„Journalisten sollten ihr Publikum nicht mehr für dumm halten“

Ein Artikel von:
Veronika Prokhorova

Einseitige Berichterstattung in den großen Medien führt dazu, dass diejenigen, die den Mainstreamjournalismus generell kritisch betrachten, „ihre Reihen schließen.“ Diese Beobachtung hat die freie Russland-Korrespondentin Veronika Prokhorova gemacht. Prokhorova, die zurzeit den Master-Studiengang Journalistik an der TU Dortmund absolviert, kritisiert im Interview mit Marcus Klöckner für die NachDenkSeiten einen Journalismus aufseiten der Qualitätsmedien, der bei zentralen politischen Themen Objektivität vermissen lässt. „Wir hatten nie so viel Angst“, „die Welt muss sich fürchten“, „Horrorszenario“, „Das Ende“ – „so sahen“, sagt Prokhorova, „die Schlagzeilen der ‘seriösen‘ Medien aus.“

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Diese Berichterstattung führe dazu, dass Mediennutzer zu Trump-Verstehern, Putin-Verstehern und Erdogan-Verstehern würden. „So eine einseitige Berichterstattung löst, das ist doch klar, Gegenreaktionen bei den Mediennutzern aus“, sagt die Journalistin. Die 23-Jährige Prokhorova, die sich in dem gerade von Michael Steinbrecher und Günter Rager herausgegebenen Buch “Meinung Macht Manipulation: Journalismus auf dem Prüfstand” mit Qualitätsmedien auseinandersetzt, die in ihrer Berichterstattung zunehmend auf Skandalisierung und Boulevardisierung setzen, geht auch im NachDenkSeiten-Interview auf diese Entwicklung ein. Journalisten sollten aufhören, zu skandalisieren und sich auf eine jener Aufgaben konzentrieren, die ihnen eigentlich zukommt: „sachlich erklären.“

Frau Prokhorova, auf der einen Seite stehen die Boulevardmedien, die mit lautem Geschrei und Sensationslust „berichten“, auf der anderen Seite die Qualitätsmedien, die um Objektivität bemüht sind und sich sachlich-nüchtern der unterschiedlichen Themen annehmen, um eine saubere journalistische Arbeit abzuliefern. Ist dem so?

Nein, so denke ich nicht. Es geht darum, dass diese Grenze zwischen den Boulevardmedien und den Qualitätsmedien verschwinden, das heißt, die Themen des Boulevardjournalismus den Weg in die Qualitätsmedien finden. Die Journalisten kämpfen um die Aufmerksamkeit und nutzen scheinbar aussagekräftige, „likeable“ Inhalte.

Was sind „likeable“ Inhalte?

Nehmen Sie doch nur einmal das Internet-Video, wie Angela Merkel ein weinendes Flüchtlingsmädchen aus dem Libanon tröstet. Das ist ein „likeable“ Inhalt, das heißt, man weiß im Voraus, dass so ein Video die Emotionen derjenigen, die sich das Video anschauen, berührt, man es irgendwie „mag“, also eben „likeable“ findet. Und weil die seriösen Medien das wissen, nehmen sie es als Thema für sich auf. Ich sage an dieser Stelle erstmal nicht, ob diese Boulevardisierung schlecht oder gut ist. Aber ich stelle fest: Es gibt sie einfach.

Ich sage also: Auf der einen Seite stehen professionelle Medien, auf der anderen populistische. Und wenn man die Berichterstattung betrachtet, kann man nicht immer eindeutig sagen, was nun das seriöse und was das populistische Medium ist.

In Ihrem Buchbeitrag schreiben Sie: „Qualitätsmedien berichten immer wieder frech, aufrührerisch, zynisch und hysterisch – statt ruhig, sachlich und politisch korrekt.“ Welche Beispiele fallen Ihnen dazu ein?

Da wäre die Berichterstattung über die russische Desinformationskampagne gegen Merkel vor der Wahl 2017. Darüber haben die sogenannten Qualitätsmedien berichtet, wie Welt Online, Zeit Online, ZDF und so weiter, obwohl der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz keine eindeutigen Beweise für eine russische Desinformationskampagne gefunden haben.

Ein weiteres Beispiel?

