Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LVII – Die „Baku-Connection“ und andere „verschwiegene Kolonnen Moskaus“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LVII – Die „Baku-Connection“ und andere „verschwiegene Kolonnen Moskaus“

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LVII – Die „Baku-Connection“ und andere „verschwiegene Kolonnen Moskaus“

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es schwerpunktmäßig um Moskaus verschwiegene (fünfte) Kolonnen in diesem unserem Lande. Von Leo Ensel.

andere Regeln
Im Kriegsfall würden „ohnehin andere Regeln“ gelten. „Dann hätte der Bund wachsende Zugriffsmöglichkeiten auf die Länder und damit auch auf Sachsen-Anhalt.“ Erklärte jüngst optimistisch der Chef des Reservistenverbandes, Bastian Ernst (CDU), gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Gemeint war: Allerspätestens dann würde der Bund endlich eine natürlich russlandfreundliche – sprich: vaterlandsverräterische – AfD-Regierung in Magdeburg Mores lehren. – Mein Tipp: Das mit den anderen Regeln im Krieg ist zwar nicht gerade eine Neuigkeit, aber könnte man nicht jetzt schon mal mit Üben anfangen? (Am besten mit „drastischen Maßnahmen“!) (vgl. „need to know“)

Außenstelle des Kreml
Ist jetzt, laut taz vom 14. September, der Magdeburger Landtag. (Sozusagen der ‚steingewordene Hitler-Stalin-Pakt‘.)

Baku-Connection
Griffige „Tagesschau“-Formulierung für die „einflussreichen Strippenzieher“ um Ronald Pofalla und Matthias Platzeck, die bei ihren diversen „klandestinen Revival-Treffen“ in der aserbaidschanischen Hauptstadt auf „konspirativer Mission“ sind, sprich: im „mondänen 5-Sterne-Hotel Four Seasons, wo sich die Russen einquartiert haben“, „Schattendiplomatie“ betreiben.

das Spiel Putins
Wenn die AfD, das BSW und auch die Linkspartei fordern, man müsse hier Beweise vorlegen, „dann spielt man damit genau das Spiel Putins, bis hin zur selben Wortwahl“. Putin, „der Spieler“! Alexander Throm, seines Zeichens innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, hat – herzlichen Glückwunsch! – offenkundig Dostojewski gelesen. Die Rede war natürlich – hätten Sie‘s geahnt? – vom „Leipziger Drohnenvorfall“, an dessen Urheberschaft – da sei Alexander Dobrindt vor! – künftig nicht mehr gezweifelt werden darf. Die atemberaubende Logik nochmal zum Mitschreiben: Wer Beweise fordert, spielt Putins Spiel – oder betreibt gleich „kranke Sabotage“! (vgl. „nicht mehr an der Bedrohung aus Russland zweifeln“, „Vertrauen – in die Bundesregierung in diesem Punkt“)

destruktive Kräfte
Deutschland erlebe eine tiefgreifende Veränderung seines politischen Parteiensystems, kommentierte der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz das atemberaubende Abschneiden seiner Partei bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. So seien etwa bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin mit mehr als 40 Prozent der Stimmen Kräfte gewählt worden, „die destruktiv sind, die unser politisches parlamentarisches System infrage stellen und die mit radikalen und einfachen Lösungen versuchen, die Menschen zu begeistern“. – Lieber Herr Merz, klingt alles sehr plausibel. Aber waren es „angesichts sehr konkreter Bedrohungen“ nicht doch eher Herrn Dobrindts „fremde Mächte“, die hier mal wieder ihre Finger im Spiel hatten?

