Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit (VIII) – „Nachhaltige Wehrhaftigkeit“, „NGOs“ und „Regelbasierte Armee“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit (VIII) – „Nachhaltige Wehrhaftigkeit“, „NGOs“ und „Regelbasierte Armee“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit (VIII) – „Nachhaltige Wehrhaftigkeit“, „NGOs“ und „Regelbasierte Armee“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. Von Leo Ensel.

nachhaltige Wehrhaftigkeit
Passgenauer Jargon für die woke Truppe! „Der gesellschaftliche Zusammenhalt bildet das Fundament nachhaltiger Wehrhaftigkeit.“ Postuliert das uns bereits bekannte Arbeitspapier „Noch nicht Krieg, aber auch nicht Frieden“, das der deutschen Sprache ja bereits die „Diskurstüchtigkeit“ geschenkt hat. – „Diskurs“, „nachhaltig“… Offenbar war hier beim Latte mit Hafermilch ein ins Olivgrün gewendeter Sozialwissenschaftler am Werke! Versuch, das Militärische moralisch zu entgiften, ohne auf den Krieg zu verzichten. Vereint daher das Beste aus zwei Welten – Krieg und Gewissen – zu einem Begriff, der klingt wie Militarismus mit Öko-Siegel, Panzer mit Hybridantrieb, Kasernen mit Solardach. Na denn: Auf zum klimaneutralen Atomkrieg!

neutralisieren
„Ziel neutralisiert.“ – Auf Deutsch: unschädlich gemacht, ausgeschaltet – getötet! Und zwar möglichst klinisch-rein via Joystick, falls das noch nötig sein sollte … (vgl. „ausschalten“, „liquidieren“)

NGO (Non-Governmental Organization)
Das Wort „Nichtregierungsorganisation“ signalisiert auf den ersten Blick stets etwas Positives: zivilgesellschaftliches Engagement nach dem Motto „Alles Gute kommt von unten“. – Weit gefehlt! Diese unschuldigen Zeiten sind lange vorbei. Allein über das vom Bundesfamilienministerium finanzierte Bundesprogramm „Demokratie leben!“ werden im laufenden Jahr rund 580 Projekte mit einer Gesamtsumme von 182 Millionen Euro gefördert. Heerscharen regierungsfreundlicher „NGOs“ wie die schon vor dem Pflegeheim staatlich gepamperten „Omas gegen Rechts“, BUND und Greenpeace, das Recherche-Netzwerk Correctiv, Campact, Attac, die Amadeu Antonio Stiftung, Peta, Animal Rights Watch, Foodwatch, die Deutsche Umwelthilfe, Agora Agrar, Agora Energiewende, das Netzwerk Recherche, der Verein Neue deutsche Medienmacher*innen etc. (die Auflistung tendiert ad infinitum) – die zahllosen, sonst arbeitslosen Sozialwissenschaftler-Sternchen-innen, Politolog-Doppelpunkt-innen und Genderforschenden ein auskömmliches Einkommen ermöglichen –, haben sich zu einem grandiosen, kaum noch überschaubaren bunt-diversen Filz ausgewachsen. Dazu treffend die Welt: „Eine staatlich finanzierte Zivilgesellschaft ist keine Zivilgesellschaft. Die Grünen haben sich in den letzten Jahrzehnten in strategischer Fortführung des Marsches durch die Institutionen in ihrer Rebellionsgeste verbeamten lassen.“ Mit Fug und Recht spricht man daher mittlerweile von „GONGO“ (Government-Organized Non-Governmental Organization)! Die seinerzeit von betroffener Seite hysterisch als „zu befürchtender Großangriff auf die emanzipatorische Zivilgesellschaft“ titulierte Parlamentarische Anfrage der Unionsfraktion mit ihren 551 Fragen zur staatlichen Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen hatte durchaus ihre Berechtigung. Verlief aber im Sande. – By the way: Nur Initiativen gegen die irrwitzige Aufrüstung, Kriegsgefahr und für das sofortige Ende des wechselseitigen Tötens und Sterbens, für Abrüstung, eine atomwaffenfreie Welt und eine „Pariser Charta 2.0“ fehlen in dieser illustren Runde … (Und das sollte auch so bleiben!)

offen, öffentlich und offensiv
Mit diesem wahren Alliterations-Hattrick beglückte uns der ins Lager der „Kriegstüchtigen“ gewechselte (?) Salonphilosoph fürs elitäre Pack, Peter Sloterdijk, am 15. Juni 2025 in der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag: „Wenn wir anfangen, offen und öffentlich und offensiv über die Entsendung von europäischen Bodentruppen in die Ukraine nachzudenken, dann stellen wir die verlorene strategische Ambiguität wieder her.“ Er bemängelte – und da kommt man schon ins Schlottern – die „Abrüstungsmentalität“ der Deutschen und beklagte einen allgemeinen Verlust an männlicher Haltung. Wir hätten nach dem Zweiten Weltkrieg „die Gesellschaft total demobilisiert“ und seien damit „zu weit gegangen“. In Frankreich seien hingegen „heroische Haltungen besser tradiert worden“. Dort habe man „immerhin die Fremdenlegion nicht abgeschafft“ – wir dagegen „haben den berühmten Bürger in Uniform“. (Für den wir uns offenbar schämen müssen.) Und er ergänzte: „Europa erlebt derzeit, historisch gesehen, etwas, das einem Glück gleicht. Wir haben wieder Feinde. Echte Feinde.“ – Ja. Welch ein unverdientes „Glück“! (vgl. „friedlichster Mann der Welt“)