Nehmen wir den ZDF-Film „Putins Kalter Krieg“ von Egmont R. Koch, wo es über tschetschenische Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, geht, und Sicherheitsbehörden befürchten, dass auch Islamisten unter ihnen sind. Der Film stellt sich durch allerlei Altbekanntes vor: Hans-Georg Maaßen warnt vor der Desinformationskampagne des Kremls, dazu noch ein NATO-Experte – vor der russischen Propaganda, es gibt auch eine Reihe tschetschenischer Flüchtlinge, die als Agenten von Ramsan Kadyrow dargestellt werden – aber warum teilen sie selbst mit, dass sie mit Kadyrow befreundet sind und warnen vor seinem Zugriff in Deutschland? Diese Information erzählt „Igor“, ehemaliger FSB-Oberst. Dem Zuschauer werden wichtige Informationen vorenthalten mit der Begründung, die Identität von „Igor“ zu schützen. Allerdings war es leicht für andere, den Namen des FSB-Mannes herauszufinden. Warum der Autor des Films nicht nur den Drehort Ukraine, sondern auch die wenig geheime Identität verschweigt, ist ein Rätsel. Es gibt so viel falsche Behauptungen in diesem Film, so vieles trifft nicht zu.

Und, was schließen Sie daraus?

Meiner Meinung nach sieht es hier wieder so aus, als wollte das ZDF seine Zuschauer für dumm verkaufen. Das Trend-Thema „russische Propaganda“ passt eben gerade, weil es in aller Munde ist.

Sie sprechen viel über Russland.

Sicher, aber das liegt doch auf der Hand. Ich bin schließlich Russland-Korrespondentin.

Dann nehmen wir ein anderes Beispiel. Ich habe mir auch Gedanken über die Berichterstattung der Pegida-Anhänger gemacht.

Was ist damit?

Fast nie werden in der Berichterstattung die wirklich ernsthaften Fragen gestellt, zum Beispiel: Inwieweit sind die (übertriebenen) Sorgen der Pegida-Anhänger sachlich berechtigt – auf der Grundlage von fundierten Daten? Oder aber: Welchen Einfluss hat die jahrelange Berichterstattung über Gewalt in islamischen bzw. muslimischen Staaten auf die Ansichten der Pegida-Anhänger? Hat eine Berichterstattung, die sich nur auf das Negative in diesen Ländern konzentriert, dazu beigetragen, dass Menschen Ängste vor dem Islam oder Muslimen haben?

Und, was meinen Sie?

Ich meine, dass die Medien teilweise schuldig sind, dass solche Bewegungen wie „Pegida“ entstehen. Die Medien berichteten in den vergangenen Jahren über die brutale Gewalt des selbsternannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak oder über antisemitische Ausfälle während des israelisch-palästinensischen Krieges und Ausschreitungen zwischen Kurden, Salafisten und Hooligans auf deutschen Straßen.

Was wird den Mediennutzern vermittelt? Richtig! Gewalt, Unruhe, Aggression.

Fällt Ihnen nicht auf, dass über reguläre politische, ökonomische und kulturelle Vorgänge in der islamischen Welt weniger berichtet wird als über Kriege, Gewalt und sonstige Konflikte? Eine solche Berichterstattung verzerrt die Wahrnehmung des Islams. Eine solche Berichterstattung bringt „Pegida“-Anhänger in die Welt.

Und dann, wenn eine Gruppe wie Pegida – aber es könnte auch irgendeine andere Gruppe sein, die eine von den großen Medien abweichende Meinung vertritt – erst einmal in der Welt ist, begehen die Medien einen schweren Fehler. Ängste und Kritikpunkte, ob diese nun real sind oder nicht, werden von ihnen ganz schnell abgetan und dann ist man rasch zur Hand, die unliebsamen Meinungen als der Demokratie widersprechend abzuqualifizieren.

Ehrlich gesagt, mir als Journalistin gefällt auch vieles nicht, was ich aus so manchen Lagern höre. Aber was ist das für eine Meinungsfreiheit, wenn die Meinung nur dann begrüßt wird, wenn sie meiner Meinung entspricht? Was wäre ich für eine Journalistin, wenn ich eine Meinung, nur weil ich gegen sie bin, mit einer unausgewogenen Berichterstattung bekämpfen würde?

Wie sieht es denn mit der Berichterstattung zu Donald Trump aus?

