„Kriege beginnen selten an einem Mittwoch“
„Kriege beginnen selten an einem Mittwoch“

„Kriege beginnen selten an einem Mittwoch“

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Ginge es nach den „sehr detaillierten“ Erkenntnissen der CIA und der „informierten Kreise“, die deutsche Medien gerne zitieren, wäre die russische Armee heute morgen um 2.00 Uhr in die Ukraine einmarschiert. Wenig überraschend passierte dies nicht. Der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow kommentierte dies lakonisch mit dem Satz „Kriege in Europa beginnen selten an einem Mittwoch“. Es benötigt wohl in der Tat eine gehörige Portion Galgenhumor, um bei der schier unglaublichen Desinformationskampagne aus US- und NATO-Kreisen, die in den letzten Wochen die Medien beherrschte, nicht vollends den Verstand zu verlieren. Wenn dieser Krieg, der nie stattgefunden hat, einen Verlierer hat, dann sind dies allen voran die deutschen Medien, die gezielt gestreute alternative Fakten nicht hinterfragten und so zur Eskalation beitrugen. Wenn es hart auf hart kommt, springen unsere Medien offenbar über jedes noch so krumme Stöckchen der Falken. Ganz im Sinne der USA, deren Ziel es ist, Europa durch ein geschaffenes Bedrohungsszenario in ihre Doktrin einzuspannen. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Desinformationskampagne des angeblichen russischen Invasionsplans in die Ukraine wurde von langer Hand geplant. Bereits Anfang Dezember zitierte die Washington Post „vertrauliche Dokumente“ einer anonymen Quelle aus der US-Regierung, die angebliche russische Pläne für eine bevorstehende Invasion in die Ukraine belegen sollten. Dass „namhafte“ US-Medien durch gezielt gestreute Falschinformationen der Dienste in das Säbelrasseln der US-Politik eingebunden werden, ist nicht neu. 2002 war es die New York Times, die durch gezielte Falschmeldungen zu Saddam Husseins angeblichen Massenvernichtungswaffen maßgeblich dazu beitrug, den Invasionsplänen der US-Regierung eine Begründung zu liefern. Aus diesen Fehlern hat man nicht gelernt. Im Gegenteil. Und das gilt immer mehr auch für deutsche Medien.

Hierzulande war es allen voran der SPIEGEL, der sich ganz besonders bei der Verbreitung gezielt gestreuter Falschinformationen der US-Dienste hervortat und am letzten Freitag eine russische Invasion der Ukraine für diesen Mittwoch vorhersagte. Als Quellen werden die CIA, das US-Militär und nicht näher benannte „Sicherheitskreise“ genannt. Anstatt diese gezielt gestreuten Dokumente zu hinterfragen, adelte man sie sogar mit dem Label „SPIEGEL-Informationen“. Die Dienste, die Beweise für Saddams nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen hatten und die Taliban in Afghanistan nicht sahen, als sie schon in den Vororten Kabuls waren, sollen also jetzt eine verlässliche Quelle für einen Invasionsplan Russlands sein?

Doch der SPIEGEL steht keinesfalls allein da. Den Vogel schoss diesmal die britische Sun ab, die gestern unter Berufung auf britische Dienste und die britische Außenministerin Liz Truss sogar die genaue Uhrzeit für die russische Invasion zu kennen vorgab und heute, da der Russe ja doch nicht einmarschierte, schnell den ganzen Artikel von gestern umschrieb.

