Manipulation durch Verschweigen – die deutschen Medien und das Attentat auf Soleimani
Manipulation durch Verschweigen – die deutschen Medien und das Attentat auf Soleimani

Manipulation durch Verschweigen – die deutschen Medien und das Attentat auf Soleimani

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die NachDenkSeiten hatten bereits Montag darauf hingewiesen, dass ein wichtiges Detail des US-Attentats auf den iranischen General Soleimani von den allermeisten Medien nicht erwähnt wird – und zwar, dass der General nach Aussagen des irakischen Ministerpräsidenten als Emissär der iranischen Regierung in den Irak gekommen ist, um ihm die Antwort Irans auf eine Friedensinitiative zu übermitteln, die Irak zwischen den verfeindeten Golfstaaten Saudi-Arabien und Iran vermittelt. Eine Überprüfung der Archive der großen deutschen Medien ergab, dass diese Meldung zwar sehr wohl von einigen wenigen Medien veröffentlicht wurde, aber allen voran die großen meinungsbildenden Nachrichtenformate der Öffentlich-Rechtlichen diese Meldung bis heute komplett ignoriert haben. Dieses Fallbeispiel zeigt, wie prekär es um diese großen Nachrichtenformate bestellt ist. Wer sich nur über die Tagesschau und Heute informiert, bleibt im besten Falle uninformiert und wird im schlimmsten Falle desinformiert. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Es ist schon erstaunlich. Am 5. Januar verschickte die Nachrichtenagentur Reuters in ihrem von allen größeren Medien abonnierten „World-News“-Feed einen recht umfassenden Bericht zur Debatte im irakischen Parlament, in der Ministerpräsident Mahdi den Hintergrund der Bagdad-Reise des iranischen Generals erklärte. Deutsche Medien, wie der SPIEGEL, berichteten zwar unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Reuters von dieser Debatte, erwähnten aber Mahdis Äußerungen zur diplomatischen Mission Soleimanis nicht. Quer durch die Bank fehlt dieses nicht eben unwichtige Detail in allen in den großen Medien gesichteten Nachrichtenmeldungen zur Debatte.

Löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel

Wie es besser gehen kann, zeigte der WDR, der in seinem Rundfunkformat „Echo der Tages“ auf WDR 5 (Sendung vom 5. Januar ab Minute 6:50) sogar O-Töne aus der Debatte brachte und sie ausführlich und lückenlos wiedergab. Ein Leser wies darauf hin, dass auch Bayern 5 diese Meldung brachte, was aber leider aufgrund der eingeschränkten BR-Mediathek nicht mehr zu überprüfen ist. Als weitere vereinzelte Ausnahmen sind lediglich drei Artikel zu nennen – die Deutsche Welle brachte die Meldung eingerahmt in einen redaktionellen Hintergrundartikel, die Süddeutsche erwähnte die Meldung ebenfalls in einem Hintergrundartikel und sogar auf SPIEGEL Online wird die Aussage Mahdis in einem Artikel zumindest als Nebensatz erwähnt.

Doch diese Ausnahmen muss man ins Verhältnis setzen. SPIEGEL Online hat beispielsweise zum Attentat insgesamt 43 Artikel veröffentlicht und in 42 davon fehlt diese Information. Der Höhepunkt ist dabei eine nur für Abonnenten zugängliche ausführliche „Rekonstruktion“ der letzten Stunden von General Soleimani, in der die beiden Redakteure Roland Nelles und Maximilian Popp „SPIEGEL-typisch“ den Eindruck erwecken, über intime Insiderkenntnisse zu verfügen, und dabei beispielsweise die Automarken des beschossenen Konvois sowie zahlreiche Details zur Bagdad-Reise nennen, den Grund dieser Reise aber mit keinem einzigen Wort erwähnen. Ähnlich verhält es sich mit der Süddeutschen, die in keinem der zahlreichen Leitartikel zum Thema noch einmal auf die Meldung eingeht, die in einem einzigen Artikel zum Thema aufgegriffen wurde.

