Das US-Imperium überzieht die Welt mit Krieg. Absichtlich. Zwei aufschlussreiche Belege.
Das US-Imperium überzieht die Welt mit Krieg. Absichtlich. Zwei aufschlussreiche Belege.

Das US-Imperium überzieht die Welt mit Krieg. Absichtlich. Zwei aufschlussreiche Belege.

Ein Artikel von: Redaktion

Der NachDenkSeiten-Leser Alois Klees hat sich die Mühe gemacht, die einschlägigen Passagen zweier Videos aufzubereiten. Es geht zum einen (A) um eine Rede von Wesley Clark vom 3. Oktober 2007 und zum anderen (B) um eine Rede des einflussreichen neokonservativen US-Strategen George Friedman vom 4. Februar 2015. Beide Dokumente sind in US-kritischen Kreisen bekannt. Aber in der allgemeinen Debatte und der etablierten Öffentlichkeit wird so getan, als wären die Kriege im Irak, in Syrien, in Libyen, in Afghanistan von anderen begonnen und geführt worden. Albrecht Müller.

Wer sie den USA und dem Westen zuschreibt, wird schnell als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Angesichts dieser bewusst gemachten Meinung macht es Sinn, sich die Texte immer wieder einmal anzuschauen. Die NachDenkSeiten danken Alois Klees für seine Aufbereitungsarbeit.

  1. Wesley Clark, Oktober 3, 2007, Commonwealth Club of California, San Francisco, Ca Courtesy od Commonwealth Club of CA – Abschrift der Übersetzung aus einem Video von Youtube.

    Redaktionelle Vorbemerkung zum Vortragenden: Wesley Clark ist Vier-Sterne-General a.D. der US-Army. In 1997-2000 war er Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa (SACEUR) und befehligte in 1999 im Kosovokrieg. 2004 versuchte Wesley Clark, demokratischer Präsidentschaftskandidat zu werden.
    Hier Auszüge aus seiner Rede vom 3. Oktober 2007, gefettet von den NachDenkSeiten:

    „Und was am 11. September 2001 geschehen ist- da hatten wir keine (Handlungs-) Strategie dazu, wir hatten keine Einigung der beiden Parteien über die weitere Vorgehensweise, wir hatten die übereinstimmende Sicht der Amerikaner dazu nicht. Stattdessen hatten wir einen politischen Staatsstreich in diesem Land, einen Staatsstreich, einen politischen Staatsstreich. Einige eiskalte, hartgesottene Menschen haben die US- Außenpolitik an sich gerissen und sie haben sich nie die Mühe gegeben, uns darüber zu informieren.

    Zehn Tage nach 9/11 war ich im Pentagon unterwegs. (Gemeint ist damit zehn Tage nach dem 11.9.2001, also ungefähr der 21. September 2001, die NDS) Ich konnte der Mutter-Armee nicht fernbleiben. Ich ging dorthin, um Donald Rumsfeld zu sehen, ich hatte für ihn im Weißen Haus in den 1970er Jahren gearbeitet, das alles habe ich in meinem Buch niedergeschrieben. Und ich habe zu ihm gesagt: „Kommen Sie zurecht mit CNN?“ und er sagte: „Ja, ja,ja, alles gut“. Er sagte dann: „Ich denke darüber nach, ich habe Ihr Buch gelesen.“ In diesem Buch wird von der Kosovo-Kampagne erzählt. Er sagte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, niemand wird erzählen, wo oder wann wir bombardieren können, niemand.“ Er sagte dann: „Ich überlege mir, das als eine „Schwebende Koalition“ zu bezeichnen, was denken Sie dazu?“ Und ich antwortete: „Nun Sir, danke, dass Sie mein Buch gelesen haben….“ Und er sagte: „Danke, die Zeit ist um, die ich für Sie übrig habe.“ –

