Zurück zur Normalität – die Zahlen aus England geben Anlass zur Hoffnung
Zurück zur Normalität – die Zahlen aus England geben Anlass zur Hoffnung

Zurück zur Normalität – die Zahlen aus England geben Anlass zur Hoffnung

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

„Jetzt oder nie“ – unter diesem Motto hatte die britische Regierung Anfang Juli den Ausstieg aus den Corona-Maßnahmen eingeläutet. Seit dem als „Freedom Day“ bezeichneten 19. Juli sind in England nahezu alle wegen der Pandemie verhängten Einschränkungen weggefallen – Wales, Schottland und Nordirland haben sich den Vorgaben aus London nicht angeschlossen. Und dies trotz sehr hoher steigender Inzidenzwerte. Es sollte auf eine massive „Exit Wave“ mit über 100.000 Neuinfektionen pro Tag hinauslaufen, die jedoch aufgrund der weitreichenden Immunisierung innerhalb der Bevölkerung vom Gesundheitssystem abgefedert werden soll. Die Maßnahmen sind weg, doch die Neuinfektionen steigen nicht, sondern sie fallen, was selbst die Modellierer in Erklärungsnöte bringt. Das mag sich in der nächsten Woche vielleicht wieder ändern, von einer Katastrophe geht jedoch in Großbritannien niemand mehr aus. Das „britische Modell“ scheint aufzugehen und dies könnte auch für Deutschland wegweisend sein. Es gibt Grund zur Hoffnung. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Es gibt wohl kein anderes Land in Europa, in dem die Immunisierung gegen das Coronavirus so weit fortgeschritten ist wie in Großbritannien. Rund 38 Millionen Briten sind mittlerweile doppelt geimpft, weitere neun Millionen haben ihre erste Impfdosis erhalten. Damit nimmt Großbritannien unter den größeren Staaten den ersten Platz ein. In den besonders vulnerablen Altersgruppen über 70 Jahren beträgt die Impfquote durchgängig mehr als 95%.

Großbritannien: Impfquote nach Alter
Quelle: Britisches Gesundheitsministerium

An erster Stelle in Europa ist Großbritannien auch bei der „natürlichen Immunisierung“ durch eine bereits durchgemachte Infektion mit dem Coronavirus. Offiziell haben sich fast sechs Millionen Briten bereits mit dem Virus infiziert, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Das britische Office for National Statistics geht daher davon aus, dass 92% der erwachsenen Engländer und Waliser heute Antikörper gegen das Sars-Cov2-Virus in ihrem Blut haben. Sie können sich zwar immer noch infizieren und in seltenen Fällen auch erkranken, jedoch sinkt ihr Risiko, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, massiv, wie eine sehr umfangreiche Datenauswertung von Public Health England zeigt.

Sterbequote nach Altersgruppe, mit und ohne Impfung
Quelle: FT mit Daten von Public Health England

Jetzt oder nie. Da sich die Infektionen in Großbritannien im Laufe des Frühjahrs von den schweren Krankheitsverläufen und der Sterbequote mehr und mehr entkoppelt haben, sah die konservative Regierung nun die Gelegenheit, ein Exit-Szenario für die Maßnahmen zu verwirklichen. Diese Strategie ist auch in Großbritannien keinesfalls unumstritten und ihr Erfolg hängt vor allem davon ab, ob die harten Daten aus den Krankenhäusern diese Entkoppelung bestätigen. Von den Infektionen bzw. den Inzidenzen als alleinigem Maßstab haben die britischen Offiziellen sich dabei vollständig verabschiedet. Der britische Gesundheitsminister Sajid Javid ging noch vor wenigen Tagen für August von 100.000 Neuinfektionen pro Tag aus. Modellierer britischer Unis prognostizierten sogar 200.000 Neuinfektionen pro Tag. Doch diese Zahlen sind für die britische Regierung kein Grund, von der Öffnungsstrategie abzuweichen. Im Gegenteil. Boris Johnson brachte sogar den Begriff „Exit Wave“ ins Spiel – womit eine letzte Welle gemeint ist, die über eine natürliche Immunisierung zu einer Art „Herdenimmunität“ führt.

Mit Spannung wurden daher die ersten Daten aus dem „maßnahmenfreien“ England erwartet und bereits 10 Tage nach dem „Freedom Day“ zeigt sich die erste große Überraschung.

Großbritannien: Neuinfektionen pro Tag
Quelle: Britisches Gesundheitsministerium

Markierte der 17. Juli noch mit über 54.000 Neuinfektionen einen der höchsten jemals in Großbritannien gemessenen Werte, schossen die Inzidenzen mit der Öffnung am folgenden Tag nicht etwa in die Höhe, sondern gingen im Gegenteil sehr deutlich zurück. Seit Mittwoch hat sich der Trend zwar wieder leicht umgekehrt, doch mit aktuell rund 31.000 Neuinfektionen pro Tag liegt der Wert immer noch erstaunlich niedrig. Die einfache Rechnung „Lockdown = Inzidenzen runter“ und „Öffnung = Inzidenzen hoch“ scheint so nicht aufzugehen. Warum das so ist, wird derzeit heiß debattiert. Virologen und Modellierer stehen vor einem Rätsel.