Die Medien berichteten sehr eindeutig in eine Richtung über Trump. So wurde der zukünftige Präsident Trump auf nahezu allen Kanälen verhöhnt und gefürchtet. „Wir hatten nie so viel Angst“, „die Welt muss sich fürchten“, „Horrorszenario“, „Das Ende“ – so sahen die Schlagzeilen der „seriösen“ Medien aus. Dank solcher einseitigen Berichterstattungen entstehen Trump-Versteher (und Putin-Versteher, und Erdogan-Versteher). So eine einseitige Berichterstattung löst, das ist doch klar, Gegenreaktionen bei den Mediennutzern aus. Menschen, die gegen den Mainstream sind, schließen dann ihre Reihen. Und in so einer Situation wird es dann sehr schwer, überhaupt noch eine sachliche Debatte zu führen.

Wie erklären Sie sich diese Berichterstattung? Anders gesagt: Wie kommt es dazu, dass top-ausgebildete Journalisten bei Qualitätsmedien, die das journalistische Handwerk doch beherrschen, so eine Berichterstattung abliefern?

Leider hängt nicht alles nur von top-ausgebildeten Journalisten ab. Gerade heute, in der Zeit äußerst knapper finanzieller Ressourcen werden Massenmedien eher als Wirtschafts- denn als Kulturgüter betrachtet. Digitalisierung und Beschleunigung der Nachrichtenproduktion sowie der unvermindert hohe Wettbewerbsdruck, der auf Journalisten lastet, werfen zunächst die Frage auf, wie sich deren Arbeit verändert. Außerdem orientieren sich Journalisten intensiv aneinander: sie beobachten ihre Kollegen, sie sind Gegner im beruflichen Wettbewerb, liefern die Maßstäbe für Leistungsvergleich. Sogar die „seriösen“ Medien versuchen, dass ihre Stimme auch jene erreicht, die sie nicht lesen. So entwickeln sie sich zu Skandalisierern, indem sie einige Merkmale – ich habe es ja schon angesprochen – aus den Boulevardmedien übernehmen.

Sie erwähnen in Ihrem Buchbeitrag auch den „Skandal“ als eine der treibenden Kräfte der journalistischen Arbeit. Journalismus will Skandale aufdecken und dazu bedienen sich so manche Journalisten dann auch der Zuspitzung, der Überspitzung bei der Berichterstattung – schließlich geht es ja um eine „gute Sache“, um das Freilegen von Missständen. Sind die Motive tatsächlich so edel, wenn Journalisten in ihrer Berichterstattung überspitzen?

Das glauben viele Journalisten, aber es ist trotzdem falsch. Wenn es einen Missstand gäbe, dann müssten Journalisten diesen Missstand nicht auf eine hetzerische Weise an die Mediennutzer herantragen.

Sondern?

Sie müssten und sollten einfach nur sachlich erklären. Die meisten Journalisten glauben, dass man mit Skandalisieren Missstände in der Gesellschaft verringern könnte, aber das ist Wahnsinn.

Warum?

Eine skandalisierte Berichterstattung löst fast immer Folgen aus, die negativ sind. Sie verringert keinen Missstand. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Zu den Folgen gehören nicht nur unbeabsichtigte Auswirkungen der Skandalberichte auf die Skandalisierten und ihre soziale Umgebung, sondern gelegentlich auch die massive Irreführung des Publikums.

Was bedeutet das alles für den Journalismus als Ganzes? Also gerade zu einer Zeit, in der viele Medien auch aufgrund einer sich generell veränderten Medienlandschaft unter einem enormen Druck sind?

Was bedeutet das? Sagen wir es so: Ich bin eher positiv eingestellt als negativ – mindestens, weil Sie als Journalist sich für dieses Thema interessieren und mir diese Fragen stellen.

Schauen Sie doch einfach nur mal hin, fast jedes Medium hat diverse medienkritische Stücke im Programm. Diese Lügenpresse-Vorwürfe waren ein guter Anlass für Journalisten, ihre Arbeit kritisch zu reflektieren – nicht nur im Rahmen von Konferenzen der Branche, sondern gerade auch in der Kommunikation mit ihren Rezipienten. Statt Beschleunigung werden Journalisten Entschleunigung wählen.

Was meinen Sie mit Entschleunigung?

Damit meine ich, dass Journalisten schon anfangen zu verstehen, wie wichtig es ist, sich für ihre Recherchen und Berichterstattung auch eine gewisse Zeit zu nehmen, um ein seriöses Stück Arbeit abzuliefern.

