Julian Assange: Von den Medien benutzt, bekämpft und begraben
Julian Assange: Von den Medien benutzt, bekämpft und begraben

Julian Assange: Von den Medien benutzt, bekämpft und begraben

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Viele Medien verdanken mutigen Akteuren wie Julian Assange die größten Storys der letzten Jahrzehnte. Medien wie „Spiegel“, „Guardian“ oder „New York Times“ haben Assange und Edward Snowden jedoch erst für ihren Ruhm benutzt, dann teils als „Staatsfeinde“ diffamiert und sie weitgehend – in ihren jeweiligen Asylen in London und Moskau – medial begraben. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ohne die Arbeit des gerade verhafteten Julian Assange und seiner Organisation Wikileaks hätte es einige der wichtigsten Medien-Berichte der vergangenen Jahrzehnte nicht gegeben: zu Afghanistan, zum Irak und anderen Kriegen, zu Guantanamo, zu Machenschaften von Banken – und schließlich (indirekt) zu den Überwachungs-Enthüllungen durch Edward Snowden. Dieser Text ist eine Rückschau auf den wechselhaften bis skandalösen Umgang vieler großer Medien mit Julian Assange. Das aktuelle Medienecho auf die Verhaftung hat Jens Berger hier kommentierend zusammengestellt.

Die Nutznießer Assanges: „Spiegel“, „Guardian“, „New York Times“

Als große Nutznießer Julian Assanges können mutmaßlich zuerst die Medien „Spiegel“, “New York Times” (USA) und „Guardian“ (Großbritannien) bezeichnet werden. Denn Wikileaks verhalf den Publikationen bereits im Sommer 2010 zu einem “echten Enthüllungs-Scoop“, wie etwa Meedia damals urteilte: Die Redaktionen der drei Medien hatten gemeinsam Wikileaks-Dokumente zum Afghanistan-Krieg ausgewertet.

Damals ging der „Spiegel“ noch hausieren mit seinen Kontakten zu Assange und Wikileaks, wie der „Standard“ 2010 den damaligen Chefredakteur Georg Mascolo zitiert:

“Wir stehen schon länger in Verbindung zu Wikileaks. In diesem Fall haben sich die Wikileaks-Verantwortlichen für den Spiegel, die New York Times und den Guardian entschieden. Das hätten sie wahrscheinlich nicht getan, wenn wir nicht schon länger in Kontakt stehen würden. (…) Die Frage für uns war, ob wir dem Material vertrauen und wir hatten alle Freiheit, mit dem Material so umzugehen, wie wir es für richtig hielten. Das war für mich die Voraussetzung bei diesem Projekt.“

Von Afghanistan über Guantanamo bis NSA – Die Verdienste von Wikileaks

Mit den Wikileaks-Informationen schmückten sich 2010 wie gesagt auch der „Guardian“ und die „New York Times“ sowie im Kielwasser dieser exklusiven Reportagen zahllose weitere Medien. Das setzte sich bei weiteren Themen und Enthüllungen fort: Ob die erwähnten Kriegsverbrechen in Afghanistan oder solche in Irak, ob verräterische Diplomaten-Noten oder Abgründe in Guantanamo: Einige der wichtigsten Medien-Storys der letzten Jahrzehnte wären ohne Wikileaks nicht möglich gewesen, die großen internationalen Medien konnten ihren Ruf und ihren Kontostand auf Kosten von Julian Assange erheblich verbessern.

Das bezieht sich auch auf die Enthüllungen Edward Snowdens, die ebenfalls von großen Medien zunächst willig genutzt wurden, und die ohne die mindestens indirekte Hilfe von Wikileaks mutmaßlich nicht hätten stattfinden können.

US-Regierung gibt Richtung vor: „Shoot The Messenger“

Als sich jedoch vor allem die US-Regierung entschloss, statt der von Wikileaks enttarnten Kriegsverbrechen die Berichterstatter zu attackieren, schlossen sich dem teilweise auch die medialen Nutznießer Assanges wie die „New York Times“ oder der „Guardian“ an. Und im Kielwasser wiederum zahlreiche weitere Medien.

Die Stimmung begann spätestens 2011, im Zuge der Veröffentlichung von zahllosen Botschafts-Depeschen, zu kippen. Der „Spiegel“ nutzte die Geschichte dabei einerseits für publizistische Erfolge, wie das Magazin damals beschrieb:

„Es war der Auftakt für eine Enthüllung, die weltweit für Furore sorgte. In der Folge der Begegnung publizierte nicht nur der “Guardian”, sondern auch die “New York Times”, der SPIEGEL und einige andere Medien ausgewählte Dokumente aus dem gigantischen Fundus der Diplomaten-Depeschen – in bearbeiteter Form.“

Mediale Verschiebung: Vom heldenhaften Aufklärer zum gefährlichen Egomanen

Andererseits stellte das Magazin das Zerwürfnis zwischen Assange und seinem deutschen Partner Daniel Domscheit-Berg verzerrt als „Depeschen-Desaster in sechs Akten“ dar und übernahm zum Teil die Position von Domscheit-Berg. In zahllosen Artikeln großer internationaler Medien wurde fortan an der Zerstörung des Rufs von Assange gearbeitet. Aus dem Helden der Aufklärung wurde etwa in der „Süddeutschen Zeitung“ der „Gegenverschwörer“ mit einem „geschlossenem Weltbild“. Und auch die „FAZ“, die das Wikileaks-Material 2010 noch als „Das Rohmaterial des Krieges vor der Destillation“ bezeichnete, rückte nach und nach vom positiven Tenor ab.