    Wirklich, so sagte er; dann ging ich die Treppe hinunter und war dabei, das Pentagon zu verlassen und ein Offizier vom „Vereinigten Generalstab“ (Joint Chiefs of Staff) rief mich in sein Büro und sagte zu mir: „Ich möchte Ihnen sagen, Sir, wir beabsichtigen, den Irak anzugreifen.“ Und ich sagte: „Warum?“ Er sagte: „Wir wissen es nicht.“ Ich sagte: „Wollen sie Saddam in Zusammenhang mit 9/11 bringen?“ Er sagte: „Nein.“ Er sagte: „Ich schätze, sie wissen nicht, was sie mit dem Terrorismus tun sollen, aber sie können Länder angreifen und sie wollen dabei stark aussehen. Ich vermute, sie glauben, dass wenn sie ein Land runterkriegen, das wird die Terroristen einschüchtern.“ Und Sie kennen diesen alten Spruch, der besagt: „Wenn das einzige Werkzeug, das du hast, ein Hammer ist, dann muss jedes Problem zu einem Eisennagel werden.“

    Dann ging ich raus, ich war ziemlich durcheinander und verstimmt, und dann haben wir Afghanistan angegriffen. Ich war ganz glücklich und erfreut darüber, wir sollten das tun.

    Und dann, etwa 6 Wochen später (also Oktober/November 2001, d.Verf.) ging ich wieder zum Pentagon, ich traf dort den selben Offizier, ich sagte zu ihm: „Warum haben wir den Irak nicht angegriffen?“ Er sagte: „Wir haben vor, den Irak anzugreifen. Oh, Sir, es ist schlimmer als das.“ Und dann nahm er ein Papier von seinem Schreibtisch und sagte zu mir: „Ich habe gerade diesen Merkzettel aus dem Büro des Verteidigungsministers bekommen, und hier steht, wir werden 7 Länder angreifen und deren Regierungen innerhalb von 5 Jahren stürzen. Wir werden mit dem Irak beginnen und dann nehmen wir uns Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan und den Iran, sieben Länder in fünf Jahren.“ Ich sagte: „Ist dieses Dokument geheim?“ Er sagte: „Ja, Sir.“ Ich sagte: „Dann zeigen Sie es mir nicht.“ Er war schon dabei es mir zu zeigen, weil ich darüber nicht sprechen wollte.

    Und ich habe diese Information für lange Zeit für mich behalten. Ich habe darüber etwa 6 oder 8 Monate mit niemandem gesprochen. Ich war wie gelähmt darüber, ich konnte darüber mit niemandem sprechen. Und ich konnte nicht glauben, dass das die Wahrheit sein kann, aber es ist Wirklichkeit, das was später geschehen ist. Diese Leute haben die Kontrolle über die Politik in den Vereinigten Staaten übernommen.

    Ich habe dann begriffen, ich habe mich erinnert, als ich ein Treffen in 1991 mit Paul Wolfowitz hatte. Also Sie wissen schon, er war in 2001 der stellvertretende Verteidigungsminister der USA, aber 1991 war er Staatssekretär beim Verteidigungsministerium, das ist die drittwichtigste Position im Pentagon. Und ich zu ihm, um ihn zu sehen, damals war ich noch Ein-Stern-General und befehligte das Nationale Trainingszentrum, ich habe ihn damals einmal getroffen, und er sagte zu mir: „Wenn Sie jemals in Washington sein werden, besuchen Sie mich dort.“ So als ich dann in Washington war, es war Freitag nachmittags, ich besuchte Colin Powell, er nahm sich 5 Minuten von seiner wertvollen Zeit für mich und dann ließ er mich allein. Ich habe mich im Pentagon gelangweilt, und ich habe gedacht, ich würde gern Wolfowitz sprechen. Ich habe mich bei ihm gemeldet, er war gerade zu sprechen, Lewis „Scooter“ Libby machte die Tür auf, ich lernte ihn zum ersten Mal kennen, und er brachte mich zu Paul Wolfowitz. Es ist das Jahr 1991! Und ich sagte zu Paul: „Herr Sekretär, Sie müssen sehr glücklich mit der Operation „Wüstensturm“ unserer Truppen im Irak sein.“ Und er sagte: „Ja, eigentlich schon, aber nicht ganz. Weil die Wahrheit ist, wir sollten Saddam Hussein eigentlich loswerden, das aber nicht getan haben.“ Und das war gerade nach dem Aufstand der Schiiten im März 1991, den wir provoziert haben und dann haben wir unsere Truppen zurückgehalten und haben nicht interveniert. Und er sagte: „Aber eine Sache haben wir dabei gelernt: Wir haben gelernt, dass wir unsere Truppen in der Region des Nahen Osten einsetzen können und die Sowjets werden uns nicht mehr stoppen.“ Er sagte: „Wir haben ungefähr fünf oder zehn Jahre Zeit bekommen, um all die sowjetischen Klientelregime zu beseitigen: Syrien, der Iran, der Irak,- bevor die nächste große Supermacht uns herausfordert.“ Und es war so wie… Ich kam damals aus der Mohave-Wüste, wo ich die US-Truppen trainiert habe, ich habe damals für eine Weile verlernt, geostrategisch zu denken. Und plötzlich kommt da ein Kerl und schiebt dir ein Goldstück zu! Na ja, Sie erinnern sich daran, es war ein ziemlich atemberaubendes Ding, damals. Ich meine, dass der Zweck des Militärs darin liegt, die Kriege anzufangen und die Regierungen abzusetzen, nicht Konflikte beizulegen und zu befrieden. Wir waren dabei, in Länder einzufallen und wissen Sie, mir war schwindelig von all dem. Und ich habe das zur Seite gelegt. Es ist einem Goldklumpen ähnlich gewesen, an dem man festhält.