Duzfreunde
Sind skandalöserweise seit Jahrzehnten Gerhard Schröder und Wladimir Putin, die kürzlich mal wieder ein – gar nicht klandestines – „Revivaltreffen“ feierten! Allein das Duzen mit dem „Machthaber im Kreml“ macht den Ex-Kanzler natürlich verdächtig. Beim Werteweltmeister Deutschland ein absolutes No-Go!

einflussreiche Strippenzieher
„Zum jüngsten Treffen begleitete SPD-Mann Stegner eine Riege einflussreicher Strippenzieher: Ronald Pofalla, ehemaliger Chef des Bundeskanzleramts und Leiter des ‚Petersburger Dialogs‘; Matthias Platzeck, ehemals brandenburgischer Ministerpräsident und SPD-Bundesvorsitzender sowie Vorstand des ‚Petersburger Dialogs‘; Stephan Holthoff-Pförtner, CDU-Europaminister unter Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen, sowie Martin Hoffmann, langjähriger Geschäftsführer des ‚Petersburger Dialogs‘.“ – Was hier die „Tagesschau“ – ausgerechnet am 8. Mai 2025! – skandalisierte, das war ein „erneutes“ Treffen „einflussreicher Deutscher“ mit „russischen Vertretern des offiziell eingestellten ‚Petersburger Dialogs‘“ im aserbaidschanischen Baku. Mit anderen Worten: ein „Geheimtreffen mit Putin-Vertrauten“! (vgl. „Baku-Connection“, „klandestines Revivaltreffen“, „konspirative Mission“, „Schattendiplomatie“, „verschwiegene Kolonne Moskaus“)

Erwachsene im Raum
„Die ‚Erwachsenen im Raum‘ hätten längst begriffen, wie Entscheidungsprozesse in Russland verliefen.“ Zur Erläuterung: Seine Exzellenz, der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev (Nachfolger des berühmten Andrij Melnyk), sprach davon, „dass es in Deutschland Parteien am rechten und am linken Rand gibt, die offenbar jeden Morgen Weisungen aus Moskau bekommen“. In diesem Zusammenhang drückte er auch sein Missfallen aus, dass sich immer noch deutsche Politiker mit hochrangigen Russen zu Gesprächen träfen. (Er wird doch nicht etwa die berühmt-berüchtigte „Baku-Connection“, also „solche Persönlichkeiten“ – O-Ton Makeiev – wie Matthias Platzeck und Ronald Pofalla gemeint haben?) (vgl. „Wir Europäer“)

Frechheit
Eine „Frechheit“ ist es laut dem sachsen-anhaltinischen Landtagsabgeordneten Guido Heuer (CDU), die russischen „KPdSU-ZK-Chefs nach Lenin“ nicht als Monster zu bezeichnen, wie sich das seine BSW-Antipodin Claudia Wittig herausgenommen hatte. – Lieber Herr Heuer, Ihr Zorn in Ehren, aber ganz geheuer ist uns das nicht. Im Eifer des Gefechts – erkundigen Sie sich bei der Historikerin Wittig! – scheint ihnen entgangen zu sein, dass der russische KPdSU-ZK-Chef Stalin gar kein Russe, sondern Georgier war!

Friedensparolen
Friedensparolen von „pro-russischen Kräften in Europa“ schwächen, laut Donald Tusk, den Widerstandswillen. Weshalb vor ihnen gewarnt werden muss! (Zu längst vergangenen bildungsbürgerlichen Zeiten nannte man das noch vornehm „Defaitismus“.)

klandestines Revivaltreffen
Oops! … They did it again! Am 8. Mai 2025 war es laut „Tagesschau“ seit April 2024 bereits das dritte „klandestine Revivaltreffen“, sprich die berühmte „unheimliche Begegnung der dritten Art“. Und selbst das reichte den „einflussreichen Strippenziehern“ auf „konspirativer Mission“ nicht: Mitte Juli 2026 wiederholten sie auch nochmal die Wiederholung! Die „verschwiegene Kolonne Moskaus“, kurz: so schräge Gestalten wie der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident und SPD-Bundesvorsitzende Matthias Platzeck, Ronald Profalla (Ex-Chef des Bundeskanzleramts) oder Ralf Stegner (SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Geheimdienst-Kontrollgremium) – sie können es einfach nicht lassen, selbst zu Kriegszeiten mit „Putin-Vertrauten“ wie Victor Subkow, dem ehemaligen russischen Leiter des „Petersburger Dialogs“, oder dem Chef des Menschenrechtsrats, Valeri Fadejew, zu sprechen! (vgl. „Baku-Connection“)