Sicher, ich weiß, das ist in gewisser Weise auch eine Wunschvorstellung von mir und ich weiß, dass es leicht ist, sich einen entschleunigten Journalismus vorzustellen, der Weg aber zu solch einem Journalismus in der Praxis dann doch nicht einfach ist.

Aber Journalisten sollten ihr Publikum nicht mehr für dumm halten. Viele Menschen legen mehr Wert auf Hintergrundberichterstattung. Schnelligkeit und Sensation verabsolutieren sie nicht als Qualitätskriterium.

Die überwiegende Anzahl der Leser solcher Zeitungen wie FAZ, Handelsblatt, SZ oder Zeit wollen seriöse Informationen. Sie wollen kein Spektakel. Sie legen Wert auf die Verifizierung der Information, auf eine fundierte Recherche und können auch mit komplexen Erklärungen umgehen. Hier liegt, das sollten Medien, die ja immer auch ökonomisch denken (müssen), ein Markt, auf dem sich Geld machen lässt. Dieses Publikum ist zwar anspruchsvoll, aber es ist auch treu.

Sehen wir mal von der Boulevardisierung und Skandalisierung in der Berichterstattung ab. Was fällt Ihnen als junge Journalistin, wenn Sie auf Ihre Branche mit einem kritischen Auge schauen, noch an Problemen und Verwerfungen im Qualitätsjournalismus auf?

Wie gesagt: Aufmerksamkeit um jeden Preis, Massenmedien, auch “seriöse” Medien gehen oft eine symbiotische Beziehung mit dem Populismus ein, mit dem Kalkül von Schlagzeilen.

Weiteres?

Außerdem überschätzen Journalisten die Bedeutung von Informationen im Netz, insbesondere im Social Media, über extreme Ereignisse und Meinungen. Sie berichten darüber in den Qualitätsmedien, vermitteln einen irreführenden Eindruck von ihrer Relevanz und verschaffen ihnen dadurch ein gesellschaftliches Gewicht. Um zu unterscheiden, was relevant und wichtig für das Publikum ist, nutzen Journalisten als Gütekriterium nur Anzahl der Posts, Shares und Likes. Das kostet nichts, sie sind leicht verfügbar. Aber Posts, Shares und Likes sind nur scheinbar aussagekräftig.

Deshalb berichteten Medien in großen Beiträgen, dass Til Schweiger im Internet beleidigt wurde, weil er auf seiner Facebook-Seite die Unterstützung von Flüchtlingen angekündigt hat. Deshalb berichteten Medien großzügig darüber, dass Facebook-Gründer Marc Zuckerberg mithilfe seines Netzwerks im US-Wahlkampf Lügen verbreitete und indirekt wohl Trump half, weil er Trumps Posts und Account nicht gesperrt hatte. Es klingt absurd? Aber das ist zu einem Thema der Qualitätsmedien geworden.

Gerade hat die ARD einen „Faktenfinder“ online gestellt, also ein Projekt, hinter dem eine ganze Redaktion steht und sich den „Fake News“ widmet. Was hat es mit dieser gesamten Diskussion um „Fake News“ aus Ihrer Sicht auf sich? Können Sie diesen Wirbel verstehen, der derzeit in den Medien um Falschmeldungen aus dem Internet zu beobachten ist?

Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, journalistische Arbeit soll transparent sein. Hier muss man aber vorsichtig sein, da ich überzeugt bin, dass kein Medium alles prüfen und objektiv sein kann. Ich denke, dass es besser ist, wenn solche „Fake-News“-Redaktionen aus Journalisten verschiedener Medien bestehen würden. Das ist das Problem der Unabhängigkeit.

Noch „besser“, um es mal ironisch zu formulieren, finde ich die Situation mit Facebook, das gegen Fake News auch vorgehen will. Dafür kooperiert das Unternehmen mit dem Recherchezentrum Correctiv, das von der SPD-nahen Brost-Stiftung finanziert wird. Wie wird die Unabhängigkeit gewährleistet? Wieso darf Correctiv als Medium über den Wahrheitsgehalt anderer Medien richten?

Wo müsste angesetzt werden? Wie lässt sich zu einer Berichterstattung kommen, die einen Journalismus erkennen lässt, wie er eigentlich sein sollte?

Wenn ein Journalist für die Menschen schreibt, wenn er sich Populismus widersetzt und sich bei seiner Berichterstattung nicht an Aufmerksamkeit und Clickbaits orientiert, dann liefert er einen Journalismus ab, der so ist, wie er sein soll.

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