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17. Dezember 2017
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„Die Regierungen versuchen den Ton der Nachrichten vorzugeben“

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Interviews, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache
Patrick Cockburn

Worum geht es bei den Kriegen im Nahen Osten?
Der vielfach ausgezeichnete irische Reporter Patrick Cockburn geht im Interview mit den NachDenkSeiten auf die Verwerfungen in Syrien, dem Irak und Libyen ein und und stellt fest: „Es handelt sich um sehr politische Kriege.“
Cockburn, der für die britische Tageszeitung „Independent“ immer wieder aus dem Nahen Osten berichtet, geht davon aus, dass sowohl Politik als auch Medien ein Bild über die Kriege zeichnen, das nicht immer der Realität entspricht – aus unterschiedlichen Gründen.
Cockburn, der gerade das im Promedia Verlag erschienene Buch Chaos und Glaubenskrieg – Reportagen vom Kampf um den Nahen Osten veröffentlicht hat, befürchtet: Wenn die Parteien in den Kriegsländern nicht abrüsten, bestehe die Gefahr, dass etwas passiert, „was wir in Nordirland ‚die Politik der letzten Gräueltat‘ nannten.“
Das Interview führte Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Patrick Cockburn, in den deutschen Medien werden die Konflikte im Nahen Osten oft in einer Weise porträtiert, als würde schon im Vorhinein feststehen, wer die Guten und wer die Bösen sind. „Wir“, die westlichen Staaten, gelten als „gut“, die meisten der Regime im Nahen Osten sind böse. Weil „wir“ gut sind, sind auch alle unsere Unternehmungen richtig. Und wenn wir je etwas Böses tun (etwa ein paar Bomben auf unschuldige Menschen schmeißen), macht uns das noch lange nicht böse, weil wir es mit gutem Vorsatz getan haben. Zudem verfolgt jede Partei in diesem Konflikt strategische Interessen. Außer uns, dem Westen. Was halten Sie von dieser Erzählung?

Die Dämonisierung des Gegenübers ist eine Eigenschaft aller Kriege und Konflikte und möglicherweise auch des Lebens im Allgemeinen. Aber durch sie wird unser Blick auf die Welt übermäßig vereinfacht und verfälscht. Aufgrund dieser Dämonisierung gelangt man kaum zu rationalen Entscheidungen. Im Krieg wird durch sie der Sieg meist unmöglich gemacht und in Friedenszeiten verhindert sie Kompromisse und das Lösen von Streitigkeiten ohne Gewalt.
Obwohl uns diese Dämonisierung schon eine lange Zeit in der Menschheitsgeschichte begleitet, kommt es mir vor, dass sie in den Kriegen der letzten Zeit im Nahen Osten – und vielleicht auch in der Ukraine – noch stärker geworden ist, weil die von einzelnen Staaten lancierte Propaganda unnachgiebiger und allgegenwärtiger geworden ist.
Die Konsequenzen daraus sehen wir im Irak.

Das heißt?

Die USA und Großbritannien konnten mit Leichtigkeit große Teile der Welt davon überzeugen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzen würde. Und die Mächte, die 2003 in den Irak einmarschierten, hatten sich gegenseitig versichert, dass die Schwierigkeiten im Irak, etwa die religiösen und ethnischen Spaltungen zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden, auf Saddam zurückzuführen seien. Ein ähnliches Schauspiel ereignete sich in Libyen 2011 und in Syrien bis zum heutigen Tag, bei dem die komplette Schuld an den Ereignissen auf Gaddafi und Assad abgeladen wurde.

Könnten Sie die Gedanken noch weiter ausführen?

In Afghanistan, dem Irak, Libyen und Syrien haben sich die westlichen Mächte ganz genau so verhalten, wie man es von ihnen erwarten würde – nämlich im eigenen Interesse, ungeachtet ihres humanitären Anspruchs. Möglicherweise wären die USA mit dem Sturz von Saddam Hussein davongekommen, wenn sie das Land unmittelbar danach verlassen hätten. Aber sie wollten eben eine Ausweitung des iranischen Einflusses verhindern und eine pro-westliche Regierung in Bagdad installieren. Der Iran und Syrien (und weitere Kräfte in der näheren Umgebung) hätten dies niemals akzeptiert. Die Iraker fürchten sich davor, dass der Kampf zwischen den USA und dem Iran auf ihrem Gebiet von neuem stattfindet, nachdem der IS besiegt worden ist. Die Aussagen von Trump, Mattis [US-Verteidigungsminister] und McMaster [Nationaler Sicherheitsberater] scheinen dieses Szenario zu bestätigen.