Wie es besser gehen kann, zeigte unter anderem die BBC. Aber auch zahlreiche andere britische und amerikanische Zeitungen griffen die Hintergründe auf – oft mit Verweis auf die Washington Post, die als erste darüber berichtete. Sogar die US-amerikanische Truppenzeitung Stars & Stripes brachte die Meldung, die die meisten deutschen Medien verschwiegen.

Totalversagen bei ARD und ZDF

Besonders bemerkenswert ist das vollkommene Verschweigen der Meldung in den Nachrichtenformaten von ARD und ZDF. In den beiden Meldungen von tagesschau.de zum Thema vom 5. Januar und vom 6. Januar fehlt die Meldung. Auch im zwei Minuten langen Tagesschau-Bericht vom 5. Januar sowie im 10 Minuten langen Beitrag in den Tagesthemen vom gleichen Tag fehlt sie. Dort zeigt man zwar O-Töne des irakischen Ministerpräsidenten – jedoch nicht den O-Ton zum Grund des Besuchs des Generals. Dafür kommt US-Außenminister Pompeo sehr ausführlich zu Wort und darf die US-Version schildern, nach der Soleimani im Irak Anschläge geplant haben soll.

Auch im Morgenmagazin vom 6. Januar geht man zwar kritisch auf Trumps Begründung ein, erwähnt die irakische Version indes mit keinem Wort. Ganze 13 Minuten widmeten am Abend des 6. Januars die Tagesthemen dem Themenkomplex, inklusive eines Kommentars der ARD-Iran-Korrespondentin Natalie Amiri. Auch hier kein Wort zum Grund des Besuches. Das ist besonders interessant, da Amiri in einer auf Facebook gestreamten Beantwortung von Zuschauerfragen sehr wohl auf das Thema eingeht und die Meldung, dass Soleimani eine „Message“ Irans an den irakischen Premier überbracht habe, die im Kontext der Gespräche mit Saudi-Arabien steht, sogar als „Fakt“ bezeichnet. Unverständlich, dass dieser wichtige „Fakt“ in den 13 Minuten Berichterstattung keine einzige Erwähnung findet. Auch in einem gestern erschienenen ausführlichen Beitrag zur „US-Begründung zu Soleimani-Tod“ erwähnt die Tagesschau diesen „Fakt“ nicht.

Ähnlich düster sah es in dieser Woche beim ZDF aus. Weder in den Heute-Sendungen noch in den beiden Heute-Journals vom 5. Januar und vom 6. Januar wurde auch nur ein Wort zum Grund des Aufenthalts Soleimanis in Bagdad verloren und dabei nahm man sich bei der Sendung vom 6. Januar sogar ganze 15 Minuten Zeit für den Themenkomplex. Dafür schaffen es Marietta Slomka und Claus Kleber sogar – was nicht einmal einfach ist – einen den USA gegenüber noch unkritischeren Ton und einen noch einseitigeren Anti-Iran-Bias einzubringen als ihre Kollegen von den Tagesthemen. Mit dem Zweiten sieht man einmal mehr schlechter, doch auch mit dem Ersten war man in dieser Woche weitestgehend blind. Beide Formate interviewten beispielsweise sehr ausführlich Heiko Maas; Kritiker an der US-Außenpolitik kamen indes nicht zu Wort. Im Vergleich zu den deutschen Nachrichtenflaggschiffen wirken sogar die US-Networks „ultrakritisch“.