    Dieses Land wurde von einer Gruppe von Leuten durch einen politischen Staatsstreich übernommen! Das waren Wolfowitz und Cheney und Rumsfeld und man kann ein halbes Dutzend anderer Kollaboteure nennen von dem „Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert.“ (=US- Denkfabrik in Washington) Sie wollten den Nahen Osten destabilisieren, ihn auf den Kopf stellen, ihn unter unsere Kontrolle bringen. Es ist auf jene Anmerkungen von 1991 (von Wolfowitz) zurückzuführen. Und jetzt, spricht irgendjemand mit ihnen darüber? Gibt es einen nationalen Dialog über dieses Thema? Standen etwa die Senatoren und Kongressabgeordnete auf und verurteilten diesen Plan? Gab es eine ausführliche amerikanische Debatte darüber? Absolut nicht! Und es gibt sie immer noch nicht! Und es ist der Grund, warum wir im Irak scheiterten, weil der Iran und Syrien Bescheid über diesen Plan wissen. Alles was sie tun müssen, ist nur „The Weekly Standard“ zu lesen und Bill Kristol zu hören. Er hat darüber für die ganze Welt ausgeplaudert. Das Gleiche gilt für Richard Perle. Sie konnten kaum abwarten, bis sie im Irak fertig sind, um gleich darauf in Syrien einzufallen. Es war wie festgeschrieben: „Oh, unsere Legionen werden dort einmarschieren!“

    Das war nicht das, wofür die US-amerikanischen Menschen George Bush zum Präsidenten gewählt haben. Gut, sie haben ihn eigentlich auch nicht (mehrheitlich) gewählt, aber es war nicht das, was viele Menschen von ihm erwartet haben und was er versprochen hat. Bush hat in seinem Wahlkampf für bescheidene US-Außenpolitik geworben, doch mit ihm hatten wir die arroganteste US-Außenpolitik in der ganzen Geschichte der USA. Er versprach, auf die bisherige US-Außenpolitik der „Nationenbildung“ und „Friedensmissionen“ zu verzichten. Und hier steht er mit seinem Irak und Afghanistan. Erstaunlich.

    So, also die Wurzel des Problems liegt nicht darin, wie viele Truppen wir im Irak stationieren, glauben Sie mir das bitte. Seien Sie nicht böse auf Ihre Demokratischen Kongressabgeordneten, falls Sie selbst ein Demokrat sind- weil sie die Truppen in Irak nicht reduzieren können und damit den Präsidenten frustrieren. Es ist nicht das Problem. Und wenn Sie republikanisch sind, seien Sie nicht böse auf die Demokraten, weil Sie sich wegen den vielen Truppen im Irak aufregen. Unabhängig davon, ob Sie nun ein Demokrat oder ein Republikaner sind, wenn Sie ein US-Amerikaner sind, sollten Sie um die Strategie der Vereinigten Staaten in dieser Region besorgt sein. Was ist unser Ziel dort, was sind unsere Absichten dort, warum sind wir dort, warum sterben die US-Amerikaner in dieser Region? Das ist unser Problem.“

    Soweit Wesley Clark, Vier-Sterne-General a.D. der US-Army. Der Vortrag wurde am 3. Oktober 2007 beim Commonwealth Club of California in San Francisco. CA Courtesy of Commonwealth gehalten.