In Ihrem Buch „Chaos und Glaubenskrieg“ kritisieren sie den Ausdruck „Arabischer Frühling“. Was gefällt Ihnen daran nicht?

Dieser Terminus deutet Parallelen zum Prager Frühling und zum liberal-demokratischen Wandel in Osteuropa an. Das halte ich für falsch. Die Proteste der Bevölkerungen im Jahr 2011 richteten sich gegen korrupte und autoritäre Regierungen im Nahen Osten und in Nordafrika, aber die vorgeschlagene Alternative war nie eine liberale Demokratie. Was sich vor den TV-Kameras am Tahrir-Platz in Kairo 2011 abspielte, führte zum Eindruck einer kräftigen, säkularen Bewegung, die so nie existiert hat.
Auf ganz andere Art haben sich die Ereignisse in Libyen entwickelt, dort wäre die bewaffnete Opposition ohne Unterstützung der NATO versandet. Es hätte klar sein müssen, dass sich eine Post-Gaddafi-Anarchie einstellen würde, sobald die Milizen die Macht an sich rissen. Erinnern Sie sich außerdem daran, dass der erste Vorschlag der Übergangsregierung nach Gaddafi Ende 2011 darin bestand, das Verbot der Vielehe abzuschaffen.

Warum hat sich der Begriff „Arabischer Frühling” dennoch in der Medienberichterstattung so weit verbreitet?

Weil er die Entwicklungen von Tunesien bis Bahrain und von Syrien bis Jemen auf eine einfache, leicht verständliche, gut klingende Formel bringt. Und für einen kurzen Zeitraum enthielt dieser Begriff auch eine beschränkte Wahrheit. Aber er war mehr ein Slogan als eine Beschreibung der politischen Wirklichkeit: Vergessen wir nicht, dass die rückschrittlichsten Staaten der Welt – Saudi-Arabien und Katar, tyrannische Monarchien, die den Wahhabismus propagieren, einen entscheidenden Beitrag zur finanziellen Unterstützung der Opposition in Syrien, dem Irak und Libyen leisteten, während sie den demokratischen Aufstand der schiitischen Mehrheit in Bahrain unterdrückten.
Über die Vorgänge in diesen sehr unterschiedlichen Ländern hätten die westlichen Medien tatsächlich mehr Fragen stellen müssen – und mehr Antworten erhalten.

Wie sieht die derzeitige Situation im Irak, in Syrien und Libyen aus? Worum geht es eigentlich bei dem Ganzen?

Wie gesagt, die Lage in den einzelnen Ländern ist sehr unterschiedlich. Im Irak und in Syrien gibt es tiefe, sektiererische Gräben, in Libyen gibt es die nicht. Irak und Libyen sind Ölproduzenten, die aber sonst nichts produzieren, also geht es bei den politischen Reibereien und Konflikten ausschließlich darum, einen direkten Zugang zu den Öleinkünften oder den ausländischen Fördermitteln zu erhalten. In allen drei Ländern hängt die Macht der lokalen Parteien, Milizen und Gemeinschaften vom Grad der Unterstützung der ausländischen Staaten ab. Das Ausmaß dieser Abhängigkeit variiert von Zeit zu Zeit; so war etwa die bewaffnete Opposition in Syrien angewiesen auf die Türkei, Katar und Saudi-Arabien – heutzutage ist das anders.

In Syrien haben die USA und Russland die regionalen Mächte abgelöst.