konspirative Mission
Auf dieser befand sich laut Tagesschau im Juli mal wieder die sattsam bekannte „Baku-Connection“. Will sagen: die „verschwiegene Kolonne Moskaus“. Ihr Verbrechen: Mit der anderen Seite reden. In angespannten Zeiten.

Kontaktschuld
Wird von den Apologeten der Kriegsertüchtigung zwar niemals so genannt, dafür umso beliebter praktiziert. Funktioniert nach dem Virus-Prinzip: Wer sich zum Beispiel von jemandem interviewen lässt, der seinerseits schon mal einen Paria (oder jemand so Etikettierten) interviewt (oder neben ihm die Straße überquert) hat, ‚steckt sich an‘ – und mutiert somit im Nu selbst zum Paria! Eleganteste Methode, jemanden kaltzustellen, ohne sich mit ihm und seinen Argumenten auseinandersetzen zu müssen.

kranke Sabotage
„Wer ständig nach Beweisen ruft und dabei Belege bewusst ignoriert, der zeigt keine gesunde Skepsis, sondern der betreibt kranke Sabotage.“ So Innenminister Dobrindt im Sowjetsound am 10. September im Bundestag. Auf Deutsch: „Wer uns unsere ‚Beweise‘ zum ‚Leipziger Drohnenvorfall‘ immer noch nicht abkauft, beweist damit, dass er Teil von Putins fünfter Kolonne in diesem unserem Lande ist!“ (Und gehört, wie jeder Saboteur – oder psychisch Kranke –, hinter Gitter.)

reaktionäres Amalgam
Ein „reaktionäres Amalgam von Covid-Verharmlosern und Putin-Verstehern“ machte Mitte August der Züricher Tages-Anzeiger aus. (Unverständlicherweise hat er dabei die „Verschwörungstheoretiker“ vergessen.)

Schattendiplomatie
Betreibt ungefragt – oder gar unerlaubt? – laut „Tagesschau“ die „Baku-Connection“ um Ronald Pofalla und Matthias Platzeck mit „Putin-Getreuen“ im „mondänen 5-Sterne-Hotel Four Seasons, wo sich die Russen einquartiert haben“. Und das bereits seit 2024! (vgl. „einflussreiche Strippenzieher“)

solche Persönlichkeiten
Nebulöse Formulierung Seiner Exzellenz, des ukrainischen Botschafters Oleksii Makeiev, für die ominösen „einflussreichen Strippenzieher“ der „Baku-Connection“. Jedenfalls definitiv keine „Erwachsenen im Raum“! (vgl. „Wir Europäer“)

verschwiegene Kolonne Moskaus
Und nicht etwa die berühmte „Fünfte Kolonne“. Die macht regelmäßig – immer mal wieder – das einstige Flaggschiff der Entspannungspolitik, die zeitengewendete ZEIT, aus. „Deutsche Politiker treffen sich in Baku heimlich mit Abgesandten des russischen Präsidenten. Was haben sie vor? Und was haben sie zu verbergen?“ Dunkelraunte im Teaser ein Ingo Malcher. Besonders gravierend: Alexej Gromyko, Viktor Subkow, Matthias Platzeck, Ronald Pofalla und Waleri Fadejew haben es bereits zum wiederholten Male gemacht … Ein Glück, dass wenigstens die ZEIT ihnen auf die Finger schaut! (vgl. „klandestines Revivaltreffen“, „konspirative Mission“)

Weisungen aus Moskau
(vgl. „Erwachsene im Raum“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

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