    Wir lernen daraus:

    1. Die Kriege der USA im Nahen und Mittleren Osten sind von langer Hand geplant. Schon spätestens seit 1991. Die Planung von Krieg und Regime Change lief unbeeindruckt von der Verabredung von 1990, ein System der gemeinsamen Sicherheit in Europa aufzubauen. Jedem nachdenkenden Menschen musste klar sein, dass eine imperiale Politik im Nahen und Mittleren Osten auch für Europa negative Auswirkungen haben wird.
    2. Von 2001 stammt die Notiz aus dem Büro des US-Verteidigungsministers: „Wir werden 7 Länder angreifen und deren Regierungen innerhalb von 5 Jahren stürzen. Wir werden mit dem Irak beginnen und dann nehmen wir uns Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan und den Iran, sieben Länder in fünf Jahren.“
    3. Antreiber in dieser Sache war eine Gruppe um Wolfowitz, Cheney und Rumsfeld. Sie wollten den Nahen Osten destabilisieren und ihn auf den Kopf stellen, ihn unter US-Kontrolle bringen.
    4. Die Politik der USA war allerdings nicht auf die genannten neokonservativen Personen beschränkt. Es ging auch bei Obama so weiter. Und Hillary Clinton liegt auf dieser Linie.
    5. Dessen ungeachtet wird in der öffentlichen Debatte und in der Politik hierzulande so getan, als wäre zum Beispiel der Syrien-Krieg die Folge der Herrschaft eines Diktators und/oder das Produkt russischer Expansionssucht. Er ist Zeichen der imperialen Absichten der USA.
    6. Dass die öffentliche Meinung und vor allem die veröffentlichte Meinung bei uns die Realität so wenig abbildet, ist Zeichen des großen Einflusses von USA und NATO auf Journalisten und Politik in Europa und speziell in Deutschland.
    7. Angela Merkel war spätestens schon 2003 in die imperiale Politik der USA eingebunden. Siehe ihren Artikel in der Washington Post vom Februar 2003. Dort warb sie für eine Beteiligung am Irakkrieg und griff die Regierung Schröder an.
    8. Interessanter Nebenaspekt: Die USA haben im ersten Irakkrieg getestet, ob sich Russland bzw. die Sowjetunion heraushalten. Die agierenden Personen haben das mit Genugtuung festgestellt. Umso empörter sind sie heute über das Engagement Russlands zum Beispiel in Syrien und im Iran. Das passt nicht mehr ganz in die imperiale Planung.
  2. Geostrategische Vorstellungen der USA

    Vortrag von George Friedman, Chef des Think Tank : Strategic Forecasting Inc. genannt „Stratfor“ .
    Vorbemerkung Alois Klees: Stratfor ist ein führender privater Think Tank (Denkfabrik), der die Analysen, Berichte und Zukunftsprojektionen zur Geopolitik, zu Sicherheitsfragen und Konflikten in aller Welt anbietet. George Friedman ist 1949, als Sohn einer jüdischen Familie, in Budapest, Ungarn, geboren. Die Familie ist dann in die USA ausgereist.
    Der Vortrag wurde am 4. Februar 2015 vor dem „Chicago Council on Global Affairs“ in Chicago gehalten.
    Nachrichtlich: die NachDenkSeiten waren im März 2015 schon einmal auf die Rede eingegangen.

    Hier folgt die Abschrift einzelner Teile der schriftlichen Übersetzung aus dem Youtube-Video. Die Übersetzung ist etwas holprig, die US-Amerikaner reden scheinbar so.

    Dies hier ist ein Video des gleichen Vortrags mit Simultanübersetzung.

    George Friedman (G.F.): Kein Ort kann auf die Dauer friedlich bleiben. Auch die USA nicht, ich meine, wir (USA) werden von Kriegen begleitet bzw. betroffen . Europa wird, wie ich vermute, zwar nicht zu den großen Kriegen zurückkehren, aber es wird wieder zum menschlichen Normalfall zurückkehren: es wird seine Kriege haben, seine Friedenszeiten , und es wird Leben verlieren.

    Es wird keine 100 Millionen Tote geben, wie im letzten Krieg, aber die Idee von der europäischen Auserwähltheit, wie ich denke, wird dazu beitragen.