Ja, und die Armeen im Irak und in Syrien sind im Allgemeinen recht klein – die syrische und irakische Armee, die syrischen und irakischen Kurden –, aber sie erhalten massiven Feuerschutz von den russischen und amerikanischen Luftstreitkräften, die mit ihnen verbündet sind.
Ein wichtiger Aspekt der Geschehnisse ist das Hervortreten der Kurden und des kurdischen Nationalismus als zentraler Faktor in Syrien, dem Irak und der Türkei.

Warum?

Die Kurden fürchten sich nun davor, dass ihre mächtigen Verbündeten sie nach einer Niederlage des IS fallenlassen werden. Auch wenn sie derzeit andere Worte im Mund führen, die Regierungen in Bagdad und Damaskus beabsichtigen, eine volle Kontrolle ihres Landes wiederherzustellen.
Vergessen wir auch nicht, dass es sich um richtige Bürgerkriege handelt.

Sollte Assad morgen abtreten, würde der Bürgerkrieg trotzdem weitergehen.

So ist es. Unter weiten Teilen der Bevölkerung herrscht der Glaube vor, sie müssten um ihre Existenz kämpfen. Am Höhepunkt des Volksaufstandes in Syrien im Jahr 2011 meinte der britische Botschafter, dass Assad noch immer über 30 bis 40 Prozent Unterstützung verfügen würde (wobei die Hälfte seiner Unterstützer den Minderheiten zuzurechnen waren). Um es ganz grob auszudrücken: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es Leute, die für Assad sind, solche, die sich gegen ihn stellen und eine sehr große Gruppe an Menschen, die die Anti-Assad-Kräfte ablehnen. Für sie ist die Opposition entweder mit dem IS oder mit Al-Kaida im Boot, und das stimmt zumindest für die bewaffnete Opposition.

In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass es in der Berichterstattung „oftmals eine bedauerliche ‚Wissenslücke‘ gibt, über eben die Phase, in der die aktuellen Ereignisse heranreiften“. Was meinen Sie damit?

Landläufig gibt es Wissenslücken über die Geschichte der Region, und dieses fehlende Wissen kann entscheidend sein. So sind etwa die sektiererischen Spaltungen im Irak und Syrien keine neue Entwicklung. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Der Zerfall des irakischen Staates und seiner Gesellschaft hat viel zu tun mit den UN-Sanktionen von 1990 bis 2003, die das Land buchstäblich ruinierten. Sie führten zum Zusammenbruch der Verwaltung und um sich greifender Korruption, weil die Beamten nicht mehr bezahlt wurden. Verbrechen wurden zur alltäglichen Norm.

Reden wir noch etwas über die Medien und die Journalisten. Von der Lektüre Ihres Buches habe ich den Eindruck erhalten, dass es hierbei sowohl Licht wie auch Schatten gibt.

Viele Journalisten geben ihr Bestes. Oftmals ist die Kriegsberichterstattung ausgezeichnet, aber es handelt sich um sehr politische Kriege und in vielen Fällen werden die politischen Hintergründe kaum beleuchtet oder verstanden. Das Problem an Reportagen über den Krieg besteht darin, dass sie zumeist melodramatisch geraten und Explosionen, Blut und Leid ins Zentrum stellen. Aber es passieren noch andere Dinge. Außerdem kann so ein Blickpunkt in die Irre führen: Die Taliban wurden 2001 in Afghanistan nicht wirklich besiegt, sie gingen zurück in ihre Dörfer oder nach Pakistan. Aber das erfuhren die Fernsehzuschauer nicht. Deshalb waren die Taliban auch dazu fähig, 2006 wieder auf den Plan zu treten und den Krieg von neuem zu beginnen.

Sehen Sie Licht in Bezug auf die Krise in Syrien?

Die Kriege in Syrien und im Irak erzeugen Gewinner und Verlierer. Der IS hat im Irak bereits Mosul und andere Städte verloren. In Syrien sind der IS und die Truppen der Al-Kaida ebenfalls auf dem Rückzug, obwohl sie in beiden Fällen wieder auf eine Guerilla-Taktik zurückgreifen könnten. Viel wird davon abhängen, wie viel Unterstützung sie von außerhalb erhalten werden und ob die USA, Russland und der Iran eine Einigung erzielen. Eine Konfrontation zwischen der USA und dem Iran würde neue Krisen produzieren.

