Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLIII – „Auch um den Preis von Blut!“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLIII – „Auch um den Preis von Blut!“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XLIII – „Auch um den Preis von Blut!“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es um die – gar nicht mehr subtilen – Parolen, mit denen die jungen Männer (neuerdings auch Frauen) wieder in den Krieg gelockt werden sollen. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

auch um den Preis von Blut („et au prix du sang“)
„Die Botschaft, die wir der Welt senden, lautet: Ja, der Frieden ist unser Ziel; ja, wir schätzen die Freiheit und das Recht; und ja, wir sind bereit, zu kämpfen, um sie stets zu verteidigen – auch um den Preis von Blut, wenn es sein muss.“ Macrons markige Worte zum 14. Juli im Original: „Le message que nous envoyons au monde est le suivant : oui, la paix est notre but, oui, nous chérissons la liberté et le droit, et oui, nous nous tenons prêts à combattre pour les défendre, toujours, et au prix du sang s’il le faut.“ – Dazu bereits 1954 der französische Dichter Boris Vian: „S’il faut donner son sang/ Allez donner le vôtre/ Vous êtes bon apôtre/ Monsieur le Président.“ Auf Biermann-Deutsch: „Monsieur le Président/ Ihr seid fürs Blutvergießen/ Allez, lasst Eures fließen/ Das wär ‘ne gute Tat‘!“ Die Botschaft an diejenigen, die – mal wieder – für Frieden, Freiheit und Recht „ins Feld“ geschickt werden sollen: „Refusez d’obéir/ Refusez de la faire/ N’allez pas à la guerre/ Refusez de partir!“ („Sagt nein, wenn sie euch zieh‘n!/ Sagt nein zum Exerzieren/ Sagt nein zum Kriegeführen/ Sagt nein und geht nicht hin!“)

Drohnenfutter
Kanonenfutter des XXI. Jahrhunderts.

Drohnenvorfall
Wohlgemerkt: Vorfall, nicht etwa Angriff! Nebulöses Wort, das man am besten mit „irgendwas mit Drohnen“ übersetzen sollte. Der unschätzbare Vorteil: Man muss hier gar nicht mehr beweisen, dass der – vermeintliche oder reale – Gegner eine Attacke tatsächlich ausgeführt hat! Es reicht völlig, dass irgendwo mal wieder irgendwelche Drohnen herumschwirrten. (Der Übeltäter ist eh klar.) Kein Zufall also, dass der „Drohnen-“ (und nicht etwa der Bandscheibenvorfall) zu einem Lieblingsbegriff unseres Bundeswehr-Generalinspekteurs avanciert ist.

endlich unverzüglich
„Der Bundestag wolle beschließen“, so der Antrag von 23 wackeren grünen Abgeordnet-Sternchen-Innen und der Fraktion BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN am 7. Juli, „die Bundesrepublik Deutschland endlich unverzüglich zur Zielscheibe russischer Vergeltungsschläge zu machen“. – Reingefallen, Leser-Doppelpunkt-Innen, das war natürlich eine hybride Fake News des alten und neuen Feindes im Osten, der uns im vergangenen Jahrhundert schon zweimal heimtückisch überfallen hat! Anton Hofreiter, Claudia Roth und die berühmte Theologin Göring-Eckardt hatten lediglich gefordert, „endlich unverzüglich der ukrainischen Bitte nach Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern aus verfügbaren Beständen der Bundeswehr in größtmöglichem Umfang zu entsprechen“. („Und die ukrainischen Fähigkeiten zur Zerstörung von tief auf russischem Gebiet befindlichen Kommandoposten, Abschussvorrichtungen, Militärflugplätzen, Munitionsdepots, Treibstofflagern und militärischen Produktionsstätten aktiv auszubauen.“) (vgl. „neuer Taurus-Anlauf“)