    Es wird Konflikte in Europa geben, es gab schon Konflikte in Jugoslawien und jetzt auch in der Ukraine. Europas Beziehungen zu den Vereinigten Staaten – wir haben keine Beziehungen mit „Europa“. Wir haben Beziehungen mit Rumänien, wir haben Beziehungen mit Frankreich, aber es gibt kein „Europa“, mit dem die USA Beziehungen haben.

    Zwischenbemerkung NachDenkSeiten Leser Klees: In andere Worte gefasst:
    Friedmann meint: Kriege gehören zur Menschheit, zu jedem Ort auf der Erde. So werden auch die USA davon betroffen. Die Kriege in Europa werden sich aus der vermeintlichen Sonderstellung untereinander ergeben. Es werden keine 100 Millionen mehr sterben. Aber es wird der menschliche Normalfall sein. Krieg und Frieden werden sich abwechseln.
    Die USA haben keinen Ansprechpartner, der Europa heißt, die Partner sind immer noch die Nationalstaaten.

    Frage aus dem Publikum: Ist der islamistische Extremismus die Hauptbedrohung für die Vereinigten Staaten, und wird er absterben oder wird er weiterhin fortbestehen?

    G.F.: Er ist ein Problem für die Vereinigten Staaten, aber keine existenzielle Bedrohung. Man muss sich damit befassen, man muss sich damit angemessen befassen. Wir haben andere außenpolitische Interessen. Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Wenn vereint, sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse galt sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt. Wenn Sie ein Ukrainer sind, werden Sie die Ausschau danach halten, wer Ihnen als Einzigem helfen kann – und das sind die Vereinigten Staaten.
    Letzte Woche oder etwa vor 10 Tagen war der Oberbefehlshaber der amerikanischen Bodentruppen in Europa, General Ben Hodges, zu Besuch in der Ukraine. Er kündigte dort an, dass die US-Militärberater in die Ukraine demnächst offiziell kommen sollen. Eigentlich hat er dort die Medaillen an die ukrainischen Kämpfer verteilt, was das militärische US- Protokoll verbietet, dass die Medaillen an Ausländer verliehen werden. Doch er tat das, weil er damit zeigen wollte, dass die ukrainische Armee seine Armee ist. Dann ging er weg.

    Und die Vereinigten Staaten liefern baltischen Staaten Waffen, Artillerie und andere Militärausrüstung – die baltischen Staaten, Rumänien, Polen und Bulgarien – das ist ein sehr interessanter Punkt. Und gestern haben die Vereinigten Staaten angekündigt, dass sie vorhaben, die Waffen in die Ukraine zu liefern, das wurde dementiert, aber sie tun das, die Waffen werden geliefert. Bei allen diesen Handlungen agieren die Vereinigten Staaten außerhalb der Nato. Weil die Nato-Entscheidungen von allen NATO-Mitgliedern einstimmig getroffen werden müssen. Der Punkt bei der ganzen Sache ist, dass die USA ein „Cordon Sanitaire“, einen Sicherheitsgürtel um Russland herum aufbauen. Und Russland weiß es. Russland glaubt, die USA beabsichtigen, die Russische Förderation zu zerschlagen. Ich denke, wir wollen sie nicht töten, sondern nur etwas verletzen bzw. Schaden zufügen. Jedenfalls sind wir jetzt zurück zum alten Spiel. Und wenn Sie einen Polen, Ungarn oder Rumänen fragen: sie leben in einer ganz anderen Welt als die Deutschen, und die Deutschen leben in einer ganz anderen Welt als die Spanier, also es herrscht Uneinigkeit in Europa.
    Aber was die Ukrainer bevorzugen werden, das werde ich Ihnen sagen: sie werden versuchen, das Zischen seitens der USA zu vermeiden.