Die Grundkonstellationen in der Region sind bereits sehr problematisch, oder?

Weder der IS noch Al-Kaida werden von der Bildfläche verschwinden. Die irakische Regierung verfügt über genügend Soldaten, um die Positionen des IS mit Unterstützung der Luftwaffe einzunehmen, aber über zu wenige Truppen, um ganze Landstriche zu besetzen. Der Hass zwischen den Religionsgruppen ist größer als je zuvor. Viele Krisen sind zu einer einzelnen gebündelt, und obwohl sie auf einem einzelnen Schlachtfeld ausgetragen werden (Schiiten gegen Sunniten, Saudi-Arabien gegen den Iran, Türken gegen Kurden, Araber gegen Kurden, Säkulare gegen Fundamentalisten, Volksaufstand gegen Autokratie, Russland gegen die USA), werden sie nicht alle auf einmal beendet werden. Deshalb wird dieser Konflikt so oft mit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert verglichen.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass einige Ihrer amerikanischen Kollegen manchmal nicht unabhängig davon berichten konnten, was sie gerade sahen, sondern von ihren Chefs in New York dazu gebracht wurden, eine andere Erzählung in Umlauf zu bringen.

Bei allen Zeitungen gibt einen Herdeninstinkt. Dieser umfasst die Reporter vor Ort, die Redakteure in London, New York, Paris oder Berlin sowie die Eigentümer. Die Regierungen versuchen den Ton der Nachrichten vorzugeben und es gelingt ihnen in vielen Fällen. Die Bush-Regierung unternahm im Jahr 2004 große Anstrengungen, um die amerikanischen Medien davon zu überzeugen, dass die Dinge im Irak nicht so schlecht stünden, wie sie wirklich waren (es war ein Wahljahr und Bush trug den Sieg davon). Dasselbe passierte im Jahr 2008, als Washington die Fernsehsender und Zeitungen wissen ließ, dass die „Woge“, die Verstärkung der amerikanischen Truppen im Irak, zum Erfolg geführt hatte und der Krieg gewonnen war.

Erlauben Sie mir eine Frage, die auch in Ihrem Buch gestreift wird. Im August 2013 und auch diesem Jahr fanden Attacken mit Sarin-Gas in Syrien statt. Der prominente Autor und Nahost-Experte Michael Lüders sagte in deutschen Medien, dass es sehr wichtig sei, nicht zu früh Schlüsse zu ziehen, wen man für diese Angriffe verantwortlich macht. Dafür wurde er von vielen Journalisten kritisiert, die meinen, dass es keine Zweifel über die Schuld des Assad-Regimes an den Attacken gebe.

Eines der Probleme mit der Berichterstattung über Syrien besteht darin, dass es für Reporter zu gefährlich ist, in die Gebiete der bewaffneten Opposition zu reisen, weil sie vom IS oder der Al-Kaida kontrolliert werden. Deshalb ist es sicher korrekt, Ereignisse wie die Sarin-Attacke am 4. April sehr vorsichtig zu untersuchen. Ich halte es für recht wahrscheinlich, dass es die Regierungstruppen waren, aber ich bin nicht absolut sicher.

Könnten Sie für uns zusammenfassen, was Sie als Reporter in den Kriegsgebieten persönlich gelernt haben?

Immer skeptisch bleiben. Eine alte britische Zeitungsweisheit lautet: „Glaube nichts, bevor es nicht offiziell bestritten wurde.“ Und das ist die Wahrheit. Ausländische Interventionen in einem Land verschärfen jedwede Krisen auf lange Sicht, was auch immer die angegebenen langfristigen humanitären Ziele der Akteure sein mögen. Staaten sind fragiler, als sie aussehen und wenn sie einmal zerstört wurden, kann man sie nur schwer wieder aufbauen. Mitten im Krieg einen Kompromiss zu finden, ist schwierig, und ein Aufteilen der Macht unmöglich. Zuerst muss man abrüsten. Sonst passiert das, was wir in Nordirland „die Politik der letzten Gräueltat“ nannten. Der Hass sitzt zu tief.

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