NO MORE MR. NICE GUY!
Neulich auf Truth Social: „They’ll come down fast, they’ll come down easy and, if they don’t take the DEAL, it will be my Honor to do what has to be done, which should have been done to Iran, by other Presidents, for the last 47 years. IT’S TIME FOR THE IRAN KILLING MACHINE TO END!” – Auf Deutsch: „SCHLUSS MIT DEM NETTER-KERL-SEIN!“ Sie werden schnell und ohne Umschweife zur Strecke gebracht, und wenn sie das ABKOMMEN nicht annehmen, wird es mir eine Ehre sein, das zu tun, was getan werden muss – was andere Präsidenten in den letzten 47 Jahren gegenüber dem Iran hätten tun sollen. ES IST AN DER ZEIT, DER IRANISCHEN TÖTUNGSMASCHINE EIN ENDE ZU SETZEN!“ – Nein, der US-Präsident ist ab jetzt kein Weichei, will sagen: Mullah-Versteher, mehr! Nun heißt es ein für alle Male: „Schluss mit der ‚Fencheltee-Diplomatie‘!“

nur noch rudimentär
Sei das „Engagement“ der USA in der Ukraine, klagte am 18. März im Interview mit der Welt die beliebte „Eurofighterin“ Marie-Agnes Strack-Zimmermann. – Kein Wunder, sind diese doch gerade rund um die Uhr damit beschäftigt, die stinkende „Pestbeule auf dieser Erde“ aufzustechen! Konsequenz der Trägerin des „Janusz-Korczak-Preises für Menschlichkeit“: „Unsere Aufgabe heißt erstens die Ukraine, zweitens die Ukraine und drittens die Ukraine!“

Renaissance
„Drohnen, Künstliche Intelligenz und satellitengestützte Aufklärung verändern das Gefechtsfeld in einem Tempo, das selbst Experten überrascht. Gleichzeitig erleben Faktoren eine Renaissance, die viele nach dem Ende des Kalten Krieges für zweitrangig gehalten hatten: Produktionskapazitäten, Munitionsreserven und industrielle Stärke.“ Berichtete am 16. Juni die Berliner Zeitung vom fünften „Forum Machiavelli Difesa“. – Tja, alles kommt halt irgendwann mal wieder. Im 15. Jahrhundert wurde die Antike wiedergeboren, heute sind es: Produktionskapazitäten, Munitionsreserven und industrielle Stärke! (vgl. „weichere Faktoren“)

so stark wie möglich im Kampf bleiben
Soll nach Mark Rutte natürlich die Ukraine: „‚Wir müssen sicherstellen, dass die Ukraine so stark wie möglich im Kampf bleibt‘, so Rutte. Bis zum Frieden, sofern Putin bereit ist, ‚Ball zu spielen‘.“ Was für eine Art Frieden das sein soll – und was von der Ukraine dann noch übrig geblieben ist –, verriet Rutte nicht. (vgl. „im Kampf halten“, „Mut und Blut“)

Stressgürtel
Klares Gegenteil eines Keuschheitsgürtels! Einen Stressgürtel hat – laut FAZ-Journalist Reinhard Bingener – Putin rund um Europa geschaffen. „Ein Ring von Krisenregionen, in denen Russland eine wichtige Rolle spielt.“ Als da wären: Söldner und Soldaten in wichtigen Staaten Afrikas, wo sie die Europäer rausdrängen und Migrationsrouten kontrollieren. Brutale Bombardements auf die syrische Zivilbevölkerung, „die die große Flüchtlingskrise mitheraufbeschworen haben.“ Tschetschenische Gruppen in der organisierten Kriminalität. „Weaponized migration“ via Belarus. (Und für den „Fall Friedland“ ist der Kreml-Machthaber ebenfalls verantwortlich. Sehr wahrscheinlich jedenfalls. Es ist zumindest nicht ausgeschlossen.) Von zahllosen Drohnenattacken ganz zu schweigen! – Außerdem – und das ist das ist die Unverschämtheit per se – zeichnen sich „hybride Aktionen“ bekanntlich durch „plausible Abstreitbarkeit“ aus. Nach dem Prinzip des berühmten Witzes vom Elefanten im Kirschbaum: „Warum hat der Elefant rosa Augen?“ – „Damit er im Kirschbaum nicht gesehen wird.“ – „Hast du schon mal einen Elefanten im Kirschbaum gesehen? – „Nein.“ – „Siehst du, so gut hat er sich getarnt!“ – Alles schlimme Sachen, aber: „Was aus dem Blick kommt, ist die Einbettung dieser einzelnen Nadelstiche in Putins Gesamtstrategie.“ – Und zu diesem „hybriden Gesamt-Tableau“ hat Bingener jetzt ein Buch vorgelegt. Hoffen wir, dass es dank Putin ein hybrider Bestseller wird! (vgl. „hybrid“, „Konnektivitätskrieg“)