    Die Vereinigten Staaten, aus ihren fundamentalen Interessen, kontrollieren alle Ozeane der Welt. Keine andere Macht hat das jemals getan. Aus diesem Grund intervenieren wir weltweit bei den Völkern, aber sie können uns nicht angreifen. Das ist eine schöne Sache. Die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Ozeane und im Weltall begründet unsere Macht. Der beste Weg, die feindliche Flotte zu besiegen, ist zu verhindern, dass diese gebaut wird. Der Weg, den die Briten gegangen sind, um sicherzustellen, dass keine europäische Macht die Flotte bauen konnte, ist, dass die Europäer einander bekämpften. Die Politik, die ich empfehlen würde, ist die, die Ronald Reagan angewendet hat, in Iran und Irak. Er unterstützte beide Kriegsparteien, sodass sie gegeneinander kämpften (Iran-Irak- Krieg 1980-88) und nicht gegen uns.
    Es war zynisch, es war nicht moralisch vertretbar, aber es funktionierte. Und das ist der Punkt: die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, ein ganzes Eurasien zu okkupieren. In dem Moment, wo unsere Stiefel den Boden berühren, sind wir demographisch zahlenmäßig unterlegen. Wir können eine Armee zerschlagen, aber wir sind nicht in der Lage, Irak zu besetzen. Die Idee, die 130 000 Soldaten starke US- Armee würde ein Land mit 25 Millionen Menschen Bevölkerung okkupieren,… Das Verhältnis zwischen Anzahl der Polizisten und der Einwohner von New York ist größer, als das Verhältnis von US-Soldaten und irakischer Bevölkerung war. Also, wir sind nicht in der Lage, überall militärisch zu intervenieren, aber wir sind in der Lage, erstens, die gegeneinander kämpfenden Mächte zu unterstützen, damit sie sich auf sich selbst konzentrieren können. Sie politisch, finanziell, militärisch unterstützen. Waffen liefern und die US-Berater aussenden. Und in außerordentlichen Fällen, wie wir in Japan vorgegangen sind, nein, in Vietnam, Irak und in Afghanistan mit Präventivschlägen (spoiling attacks) intervenieren.
    Die Taktik der Präventivschläge beabsichtigt nicht, den Feind zu besiegen, sondern sie verfolgt das Ziel, den Feind aus der Balance zu bringen. Das versuchten wir in jedem Krieg, wie z.B. in Afghanistan, dort brachten wir die Al Qaida aus der Balance. Das Problem, das wir haben, seit wir so jung und dumm sind, ist, dass die Feinde aus der Balance bringen, anstatt zu sagen , „wir haben den Job gut gemacht, lasst uns nach Hause gehen“, sagen wir: „Mann, das war aber leicht, lasst uns hier noch eine Demokratie aufbauen“ Das war der Moment unserer Geistesschwäche, von der wir befallen wurden.
    Deswegen die Antwort darauf lautet: die USA können nicht überall in Eurasien militärisch intervenieren. Man muss selektiv intervenieren und möglichst selten. Eine militärische Intervention stellt für uns einen Sonderfall dar, die letzte Möglichkeit, wir können nicht schon im ersten Schritt die US-Truppen aussenden. Aber wenn wir US-Truppen schicken, dann, und das haben wir schon aus Erfahrung klar verstanden, muss die Intervention eingeschränkt erfolgen, und nicht gigantische Ausmaße erreichen. Hoffentlich haben wir das für dieses Mal verstanden, gewöhnlich dauert es eine Weile, wenn die Kinder im Unterricht lernen. Aber Sie haben absolut Recht, wir als ein Imperium können das (überall intervenieren) nicht tun. Die Briten damals, haben Indien nicht okkupiert, sie haben einfach die einzelnen Staaten Indiens genommen und ließen sie gegeneinander kämpfen. Die Briten haben britische Offiziere bei der indischen Armee installiert. Die alten Römer haben auch keine Truppen in entlegene Regionen außerhalb des Römischen Imperiums entsandt, sondern sie haben prorömische Könige dort eingesetzt. Diese Könige wurden durch Rom eingesetzt, die im Dienste für das römische Imperium in anderen Ländern regierten, und diese Könige waren verantwortlich für die Aufrechterhaltung des (prorömischen) Friedens an den Grenzen (des Imperiums). So war es z.B. bei dem Parther-Reich.
    Also, die Imperien, welche versuchen direkt in okkupierten Gebieten zu regieren, solche Imperien scheitern, wie es mit dem Nazi-Imperium der Fall war. Weil niemand hat so viel Macht, um direkt zu regieren. Da muss man schon klug vorgehen. Wie auch immer, unser Problem jetzt ist nicht das, sondern, das bedeutet eigentlich, dass wir ein Imperium als solches sind. Wir sollten aber deswegen nicht denken, dass wir uns entspannen, nach Hause gehen und über nichts mehr Sorgen machen. Wir sind erst etwa im dritten Kapitel des Buches.

