Während wir Gasnotfallpläne schmieden, exportieren wir massenweise Erdgas nach Polen
Während wir Gasnotfallpläne schmieden, exportieren wir massenweise Erdgas nach Polen

Während wir Gasnotfallpläne schmieden, exportieren wir massenweise Erdgas nach Polen

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die Warnungen der Bundesnetzagentur vor einem „Gasnotstand“ im kommenden Winter sind schrill, aber leider auch gerechtfertigt. Wenn Deutschland seine Sanktionspolitik nicht überdenkt, wird das Gas im Winter nicht nur extrem teuer, sondern gar physisch knapp. Um so unverständlicher ist es, dass Deutschland gleichzeitig horrende Mengen an Erdgas an Polen exportiert, das die deutschen Gaslieferungen als Teil seines Konzepts, vollkommen unabhängig von russischem Gas zu werden, fest eingeplant hat. Stand heute sind die Speicher in Polen randvoll – gefüllt mit russischem Erdgas, das für den deutschen Markt bestimmt war. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Quelle: Tagesschau

Im ersten Halbjahr 2021 sind über die von Westsibirien über Belarus und Polen nach Deutschland verlaufende Jamal-Pipeline insgesamt 149.000 TWh an Erdgas nach Deutschland geflossen. Dies ergibt sich aus den Daten des Energiedienstleisters Gascade, der die Übergabestation im brandenburgischen Mallnow betreibt. 149.000 TWh entsprechen übrigens fast genau der kompletten Kapazität der deutschen Gasspeicher.

Wäre im ersten Halbjahr 2022 auch nur die Hälfte dieser Menge geflossen, wären die deutschen Gasspeicher jetzt randvoll, es gäbe keine akut drohenden Lieferengpässe und der Gaspreis wäre wohl auch auf Vorjahresniveau. Wer sich jedoch die Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2022 anschaut, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Bis Ende Juni kamen nur vereinzelte Kleinmengen über die Jamal-Pipeline in Deutschland an. Dafür flossen in umgekehrter Richtung 20.000 TWh von Deutschland nach Polen.

Das wiederum entspricht der Hälfte der polnischen Reservekapazitäten. Polens Gasspeicher sind heute randvoll. Der aktuelle Verbrauch polnischer Haushalte und Industriebetriebe wird jedoch auch heute noch zum Teil über deutsche Gasexporte gedeckt. Anstatt russisches Gas nach Deutschland zu transportieren, wird die zwischen Deutschland und Polen in beide Richtungen betreibbare Jamal dafür genutzt, russisches Gas, das zuvor über die Nord-Stream-1-Pipeline von Deutschland importiert wurde, direkt nach Polen weiterzuleiten. Damit keine Missverständnisse auftreten: Wir reden hier über das Gas, das Teil des russischen Transportvolumens für Deutschland ist, das von deutschen Importeuren bezahlt wurde und das eigentlich in die deutschen Speicher fließen sollte. Selbst wenn in diesem Jahr über die Jamal kein einziger Kubikzentimeter Gas nach Deutschland geflossen wäre, wären die deutschen Gasspeicher um acht Prozent voller, hätte man nicht im gleichen Zeitraum Gas nach Polen exportiert.

Quelle: GIE – Aggregates Gas Storage Inventory

Und um ein zweites mögliches Missverständnis auszuschließen: Diese Entwicklung ist keine direkte Folge der russischen Invasion in der Ukraine. Die NachDenkSeiten schrieben bereits im Januar 2022 über dieses Thema – damals noch unter dem Aufhänger der steigenden Gaspreise. Seit Weihnachten 2021 läuft Jamal – mit kurzen Unterbrechungen – im umgekehrten Betrieb und transportiert deutsches Gas nach Polen. Hintergrund dafür ist, dass Polen ohnehin fest eingeplant hatte, seine Gasimporte aus Russland in diesem Jahr zu beenden. Der Ende 2022 auslaufende Liefervertrag mit Gazprom sollte nicht verlängert werden. Stattdessen will Polen den Großteil seines Gasbedarfs über die neu gebaute Baltic Pipe aus Norwegen decken. Die ist jedoch erst frühestens im Oktober dieses Jahres einsatzbereit. Bis zu diesem Zeitpunkt plant Polen die nötigen Gasmengen auf dem deutschen Spotmarkt zu kaufen und macht offenbar genau dies seit Weihnachten letzten Jahres.