strategische Partner
Sind ab jetzt die Ukraine und Deutschland. Konsequenz: Joint Ventures zwischen deutschen und ukrainischen Unternehmen „zur Entwicklung und Produktion von Drohnen einer Reichweite bis 1.500 Kilometern“. (Vermutlich in Süddeutschland.) Ziele: „Weit in der Tiefe des russischen Raumes.“ (Auf Deutsch: „Investitionen von mehreren hundert Millionen Euro in ukrainische Fähigkeiten für Angriffe mit großer Reichweite.“) „Verteidigungsminister Pistorius kündigte bei seinem Besuch in Kiew zudem an, dass Deutschland die Ausbildung ukrainischer Soldaten [es sind bislang fast 27.000] auch nach einem möglichen Waffenstillstand fortsetzen werde.“ So der Tagesspiegel vom 11. Mai. – Der „Machthaber im Kreml“ wird dem selbstverständlich tatenlos zuschauen.

Unfug machen
Nach Geheimdienstinformationen wäre Russland spätestens ab 2029 bereit, „Unfug zu machen“, zitierte der Deutschlandfunk am 20. September 2025 den Inspekteur der Deutschen Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaak. – Jargon der ‚schwarzen Pädagogik‘ im geopolitischen Schlagabtausch. Und wer hier der Erziehungsberechtigte ist, steht außer Frage. (vgl. „keine Faxen reißen“)

unstillbarer Hunger
„So sehr man sich andere Lösungen wünschen mag, auch der ‚moderne Krieg‘ hat einen unstillbaren Hunger nach jungen Soldatinnen und Soldaten. Es werden auch weiterhin unzählige Häuser und Stellungssysteme zur Verteidigung ausgebaut oder im Rahmen von Angriffen gestürmt werden.“ So Waldemar Geiger auf der Plattform Hartpunkt – Monitor für Defence und Sicherheitspolitik in dankenswerter Offenheit. – Endlich mal jemand, der Klartext spricht. Obacht, Leser-Sternchen-innen: Hier handelt es sich zur Abwechselung mal nicht um Verdummungsdeutsch im Dienste der Kriegsertüchtigung, sondern um Aufklärungsdeutsch! Danke, Herr Geiger. (vgl. „Truppenmix“)

verfassungsgemäß hinbiegen
„Insofern denke ich, das Verfassungsgericht wird da den Gesetzgeber nicht im Stich lassen oder hängenlassen, sondern gucken, wie man‘s verfassungsgemäß hinbiegen kann!“ So, zuversichtlich, die Professorin für öffentliches Recht an der Universität der Bundeswehr München, Kathrin Groh, am 18. Oktober 2025 im Deutschlandfunk. Es ging um die akute Quadratur des Kreises, wie die Bundeswehr (a) „erst mal“, mit (b) „freiwilligem Wehrdienst“ (c) „personell aufwachsen“ kann – und das alles auch noch (d) „wehrgerecht“, und zwar (e) „für Männer“! – Zugegebenermaßen eine heikle Herausforderung, aber wie gesagt: Obwohl „der Bundesgesetzgeber da im Moment in ‘ner ganz, ganz tiefen Klemme steckt“, wird sich das schon irgendwie „hinbiegen“ lassen. Und zwar „verfassungsgemäß“! (vgl. „zustimmungsfähig machen“)

weichere Faktoren
Neues vom fünften „Forum Machiavelli Difesa“ in Rom: „Fondazione-Präsident Daniele Scalea verwies darauf, dass Verteidigungsfähigkeit auch von weicheren Faktoren abhänge: nationale Identität, die Bereitschaft zur Verteidigung der eigenen Lebensweise, eine ausgeprägte strategische Kultur. Diese Elemente seien auf politischer, militärischer und industrieller Ebene gleichermaßen notwendig, um glaubwürdige Abschreckung zu gewährleisten.“ – In klarer deutscher Prosa: Softpower für den Krieg! (Denn: „Wer Kriege gewinnen will, braucht mehr als Hightech“. Weiß die Berliner Zeitung.) (vgl. „Achtsamkeit ist alles“, Renaissance“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

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