Endgültig zum antiwestlichen Agenten erklärt wurde Assange im Zuge des US-Wahlkampfes 2016. Seitdem wird er in die Nähe von russischen Lobbyisten gerückt, etwa von der „New York Times“, der „Washington Post“ oder indirekt im „Spiegel“. Geradezu eine negative Obsession mit Assange hat der britische Journalist Luke Harding vom „Guardian“ entwickelt. Die mündete bereits in Büchern über Wikileaks und jüngst in Artikeln, in denen er unter anderem sehr konkrete Treffen und Absprachen zwischen Assange und Donald Trumps Wahlkampfmanager behauptete. Glenn Greenwald wiederum zerpflückte Versuche von Medien, diese Behauptungen nochmals mit antirussischen Theorien anzureichern.

Pro-Assange: Immer wieder positive Ausnahmen auch in den Medien

Es bleibt aber auch festzustellen, dass es keinen monolithischen medialen Block zu Assange gibt. Viele Medien, die sich langsam, aber sicher gegen Assange gewendet hatten, haben auch nach dieser Wende mit positiven Beispielen geglänzt und auch immer wieder einzelne Artikel pro Assange veröffentlicht – wahrscheinlich auch, weil man sich auf Dauer schwer gegen die Meinung zahlloser Menschen weltweit stellen kann, die Assanges Integrität nicht anzweifeln.

In der Relation zur aufkommenden Diffamierung können diese Artikel aber mindestens teilweise als Feigenblätter bezeichnet werden. Im Vergleich zu Solidaritäts-Kampagnen mit bedrängten pro-westlichen Journalisten kann man das mediale Verhalten zu Assange, vor allem während seines Hausarrests, nur als dröhnendes Schweigen und als Skandal bezeichnen.

Geballte Kultur-Propaganda gegen Assange

Unter anderem in der Person des gegen Assange besonders engagierten Luke Harding vom „Guardian“ verbinden sich auch die Schicksale von Assange und dem Whistleblower Edward Snowden, der ebenfalls Ziel von Diffamierungen wurde. So hat Harding nicht nur das verzerrende Buch „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ geschrieben. Darauf beruht der nicht weniger verzerrende Anti-Assange-Film „The Fifth Estate“. Harding hat mit „The Snowden Files: The Inside Story of the World’s Most Wanted Man“ außerdem ein verzerrendes Buch über Edward Snowden verfasst. Oliver Stone hat daraus den nicht ganz so verzerrenden Film „Snowden“ gemacht. Ein weiterer cineastischer Versuch der Assange-Diffamierung war der Film „We Steal Secrets“.

In einem Artikel ließ Assange an Hardings Snowden-Buch kein gutes Haar: Es sei „zusammengesetzt aus sekundären Quellen und mit nur minimaler zusätzlicher Forschung geschrieben“. Assange weist auch darauf hin, dass von den 700.000 Dollar, die für die Filmrechte des Buchs gezahlt worden seien, kein Cent „zu Snowdens Verteidigung beigetragen wurde“. Harding habe zudem nie mit Snowden gesprochen. Assanges Fazit:

„Es ist ein Buch von jemandem, der nicht da war, nichts weiß, nichts gehört hat und nichts versteht.“

„Primärwaffe der USA sind die Medien“

Aus der bitteren Erfahrung, dass viele Medien Wikileaks-Enthüllungen zu einer „Assange-Story“ verfremdet hatten und dass sie sich schließlich teils gegen den Aufklärer wandten, nachdem sie seine Sensationen abgeschöpft hatten – daraus hat Glenn Greenwald im Falle Snowden gelernt. Das beschreibt er in seinem Buch „Die globale Überwachung“ und in Interviews:

„Wir wussten, dass die Primärwaffe der Vereinigten Staaten und seiner Verbündeten die Medien sein würden, die den Regierungen ehrerbietig gegenüberstanden und nahe waren: Snowdens einzige Befürchtung war, er könne mit seinem Outing vom Inhalt seiner Enthüllungen ablenken. ‚Ich weiß, dass die Medien alles personalisieren, und die Regierung wird versuchen, meine Person ins Visier zu nehmen und die Aufmerksamkeit auf den Überbringer der Botschaft zu richten‘.“

Aktuelle Medienreaktion bleibt noch abzuwarten

Im Falle Snowden ist Greenwalds Rechnung zum Teil aufgegangen: Snowdens Enthüllungen können erheblich schwieriger hinter seiner Person versteckt werden, als dies bei Assange der Fall ist. Im Fall der Verhaftung Assanges kann man die mediale Entwicklung noch nicht abschließend beurteilen. Es wird in den nächsten Wochen interessant sein, zu beobachten: Werden viele Medien nun nach der bewährten Taktik „Shooting The Messenger“ verfahren? Oder werden sie sich jetzt – zu spät, aber immerhin – an ihre Verantwortung für den Schutz von Julian Assange erinnern?

Titelbild: Juan Camilo Bernal / Shutterstock


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