechter- und generationengerecht. Und die Menschen mit Einwanderungsgeschichte werden gesamtgesellschaftlich inkludiert. (Nannte man früher mal von Ludendorf bis zum Reichspropagandaminister: „Totaler Krieg“!)
historischer Moment deutscher Führungsrolle
„Jenseits der üblichen Klagen und Beleidigungen wird sich zweifellos auch ein historischer Moment deutscher Führungsrolle in Europa herauskristallisieren.“ Zitierte der Deutschlandfunk in seiner Internationalen Presseschau vom 8. Dezember 2025 stolz die polnische Rzeczpospolita. Das dicke Ende folgte allerdings sogleich. Diese Vision habe eine fundamentale Schwäche: den „Mangel an realer Macht“. Aber keine Sorge: Wir arbeiten dran! (vgl. „dienende Führung“, „Verantwortung übernehmen“)
historisches Glück
„Wenn man es mal fair betrachtet, haben wir großes historisches Glück gehabt – auch mit Blick darauf, dass wir von den Russen losgekommen sind.“ So zum Jahreswechsel 2025/26 Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Haseloffs Glückseligkeit kann noch gesteigert werden: Die Ostdeutschen sind von den Russen nicht nur „losgekommen“, sie haben sie nun auch noch als „echte Feinde“. „Etwas, das“, laut Meisterdenker Peter Sloterdijk, bekanntlich „einem Glück gleicht“!
Krisen
„Krisen wie die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg oder der Zoll-Streit haben Deutschland fast eine Billion Euro gekostet“, wussten die Nachrichten im Deutschlandfunk vom 7. Februar zu vermelden. Pro Erwerbstätigen entspreche dies einem Wertschöpfungsverlust von mehr als 20.000 Euro. – Hören Sie also genau hin, liebe Leser-Doppelpunkt-innen: Es waren die Pandemie, der Ukraine-Krieg und der Zollstreit, kurz: die Krisen höchstpersönlich (und nicht etwa die Politiker in Berlin, Brüssel, Washington, Kiew und Moskau), die aus Ihrem Portemonnaie mehr als 20.000 Euronen geklaut haben!
kultureller Krieg
„Wir dürfen uns nicht täuschen, das ist nicht nur ein Vernichtungskrieg gegen die Ukraine und die Menschen in der Ukraine. Es ist auch ein kultureller Krieg gegen das, was wir den Westen nennen.“ So Ex-Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer während einer Veranstaltung am 23. Februar, die zeitgemäße Version von „Freiheit oder Sozialismus“ in die Welt setzend. – Alles aber halb so schlimm: Der Westen ist nämlich laut der ehemaligen CDU-Vorsitzenden nach wie vor so attraktiv, dass weltweit Menschen dafür auf die Straße gehen und ihr Leben aufs Spiel setzen! (Wie kürzlich mal wieder in Ceuta.) (vgl. „kulturelle Umprogrammierung“, „unsere Lebensweise“, „Vernichtungskrieg“)
letzte Patrone der Demokratie
„Dies ist tatsächlich die letzte Patrone der Demokratie“, tönte, die verbale MP im Anschlag, Markus Söder im Februar 2025 nach einer CSU-Vorstandssitzung in München. Der bayerische Ministerpräsident beschwor so „die gemeinsame Verantwortung von Union und SPD, in einer künftigen Regierungskoalition, ein weiteres Erstarken extremer Kräfte zu verhindern.“ Eine Demokratie, die um sich ballert: Heute noch nach innen – und morgen schon in die ganze Welt …
Moment strategischen Erwachens
„Der französische Präsident freut sich über ein Moment des strategischen Erwachens und der deutsche Kanzler hofft auf ein Fenster der Diplomatie.“ Freute sich am 18. Juni nach dem – aus europäischer Sicht – erfolgreichen G7-Gipfel im Deutschlandfunk Stefan Heinlein. Man bemerke die Differenz: Der Kanzler hofft, der Präsident freut sich!
nationales Pantheon
Ein solches will die Ukraine jetzt in Kiew, pardon: Kyiv, einrichten. (Mit deutscher Finanzierung.) Für die Götter der Nation. Wie zum Beispiel die Juden- und Polenschlächter Stepan Bandera und Andrij Melnyk. (Letzteren bitte auf keinen Fall mit dem ehemaligen ukrainischen Botschafter in Deutschland verwechseln!)
neu kartografieren
„Deutsche Außenpolitik steht vor einer fundamentalen Neuorientierung. Die Welt in unseren Köpfen muss neu kartografiert werden.“ So Bundespräsident Steinmeier am 24. März. Originelle Neuformulierung solch ausgelutschter Begriffe wie „Gedankenwende“, „Mentalitätswechsel“ und „neuer Mindset“.
Schattenarmee
Jawohl, es gibt nicht nur eine russischen Schattenflotte, sondern auch eine westliche Schattenarmee. Gegen Russland. Und das ist (bitte nicht weitersagen) – die Ukraine! (vgl. „zweite Armee der NATO“)
unerschütterlich
„Wir, die Staats- und Regierungschefs der G7, stehen geschlossen hinter der Ukraine und unterstützen sie unerschütterlich bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Integrität.“ So die gemeinsame Erklärung vom 17. Juni. (Kanzler Merz macht dasselbe auch noch „felsenfest“ und „un-trenn-bar“!)
zweite Armee der NATO
„Today, Ukraine is de facto the second army of NATO.“ Verkündete Wolodymyr Selenskyj am 19. Juni schon mal stolz auf X. Und ergänzte: „One that is not inferior to the second army in the world.“ (Womit die russische Armee gemeint war.) Fragt sich nur, was von der „zweiten Armee der NATO“ übrig bleiben wird, wenn der Krieg noch Jahre weitergeht! (vgl. „Schattenarmee“)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: Trzykropy / Shutterstock