Dies ist übrigens der mit Abstand wichtigste Grund dafür, warum die deutschen Speicher derzeit vergleichsweise leer sind. Hätte es die russische Invasion und die damit begründeten Sanktionen des Westens nicht gegeben, wäre diese Strategie wohl auch aufgegangen. Dann hätten Deutschlands Haushalte und Industriebetriebe das vorgezogene polnische Gasembargo gegen Russland „nur“ über höhere Preise bezahlt. Nun führen jedoch Sanktionen und Gegensanktionen dazu, dass das Gas nicht nur teuer, sondern sogar physisch knapp wird. Und auch daran trägt Polen einen gehörigen Teil der Verantwortung.

Die Bundesregierung will Nord Stream 2 nicht in Betrieb nehmen. Die Lieferungen über Nord Stream 1 mussten wegen des Fehlens einer Turbine, die aufgrund der Sanktionen in Kanada festsitzt, bereits gedrosselt werden. Ab dem 11. Juli wird der Transport über Nord Stream 1 komplett eingestellt, da dann die jährlichen Wartungsarbeiten turnusgemäß beginnen und es steht die Frage im Raum, ob Russland diese eigentlich für zwei Wochen befristete Wartungspause politisch motiviert ausdehnt. Ein weiterer Transportweg russischen Gases nach Deutschland ist das Transgassystem, das jedoch über ukrainischen Boden verläuft und ohnehin nur eingeschränkt liefert.

Um die Lücke zu schließen, käme – neben Nord Stream 2 – vor allem eine Pipeline in Frage und das ist besagte Jamal-Pipeline, die über polnisches Gebiet führt. Theoretisch wäre dies auch möglich und die Liefermengen des Vorjahres zeigen, dass Lieferungen über Jamal die Lage massiv entspannen könnten. Praktisch ist dies jedoch so gut wie ausgeschlossen, da Jamal der große Zankapfel im polnisch-russischen Wirtschaftskrieg mit Sanktionen und Gegensanktionen ist. Erst sanktionierte Polen Gazprom, dann sanktionierte Russland den polnisch-russischen Betreiber des Stücks der Jamal-Pipeline, das sich auf polnischem Hoheitsgebiet befindet. Polen läutete daraufhin die nächste Sanktionsrunde gegen Gazprom ein. Laut sowohl russischen als auch polnischen Angaben betreffen die beidseitigen Sanktionen jedoch nicht den Transfer russischen Gases über polnisches Gebiet nach Deutschland. Dennoch floss nach der Eskalation des polnisch-russischen Konflikts kein Gas mehr von Russland über die polnische Grenze.

Nun wäre es an der Bundesregierung, Druck gegenüber Polen aufzubauen, um die Jamal im normalen Betrieb als ergänzende Quelle für russische Gaslieferungen zu nutzen. Doch dann kann man die Pipeline freilich nicht in umgekehrter Richtung nutzen, um Polens unilaterales Gasembargo gegen Russland zu unterstützen.

Wie glaubwürdig ist dann jedoch das „Gejammer“ der Bundesregierung? Sie könnte die drohenden Engpässe und die Explosion des Gaspreises für deutsche Verbraucher mit einem Federstrich beenden und hat dafür gleich zwei Optionen: Sie kann Nord Stream 2 öffnen und sie kann Druck auf die Polen ausüben, so dass diese die Jamal-Pipeline als Transitleitung öffnen.

Doch beide Optionen spielen offenbar für die deutsche Politik keine Rolle. Und so kommt es, wie es kommen muss. Während Polens Gasspeicher zum Bersten gefüllt sind, stellt sich Deutschland auf einen Notwinter mit horrenden Gaspreisen und physischen Gassperren für Industrie und Haushalte ein. Die Bundesregierung macht Putin dafür verantwortlich, die Medien fordern noch weiterreichende Sanktionen und das Volk übt sich in Duldungsstarre. Kann es sein, dass die Deutschen ganz schön dumm sind?

Titelbild: PX Media/shutterstock.com

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