Doch warum nach Großbritannien schauen, wenn die deutschen Medien kein Jota besser sind? Nahezu die komplette deutsche Medienlandschaft griff die Desinformationen der Dienste begierig auf. Hinterfragt oder kritisiert wurden sie nicht. Stattdessen gipfelten sie in einer Medienkampagne, die ihresgleichen sucht. Egal ob dpa, Tagesschau, Heute, Süddeutsche, RND, WELT oder FAZ – anstatt zu recherchieren und einzuordnen, beteiligte sich der gesamte selbsternannte „Qualitätsjournalismus“ am Aufbau eines absurden Bedrohungsszenarios und lieferte im Zusammenspiel mit der Politik gleich auch noch zahlreiche Nebenmeldungen, die das Bild abrunden – Botschaftspersonal wird abgezogen, Polen bereitet sich auf die Aufnahme ukrainischer Kriegsflüchtlinge und die EU sich auf die Einstellung der russischen Gaslieferungen vor und natürlich nutzt man die Gunst der Stunde, um Soldaten an die russische Grenze zu verlegen und der Ukraine dreistellige Millionenbeträge zuzusagen. Warum eigentlich? Doch solche Fragen dringen in der aktuellen Kriegshysterie natürlich nicht durch.

Selten gab es eine derart massive Kampagne, und Gespräche im Bekanntenkreis zeigen, wie erfolgreich diese Kampagne war. Viele unserer Mitbürger dachten tatsächlich, dass Russland nun in die Ukraine einmarschiert und nur noch ein Wunder den Krieg verhindern kann. Nun üben sich die Medien in dem Spin, das nur die wahnsinnig tolle Diplomatie des Kanzlers in Kombination mit den Drohgebärden unserer lieben Verbündeten von jenseits des Atlantiks in letzter Minute Schlimmeres verhinderten. Geschichten aus einer alternativen Parallelwelt. Dabei war doch klar, dass Russland seine Truppen nach Beendigung des Manövers wieder in die Heimatstandorte zurückbeordert und selbst der Termin für diesen „Rückzug“ stand fest und war weltweit bekannt.

Warum also das Ganze? Warum baut man mittels Fake News ein gigantisches Bedrohungsszenario auf? Die Antwort ist einfacher, als man zunächst denkt. Zahlreiche kritische Stimmen sehen das eigentliche Ziel der Medienkampagne weniger in Russland oder der Ukraine, sondern ganz im Gegenteil in Deutschland. Die deutsche Öffentlichkeit soll durch das Bedrohungsszenario gefügig gemacht und die Bundesregierung noch stärker in die Eskalationspolitik der USA eingebunden werden. Um diese Strategie zu verstehen, ist es hilfreich, die geostrategische Doktrin der USA näher zu betrachten.

Dazu: Nachtrag zur Friedman-Rede im Beitrag „Der Tod kommt aus Amerika …“
Und: Das US-Imperium überzieht die Welt mit Krieg. Absichtlich. Zwei aufschlussreiche Belege.
Und: Debatte um NATO-Osterweiterung. Ein Nebenkriegsschauplatz

Um ihre Weltherrschaft zu sichern, sind die USA bestrebt, einen Keil zwischen Mitteleuropa und hier vor allem Deutschland und Russland zu treiben. Die „neuer Kalter Krieg“ schadet vor allem Deutschland und treibt Deutschland in eine unterwürfige Abhängigkeit gegenüber den USA – organisiert unter anderem in der NATO. Je realer das Bedrohungsszenario wirkt, desto schwerer haben es die Stimmen in Deutschland, die überhaupt noch für eine Entspannungspolitik eintreten und ein Volk der guten Nachbarn sein wollen. Teile und herrsche. Ein altes Herrschaftsprinzip, das die USA perfektioniert haben. Und wenn Europa die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland herunterfährt, künftig mehr teures Fracking-Gas und Rüstungsgüter aus den USA kauft, ist das für das Imperium natürlich auch nicht gerade von Nachteil. Einmal mehr sind „wir“ also in eine von den USA gestellte Falle getappt. Ohne die hilfreichen Schreibtischkrieger in den Redaktionen deutscher Medien wäre das so nicht möglich. Kriege beginnen selten an einem Mittwoch – sie finden aber in ihrer asymmetrischen Form als Informationskrieg jeden Tag in unseren Medien statt.

Titelbild: Screencap bild.de