Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um den koketten Umgang mit dem massenhaften Töten und Sterben. Von Leo Ensel.
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Fehler
Passieren nun mal in Kriegen. „Niemand hat das absichtlich getan“, sagte Donald Trump über den US-Angriff am 28. Februar auf die Shajareh-Tayyebeh-Mädchen-Grundschule – 156 Tote, darunter mindestens 120 Kinder, und weitere 95 Verletzte – im persischen Minab. „Fehler passieren. Krieg ist grausam.“ (Da kann man halt nichts machen.) „Aber ich weiß, dass der Vorfall untersucht wird.“ (Und das ist doch immerhin beruhigend.)
geil
Jawoll, Sie haben richtig gelesen, Leser-Doppelpunkt-innen! Er hat es tatsächlich gesagt. In aller Öffentlichkeit. Deutschlands beliebtester Politiker. „Erfolg ist toll und geil, aber es ist alles vergänglich.“ Für jemanden, der so kumpelhaft-nahbar (und zugleich bescheiden) ist, und mit Hauptmännern, die „absolut mega!“ jubeln, ziehen wir alle gerne in den Krieg! (Denn: „Man spürt eine Anständigkeit, die heute in der Politik nicht mehr so vorhanden ist.“ So schwärmt die renommierte Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl.) Kurz: „Geil“ ist die heutige „Anständigkeit“! – By the way: „Anständig“… Lieblingswort deutscher Spitzenexekutoren. (Besonders erste Hälfte der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts.)
Girls’ Day
Beim österreichischen Bundesheer. „Macht erlebbar, was sonst oft nur von außen sichtbar ist.“ – WOW…!
„immersive“ Darstellungen
Tja, was das wohl heißen mag …? Blättern wir nach in der taz! Über den „Krieg zum Anfassen“ im Neuen Ukraine-Museum zu Berlin: „Im ersten Raum können sich Besucher:innen über einen Monitor selbst betrachten. Der Bildschirm zeigt sie aus der Perspektive russischer Drohnen, bevor sie zum tödlichen Schuss ansetzen.“ – So wird „die Härte des Krieges erlebbar“ gemacht. O-Ton taz: „Wer hier hinkommt, soll sich überwältigen lassen.“ (Und zwar in „echt“.)
James Bond wagen
Wenigstens „ein bisschen mehr“. So kokett Stephanie Rohde am 20. Dezember 2025 im Deutschlandfunk. Gemeint waren „operative Anschlussmaßnahmen“, die laut BND-Chef Martin Jäger nun auch dessen Bundesnachrichtendienst durchführen soll.
Karrierecenter
Der Bundeswehr. Klingt doch viel flotter als „Kreiswehrersatzamt“, oder? (Hoffentlich aber nicht für die finale Karriere – ad finem!)
Krieg zum Anfassen
Entblödete sich nicht, just zum vierten Jahrestag des russischen Überfalls die BILD-Zeitung für Woke, die taz, zu titeln. „Eine Ausstellung in Berlin will die Härte des Ukrainekriegs erlebbar machen. Die Besucher:innen sind umgeben von Bildern von Tod und Zerstörung.“ Und ab geht‘s in die Geisterbahn: „Ein kaputter Helm baumelt von der Decke, er hat einmal einem russischen Soldaten gehört. Der Helm ist echt, kein Replikat. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man einen Durchschuss: Der Soldat, der ihn trug, ist tot. Wer will, kann den Helm nicht nur ansehen, sondern auch anfassen.“ (Auch aufsetzen?) – Gott sei Dank war es ein russischer und kein ukrainischer Soldat! Wir haben es hier also mit einer Trophäe zu tun. (In einem Native American Tipi Camp des 18. Jahrhunderts hätte an dieser Stelle vermutlich ein Skalp gebaumelt.) Kleine PR-Idee für die ukrainische Armee: Vielleicht sollten Sie im Donbass spezielle frontnahe Freigehege einrichten für die am „Echten“ und „Erlebbaren“ interessierten woken Tourist:innen aus Berlin – Kriegssafariparks, alles zum Anfassen und in echt! (Gegen Eintrittsgebühr, versteht sich.)
