Sachbuch «Bis alles in Scherben fällt» – Geheimdienstexperte Klaus Eichner übt Kritik an US-amerikanischer Geopolitik

Sachbuch «Bis alles in Scherben fällt» – Geheimdienstexperte Klaus Eichner übt Kritik an US-amerikanischer Geopolitik

Sachbuch «Bis alles in Scherben fällt» – Geheimdienstexperte Klaus Eichner übt Kritik an US-amerikanischer Geopolitik

Ein Artikel von Eugen Zentner

Es ist ein schillernder Titel, den der Geheimdienstexperte Klaus Eichner für sein neues Buch gewählt hat. «Bis alles in Scherben fällt» klingt so alarmierend, wie sich die gegenwärtige Situation rund um den Krieg zwischen Russland und der Ukraine tatsächlich darstellt. Allerdings sind auch die USA in ihn tiefer verstrickt, als es die Leitmedien weismachen wollen. Um die Rolle der imperialen Supermacht geht es schließlich in Eichners Buch. Der Untertitel wird da schon deutlicher und nimmt die Hauptthese vorweg: «Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung». Begonnen habe er mit dem Untergang der Sowjetunion, so der Autor. Damals sei die bipolare Weltordnung zerbrochen, womit die USA sich ermutigt sah, die eigene Macht stetig auszubauen. Von Eugen Zentner.

Diesen Prozess seit den 1990er Jahren zeichnet Eichner auf knapp 230 Seiten in einem Schnelldurchlauf nach, indem er die geopolitischen Zusammenhänge anschaulich beschreibt und anhand von Fakten zeigt, welche ökonomischen, politischen und geheimdienstlichen Mittel die USA für ihren Kampf um eine neue Weltordnung eingesetzt hat. Dafür greift der Autor nicht nur auf seine Erfahrungen zurück, die er aus jahrelanger Tätigkeit als Analytiker der Hauptverwaltung A auf dem Gebiet imperialistischer Geheimdienste gesammelt hat, sondern bezieht sich auch auf interne Quelleninformationen. Sie soll er genauso kritisch analysiert haben wie die Literatur, die in den letzten Jahren zu diesem Thema erschienen ist.

Westliches Wertesystem als Maßstab

Doch wie sieht diese neue Weltordnung aus, die die USA anstreben? Laut Eichner basiere sie zunächst darauf, die bisher geltenden Regeln auszuschalten, was sich vor allem auf das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen bezieht. „Zum anderen“, schreibt er weiter, „soll die neue Weltordnung ausschließlich nach den Regularien der Führungskräfte der USA, der NATO und der EU gestaltet werden. Maßstab für diese Weltordnung ist das westliche Wertesystem.“ Wer das öffentlich so unverblümt ausspreche wie er, gibt der Autor zu bedenken, werde diffamiert und mundtot gemacht – mit Kampfbegriffen wie „Verschwörungstheorie“ oder „Antiamerikanismus“. Dafür setze die Supermacht sämtliche Organisationen und Medien ein.

Think Tanks, Stiftungen, PR- und Propaganda-Agenturen erledigten dies auf einem Feld, wo die psychologische Kriegsführung stattfindet. Solche Institutionen seien es auch, die dazu beitragen, das „westliche Wertesystem“ als das überlegenere darzustellen. Dafür würden Printmedien, Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie soziale Medien als Beeinflussungsinstrumente eingesetzt: „Ihre Aufgabe ist die »Eroberung« der Gedanken und Gefühle der Menschen, die Herstellung der Herrschaft über den sogenannten Mindset – die Art zu denken, die Umwelt wahrzunehmen, sie unbewusst zu reflektieren.“

Griffige Beispiele

Eichners Verdienst besteht allerdings nicht darin, dass er den Einsatz derartiger Mittel erwähnt. Das ist größtenteils bekannt. Seine Aussagen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit griffigen Beispielen untermauert werden – mit Fakten, die das Ausmaß der Manipulation begreifbar machen. Bis die breite Öffentlichkeit von den Lügen und Legenden erfährt, ist der Schaden meistens bereits angerichtet, wie der Autor anhand des zweiten Irak-Krieges veranschaulicht. Die Entscheidung des UN-Sicherheitsrates, ihn völkerrechtlich zu legalisieren, habe auf Grundlage erfundener Gräuelnachrichten stattgefunden: „So hatte beispielsweise eine Krankenschwester vor der UNO mit tränenerstickter Stimme von brutalen Säuglingsmorden und ein Arzt als Zeuge von ähnlichen Verbrechen irakischer Soldaten berichtet.“

Allerdings habe es sich bei der „vermeintlichen Krankenschwester“ um die „fünfzehnjährige Tochter des kuweitischen Botschafters in den USA“ gehandelt. „Der angebliche Chirurg“, schreibt Eichner weiter, „war ein Zahnarzt. Die Texte dieser angeblichen Augenzeugen hatte eine New Yorker PR-Firma geschrieben, die Operation war von der US-Organisation Citizens for a Free Kuwait finanziert worden.“ Dass die USA auch für Lippenbekenntnisse gut ist, vor allem gegenüber dem Kreml, führt der Autor vor Augen, indem er an den Staatsbesuch James Bakers in Moskau erinnert. Dort verweilte der einstige US-Außenminister im Februar 1990 und konferierte mit Michail Gorbatschow. Dabei versicherte Baker, dass sich die NATO „nicht einen Zentimeter ostwärts“ bewegen werde, „wenn Moskau der NATO-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschland zustimmen werde“.