    Die Frage, die jetzt für die Russen auf dem Tisch ist, ist, ob man die Ukraine als eine Pufferzone zwischen Russland und dem Westen haben will, die wenigstens neutral bleiben wird, oder wird der Westen so weit in die Ukraine vordringen, dass der Westen (NATO) nur 100 km von Stalingrad und 500 km von Moskau entfernt sein wird.
    Für Russland stellt der Status der Ukraine eine existenzielle Frage dar. Und die Russen können bei dieser Frage nicht einfach so weggehen, loslassen. Für die USA gilt, wenn Russland sich an der Ukraine weiter hängt, wir werden Russland stoppen. Deswegen starten die USA solche Maßnahmen, wie sie kürzlich General Hodges, der für Blamagen bekannt ist, gesprochen hat, und zwar über Eingreiftruppen in Rumänien, Bulgarien, Polen und baltische Staaten.

    Damit begründet man das Intermarum („Zwischenmeerland“), das Territorium zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee, dieses Konzept arbeitete Pilsudski aus. Und das ist die von den USA bevorzugte Lösung.

    Und die Sache, worauf wir keine Antwort parat haben, ist die Frage, was wird Deutschland in dieser Situation unternehmen. Die reale unbekannte Variable in Europa sind die Deutschen, wenn die USA diesen Sicherheitsgürtel aufbauen, nicht in der Ukraine, sondern zu dem Westen, und der Einfluss der Russen in der Ukraine wird schwinden – wir wissen nicht, wie die deutsche Haltung ausfallen wird.
    Deutschland befindet sich in einer sehr eigenartigen Lage. Der ehemalige Bundeskanzler Schröder ist im Aufsichtsrat von Gazprom. Die Deutschen haben ein sehr komplexes Verhältnis zu den Russen. Die Deutschen wissen selbst nicht, was sie tun sollen. Sie müssen ihre Waren exportieren, die Russen können ihnen die Waren abnehmen. Andererseits verlieren sie den Freiraum, den sie brauchen, um andere Sachen aufzubauen. Für die Vereinigten Staaten ist das Hauptziel, dass russisches Kapital, russische Technologien, ich meine deutsches Kapital und deutsche Technologien und die russischen Rohstoff-Ressourcen und die russische Arbeitskraft sich zu einer einzigartigen Kombination verbinden, die die USA seit einem Jahrhundert zu verhindern suchen.
    Also, wie kann man das erreichen, dass diese (deutsch-russische) Kombination verhindert wird? Die USA sind bereit, mit ihrer Karte diese Kombination zu schlagen: das ist die Linie zwischen dem Baltikum und Schwarzem Meer. Für die Russen ist die Frage, dass die Ukraine ein neutrales Land wird, kein pro westliches. Weißrussland ist hier eine andere Frage. Nun wer mir eine Antwort darauf geben kann, was die Deutschen in dieser Situation tun werden, kann mir auch sagen, wie die nächsten 20 Jahre Geschichte aussehen werden. Aber unglücklicherweise müssen die Deutschen immer wieder eine Entscheidung treffen. Und das ist das ewige Problem Deutschlands. Deutschland ist wirtschaftlich enorm mächtig, aber gleichzeitig geopolitisch sehr zerbrechlich, und sie wissen niemals, wie und wo sie ihre Exporte verkaufen können. Seit 1871 war das immer „Die Deutsche Frage“ und die Frage Europas. Denken Sie über die „Deutsche Frage“ nach, welche jetzt wieder mal aufkommt. Das ist die nächste Frage, die wir stellen müssen, was wir aber nicht tun, weil wir nicht wissen, was die Deutschen tun werden.

    Nachtrag Albrecht Müller:

    Wenn Sie diesen Text von 2015, die teilweise ausgesprochen zynische, jedenfalls kalte Rede über eine mögliche US-Strategie gegenüber Europa und vor allem gegenüber Deutschland und Russland gelesen haben, dann werden Sie vieles besser verstehen, was heute die internationalen Beziehungen zwischen West und Ost in Europa betrifft. Sie werden die Vorgänge im Schwarzen Meer und in der Ukraine und die Politik des Westens und die Politik Russlands besser verstehen können.

    Auf die Frage, ob Deutschland überhaupt noch eine eigenständige Politik betreibt, wird in einem nächsten Beitrag einzugehen sein.