maritime Dienstleistungen
Ein „umfassendes Verbot maritimer Dienstleistungen“ für Tanker mit russischem Rohöl an Bord wollte die EU in ihrem 20. Sanktionspaket gegen Russland durchsetzen. Hat bis vor Kurzem aber nicht geklappt, weil der übliche Verdächtige in Budapest immer wieder dazwischenfunkte.
my own morality
“I don‘t need international law. Yeah, there is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.” So am 8. Januar zur New York Times der international outlaw Donald Trump. (Es ging um seine „völkerrechtlich umstrittene“ Aktion in Venezuela.) – ABER: Wie sang mal jemand? „To live outside the law, you must be honest!“
Nahtoderfahrung
Gerne auch „Nato(d)erfahrung“. Die machte, laut Berliner Morgenpost, im Januar Europa angesichts „eines enthemmten US-Präsidenten, der nach dem Territorium eines NATO-Verbündeten greift und andere Alliierte mit Strafzöllen überziehen will. Eines drohenden Handelskriegs zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten. Eines Verteidigungsbündnisses, das kurz vor der Implosion zu stehen scheint.“ – Kommen wir runter! So schlimm ist das alles auch wieder nicht: Die Forschung hat, laut Wikipedia, „eine Reihe von Elementen und Gefühlen identifiziert, die typisch für Nahtoderfahrungen sind. Dazu gehören u.a.: die Erfahrung eines bewussten Seins ohne physischen Körper, Tunnel-, Licht-, Jenseits- und Weltraumerfahrungen, Gefühle von Liebe, Frieden, Geborgenheit und Schmerzlosigkeit.“ Wohlgemerkt: Gefühle von Liebe, Geborgenheit und Frieden!
nukleares Latenzproblem
„Kommentatoren in ganz Europa fordern einen schnellen Vorstoß in Richtung Atomwaffen. Das Problem: Das ist weder kurzfristig machbar noch ohne erhebliche Risiken. Kein europäischer Nicht-Nuklearstaat – ob Deutschland, Italien, Schweden, Norwegen, Finnland oder Polen – verfügt über die zivile nukleare Infrastruktur, um schnell das für eine Bombe benötigte spaltbare Material herzustellen.“ So die Zeitschrift hartpunkt – Monitor für Defence und Sicherheitspolitik im März 2025. – Auf Deutsch: Ein (nukleares) Latenzproblem entsteht dann, wenn man schon will, aber noch nicht kann! (Oder darf.)
Pfui-Bereich (keiner mehr)
„Nach Liminskis Worten müsse aber auch ‚über nukleare Abschreckung‘ nachgedacht werden und der aufstrebende Wirtschaftsbereich der Verteidigungsindustrie sei ‚kein Pfui-Bereich‘ mehr“, so die WELT vom 22. Oktober 2025. „Damit setzt der Christdemokrat“, gemeint war der Chef der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen und römische Katholik Nathaniel Liminski, „den Tenor beim Forum.“ Gemeint war das „Mittelstand Defense Forum“ der „Mission 2044“ in Düsseldorf. – „Pfui-Bereich“: Früher die dunkle Ecke (direkt neben der Pornosammlung), wo Bomben, Panzer und Rüstungsaktien standen. Da, wo nicht hinging, wer noch ein Gewissen hatte. Jetzt: der neue Zukunftsmarkt! Frisch renoviert, LED-Beleuchtung, Nachhaltigkeitssiegel, klimaneutrale Atomsprengköpfe. Und wer jetzt noch „Pfui“ sagt, entlarvt sich als Agent des Diktators im Kreml.
