Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXIII – „Planwirtschaft“, „Schicksalsmoment“, „pragmatischer Realismus“ und „Resilienz vor Transparenz“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXIII – „Planwirtschaft“, „Schicksalsmoment“, „pragmatischer Realismus“ und „Resilienz vor Transparenz“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXIII – „Planwirtschaft“, „Schicksalsmoment“, „pragmatischer Realismus“ und „Resilienz vor Transparenz“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. Von Leo Ensel.

nur 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts
Opfert laut Sabine Adler (12. Februar 2026, Deutschlandfunk) der gegenwärtig größte Unterstützer der Ukraine, Deutschland, für das von Russland angegriffene Land. „Wenn man das mal vergleicht: Für Steuersubventionen, für Dieselkraftstoffe, Firmenwagen oder auch die Mütterrente wird jeweils ein Vielfaches ausgegeben. Das ist eine Berechnung vom Kiel-Institut.“ (2025 waren es nur neun Milliarden Euro.) – Tja, ganz schön knauserig, diese Deutschen!

Offensivfähigkeiten in den USA kaufen
„Weltraumsicherheit: Bundeswehr will Offensivfähigkeiten in den USA kaufen“, titelte am 13. Januar 2026 die Plattform Table.Briefings. Genauer: „35 Milliarden Euro will Boris Pistorius bis 2030 in Weltraumsicherheit investieren, um unabhängiger im All zu werden. Explizit sollen damit auch offensive Fähigkeiten für den Weltraum beschafft werden. Die werden allerdings auf absehbare Zeit aus den USA kommen, wie aus einer Planungsfolie der Bundeswehr hervorgeht, die Table.Briefings vorliegt. Demnach fragt die Bundeswehr derzeit bei den Amerikanern mehrere Meadowlands-Systeme von L3Harris Technologies an. Das System wurde dafür entwickelt, um gegnerische Satelliten vorübergehend mit nicht-kinetischen Mitteln zu deaktivieren. Über solche Fähigkeiten verfügt die Bundeswehr bislang nicht. Das soll sich nun ändern. Aber bis europäische Anbieter mit den US-Technologien mithalten können, wird es aus Sicht der Bundeswehr zu lange dauern. Die Systeme sollen ab 2028 für die Brigade Litauen zur Verfügung stehen, und auch in Deutschland sollen Systeme stationiert werden. Die Planungen für die Verteilung der 35 Milliarden laufen noch.“ – Kurz: Auch im Weltraum gilt für die Bundeswehr künftig die klassische Devise: Angriff ist die beste Verteidigung! (Wenn auch erstmal nur mit freundlicher Unterstützung der USA.) (vgl. „Fähigkeiten“, „kein defensives Verteidigungsbündnis“)

operative Anschlussmaßnahmen
Die soll nun auch – in exzellentem Stasi-Deutsch – der BND durchführen. Bedeutet, von DLF-Redakteurin Stephanie Rohde kokett ins saloppe Alltagsdeutsch übertragen: „Ein bisschen mehr James Bond wagen! Nicht nur Spionieren, sondern auch Sabotieren und Cyberangriffe verüben.“ Im Fachjargon: vom Nachrichten- zum Geheimdienst! Und dafür geben jetzt auch die GRÜNEN grünes Licht. (vgl. „Berührungsängste verringern“)

Planwirtschaft
„Im äußersten Fall ist eine Umstellung der Wirtschaft auf Planwirtschaft möglich. Die private Wirtschaft muss im Ernstfall mit dem Abzug von Arbeitskräften bis zur Enteignung rechnen.“ Nein, das ist keine Drohung der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), auch nicht der Linksjugend oder gar eine Jugendsünde Sahra Wagenknechts aus Zeiten der Kommunistischen Plattform. Hier droht – die Frankfurter Allgemeine! (Und mit dem „Ernstfall“ war natürlich nicht die Weltrevolution gemeint, sondern nur der nächste Krieg gegen Russland.)

pragmatischer Realismus
Hat nichts mit dem magischen Realismus in der Malerei zu tun, wurde vielmehr jüngst auf der Bundesdelegiertenkonferenz der GRÜNEN von Anton Hofreiter – einst ausgemustert und seit Beginn des Ukrainekrieges führender Experte für Kriegsgerät, Waffengattungen und altersverhinderte persönliche Schützengrabeneinsätze – proklamiert. Die Gewährleistung der Sicherheit könne nicht länger auf die USA abgewälzt werden, sondern müsse eigenverantwortlich erfolgen. – Erster grandioser Erfolg des „pragmatischen Realismus“: Die Grünen sind die einzige Bundestagspartei, die weiterhin die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine fordert! (Oder handelt es sich hier vielleicht um magischen Surrealismus?)

prinzipienfester Realismus
Einen solchen und ein „souveränes und sicherheitspolitisch erwachsen werdendes Europa“ forderte Kanzler Merz am 23. Februar 2026 „mit Blick auf die zuletzt angespannte transatlantische Partnerschaft“. – Merke: Hofreiter ist „pragmatisch“, Merz dagegen „prinzipienfest“!