preppen
„Preppen“, so schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung, „ist ein aus den USA kommender Trend, der sich seit etwa 2010 auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Im Zentrum von Preppen, abgeleitet vom Englischen ‚to prepare‘ (vorbereiten), steht die Vorbereitung auf zukünftige Krisenereignisse.“ Wozu natürlich auch Kriege gehören. „Sind Sie bereit für Krieg?“ oder „Krieg in Deutschland – Wie Sie sich vorbereiten“ – unter solchen Überschriften liefern einschlägige Websites für den sich ‚zunehmender Beliebtheit erfreuenden‘ Trend die entsprechenden Überlebenstipps. Als da wären: Schutzräume kennen, Notfallrucksack packen, Warnsignale verstehen, Grundvorräte anlegen, Kurbelradio und Erste-Hilfe-Koffer bereithalten, Bargeldreserve einplanen etc. – Wir wünschen fröhliches Preppen für den künftigen Krieg in Deutschland! (vgl. „Bereit sein ist alles“, „Schutzraum“)

Produktionskrieg
Den konstatierte – zufällig am Vorabend des aktuellen NATO-Gipfels in Den Haag – der Generalsekretär des westlichen Militärbündnisses, Mark Rutte. Der Westen befände sich in „einem neuen Produktionskrieg gegen Russland“. Diesen müsse die NATO gewinnen. Russland produziere aktuell in drei Monaten so viel wie die gesamte NATO in einem Jahr – obwohl ihre Wirtschaft 25-mal kleiner sei, tönte er. (Und das auch noch nach dem siebzehnten EU-Sanktionspaket …) Die überraschende Schlussfolgerung: Die jährlichen „verteidigungsrelevanten Ausgaben“ der Bündnisstaaten müssen auf mindestens – mindestens! – fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöht werden. Damit „ruinieren“ wir allerdings nicht Russland, sondern uns selbst!

raues geopolitisches Umfeld
Der Tweet des von seinem ersten EU-Rat „mit einem sehr guten Gefühl nach Hause“ zurückkehrenden Kanzlers Merz klingt, als wäre die Konfrontation vom Himmel gefallen. Keine Akteure, keine Geschichte – nur Wetter. Wer so redet, muss sich nicht erklären. Und will auch nichts ändern.

Realpolitik
Einst Inbegriff der Nüchternheit – heute oft ein Euphemismus für: „Moralische Skrupel sind naiv und aus der Zeit gefallen.“ Wer von Realpolitik spricht, meint oft: „Wir müssen so handeln wie die anderen auch.“ Der Maßstab der anderen wird zur Ausrede.

Rechtsextreme, Russlandfreunde und Verschwörungsanhänger
Für diese drei ist laut Spiegel Online das Compact-Magazin des Jürgen Elsässer „eines der führenden Medien“. Die implizite – leicht durchschaubare – bösartige Propaganda dieser Formulierung besteht darin, alle Menschen, die sich um eine Verständigung mit Russland bemühen, buchstäblich in die Mitte von Outcasts wie Rechtsextremen und „Verschwörungsanhängern“ (was auch immer das genau heißen mag) zu rücken.

regelbasierte Armee
Die PR-kompatible Schwester der „wertebasierten Außenpolitik“. „Gerade hier in Deutschland mit einer demokratischen Armee, mit einer regelbasierten Armee sind wir nicht mehr dazu da, fremde Länder zu erobern oder Völker zu unterdrücken, sondern genau das zu verhindern“, verkündete vor Schülern Oberstleutnant „Max“ im Tarnanzug, mit vermummtem Gesicht und Sonnenbrille – „wegen des russischen Geheimdienstes“, denn er bildet in der Ingolstädter Pionierschule auch ukrainische Soldaten aus – am 23. Juni 2025 im „Morgenmagazin“ des ZDF. Auf diese Weise hat „Max“ auch schon einmal (ohne fremde Länder zu erobern) die „regelbasierte Weltordnung“ verteidigt. Im Gefecht in Afghanistan.

Resilience Factory
Fabriziert – hätten Sie‘s geahnt? – natürlich „Resilienz“. Will sagen, die Kamikazedrohne HX-2 für die von Investorengiganten wie Spotify-Mitgründer Daniel Ek unterstützte Rüstungsfirma Helsing. By the way: Wie der Journalist Ralf Wurzbacher schreibt, „gehen 70 Prozent der Opfer des Ukrainekriegs auf das Konto von Drohnen“. In einzelnen Schlachten sollen es sogar 80 Prozent sein. Wer das überlebt, ist „resilient“. Indeed!