Praxisnähe
„Diese Geschwindigkeit und Praxisnähe können westliche Rüstungskonzerne mit ihren jahrzehntelangen Beschaffungszyklen kaum bieten.“ Denn: „Ukrainische Firmen innovieren ständig auf Basis von Echtzeit-Rückmeldungen von der Front. Waffensysteme, die im Kampf versagen, werden sofort aussortiert.“ Schwärmt die Berliner Zeitung. Und das Sahnehäubchen: „Auch die Reichweite ukrainischer Drohnen wächst. Militärbloggern zufolge können sie inzwischen rund 1750 Kilometer weit fliegen. Zum Vergleich: Das wäre wie von Berlin nach Finnland oder ins südliche Spanien.“ – Stellt sich nur noch die Frage: Legen sie den gefährlichen Weg „weit in die Tiefe des russischen Raumes“ über das feindliche Territorium zurück oder nicht doch bequemer über Polen und das Baltikum? (vgl. „Inspirationsquelle“, „kulturelles Problem“)
Reifemoment
Nein, hier ist nicht von den Geheimnissen der Camembertherstellung die Rede – es geht, mal wieder, um die Ukraine! „Ein möglicher ‚Reifemoment‘ für Verhandlungen“ entsteht laut Dr. Cindy Wittke-Hohlfeld nur, „wenn die Ukraine militärisch so gestärkt wird, dass Russland keine Geländegewinne mehr erzielt.“ Bis dieses „Momentum“ erreicht ist und dem „von Russland angegriffenen Land“ westlicherseits das „Zeugnis der Reife“ ausgestellt wird, wird also noch etwas Wasser den Dnipro runterfließen … (vgl. „Möglichkeitsfenster“)
schlapp
„Sie [die Russen natürlich!] stellen sich tatsächlich darauf ein, gegebenenfalls in einer Konfrontation mit dem Westen, einschließlich der USA, überlegen sein zu können. Das ist, glaub ich, der kritische Punkt. Man sieht, dass sie weitaus energischer diese Modernisierung betreiben als wir im Westen, die doch noch etwas schlapp dabei sind und versuchen, das moderat zu machen. Und das ist das, was mir Sorge bereitet.“ So der sich immer wieder sehr handfest – „sportlich“, „kneifen“, „reinspringen“ – ausdrückende Oberst a. D. Ralph Thiele über den neuen, nuklear angetriebenen russischen Marschflugkörper Burewestnik („Sturmvogel“). – Mit anderen Worten: klarer Fall für die „Generation Waschlappen“!
Schwurbler
Bequeme verbale Allzweckwaffe, um ein unbequemes Gegenüber verächtlich zu machen, ohne sich inhaltlich mit ihm auseinandersetzen zu müssen. – Also alles ganz simpel: Wer einen anderen einen Schwurbler schimpft, schwurbelt selbst.
selbstgefälliges Wohlfühlpapier
Das war laut dem damaligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth, das von einigen SPD-Dissidenten Mitte 2025 verfasste „Manifest“, das für eine Abkehr von der Aufrüstungspolitik und eine Zusammenarbeit mit Russland warb. – Tja, da kann man nur mit Ricky Nelson singen: „If you can‘t please everyone / you got to please yourself!“. (vgl. „Realitätsverweigerung“)
verheerende Luftschläge
Auf russisches Territorium. Würde die deutsche Luftwaffe durchführen. (Natürlich „hoffentlich nie“ und auch nur bei einem russischen Angriff auf NATO-Territorium!) Drohte der Chef der deutschen Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, neulich dem alten und neuen Feind. – Aber lieber Luftwaffenchef, warum mal wieder so gschamig? Da ist doch wirklich noch Luft nach oben: Vor nicht allzu langer Zeit versprach man noch, Moskau „auszuradieren“ oder wenigstens „dem Erdboden gleichzumachen“! (Das waren noch Männer!!) (vgl. „reingehen“)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: © Tina Ovalle