Putins Vasallenstaat
Ist natürlich laut Manfred Götzke, DLF – Belarus! (Preisfrage: Und wer ist denn eigentlich Trumps Vasallenstaat?)

Raketenfamilien
Eine Perle, deren Entdeckung ich mal wieder dem unermüdlichen Marcus Klöckner verdanke. – Der französische Rüstungskonzern Ariane Group werde Deutschland und anderen europäischen Staaten unter der Bezeichnung TBM (Theatre Ballistic Missile) eine neue Raketenfamilie zur Beschaffung vorschlagen, zitierte die WELT am 16. Februar 2026 Ariane-Manager Vincent Pery. (Natürlich, um mal wieder eine der zahlreichen „Fähigkeitslücken“ zu schließen.) Bei den Familienmitgliedern handele es sich um Raketen mit konventionellem Sprengkopf oder einem Hyperschallgleiter einer Reichweite zwischen 1.000, 2.000 oder 3.000 Kilometern – geeignet also für „weit in die Tiefe des russischen Raumes“. (Alles noch vor wenigen Jahren laut dem von Donald Trump gekündigten INF-Vertrag verboten.) – Kurz: der feuchte Traum – hoffentlich kein inzestuöser! – von gewissen großmäuligen Bundestagsabgeordneten und führenden deutschen Generälen mit Vorliebe für das „Echte“.

Raketenmacht
Und nochmal herzlichen Dank, lieber Herr Klöckner! „Warnung an Putin: Deutschland wird Raketenmacht – Waffen reichen bis Russland“, dröhnte großmäulig am 12. Januar die Berliner Morgenpost. Konkret: „Die Bundeswehr soll nicht nur verteidigen, sondern im Ernstfall mit Offensivwaffen Ziele weit im russischen Hinterland sehr präzise erreichen können – sogenannte Deep Precision Strikes sollen insbesondere Kommandoeinrichtungen, Abschussrampen oder Flugplätze zerstören. Neben dem Kauf eigener Tomahawks soll Deutschland ‚in fünf bis sieben Jahren‘ eine eigene Mittelstreckenwaffe für Distanzen über 2.000 Kilometer entwickelt haben. Von dem mitunter als ‚Superwaffe‘ gefeierten Bunkerbrecher soll die Bundeswehr 2029 die angekündigte moderne Version Taurus Neo bekommen. Ein neues Triebwerk könnte die Reichweite auf bis zu 700 Kilometer erhöhen.“ So geht das munter weiter – über 9.000 Zeichen lang. Nur auf die Idee, dass wir damit fröhlich unser Land zur Zielscheibe russischer Präventivschläge verwandeln, kommt bei der Berliner Morgenpost niemand!

Resilienz vor Transparenz
„In einem Beschlusspapier des ersten Koalitionsausschusses in diesem Jahr heißt es, die öffentliche Verfügbarkeit von Daten stelle ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. So würden Anschläge und Ausspähversuche von Akteuren im In- und Ausland erleichtert. Bundeskanzler Merz verwies ausdrücklich auf den Brandanschlag in Berlin, der zu einem großflächigen Stromausfall geführt hatte. Der CDU-Vorsitzende betonte, der Schutz der kritischen Infrastruktur und die Resilienz hätten nach Auffassung der Koalition Vorrang vor dem Wunsch nach Transparenz.“ So der DLF am 29. Januar 2026. – Womit wir dem Bundeskanzler ein Bonmot der Extraklasse verdanken: Resilienz vor Transparenz!

