Kampagne gegen Antisemitismus wird vermutlich Antisemitismus stärken
Kampagne gegen Antisemitismus wird vermutlich Antisemitismus stärken

Kampagne gegen Antisemitismus wird vermutlich Antisemitismus stärken

Ein Artikel von: Redaktion

Zurzeit läuft einmal wieder eine wilde Kampagne gegen angebliche Antisemiten. Dazu zählen Menschen, die nie im Leben irgendetwas Schlechtes über Juden gedacht oder gesagt oder gar getan haben. Sie werden heute attackiert und ihre politische Aktivität wird eingeengt, weil sie sich für noch Schwächere, im konkreten Fall für Palästinenser engagieren. Sie werden auch dann attackiert und ihre Möglichkeit, öffentlich auf das Schicksal der Palästinenser aufmerksam zu machen, wird mit Verboten und Urteilen eingeschränkt, wenn sie selbst Israelis oder Juden sind. So traurig es ist – mittel- bis langfristig wird der Missbrauch des Antisemitismus-Vorwurfs den Antisemitismus sogar fördern. Von Albrecht Müller und Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Eine wahllose Liste der schlimmen Machenschaften:

Der alte und schlimme Antisemitismus nutzte geschickt die Unterstellung, Juden würden sich Vorteile dadurch verschaffen, dass sie abgesprochen und gemeinsam handeln. Die neue Kampagne der „Guten“, die die Kampagne gegen angebliche Antisemiten betreiben, befördert genau dieses Vorurteil. Man steht staunend am Wegesrand und stellt fest, was an absurder Behinderung offener Diskussion und demokratischer Willensbildung heute möglich ist.

Wer es schafft, dass bereits zugesagte Veranstaltungsorte wieder zurückgezogen werden oder Veranstaltungen gar verbieten zu lassen, erweckt den Eindruck, über ein besonderes Netzwerk und besondere Macht zu verfügen. Dies gilt insbesondere dann, wenn damit die Redefreiheit und jegliche Unterstützung des palästinensischen Volkes behindert wird. Das ist genau das, was frühere Antisemiten beklagt haben. Jetzt hat die Erfahrung eine reale Basis. Und jene, die diese Erfahrung ermöglichen, fördern den Antisemitismus. Nolens volens. Und die wirklichen Antisemiten können diesen Eindruck nutzen, um ihre antisemitischen Geschäfte zu betreiben.

Das ist schlimm. Deshalb weisen wir darauf hin.

In der jetzt laufenden Kampagne gegen angebliche Antisemiten gibt es eine bedrückende Parallele zum wirklichen Antisemitismus: Antisemiten prügelten auf die Schwächeren ein.

Die Menschen in Palästina gehören eindeutig zu den Schwächsten im ganzen Nahen Osten. Sie sind die Geprügelten der Region. Ihrem Schicksal gilt die ohnehin schwache Unterstützung jener Menschen und Gruppen, sich für eine gute Zusammenarbeit im Nahen Osten und für mehr Rechte und vor allem mehr Chancen der Palästinenser einsetzen und die deshalb heute von den angeblich Guten bekämpft, behindert und beschimpft werden. Dieser Kampf gegen die angeblichen Antisemiten, die sich um das palästinensische Volk kümmern, ist ein Kampf der Starken gegen die Schwächeren.[*]

Wer nur einen Hammer besitzt, sieht in jedem Problem einen Nagel. Und wer selbst nur über die „Waffe“ des Antisemitismusvorwurfs verfügt, der sieht nun einmal überall Antisemiten. Auffallend ist, dass längst vergessen geglaubte antisemitische Stereotype durch den angeblichen Kampf gegen den Antisemitismus heute ihre Wiedergeburt feiern. Wer käme denn sonst heutzutage ernsthaft auf die Idee, Angehörigen einer Religionsgemeinschaft eine wie auch immer geartete Kontrolle über das Finanzsystem zuzuschreiben? Derlei Unsinn sollte doch eigentlich seit mehr als zwei Generationen im Papierkorb der Geschichte verrotten. Wenn heute Kritik am Finanzkapitalismus und seinen Akteuren ohne Not und außerhalb des Kontextes unter Rückgriff auf längst verdrängte antisemitische Stereotype in eine antisemitische Ecke gedrängt werden soll, ist dies an Absurdität kaum zu übertreffen. Die Israel-Lobby hält jene antisemitischen Stereotype am Leben und nutzt sie selbst aktiv, um anderen Menschen Antisemitismus zu unterstellen. Damit erfüllt sie freilich ihrem angeblichen Ziel, den Antisemitismus zu bekämpfen, einen Bärendienst.

Es besteht sogar die Gefahr, dass die permanente Antisemitismus-Zuweisung sich irgendwann abnutzt und die Menschen den Vorwurf generell nicht mehr ernst nehmen. In Äsops Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“ ruft ein Hirtenjunge so lange aus Langeweile „Wolf!“, bis die Dorfbewohner den Warnruf nicht mehr ernst nehmen und als der Wolf wirklich kommt, glaubt niemand mehr dem Hirtenjungen und der Wolf frisst die ganze Herde. Dies ist die wohl passende Metapher für die ständigen und immer absurder werdenden instrumentalisierten Antisemitismusvorwürfe. Wenn dieser Vorwurf aus Kalkül und Boshaftigkeit inflationär in immer groteskeren Attacken missbraucht wird, wird er irgendwann ignoriert und dies freut natürlich vor allem die echten Antisemiten, die dann mit ihrem schändlichen Treiben auf keinen Widerstand mehr stoßen. Der Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs nutzt vor allem den Antisemiten.

Noch schlimmer wäre es, wenn engagierte Menschen irgendwann aus purer Verzweiflung den Kampf gegen die fehlgeleiteten Beschuldigungen aufgeben und die Etikettierung „Antisemit“ am Ende des Tages akzeptieren. Gerade nach dem Motto: Wenn Menschen, die sich gegen die Unterdrückung einsetzen und für die Schwächeren einstehen, Antisemiten sind, dann kann der Antisemitismus ja nichts Schlechtes sein. Auch dies wäre selbstverständlich ein verheerender Fehlschluss, der letztlich den Antisemitismus sogar hoffähig machen könnte und daran kann – außer den Antisemiten – ja wirklich niemandem gelegen sein.

Titelbild: Kametaro/shutterstock.com


[«*] Nachträgliche Korrektur am 8.3.2019: Hier stand ursprünglich noch der Satz „So wie die Nazis mit den Juden umgegangen sind.“ Einige Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten haben das als Verharmlosung betrachtet. Obwohl das nicht so gemeint war, haben wir uns der Bewertung angeschlossen und den Satz gestrichen.

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