Dieses Versprechen wurde bekanntlich gebrochen. Eichner ruft das ins Gedächtnis, indem er auf den Jugoslawien-Krieg eingeht und erläutert, welche Rolle die USA dabei spielten. Nach bekanntem Muster habe man zunächst zur Propaganda gegriffen, um Serbien als Aggressor gegenüber den Kosovoalbanern zu diskreditieren. Es sei von Konzentrationslagern die Rede gewesen und von Massenexekutionen. Doch die hätten sich schließlich als reine Erfindungen erwiesen: „Mehrere als ermordet gemeldete kosovoalbanische Intellektuelle beispielsweise tauchten plötzlich wieder auf, berichteten deutsche Medien.“ Später sei die NATO unter Führung der USA militärisch gegen Jugoslawien vorgegangen, wobei Eichner diesen Schritt bereits als Teil der Neuordnung der Welt bezeichnet. „Die USA“, schreibt er ganz offen, „wurden auf dem Balkan aktiv, um dort den Einfluss Russlands zurückzudrängen.

Der Ukraine-Krieg

Die gleiche Strategie verfolge die Supermacht gegenwärtig in dem Ukraine-Konflikt. Es sei mehr als eine Auseinandersetzung „zweier kapitalistischer Oligarchenstaaten“, lautet seine These. Es handle sich auch nicht um einen Stellvertreterkrieg des Westens gegen den Osten. Vielmehr stelle der Krieg im Kern einen offenen militärischen Kampf um die Durchsetzung einer neuen Weltordnung dar. Insofern habe mit dem Zerfall der Sowjetunion eine stetige Expansion nach Osten stattgefunden, bei der es nach Eichner weniger um Freiheit und Demokratie gehe als um Ressourcen. Denn der Kampf der USA um die neue Weltordnung speise sich aus der Angst vor dem Verzicht. „Man will sich nicht ein- und beschränken müssen. Es soll alles so weiterlaufen wie gewohnt, und nach Möglichkeit noch besser.“

«Bis alles in Scherben fällt» kommt als ein sehr kritisches Buch daher, in dem das wahre Wesen der imperialen Supermacht entlarvt wird. Eichner benötigt dafür nicht viel Platz. In einer kurzen, aber klaren Darstellung gelingt es ihm meisterhaft, das zu beschreiben, was hinter den Kulissen abläuft. Er geht nicht nur auf die kriegerischen Auseinandersetzungen in Jugoslawien und der Ukraine ein, sondern auch auf den Einsatz in Afghanistan. Zwischendurch werden immer wieder die Interventionen in Mittel- und Südamerika erwähnt, zwar nicht ausführlich, aber verständlich genug, um die Muster US-amerikanischer Geopolitik zu erkennen. Als besonders interessant erweisen sich Stellen, an denen der Autor auf die Arbeit der Geheimdienste eingeht. Eichner führt in diesem Kontext vor Augen, welchen Einfluss die CIA auf internationale Zeitungen, Magazine und Nachrichtenagenturen hat, es aber auch versteht, Kulturschaffende für sich einzuspannen.

Im Zuge seiner Ausführungen wird aber auch deutlich, wie die USA selbst ihre Verbündete sich untertan und sie zu Vasallen macht, die bedingungslos der Führungsmacht folgen. Nicht unerwähnt bleibt in diesem Zusammenhang die Rolle der Rüstungskonzerne sowie der Finanz- und Investmentindustrie, die mit Kriegen und militärischen Konflikten Milliarden verdienen. „Und sie verdienen zwei Mal“, schreibt Eichner: „einmal durch die Produktion von Waffen und Rüstungsgütern, dann durch den Wiederaufbau der mit diesen Waffen zerstörten Städte und Produktionsanlagen.“ Es ist ein durchaus polemischer Ton, der zwischen den Zeilen durchschimmert. Man merkt dem Autor an, dass er sich große Sorgen macht. Seine Warnung lautet daher: „Entweder es gelingt kollektiv, eine »Pax Americana« zu verhindern – oder die Tage der Menschheit sind gezählt. Es muss verhindert werden, dass alles in Scherben fällt!“

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