Rüstungswahnsinn
Reingefallen, Leser-Sternchen-innen! Dieser längst vergessene, im aktuellen Diskurs aber dringendst benötigte – und zur Abwechselung mal nicht lügenhafte – Begriff wurde hier eingefügt, weil er gerade im Mittelpunkt des kollektiven Wegschauens steht. Was selbst wiederum einer Lüge gleichkommt …

ruinieren
Wollte, die hohe Schule der Diplomatie betreibend, unsere Ex-Außenministerin mit dem Klassensprecherinnen-Habitus Russland bereits am zweiten Tag nach dessen Überfall auf die Ukraine. Hat allerdings nicht so ganz geklappt. (vgl. „immer ein Feind“)

schnellstmöglich
Schnellstmöglich hat nun alles mit dem „Erlangen von Kampfkraft“ zu gehen. Vorgestern noch 2030, gestern 2029, nun erleben wir bereits laut Sönke Neitzel den „letzten Friedenssommer“. Unsere medial omnipräsenten „Experten“ können offenbar nicht schnell genug Deutschlands Söhne und Töchter in den angeblich fast unvermeidlichen Krieg gegen Russland schicken! Eine konkrete Bedrohungsanalyse kann man sich bei diesem Tempo sparen. – So tönte man auch vor 111 Jahren im Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Das Resultat ist bekannt. (vgl. „viel zu langsam“)

sein Leben geben
Neulich am 15. Juni, dem ersten bundesdeutschen Veteranentag, in der „Tagesschau“: „Stephan K., 35 Jahre alt, Veteran. 2011 geht der Scharfschütze für die Bundeswehr nach Afghanistan, da ist er 20 Jahre alt. Erlebte einen Anschlag, bei dem ein Freund stirbt – Erfahrungen, die er bis heute mit sich rumschleppt.“ Der ehemalige Scharfschütze im O-Ton: „Im ersten Einsatz mit 20 Jahren und dann einen der heftigsten Anschläge auf die Bundeswehr, dass ein ganzer Schützenpanzer Marder zersprengt wird und einer von uns sein Leben gegeben hat, das bleibt im Kopf!“ Und nun wieder die „Tagesschau“: „Das Erlebte verarbeitet er musikalisch. Er rappt über sein Gefühl, von der Gesellschaft vergessen zu sein, vom Staat und von der Bundeswehr.“ Stephan K. wünscht sich, dass die vorübergehenden Leute ihm als Afghanistanveteranen „Danke für deinen Dienst!“ sagen. – Diese Geschichte kann man auch etwas anders erzählen: Die betreffenden Soldaten „gingen“ nicht einfach „für die Bundeswehr nach Afghanistan“, sie waren – zumindest nicht gegen ihren grundsätzlichen Willen – dort Teil einer militärischen Spezialoperation der deutschen Armee. Stephan K. immerhin als Scharfschütze (Sniper) – wird er sein G22 oder G82 nie benutzt haben? –, sein Kollege als Fahrer eines Schützenpanzers mit einer „zuverlässigen 20-mm-Maschinenkanone“ an Bord. (Die ihm möglicherweise ebenfalls zuverlässige Dienste geleistet hat.) Das passte dort nicht allen Menschen, und einige setzten sich – ebenfalls militärisch – dagegen zur Wehr. Der betreffende Panzerfahrer „gab“ nicht jesusgleich „sein Leben“, es hat ihn einfach erwischt! Das klingt nicht schön, aber genauso war es. Der Sniper bekam das mit – „erlebte“ es – und erwartet dafür nun von der Gesellschaft „Wertschätzung“. By the way: Könnte es sein, dass aufgrund der Aktivitäten des Snipers einige Afghanen ebenfalls ihr Leben „geben“ mussten? Dass er diesen deren Leben also „genommen“ hat? Oder hat er niemals getroffen? (Noch etwas: Man stelle sich kurz die Berichterstattung der „Tagesschau“ vor, hätte es sich hier nicht um einen Deutschen, sondern um einen 20-jährigen russischen Scharfschützen gehandelt, der „für seine Armee“ in die Ukraine „gegangen“ sei und dessen Freund in einem Panzer – „mit einer zuverlässigen Maschinenkanone“ – bei einem ukrainischen Anschlag „sein Leben gegeben“ hätte …) (vgl. „Veteranenkultur“)

Sprache
Die einzige, die Putin versteht. Ist natürlich nicht Russisch (oder etwa Deutsch), sondern die „Sprache der Stärke“!

(wird fortgesetzt)

Die ersten sieben Folgen erschienen am 29. Mai, 2. Juni, 22. Juni, 2. Juli, 6. Juli, 20. Juli und am 11. August 2025.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Globalbridge erschienen.

Titelbild: arvitalyaart/shutterstock.com