Rivale
Letzte Station, bevor es richtig ernst wird. Der Rivale kann jederzeit in einen – den – Feind umschlagen!

russischer Angriffskrieg gegen die Menschen in der Ukraine
Niemand beweist bei den Öffentlich-Rechtlichen mehr Haltung als der Ex-Stipendiat des German Marshall Fund, Christoph Heinemann, im Deutschlandfunk. (Da wird selbst Caren Miosga gelb vor Neid.) Nach seinen Klassikern der Anmoderation „In ihrem Abwehrkampf“, „das von Russland angegriffene Land“, „das sich gegen Russland verteidigende Land“, „gegen die angreifende russische Diktatur“, „das sich nicht bewegende Russland“, dem „Kreml-Chef“, „Russlands Machthaber“ und „mutmaßlichen Kriegsverbrecher Putin“ brachte Heinemann es am 12. Februar 2026 frühmorgens zwischen 05:59 und 06:25 Uhr in weniger als einer halben Stunde fertig, sich gleich ganze sechsmal selbst zu übertreffen: Diesmal waren es der „russische Angriffskrieg gegen die Menschen in der Ukraine“, „die von Russland überfallene Ukraine“, der „russische Krieg“, „Putins Krieg“, der „bald vierte Jahrestag des russischen Kriegsbeginns“, und zum Schluss krönte er sein Werk mit der Frage an die renommierte Osteuropaexpertin Sabine Adler: „Wie bekommen die Menschen in Russland den Krieg ihres Regimes zu spüren?“ (Eine Dreiviertelstunde später toppte er selbst das noch mit seiner Anmoderation „fast vier Jahre nach Beginn des völkerrechtswidrigen Krieges des Kreml-Regimes gegen die Menschen in der Ukraine“.) – Am 24. Februar 2026 wurde Heinemann in Kiew die „Dr. Marie-Agnes-Strack-Zimmermann-Medaille für vorbildlichen Haltungsjournalismus“ verliehen. Die Laudatio hielt Andrij Melnyk. (vgl. „Vertreter der ukrainischen Regierung und Abgesandte des Kreml-Regimes“)

russische Machtclique
„Die russische Machtclique kann auf absehbare Zeit gar nicht ohne Krieg auskommen. Sie muss die Kriegsmaschinerie am Laufen halten, weil sie keinen Plan hat, was sie sonst mit den Hunderttausenden von zum Teil schwer traumatisierten Soldaten machen soll, die von der Front zurückkehren.“ So Friedrich Merz im Februar 2026 zur Rheinpfalz. – By the way: Im Gegensatz zur russischen hat die ukrainische Machtclique – pardon: demokratisch gewählte Regierung! – sehr wohl einen Plan, „was sie mit den Hunderttausenden von zum Teil schwer traumatisierten Soldaten machen soll, die von der Front zurückkehren.“ (Oder kommt es dazu erst gar nicht, weil keiner mehr zurückkehrt?)

Russlands nächstes Ziel
Sind laut NATO-Generalsekretär Marc Rutte natürlich – wir!

Schicksalsmoment
„Wir sind in einer absolut entscheidenden Situation für Europa. Es ist ein Schicksalsmoment“, gestand Anfang Dezember 2025 der Vizechef der Unionsfraktion, Norbert Röttgen, dem Stern. Sollte es nicht gelingen, das russische Vermögen – anstatt es den USA zu überlassen – selbst zu klauen, ähh: der Ukraine als Darlehen zu überstellen, hieße das, „dass wir zu unserer Selbstbehauptung, zur Verteidigung unserer eigenen Souveränität nicht bereit wären“. Und das wiederum hätte verheerende Konsequenzen für die EU und die Ukraine. – Auf Deutsch: Wenn wir uns die in der EU eingefrorenen 210 russischen Euro-Milliarden – aber subito! – nicht noch schnell vor Trump unter den Nagel reißen, ist das der Untergang des Abendlandes! (By the way: Was ist eigentlich daraus geworden?)

Schicksalswoche
Für Europa. Und die Ukraine. Zu dieser blies Kanzler Merz am 17. Dezember 2025 den Röttgen‘schen „Schicksalsmoment“ auf. (Dies sei eine „Schlüsselfrage“.) Sehnsuchtsvoll erwarten wir den hoffentlich bald beschworenen „Schicksalsmonat“! (Oder gar das „Schicksalsjahr“?)

Schlüsselfrage
(vgl. „Schicksalswoche“)

schon lange nicht mehr im Frieden
„Im Frieden befinden wir uns schon lange nicht mehr.“ Toppte als Avantgardist eigner Art Generalleutnant André Bodemann bereits im April 2024 solch noch anderthalb Jahre danach geäußerte, g‘schamig-gewundene Formulierungen wie die – „Wir leben nicht mehr im kompletten Frieden“ – seines kriegsverklemmten Chefs.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Titelbild: arvitalyaart / shutterstock.com

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