Wie es besser gehen kann, zeigte beispielsweise CNN, wo der Iran-Experte Trita Parsi ausführlich zur besten Sendezeit zu Wort kam und dort seine Einschätzung zum Grund des Besuchs Soleimanis abgeben durfte, ohne dass ihm ein Moderator penetrant ins Wort fällt. Im deutschen Fernsehen durfte am Mittwochabend Michael Lüders zu Wort kommen; doch nicht im Heute-Journal, sondern im Talkformat Markus Lanz. Auch Lüders unterstrich dabei die Wichtigkeit der Meldung zum Grund für Soleimanis Bagdad-Reise, wurde im weiteren Verlauf der Sendung aber von Markus Lanz, der sich offenbar eher als Sprecher der US-Regierung denn als Journalist versteht, penetrant unterbrochen.

Vorsätzliche Manipulation oder Scheuklappen-Journalismus?

Da stellt sich natürlich die Frage, ob Tagesschau, Heute, SPIEGEL und Co. diese Meldung vorsätzlich unterdrückten oder schlicht nicht wichtig genug fanden, um sie zu erwähnen. Für mich ist Letzteres wahrscheinlicher und das ist keinesfalls ein gutes Zeichen. Der Job eines Nachrichten-Redakteurs besteht vor allem darin, wichtige Nachrichten von unwichtigen zu trennen und die wichtigen Nachrichten dann kompakt zusammenzufassen, um dem Zuschauer oder Leser einen möglichst umfassenden Überblick über das Tagesgeschehen zu vermitteln. Wenn durch die Reihe weg – mit den wenigen genannten Ausnahmen – die zuständigen Redakteure es für unwichtig halten, dass die USA einen General, der als diplomatischer Emissär in einer Friedensinitiative unterwegs war, vorsätzlich ermordet haben, wirft dies ein erschreckendes Bild auf die Urteilsfähigkeit dieser Journalisten.

Diese sehr selektive Sicht des Weltgeschehens spiegelt dabei wohl auch das Weltbild der Redakteure dieser Medien wider. Hier scheint es – aller oberflächlichen Kritik an der Person Trump zum Trotz – eine recht klare transatlantische Ordinate zu geben, an deren Koordinaten man die Wichtigkeit und Unwichtigkeit von Meldungen einsortiert. In dieser Gedankenwelt sind die USA eine „liberale Demokratie“ und eine „Ordnungsmacht“ und Fakten, die für Menschen mit einem weniger transatlantischen Weltbild wichtig sind, stören da nur. Dies betrifft im konkreten Fall nicht nur die Mission Soleimanis, sondern auch den Umstand, dass der Mord – wie tausende weitere Drohnenmorde – über die US-Basis im Ramstein ausgeführt wurde. Dies ist den zuständigen Redakteuren natürlich bekannt, aber nicht erwähnenswert.

Was für ein Meinungs- oder Kommentarformat natürlich hinnehmbar ist, ist für ein Nachrichtenformat eine professionelle Bankrotterklärung. Denn gerade bei den Nachrichten muss Journalismus möglichst objektiv sein und nicht durch eine selektive Vorauswahl der Meldungen letztlich doch nur subjektiven Journalismus im objektiven Mäntelchen bieten. Genau dies ist jedoch bei der Tagesschau und Heute sowie deren großen Schwestern Tagesthemen und dem Heute-Journal der Fall. Auch ohne vorsätzliche Manipulationen kann diese Form des „Scheuklappen-Journalismus“ hoch manipulativ sein. Das ist – wie Albrecht Müller es in seinen „Methoden der Manipulation“ aufführt – „Manipulation durch Verschweigen“.

Die Frage, ob es sich um eine unbewusste Manipulation handelt oder ob z.B. bei Tagesschau durchaus bewusst Einfluss genommen wird, ist jedoch nicht so einfach zu beantworten. Während ich persönlich eher auf eine unbewusste Einflussnahme tippe, hält Albrecht Müller eine bewusste Einflussnahme für wahrscheinlicher.

p.s.: Danke an die Leser, die mit ihrer „Schwarmrecherche“ zum Artikel beigetragen haben.

Titelbild: Sharaf Maksumov/shutterstock.com

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