Ein Faktor dürfte jedenfalls die Fußball-Europameisterschaft sein. So gab es einen erstaunlich massiven Überschuss bei jungen Männern in Koinzidenz mit den Spielen der englischen Fußballmannschaft, der sicher in den Tagen vor der Öffnung die Inzidenzen deutlich beeinflusst hat.

Großbritannien: Überschuss junger Männer gegenüber gleichaltrigen Frauen während der EM
Quelle: FT

Paul Hunter von der University of East Anglia kommentiert diesen Effekt mit dem Satz: „Ironischerweise macht dies die nächsten sechs Monaten einfacher“. Gemeint ist damit, dass die in den letzten Wochen infizierten Fußballfans nun – wenn auch ungewollt – ihre natürliche Immunität erlangt haben und im Herbst somit „aus dem Spiel“ sind.

Doch hier geht es nur um die Inzidenzen. Wesentlich interessanter und wichtiger als die Infektionszahlen sind die maßgeblichen Zahlen aus den Krankenhäusern. Und auch hier ist Optimismus angesagt.

Großbritannien: Krankenhausaufnahmen mit Corona-Zusammenhang pro Tag
Quelle: Britisches Gesundheitsministerium

Ist die Zahl der Neuaufnahmen im Juli noch gestiegen, scheint sie sich in den letzten Tagen auf einem Plateau von rund 1.000 pro Tag eingependelt zu haben. Zum Vergleich: Während der Winterwelle lag diese Zahl bei über 4.000 pro Tag. Zurzeit werden in den britischen Krankenhäusern rund 6.000 Patienten mit positivem Coronatest behandelt. Zum Höhepunkt der Winterwelle waren es 40.000.

Noch besser sieht es bei den Todesfällen aus. Hier hat sich die Zahl bei einem 7-Tagesschnitt von rund 70 pro Tag eingependelt. Im Winter waren es bis zu 2.000 pro Tag. Wobei bei den aktuellen Zahlen zahlreiche Fragen offen sind. So sind zurzeit noch deutlicher als im Winter fast ausschließlich sehr alte Menschen mit sehr schweren Vorerkrankungen betroffen, bei denen noch weniger als früher klar ist, ob das Virus ursächlich für den Todesfall ist. Naturgemäß trifft es bei einer Impfquote von über 95% innerhalb der hohen Altersgruppen zurzeit auch in einem sehr hohen Maße doppelt Geimpfte. Dies lässt bei der niedrigen Zahl der Opfer jedoch keine Deutung in gleichwelche Richtung zu.

Großbritannien: Todesfälle mit Corona-Zusammenhang pro Tag
Quelle: Britisches Gesundheitsministerium

Die Zahlen zeigen, dass Großbritanniens bzw. Englands Gesundheitssystem zurzeit in einer sehr komfortablen Lage und sehr weit entfernt von möglichen Kapazitätsgrenzen ist. Am wichtigsten ist dabei jedoch die Erkenntnis, dass sich sowohl die Krankenhausbelegung als auch mehr noch die Sterbeziffern in der Tat klar von den Infektionszahlen abgekoppelt haben. Wenn hier keine Wende eintritt, lassen sich in der Tat auch noch wesentlich höhere Infektionszahlen abfedern.

Dies ist Anlass zur Hoffnung. Die jetzigen Zahlen sind vielversprechend und wenn man die extrem hohen Immunitätsquoten der erwachsenen englischen Bevölkerung – eine Impfempfehlung für nicht vorerkrankte Jugendliche schließt Großbritannien übrigens aus – betrachtet, dürfte sich die „Exit Wave“ wohl schon bald dem Ende nähern. Wenn nahezu die gesamte erwachsene Bevölkerung eine Immunität durch Impfung oder eine vorangegangene Infektion aufweist, wird es zwar weiterhin zu einigen Infektionen kommen, die dann jedoch ihre Schrecken verlieren. Johnsons erklärtes Ziel ist es, dass Großbritannien von nun an lernen müsse, mit Corona zu leben, wie man auch mit der Grippe leben muss.

Will man die Maßnahmen nicht zu einem Dauerzustand machen, ist es wohl in der Tat alternativlos, zu lernen, mit dem Virus zu leben. Wie es anders geht, macht uns zurzeit Australien vor. Down under hat man den Kurs eingeschlagen, den auch hierzulande einige „Experten“ wie Karl Lauterbach propagiert haben – Zero Covid, ein Lockdown ohne Ende. Mindestens bis Ende 2022 will Australien sich vor dem Virus abschotten. Das klappt jedoch wenig überraschend nicht sonderlich gut. Man reagiert dort auf die kleinsten Ausbrüche mit brachialen Maßnahmen und riegelt die entsprechenden Regionen, darunter die Millionenstadt Sydney, für mehrere Wochen komplett ab. Mittlerweile setzt die australische Regierung dafür sogar das Militär ein und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, zumal die Bevölkerung mehr und mehr gegen den Zero-Covid-Wahnsinn aufbegehrt. Da scheint es die ehemalige Kolonialmacht besser zu haben.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob der aktuelle Trend sich fortsetzt. Wenn dies der Fall ist, wird auch die deutsche Politik nicht die Augen davor verschließen können. Auch Deutschland wird über kurz oder lang ohnehin lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

Titelbild: cktravels.com/shutterstock.com

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!